Als Game of Thrones seinerzeit angekündigt wurde, wunderte ich mich noch: sechs Folgen? Das passte eigentlich gar nicht zu Telltale. The Walking Dead fuhr in beiden Staffeln mit jeweils fünf Episoden goldrichtig. Ich befürchtete, dass die Episodenspiel-Experten Game of Thrones womöglich unnötig in die Länge ziehen könnten. Und genau dieses Gefühl beschlich mich bei A Nest of Vipers erneut.

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Ihr kennt das Spiel: Spoilergefahr und so. Lest die folgenden Zeilen nur, wenn ihr bisher alle Episoden von Game of Thrones gespielt habt.

Mit knapp anderthalb Stunden Spielzeit baut die fünfte Episode zum Ende hin dramatisch für das (hoffentlich) epochale Finale auf, fühlt sich aber über weite Strecken wie ein zu kurz geratener Lückenfüller an. Schuld daran ist sicherlich der unnötige Leerlauf, der Dialoge und Dramaturgie auf ungewohnte Weise durchzieht.

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Drei Wege, ein Konflikt

Eines ist überdeutlich: Zwischen den Häusern Forrester und Whitehill bricht bald der Krieg aus. Unser Lieblingspsycho-Bastard Ramsay Snow bringt es in den ersten Minuten auf den Punkt, wenn er sagt, dass am Ende das stärkere Haus überleben wird. Er gehört für mich weiterhin zu den prägnantesten Figuren des Game-of-Thrones-Universums, steht er doch wie kaum ein anderer Charakter für Gewalt und schiere Unberechenbarkeit. Damit spiegelt er genau das wider, was viele an der TV-Serie und den Romanen lieben. So ist es selbstverständlich auch Ramsay Snow, der den zuletzt triumphierenden Rodrik Forrester auf den Boden der Tatsachen zurückholt und ein erstes, blutiges Ausrufezeichen in dieser vorletzten Episode setzt.

Game of Thrones, Episode 5: A Nest of Vipers - Wie, immer noch nicht vorbei?

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Familientreffen im Schnee: Gared trifft auf Cotters Wildlingsschwester. Die gemeinsame Jagd sorgt für eine erste emotionale Bindung.
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Nach dem gemächlichen, aber effektvollen Einstieg springt die Handlung – und insbesondere Mira bleibt dabei außen vor. Ihr doppelzüngiges Spiel bringt sie immer weiter in Schwierigkeiten und macht sie scheinbar zum Spielball von Cersei, Margery und Tyrion. Hier hatte ich in dieser Episode leider nur begrenzt das Gefühl, dass meine Entscheidungen langsam zu einem großen Ganzen führen. Ganz im Gegenteil: Die Episode am Hofe von Königsmund gefiel mir zwar aufgrund der vielen dominanten Charaktere sehr gut, wirkte aber eher wie eine Pflichtübung in Hinblick auf das Finale. Wirklich aufregend ist Miras hin und her hingegen nicht. Aber nachdem sie mir über die vergangenen Episoden ans Herz gewachsen ist, hoffe ich einfach mal, dass Telltale sich für sie noch einen netten Twist ausgedacht hat.

Ähnlich müde kommt leider Gareds Weg nach Norden daher. Gerade die Positionierung von Muskelprotz Finn gefällt mir überhaupt nicht. Vielleicht liegt es an meinen getroffenen Entscheidungen, aber Finn präsentierte sich meiner Ansicht nach als zu wankelmütig. In einem Moment bezeichnet er Gared noch als das, was einem „echten Freund“ am nächsten kommt; eine Szene später droht er ihm mit Prügel oder dem Verlassen der Gruppe. Trotz einiger netter Momente – speziell mit Cotters Schwester – und einer neuen Bedrohung tritt Gared sprichwörtlich auf der Stelle.

Packshot zu Game of Thrones – A Telltale SeriesGame of Thrones – A Telltale SeriesErschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Stattdessen spielt Raufbold Asher in A Nest of Vipers die prominenteste Rolle. Seine Suche nach einer Armee allerdings überzeugt mich weiterhin nicht. Das mag daran liegen, dass ich schon seit Anbeginn von Game of Thrones nicht mit Asher warm geworden bin. Vielleicht liegt es auch an seinem dämlichen Grinsen. Oder an seinem zu eindimensionalen Charakteraufbau. Fest steht, dass mir seine Kameradin Bershka weitaus sympathischer ist. Aber davon ganz abgesehen führt die fünfte Episode einige coole Comic-Charaktere ein, die irgendwie ganz gut zu Ashers Kämpfermentalität passen. Allerdings gelingt es Telltale auch hier nicht, ein Gefühl für Größe und Bedrohung zu kreieren. Ashers Suche kulminiert in einen längeren Kampf, der aufgrund der Quick-Time-Reaktionstests wenig bedrohlich wirkt.

Game of Thrones, Episode 5: A Nest of Vipers - Wie, immer noch nicht vorbei?

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Asher macht das, was er am besten kann: kämpfen. Leider stört die Quick-Time-Klopperei die Dramatik des Augenblicks.
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Meine Entscheidungen zählen

Glücklicherweise nimmt A Nest of Vipers zum Ende hin noch einmal mächtig Fahrt auf und beeindruckt am Hofe der Forresters mit dem, was Telltale-Spiele so auszeichnet: Entscheidungen und Konsequenzen. Verräter werden enthüllt, Helden sterben. Und ich selbst muss darüber entscheiden, wer mir wichtiger oder wertvoller ist. Der Konflikt zwischen Whitehill und den Forresters bekommt eine vollkommen neue Dimension der Gewalt und vermittelt mir endlich das Gefühl, dass meine Taten aus den vergangenen vier Episoden auch Konsequenzen haben.

Ohne hier zu viel verraten zu wollen: Bei der finalen Szene habe ich mich wirklich schwer getan und musste auch ziemlich schlucken, als schließlich die letzten Bilder über den Schirm flimmerten. Natürlich hatte ich dergleichen erwartet – schließlich ist es Game of Thrones –, doch dieses Ende machte mir einmal mehr deutlich, wie raffiniert Telltale seine Geschichten schreibt. Über die gesamte Episode vermittelt das Spiel das Gefühl, dass ich nur ein Zuschauer bin – und zum Schluss haut Telltale dann die elektrisierenden Augenblicke raus, die schon The Walking Dead so einzigartig machten. Natürlich rettet das den Lückenfüller A Nest of Vipers nicht vollends. Aber es macht Lust auf das Finale von Game of Thrones und verwandelt mich erneut in den Serien-Junkie, der die nächste Folge am liebsten sofort und nicht erst in ein paar Monaten auf der PS4-Festplatte haben will.