Chefredakteur Matze erzählt gern Anekdoten. In einer seiner beliebteren sitzt er mit dem Nintendo DS im Flugzeug und vertreibt sich die Zeit mit einer, drei, zehn Runden „WarioWare“. Irgendwann zwischen dem Abwickeln von Klopapier, Durchtrennen von Rotzfäden und Langziehen von Giraffenhälsen war auch das Interesse des Sitznachbarn geweckt, der das krude Treiben fasziniert beobachtete. Hätte Matze „Game & Wario“ im Gepäck gehabt, wären die neugierigen Blicke schnell in gelangweiltes Gähnen übergegangen.

Game & Wario - Dritter Trailer2 weitere Videos

Was ursprünglich als vorinstallierte Software auf jeder Wii U zu finden sein sollte und mehr als Demonstration der GamePad-Möglichkeiten denn vollwertiges Spiel gedacht war, steht mit nachträglich aufgepfropftem Wario-Label plötzlich doch als zum halben Budgetpreis in den Läden.

Getreu dem Motto „Irgendjemand wird’s schon kaufen. Minispiele gehen immer und Wario sowieso“ will man offensichtlich noch jeden müden Euro aus der besseren Technikdemo pressen.

Dass „Game & Wario“ völlig uninspirierter, belangloser Murks ist, der „WarioWare“-Fans bewusst an der Nase herumführt und der HD-Konsole langfristig eher einen Bärendienst erweist, nimmt man billigend in Kauf. Kein feiner Zug, Nintendo.

Ohne Wahnsinn, mit Sparsinn

Überhaupt: Wer dachte beim Vorschlag, der Wii U ausgerechnet eine weitere Minispielsammlung zu spendieren „Hey, das ist brillant! Machen wir sofort!“? Manchmal kann man nur noch verständnislos den Kopf schütteln und so tun, als wäre nichts gewesen.

Game & Wario - Verwässerter Wahnsinn aus Fernost: Schwarmfurzer-Kampagnen und Makkaroni mit Käsesauce

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Der blanke Japano-Wahnsinn brüllt euch auf auf der Wii U leider nur noch selten so direkt an wie hier.
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Im Fall von „Game & Wario“ fällt das nicht einmal besonders schwer. Während ich selbst nach Jahren noch locker eine zweistellige Zahl von „WarioWare“-Makrospielchen herunterbeten kann, bekomme ich bei der aktuellen Serieniteration kaum ein halbes Dutzend voll – nach einem halben Tag. Auch wenn die Vermutung naheliegen würde: An der zusammengedampften Gesamtauswahl von gerade einmal 16 Reaktionstests, Schätz- und Geschicklichkeitsaufgaben liegt's jedenfalls nicht (nur).

Packshot zu Game & WarioGame & WarioErschienen für Wii U kaufen: Jetzt kaufen:

Was fehlt, ist der Wahnsinn. Der irre Rausch, wenn ihr innerhalb von 20 Sekunden erst Nasenhaare ausreißt, Besen auf einer Hand jongliert, Gebisse in die Kauleiste einer Omi stopft und abschließend noch fix einen Laserstrahl in die Fratze eines Kreatur feuert, die aus einer Liaison von Godzilla und dem Predator hervorgegangen sein könnte. Business as usual.

Zumindest bis vor einigen Jahren. Allzu viel ist vom kruden Humor, dem infantilen Wahnsinn nicht geblieben. Marios Antagonist knüppelt zwar noch immer jeden Anflug von Normalität nieder und kann ob der himmelschreienden Absurditäten nur auf einem Inselstaat im Pazifik entstanden sein, der Kissen in Form von Damenschenkeln und Videospiele wie Beautiful Katamari hervorbringt . Kann man seinen Spaß mit haben, ist nett anzusehen und für einige westliche Augen vielleicht sogar erträglicher. Ich werde damit nicht glücklich.

Überteuerte Technikdemo mit durchschnittlichem Wario-Irrsinn, wenig Kreativität und mickrigem Umfang.Fazit lesen

Möglich, dass Entwickler Intelligent Systems genau diese Vorlage auferlegt wurde. „Schaltet mal 'nen Gang zurück, überfordert die Leute nicht. Ist doch bunt genug, auch ohne regenbögenfurzende Einhörner mit Augenklappe und Irokesenfrisur.“ Könnte aber auch weniger spektakulär daran liegen, dass „Game & Wario“ eben nicht als neuer Serienteil konzipiert war und das Wappen des irren Klempnerzwillings erst nachträglich aus Marketinggründen hinzugefügt wurde. Was auch immer letztlich der Grund sein mag: Einen Gefallen hat man sich, zuallererst aber den Käufern und Fans, damit nicht getan.

Game & Wario - Verwässerter Wahnsinn aus Fernost: Schwarmfurzer-Kampagnen und Makkaroni mit Käsesauce

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Willkommen im Land der kreativen Ideen: Mit dem GamePad auf den Fernseher schießen. Völlig verrückt.
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„Game & Wario“ ist kein neues „WarioWare“. Punkt. Aus einer dreistelligen Anzahl Makrospielchen wurden magere 16 Minispiele, das irre Dauerfeuer fünfsekündiger Reaktionstests musste überdurchschnittlich langen Minispielen weichen, von denen ihr nach einer Stunde jedes gesehen und das meiste schon wieder vergessen habt. Mau, selbst für eine Sammlung wie diese.

Die verschiedenen Schwierigkeitsgrade lassen euch den meisten Murks genauso wenig noch einmal anfassen wie der bald einsetzende Goldmünzenregen, der euer virtuelles Sparschwein binnen kurzer Zeit noch praller anschwellen lässt als den pummeligen Protagonisten. Vom erstmaligen Abschließen eines Spielchens bis zum Aufstellen einer neuen Highscore gibt es für beinahe jede erdenkliche Tätigkeit die kleinen glitzernden Belohnungen, deren einziger Sinn es ist, schnellstmöglich im Münzschlitz der Spielzeugkapselmaschine zu verschwinden.

Im Gegenzug spuckt der Apparat, mit dem ich bezeichnenderweise fast den meisten Spaß in „Game & Wario“ hatte, kleine Kügelchen aus, deren Inhalt am ehesten an das erinnert, was die „Ware“-Reihe mal so großartig machte.

Wahnsinn in kleinen Dosen

Kapsel 1: Ein Blatt Papier. Wenig filigran hat jemand ein paar grobschlächtige Bleistiftmenschen (und einen Pinguin) skizziert, die hölzern von links nach rechts marschieren. In der Mitte liegt ein loses Seil. Zieht man am unteren Zipfel, bringt man im richtigen Moment Spannung in das Leinenstück, und wer auch immer just in diesem Augenblick darüber läuft, legt sich der Nase lang ulkig auf den Asphalt.

Kapsel 2: Ein Fön auf dem GamePad, ein paar papierkugelgroße Flusen auf dem Fernseher. Zeigt das GamePad und damit der Fön auf den Staub, wird dieser aufgewirbelt.

Kapsel 3: Eine minimalistische Stadtskyline bei Nacht auf GamePad und Fernseher. Auf dem Touchscreen gesetzte Punkte lassen Raketen an jene Stelle sausen und in bunten Funken zerspringen.

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Immerhin unterscheiden sich einige Spiele optisch sehr stark voneinander.
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240 solcher Kügelchen spuckt der Automat aus, in jeder steckt eine kleine Portion Wahnsinn. Von blödsinnigen Totalausfällen bis hin zu kleinen Perlen gibt’s alles, nur mehr als zweimal habe ich nichts davon gespielt. Euch wird es sehr wahrscheinlich nicht anders gehen. Trotzdem sind die unterhaltsamsten Minuten jene, in denen ihr eine Kapsel nach der anderem aus der Maschine zieht und neugierig darauf wartet, welcher Springteufel euch diesmal entgegenhüpft.

Viel Quatsch, wenig Durchschnitt, kaum Höhepunkte

„Idealerweise hätte jedes Minispiel jeweils separat als günstiger Download im eShop angeboten werden müssen. So könnte man den ganzen Quatsch umgehen und sich nur eben fix 'Artwork' und 'Fruit' herunterladen. Den Rest brauch eh kein Mensch “, meinte ein Kollege zu mir, nachdem wir „Game & Wario“ „durchgespielt“ hatten. Recht hat er.

Wer es genau wissen will, findet auf der offiziellen Nintendo-Seite alle relevanten Infos, für alle anderen so kurz wie möglich: Ihr könnt mit dem GamePad Fotos schießen, durch Neigen Skifahren (entspricht beinahe eins zu eins dem F-Zero-Spielchen aus Nintendo Land oder über kleinere Schluchten hüpfen, Pfeile verschießen und simple Flickenpuzzle lösen. Klingt öde? Ist kein Zufall.

Schrecklich uninspiriert und dröge ist das Meiste von dem, was euch hier vorgesetzt wird. Vor allem aber, und das ist ob des Ursprungs von „Game & Wario“ als Technikdemo umso frappierender, ist die GamePad-Einbindung über weite Teile ohne Raffinesse oder „Aha“-Momente, die man erwarten würde.

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Eines der wenigen Highlights im Spielangebot: Fruit.
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Nur drei Spielchen retten diese Mottenkiste der altbackenen Ideen gerade so vor einem Totalausfall und könnten sogar Grund genug sein, die Disc nicht bereits nach fünf Minuten aus der Konsole zu verbannen. Zwei werden im Idealfall mit bis zu vier grölenden Freunden gespielt und lassen euch entweder in einer simplen Version der Gesellschaftskritzelei Montagsmaler mit zum Teil fragwürdigen Begriffen (wie würdet ihr „Makkaroni mit Käsesauce“, einen „Herrenhalbschuh“ oder eine „Überkämmte Glatze“ zeichnen?) gegeneinander antreten. Nicht weniger erheiternd ist die Diebessuche des GamePad-Spielers bei „Fruit“, der in einer großen Menschenmeute möglichst unauffällig drei Früchte stibitzen muss.

Welch Ironie, dass ausgerechnet „Gamer“ als einziges Solospiel für fröhliches Jauchzen und kindliches Gegacker sorgen kann. Gerade jenes, dessen Parallelen zu „WarioWare“ nicht ausgeprägter sein könnten – lässt es euch im Grunde genau das auf dem GamePad spielen. Ohne einen regelmäßigen Blick auf den Fernsehbildschirm ist der Spaß allerdings schnell vorbei, da ihr sonst von der Mutter des Sprösslings erwischt werdet, der eigentlich schon längst schlafen sollte.

Kaum weniger ironisch: Die Auswahl der integrierten Makrospiele ist stark, sehr stark begrenzt. Das reicht weder für Spielspaß jenseits von zehn Minuten noch für das Beeindrucken von Sitznachbarn im Flugzeug. Armer Matze.