Endlich war es da, das Telltale-Abenteuer zum Serienliebling Game of Thrones. Die Erwartungen waren groß, die Augen der Fanboys und -girls noch größer. Doch nach Episode 1: Iron from Ice machte sich ein wenig Ernüchterung breit. Es war nämlich „nur“ ein guter Start in die neue Adventure-Reihe, ein hungrig machender Appetithappen. Mehr aber auch nicht. Kann die zweite Episode den Serienhunger nun endgültig stillen?

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Spoiler-Warnung: Wer noch vorhat, Game of Thrones zu spielen, sollte unseren Test erst danach lesen! Am besten wirkt dieser „Spiel-Film“ nämlich, wenn ihr unvoreingenommen und frei von äußeren Einflüssen an die Sache ran geht.

Der erste Teil schloss an die Geschehnisse der legendären Roten Hochzeit an und führte mit dem Haus Forrester eine Herrscherdynastie ein, die nicht nur enge Verbündete der Starks sind, sondern ihnen in Mentalität und Familienverhältnissen enorm ähnelt. Es wurde viel geredet. Einige meinen sogar: zu viel. Die ersten Giftpfeile wurden abgeschossen und Intrigen gesponnen. Die Entscheidungen des Spielers – das Kernelement des Telltale-Konzepts – hatten in diesem Fall nur begrenzte Auswirkungen. Kein Wunder, Iron from Ice ist ja auch die erste von sechs Episoden.

Game of Thrones, Episode 2: The Lost Lords - Mehr Drama, noch weniger Spiel

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Kloppe oder Dialog? Egal, letztlich läuft alles auf einen Kampf hinaus!
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Im zweiten Teil geht es deutlich handfester zur Sache. Noch vor dem Intro stellt das Spiel mit Asher Forrester einen neuen Hauptcharakter vor, der als schwertschwingender Geiselnehmer Yunkai unsicher macht. Seinem ruchlosen Verhalten steht der totgeglaubte Lord Rodrik gegenüber. Der vom Krieg schwer gezeichnete Thronfolger pflegt einen traditionelleren Führungsstil. Er versucht, alte Verbündete für den Kampf gegen die Whitehills zu sammeln. Der Kontrast zwischen den beiden Brüdern zieht sich wie ein roter Faden durch die zweite Game-of-Thrones-Episode und deutet reichlich Konfliktpotenzial an. Schließlich wird Asher über kurz oder lang ebenfalls seine Ansprüche auf den Thron geltend machen.

Allein durch Asher – und seine knallharte Kollegin Beshka – nimmt The Lost Lords schnell an Fahrt auf. Binnen Sekunden finde ihr euch in ersten Auseinandersetzungen mit Wachleuten wieder. Der gelegentliche Bildschirmtod ist bei der gewohnt trägen Steuerung in den Quick-Time-Events nicht zu vermeiden. Die Kämpfe sind glücklicherweise kein purer Selbstzweck, sondern verschaffen Asher eine gewisse Tiefe, die später in einer Gewissensfrage kulminiert.

Game of Thrones, Episode 2: The Lost Lords - Mehr Drama, noch weniger Spiel

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Die Quick-Time-Events spielen sich weiterhin fummelig und enden nicht selten mit dem virtuellen Ableben.
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„Du bist entweder sehr mutig oder einfach nur dumm“

So sieht es dennoch düster aus im Hause Forrester: Asher weilt in Yunkai; Rodrik ist ein Schatten seiner selbst, der von den Soldaten Whitehills verspottet wird. Fernab der Heimat, am Hofe von Königsmund, versucht Mira weiterhin, ihren Einfluss bei Lady Margaery und Lord Tyrion auszuspielen. Miras Abschnitte sind geprägt durch wichtige Entscheidungen und inhaltsschwangere Aussagen, und so fasst Tyrions „Du bist entweder sehr mutig oder einfach nur dumm“ das Leben am Hofe der Lennisters ausgezeichnet zusammen.

Klare Steigerung gegenüber der Pilotepisode: Spannender und straffer erzähltes GoT-Abenteuer im typischen Telltale-Stil – mit altbekannten Macken.Fazit lesen

Die letzte spielbare Figur in Game of Thrones – Episode 2: The Lost Lords ist schließlich Knappe Gared Tuttle. Von den Forresters zur Nachtwache an der Mauer verbannt, streitet er sich mit seinen Mitrekruten herum und probiert sich in Trainingsspielereien. Hier ein bisschen Bogenschießen, dort mit dem Kurzschwert fechten und schließlich einige Fässer durch die Gegend schleppen – sonderlich spannend sind Tuttles erste Stunden in der bitteren Kälte sicher nicht. Dennoch verleiht Telltale diesen im Grunde ziemlich nervigen Minispielen einen Sinn, indem man dabei die übrigen Charaktere der Nachtwache einführt. Bei dieser Gelegenheit macht Gared auch Bekanntschaft mit Jon Schnee.

Schnitt, Kamera, Action!

Im Gegensatz zur ersten Episode wechseln die Charaktere in The Lost Lords deutlich schneller. Insgesamt 13 Mal springt das Spiel zwischen den Figuren hin und her. Was hektisch wirken könnte, erzeugt in diesem Fall ein Gefühl der Dynamik und der Dringlichkeit. Die Notlage des Hauses Forrester ist geradezu greifbar. Die Drohungen werden handfester, die Suche nach Verbündeten nimmt immer verzweifeltere Züge an. Gleichzeitig wirken sich erste Entscheidungen bereits auf den Verlauf der Serie aus oder werden zumindest angedeutet. Ein kleines Beispiel am Rande: Wer etwa in der ersten Episode das Siegel von Lady Margaery gestohlen hat, bekommt zunächst eine kleine Spitze von ihrer Seite zu hören. Später wiederum steh ich vor der Wahl, ob ich einen Brief fälschen möchte oder nicht.

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Die übliche Schlägerei darf natürlich nicht fehlen. Parallelen zu Jon Schnees Ankunft an der Mauer sind rein zufällig.
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Es sind wieder einmal viele kleine Momente, die auch dieses Telltale-Spiel auszeichnen und es zu einer deutlich spannenderen Angelegenheit machen als noch die Pilotfolge. Umso ärgerlicher ist schließlich, dass die Spielzeit gefühlt noch kürzer ausfällt und wir jetzt wieder zwei viel zu lange Monate auf den kommenden Teil warten müssen.

Neue Episode, gleiches „Spiel“

So intensiv und spannend die zweite Episode auch sein mag, ein „richtiges“ Videospiel ist Game of Thrones weiterhin nicht. Die einzelnen Schauplätze sind einfach viel zu klein, die wenigen benutzbaren Gegenstände arbeitet man wie am Fließband ab, echte Rätsel gibt es nicht. Inzwischen konzentriert sich Telltale tatsächlich nur noch auf Dialoge und Handlung. Ich für meinen Teil habe mit diesem „Interaktiver Film“-Ansatz kein Problem: Die erzählerische Komponente, die Atmosphäre und die unterschiedlichen Charaktere sind es, die für mich den Reiz der Telltale-Werke ausmachen. Ich kann aber auch diejenigen verstehen, denen das hier einfach zu wenig Spiel ist.

Eine Tragödie ist dieser das natürlich nicht, trotzdem zeigte beispielsweise Life is Strange zuletzt, wie man zusätzliche kleine Geschichten und Handlungsbögen in dieses noch junge Genre einfließen lassen kann. Dann würde man sich auch nicht fragen, warum bei Gared Tuttle ständig mehrere Objekte aus dem Inventar eingeblendet sind, wenn sie doch eigentlich keine Funktion haben. Ebenfalls kritikwürdig: Immer wieder fallen technische Defizite wie die kantigen Animationen und die deutlich sichtbaren Qualitätsunterschiede von aus der Serie entnommenen Charaktere wie Jon Schnee und virtuellen Charakteren wie Gared Tuttle auf. Insgesamt machen die Spielfiguren im Direktvergleich mit den echten Schauspielern aber eine passable Figur.