Wo liegt der große Unterschied zwischen E3 und der gamescom? Antwort: Die E3 ist eine gut organisierte Messe, die wie ein choreographierter Springbrunnen interessante Neuigkeiten hervorbringt. Die gamescom wirkt dagegen wie ein zwanghaft organisiertes Resteessen im Minimalprinzip: Mit möglichst wenig Aufwand den maximal möglichen Wirbel machen. Dieses Jahr ging es an allen Enden in die Extreme.

Endlich wieder zuhause, zurück von meiner siebten gamescom in Folge. Wie üblich bin ich trotz vorausgegangenem Kurzurlaub völlig im Eimer und mir schmerzen meine ausgelatschten Sohlen, denen ich drei Zentimeter Hornhaut prophezeie.

Stressig, so eine Messe, aber es geht nicht zwangsläufig um die erdrückende, zermürbende Art von Stress, sonst würde ich den Ausflug nach Köln (oder zuvor Leipzig) nicht Jahr um Jahr mitmachen. Es ist eine Art euphorischer Stress, gespeist durch Neugierde und der freudigen Aussicht auf die Zusammenkunft einer kompletten Zunft inmitten Europas. Eine Belastung, die man ähnlich wie beim Sport mit Begeisterung durchsteht. Erst wenn man alle Anspannung herunterfährt, bemerkt man, welche Leistung man in kurzer Zeit abrufen konnte.

Nur dieses Jahr war vieles anders, obwohl der Alltag ähnlich wie sonst ablief. Die gamescom 2015 war mal wieder eine Rekordmesse, vollgepackt mit leidenschaftlicher Teilnahme aller Fraktionen der Branche. Aber auch ein potenzieller Brandherd an vielen Fronten, nicht nur weil die Sonne uns sommerliche Temperaturen bescherte.

Tägliche Schnitzeljagd

Aufgepasst, gleich hört ihr aus der Ferne ein leises „Mimimi“, denn ich muss zuerst klären, von welchem Standpunkt aus ich die Szene betrachte. Nun, als Pressefuzzi hört man sich jeden Tag das Konzept mehrerer Spiele an, von denen man im Bestfall ausgesuchte Schnipsel zu sehen bekommt und im schlimmsten Fall drei Konzeptzeichnungen. Entwickler können mir den ganzen Tag das Blaue vom Himmel erzählen, bombardieren mich mit Schlagworten, Statistiken, ausufernden Lobpreisungen und gelegentlich auch mit absolut realitätsfremder Selbstüberschätzung – sei es strategisch gewollt oder aus echter Eitelkeit.

Aus dem meist auswendig, ja nicht selten roboterhaft vorgetragenen Informationsschwall siebe ich in Echtzeit die wichtigsten Fakten heraus, notiere sie und warte auf den entscheidenden Moment, wenn ich den Herrn Präsentator aus dem Konzept bringen kann, denn das ist in der Regel die einzige Gelegenheit, mal eine ehrliche, spontane Antwort zu bekommen. Sind alle seine geplanten Punkte erst einmal abgenudelt, folgt nämlich das obligatorische „Habt ihr noch Fragen?“ – sozusagen ein geheimer Code für „ab jetzt kommen nur noch auswendig gelernte Puzzle-Statements, die unsere PR-Abteilung nach semantischen Fallgruben abgeklopft hat“. Versucht mal einem zur PR abkommandierten Entwickler ein klares „Nein“ abzuringen. Völlig unmöglich! Sein „Nein“ wird immer aus der Beschreibung vermeintlich positiver Auswirkungen der erwarteten Negierung bestehen.

gamescom 2015 - Fazit der Messe: Das Fass läuft über

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Klar ist sie cool, doch die diesjährige gamescom hatte auch so ihre lieben Problemchen.
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Anstrengend, aber man gewöhnt sich daran. Ich sehe das ähnlich wie eine Schnitzeljagd. Hier ein Hinweis, da ein wenig verplappert, und wenn man dann noch eine Anspielgelegenheit bekommt, setzt sich das Puzzle, das für einen möglichen Artikel als Vorlage dient, fast von selbst zusammen.

So zumindest der Idealfall, der bei der diesjährigen gamescom leider selten zustande kam. Meinem Eindruck nach fängt diese Messe langsam an, unter ihrer eigenen Größe zu kollabieren. Das hat mehrere Gründe. So wurden dieses Jahr viele Stände in zwei weiter entfernte Hallen verlagert, die Laufwege für Presse und Aussteller unnötig verlängerten, nur damit Activision und EA sich ein komplettes Untergeschoss teilen konnten. Von diesem Untergeschoss stand die Hälfte leer. Trotzdem zwängen sich bei manchen Ausstellern noch immer acht Pressevertreter auf zwanzig Quadratmeter und kommen erst gar nicht dazu, individuelle Recherche betreiben zu können. Es fehlt immer wieder an Anspielgelegenheiten, weil Termine im Halbstundentakt durchgepeitscht werden müssen. Laufwege verursachen zudem Verspätungen und Verschiebungen, die offenbar nur wenige Publisher mit einrechnen.

Platz wurde also keineswegs gewonnen und Anschauungsmaterial schon gar nicht, denn so mancher Publisher hielt es für eine tolle Idee, Pressevertreter zum Anspielen in die Publikums-Hallen zu schicken. Ein sogenannter „Fast Pass“ sollte sofortigen Zugang zu einem Anspiel-Terminal gewähren. Klappt aber nicht, wenn man zusätzlich solche Pässe öffentlich verlost, sodass selbst in der Fast-Pass-Reihe lange Schlangen entstehen. Der Weg auf einen Show-Floor dauert an einem Besuchertag locker 30 Minuten, weil man erst durch den Besucherfluss schwimmen muss, und dann soll man sich noch 30 bis 45 Minuten in der Meute anstellen (ohne Fast Pass wären es zwei bis drei Stunden), um unter ohrenbetäubendem Lärm einen Ersteindruck zu gewinnen?

Genauso witzig wie QR-Codes, die einige Publisher vor der Messe per E-Mail herausgaben. Sie sollten angeblich das Aussortieren der Termine an den Aussteller-Ständen beschleunigen. Aber Pustekuchen, sie kamen nie zum Einsatz. Dabei hätte ich mich über ein wenig echten Fortschritt gefreut.

Zugegeben, ich bin jedes Jahr aufs Neue überrascht, wie viel Gestaltungsfreiraum die Koelnmesse lässt, gerade weil sie so geometrisch simpel daherkommt, aber am Ende des Tages geht es mir im Pressebereich nur um unproblematischen Zugang. Da wären mir standardmäßige QR-Lesegeräte und feste Codes für Pressevertreter lieber als der jährlich wechselnde Firlefanz in den Hallen. Dann bräuchte man weniger Hostessen, es gäbe weniger Diskussionen am Schalter. Aussteller und Messebetreiber könnten über ein System beraten, das sowohl flexibel als auch kompatibel ist, ja gar bei ganz anderen Messen Zeit einsparen könnte. Hach, zum Glück darf man noch träumen.

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Sowohl zahlreiche kleine als auch einige größere Aussteller locken jedes Jahr die Menschenmassen – dieses Jahr fast 350.000 Besucher.
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Schließlich ist der Alltag schon stressig genug. Da werden Termine geschoben, zusammengelegt und gestrichen, und gleichzeitig höchste zeitliche Flexibilität vom Redakteur verlangt, der die dreieinhalb nennenswerten Infos, die noch nicht auf der E3 verbraten wurden, doch möglichst eins zu eins aus dem Munde des Präsentators übernehmen soll. Wie oben schon angedeutet, ist ein Teil dieser Erwartungshaltung ganz normal in unserer Branche, nur verlagert man den Stress inzwischen spürbar auf unsere Seite, und das bin ich nicht bereit mitzumachen.

Tut mir leid, liebe Leute von Electronic Arts. Eure Hostessen waren sehr zuvorkommend und der Eiskaffee in der Lounge köstlich, aber mich drei mal zum Need-for-Speed-Vortrag zu zitieren und ihn am Ende doch ausfallen zu lassen, ist nicht die feine englische Art. Ich bekam dann noch ein Angebot für eine vierte Gelegenheit, aber dafür war zu diesem Zeitpunkt beim besten Willen keine Zeit mehr. Das traurige Ergebnis: Need for Speed bleibt ungespielt und bekommt daher auch keine Vorschau auf gamona – so sehr wie sie uns auch gewünscht hätten. Allein für Need for Speed musste ich mehrere Termine umherschaufeln, kam hier und da zu spät und stank nach meinem gefühlten Marathon durch diverse Hallen wahrscheinlich wie ein Iltis, obwohl ein Teil der Messe klimatisiert war.

Was will ich mit dieser langen Rede ausdrücken, fragt ihr? Das Fass ist voll, das ist meine Nachricht. Die Jahre in Köln waren bislang schön, aber dieses Jahr verwandelte sich der sportliche Stress in echten Stress, der zu vermeiden gewesen wäre. Wenn das bisherige Konzept beibehalten werden soll, dann benötigt die gamescom unbedingt einen zweiten Pressetag, ohne normales Publikum. Wir brauchen mehr Zeit zur Analyse, mehr Zeit zum Anspielen – eben Zeit, um vom Nachplappern des PR-Programms wegzukommen.

Raus aus dem Gedränge!

So viel von meiner Seite als Presse-Schnitzeljäger, der ich übrigens nicht nur schlechte Erinnerungen zu verdanken habe. Ich freue mich immer wieder über eine Gelegenheit, mit Entwicklern in Kontakt zu treten und mich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Angesichts der vielen Facetten der Branche, die von einfachen Ausstellern bis hin zu Cosplay-Gruppen reicht, geht es vergleichsweise ruhig zu. Geht mal auf eine Messe für Musikinstrumente. Danach habt ihr Alpträume von tausenden überlappenden Gitarrenakkorden.

Doch hören meine Beobachtungen nicht an diese Stelle auf. Ich fragte mich letzte Woche immer wieder, wie so viele Menschen bereit sein können, für den Besuch der Messe Geld auszugeben, wenn sie die meiste Zeit in überhitzten Hallen stehen. Das Gelände ist brechend voll. Innen, außen, an den Imbisswagen, in jeder Halle. Das war sie schon am Donnerstag. Zeitweise ging es in den Gängen nur in Zentimeter-Intervallen vorwärts. Ich möchte den Teufel nicht an die Wand malen, aber in jedem dieser Flure wartet ein potenzielles Love-Parade-Fiasko auf den einen dummen Zufall, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ich habe mich selbst in der Menge bewegt und obwohl ich sonst keine klaustrophobischen Züge an den Tag lege, geriet ich manches Mal in Panik – ich wollte so schnell es geht raus aus dem Gedränge.

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Klar, für Fans wie auch Fachleute ist die gamescom ein freudiges Ereignis - aber wenn sie gedankenlos weiter expandiert, steuert sie auf gleich mehrere Katastrophen zu.
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Ist aber längst nicht das dringenste Problem, das in die Hose gehen kann – im wahrsten Sinne. Zehn Minuten Wartezeit muss man inzwischen einrechnen, um auf einer Herrentoilette im Pressebereich eine Sitzung halten zu können. Solche Schlangen kenne ich eigentlich nur aus Legenden von Damenklos. Ich will gar nicht wissen, welche Verhältnisse in den Besucherhallen herrschen, wo man erst für ein plumpes Schweineschnitzel ohne Beilage um sechs Euro beraubt wird und womöglich Wartemarken ziehen muss, um es wieder loszuwerden. Das grenzt an Nötigung.

All das wird womöglich nur in Kauf genommen, damit die Koelnmesse erneut einen Besucherrekord vermelden kann. Aber es kann nicht auf Dauer gut gehen, nicht bei einer solchen Hitze und nicht bei so viel Lärm. Wenn in Köln mal etwas Ernsthaftes passiert, bekommt das doch kein Mensch im Gedränge mit.

Schert ja auch niemanden am Einlass, wer wo zu welcher Zeit hin muss. Der Eingang der ständig überbelegten Messe wurde mal wieder in den ersten Stunden gesperrt, weil zu viele Leute auf dem Gelände waren. Prima Organisation, muss ich schon sagen. Offensichtlich braucht es nicht nur einen weiteren Pressetag, sondern auch einen weiteren Besuchertag, sonst ist nächstes Jahr Chaos angesagt.

Oder wie wäre es denn mit einer ganz anderen Idee: 2008 schnappte man den Leipzigern die mühsam etablierte Veranstaltung vor der Nase weg und holte sie nach Köln. Also in eine Stadt, die zwar Tourismus gewohnt und einigermaßen gut zu erreichen ist, aber offensichtlich nicht genug Kapazität für eine Messe dieser Größe hat. Das erkennt man schon am lausigen Nahverkehrssystem, das dank Geldscheinverweigerung, fehlenden Automaten an den Haltestellen und viel zu kleinen Bahnen geradezu zum Schwarzfahren einlädt, und zu guter Letzt kaum in der Lage ist, genügend Fahrgäste zu transportieren. Von der Unterbringung in Hotels ganz zu schweigen. Wer nicht ein Jahr im Voraus bucht, kann froh sein, überhaupt noch einen Schlafplatz zu finden. Klingt sehr ähnlich wie die Problematik damals in Leipzig, was die Schlussfolgerung zulässt, über einen abermaligen Umzug nachzudenken.

gamescom 2015

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Nichts gegen Köln. Ist eine schöne Stadt mit lustigen Leuten, und bis zu diesem Jahr ging alles gut. Aber mal ehrlich, liebe Branchenvertreter, ihr feiert Videospiele immer als Retter der Unterhaltungsindustrie und gebt euch dann mit halben Sachen zufrieden. Wie wäre es mal mit einer Stadt, die auch Kapazitäten hat, sowohl auf dem Gelände als auch im Umland? Frankfurt böte sich mit seinen viel größeren und erheblich besser organisierten Messehallen an. Keine Viertelstunde vom größten europäischen Drehkreuz entfernt, dem Frankfurter Flughafen. Da würden sich Aussteller aus den USA und Fernost mächtig bedanken! Noch näher für Besucher aus den umliegenden Ländern wäre einer der größten Kopfbahnhöfe Europas, dessen Bahn-Anbindung zuverlässiger und variabler ist als der Trassen-Balanceakt Richtung Köln.

Alternativ hätten wir noch Hannover und Berlin – beide mit deutlich besserer Infrastruktur als Köln, sowohl auf dem Messegelände, als auch außerhalb. Da könnte man zum Beispiel ein Konzert in angemessenen Hallen aufführen, statt ein Orchester samt Publikum in ein akustisch suboptimales und optisch wenig einladendes Zwischengeschoss zu sperren – siehe Video Games Live.

Passender Lesestoff zum Thema auf GIGA: "Spielen verboten! Warum es auf der gamescom immer weniger Anspielmöglichkeiten gibt."