SPOILER-WARNUNG: Die beste Wirkung entfaltet Game of Thrones, wenn ihr es möglichst unvoreingenommen genießt. Wir empfehlen daher, diesen Artikel erst nach Beenden von The Ice Dragon zu lesen. Ansonsten beraubt ihr euch womöglich selbst einiger toller Momente.

Von einem guten Staffelfinale – ganz egal, ob in einem Videospiel oder einer TV-Serie – erwarte ich vor allem eines: einen dramatischen Abschluss der bislang erzählten Geschichte, gefolgt von einem gekonnten Cliffhanger zur nächsten Staffel.

Game of Thrones - Episode 6: The Ice Dragon - Das interaktive Drama hat ein blutiges Ende

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Schreckmoment: Kurz bevor Gared den North Grove erreicht, macht er unliebsame Bekanntschaft mit diesem Eisbären.
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Gerade die HBO-Serie Game of Thrones hat es in den vergangenen Jahren meisterlich verstanden, die Zuschauer nachhaltig heiß auf neue Inhalte zu machen und sie mit schweißnassen Händen und klopfenden Herzen vor den Fernsehern zurückzulassen. Wie gerne erinnere ich mich an die finalen Folgen der ersten beiden Staffeln und ihre fulminanten Enden mit der Exekution des geliebten Ned Stark und der Schlacht am Schwarzwasser.

Telltales Videospieladaption muss also in große Fußstapfen treten – und steht nach einer über weite Strecken durchschnittlichen ersten Staffel mächtig unter Zugzwang. Der Konflikt zwischen den Häusern Whitehill und Forrester eskalierte in der letzten Episode und zeigte einen zurückkehrenden Asher Forrester, der sogleich in die schwierigste Entscheidung der gesamten Staffel involviert war.

In Game of Thrones: Episode 6 – The Ice Dragon steht der verzweifelte Kampf der Forresters weiterhin im Mittelpunkt. Werden sie sich den Whitehills beugen? Gelingt es Mira in Königsmund, Unterstützung zu organisieren? Und was geschieht mit Gared Tuttle im Norden? All diese Fragen stellt das Staffelfinale – und einige davon werden sogar beantwortet.

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Haus Forrester in Not

Wie gewohnt wechselt die Handlung in kurzen Abständen zwischen den verschiedenen Protagonisten hin und her. Dadurch entsteht auch diesmal ein gutes Gefühl für die Dynamik der Geschehnisse. The Ice Dragon eröffnet mit Gared im hohen Norden. Gemeinsam mit dem verwundeten Cotter und dessen Wildlingsschwester Sylvi findet er schließlich den Nordhain (auf Englisch: North Grove), allerdings sind die dort ansässigen Wildlinge den Fremden zunächst wenig freundlich gesonnen.

Der blutige, zuweilen emotionale Abschluss einer insgesamt durchwachsenen ersten Staffel. Für die zweite Season wünsche ich mir aber mehr Entscheidungsfreiheit und spürbare Konsequenzen.Fazit lesen

Wo die Forrester-Familie sicherlich nicht von ungefähr an die Starks erinnern, wirkt Gared in seiner Außenseiterrolle ein wenig wie Jon Snow. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bewohnern von Westeros lässt er sich kaum von Vorurteilen leiten, sondern gibt sich offen – selbst wenn er mit Wargen und Blutmagie konfrontiert wird.

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Schnitt. Zurück in Königsmund spüre ich förmlich, wie sich das Netz aus Intrigen langsam um Mira Forrester zuzieht. Zumindest nach meinen getroffenen Entscheidungen hat sie keinerlei Freunde mehr: Von Lady Margaery wird sie verstoßen, Cersei Lannister lässt sich ebenfalls nicht um den Finger wickeln. Und Lord Tyrion dürfte inzwischen längst über alle Berge sein. Auch mein Versuch, das Verhältnis mit Miras Freundin Sera zu kitten, bringt die Zofe nicht weiter. Schwebt meine Lieblingsfigur der bisherigen fünf Episoden etwa in akuter Gefahr?

Die offensichtlichsten Probleme haben jedoch die Forresters in Ironrath. Asher und seine Gefolgsleute stehen nach dem Kampf aus der fünften Folge vor der Entscheidung, ob sie sich der Übermacht der Whitehills beugen sollen oder doch zum finalen Schlag ausholen. Mich überrascht ein wenig die Entwicklung, die Asher bis hierhin durchgemacht hat. Grundsätzlich sind seine Dialogoptionen zwar aggressiver als bei seinem Bruder Rodrik. Aber The Ice Dragon vermittelt doch glaubhaft, dass der einstige Söldner langsam in seine Führungsrolle hineinwächst.

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Der Konflikt zwischen den Whitehills und den Forresters eskaliert. Drücken Sie „R2“ für eine gebrochene Nase.
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Echte Entscheidungen und Konsequenzen? Eher nicht

Wenn ich bis hierhin etwas an der sechsten Game-of-Thrones-Episode kritisieren müsste, dann ist es die Machtlosigkeit, die sie mir vermittelt. Gleich mehrmals stellt mich das Spiel vor die Entscheidung zwischen mehreren Übeln: Lasse ich einen Freund friedlich sterben oder schlage ich aus seinem Tod einen unsicheren Vorteil? Paktiere ich doch mit bisherigen Gegnern, nur damit die Forresters vielleicht doch noch eine Chance haben?

Womöglich liegt es an meiner bisherigen Spielweise, und vielleicht habe ich mir zu viele Feinde auf dem Weg zum Finale gemacht. Aber am Ende bekomme ich doch den Eindruck, als wären alle Konsequenzen bereits vorbestimmt und auf den großen Showdown zugeschnitten. Dadurch fühlt sich Game of Thrones noch mehr wie ein interaktiver Spielfilm an und ich fühle mich wie ein Stichwortgeber.

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Mira Forrester wird am Hof von Königsmund verfolgt. Hier beobachtet sie, wie Wachen ihr Zimmer aufbrechen und durchsuchen.
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Diese scheinbare Ausweglosigkeit empfinde ich beim Spielen zum Glück nicht als sonderlich schlimm. Denn der Unterhaltungsfaktor stimmt, stets erwarte ich den nächsten großen Moment, das nächste Gefecht, den nächsten tragischen Tod. Die Geschichte, ihre Charaktere und Schicksale fesseln mich vor den Bildschirm, die Ereignisse überschlagen sich förmlich. Da bin ich eigentlich ganz froh, dass sich auch das jüngste Game of Thrones einmal mehr auf ein paar Quick-Time-Kämpfe und müßige Suchaktionen beschränkt. Die eigentlichen Zweifel an dem Konstrukt aus Entscheidungen und Zweifeln kommen erst nach dem Abspann auf. Letztlich erweckt das Spiel nämlich den Eindruck, als seien zumindest das Ende und der Cliffhanger genau so geplant gewesen – unabhängig davon, welche Entscheidungen ich zuvor getroffen habe.

Blutiges Finale

Nichtsdestotrotz bin ich vom Finale keineswegs enttäuscht. Es bietet genau das, was ich mir von einem Game-of-Thrones-Spiel verspreche: Ein blutiges und dramatisches Schlachtfest, bei dem kein noch so geliebter Charakter sicher ist. Oh ja, diese Episode kulminiert in einem Staccato der Grausamkeiten. Besonders dramatisch sind dabei zwei Momente: Telltale zwingt mich, den Weg zum Schafott persönlich anzutreten. Und natürlich die Schlacht im Hause Forrester, die zugleich mit einem gewaltigen Cliffhanger endet.