Galactic Civilizations (PC Review)
von Patrick Streppel

Mit Civilizations 4 erschien im vergangenen Herbst der neue Meister der 4X-Rundenstrategiespiele. Was Sid Meiers Geniestreich für Strategen der Gegenwart ist, liefert nun Stardock für Science Fiction Fans!

Galactic Civilizations 2 verbessert nicht nur den soliden Vorgänger in nahezu jeder Hinsicht, es ist schlicht eines der tiefgründigsten, herausfordernsten und abwechselungsreichsten Weltraum-Strategiespiele der letzten Jahre. Wir verraten, warum GalCiv 2 trotz kleiner Mängel für Anhänger von Master of Orion ein Pflichtkauf ist!

Es war 1993, als mit dem rundenbasierten Strategiespiel Master of Orion das Genre der 4X- Weltraumspiele quasi begründet wurde. 4X - diese Abkürzung steht für die englischen Begriffe eXplore, eXpand, eXploite und eXterminate, was im wesentlichen den Umfang strategischer Entscheidungen und die spielerische Tiefe beschreibt. Titel dieses Sub-Genres sind zumeist richtige Schwergewichte, an denen sich auch Hardcore-Strategen gerne die Zähne ausbeißen. Im Gegensatz zur Imperium Galactica-Reihe oder Star Wars: Empire of War sind Klassiker wie Master of Orion, Reach for the Stars, Birth of the Federation oder auch Galactic Civilizations für heutige Verhältnisse wahre Komplexitätsmonste.Ein Genre, das ungeduldige Spieler mit einer steilen Lernkurve und zähem Gameplay abschreckt - kein Wunder also, dass sich kein großer Publisher an das Genre herantraut.

Überraschend ist vielmehr, dass es in mehr als einem Jahrzehnt kaum ein Titel geschafft hat, an die Spieltiefe und strategische Abwechselung von Master of Orion heranzukommen. War Teil 2 der Reihe eine konsequente Fortsetzung, entpuppte sich bereits Teil 3 als Enttäuschung. Die größten Fehler: Ein wenig intuitives Interface, detailverliebte, unübersichtliche Bildschirme, fehlende Automatisierungen und ein gähnend langsamer Spielverlauf.

Galactic Civilizations 2 - Civilization 4 im Weltraum: Meisterliche Rundenstrategie mit Tiefgang!

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Das etwa zur gleichen Zeit erschienene Galactic Civilizations vom kleinen Entwickler Stardock machte vieles besser, kam aber auch nicht an das Genre-Urgestein heran. Und dennoch: Trotz altbackener Grafik liegt das Remake auch heute noch auf so mancher Festplatte.

Remake in 3D
Galactic Civilizations erschien ursprünglich in den 90er Jahren für IBMs gescheitertes OS2-Betriebssystem und wurde für die Windows Plattform neu aufgelegt. Von den detailarmen Sprite-Grafiken, der bei 800x600 fixierten Auflösung und den recht umständlichen Menüs ist bei Teil 2 nichts mehr zu spüren. Das Spiel erstrahlt komplett in 3D, wobei sich das Interface mühelos der Bildschirmauflösung anpasst.

Die eigens entwickelte Grafikengine ist zwar nicht so schick wie beispielsweise von Empire at War, erfüllt jedoch ihren Zweck. Waren im Vorgänger taktisch durchaus relevante Schiffs- oder Planetendetails nur über Untermenüs abrufbar, erkennt das geschulte Auge nun alle wichtigen Informationen gleich auf der Sternenkarte. Ebenfalls Bestandteil des Faceliftings sind nette Zwischensequenzen bei wichtigen Ereignissen.

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Obwohl GalCiv 2 insbesondere technisch einen großen Schritt nach vorn gemacht hat, bleibt es dem Ursprung der Serie treu und präsentiert sich als ein stark personalisierbares Sandbox-Game, das auf eine richtige Story verzichtet.

Zwar hat Stardock erstmals auch eine Kampagne erstellt, die von dem Kampf der Menschen um ein mysteriöses Artefakt sowie der resultierenden Rückkehr der mächtigen Dread Lords handelt, trotz kurzer Textbriefings handelt es sich hierbei aber nur um leicht modifizierte Szenarien, die mit bestimmten Siegbedingungen enden.

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Schade: Einheiten, Planeten und Forschungsergebnisse werden nicht ins nächste Szenario übernommen, so dass man die gleichen Errungenschaften immer wieder erarbeiten muss. Von einer Story-Führung des Spielers wie beispielsweise in Imperium Galactica 2 kann ebenfalls keine Rede sein.

Jedem sein Förmchen
Der Spieler wird vielmehr in einen sprichwörtlichen Sandkasten gesetzt, den er sich ganz nach seinen Vorlieben gestalten kann. Die Größe der Galaxie, die Anzahl und Stärke der Gegner, die Geschwindigkeit von Forschung, Produktion und Bevölkerungswachstum sind individuell anpassbar.

Das erlaubt sowohl wochenlange Partien als auch schnelle Spiele an einem verregneten Nachmittag. Im Gegensatz zum Vorgänger sind nicht länger nur Menschen, sondern auch die extrem unterschiedlichen Alienrassen spielbar. Wem das noch nicht reicht, der kann sich sein Traumvolk aus den verschiedensten Eigenschaften gleich selbst zusammenbasteln.

Das gleiche gilt für den leicht zu bedienenden Schiffseditor, der neben der Aufrüstung von Standart-Typen mit neuer Technologie auch ganz eigene Kreationen ermöglicht. Dürfen es eine lang gezogene Heckflosse, spitze Flügel oder ein bulliger Bauch sein? Mittels Dutzender vorgefertigter Bauteile stellen sich Spieler mit wenigen Klicks eine funktional an die Strategie angepasste, aber auch optisch individuelle Flotte zusammen.

Dieses Kredo zieht sich durch das gesamte Spiel, denn Galactic Civilizations 2 erlaubt jedem Spieler seine eigene Vorgehensweise.Ob wir als totalitäres Regime Nachbarwelten mit Waffengewalt unterwerfen, als Wirtschaftsmacht andere Völker mit der Drecksarbeit beauftragen oder durch Diplomatie die Galaxie einen, liegt allein bei uns. Während in anderen Spielen der friedliche Sieg zwar theoretisch möglich, aber praktisch mehr als schwierig ist, ist es den Designern von Stardock gelungen, die einzelnen Strategien als gleichwertige Optionen auszubalancieren und vor allem spielerisch interessant zu gestalten.

Beispiel: Weil wir als friedliches Imperium vor allem auf Wohlstand, soziale Gerechtigkeit und die Entwicklung von Kulturgütern wert legen, treten uns auch ursprünglich feindliche Welten schließlich freiwillig bei. Das Gefühl, durch eine gerechte Hand mehr Schaden verursacht zu haben als durch Waffenfeuer, ist vermutlich mehr Selbstbestätigung als jede gewonnene Schlacht - auch wenn der militärische Weg natürlich auch möglich ist.

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KI von einem anderen Stern Herauszuheben ist, dass sich die KI stets den Strategien des Spielers anpasst. Bauen wir beispielsweise eine schlagkräftige Armada auf, um die Galaxie mit Waffengewalt im Sturm zu erobern, werden Computergegner - sofern wir von Spionen ertappt wurden - bereits geeignete Gegenmaßnahmen veranlasst haben. Im schlimmsten Fall stehen wir bei unserem Angriff einem überlegenen Bündnis gegenüber oder müssen uns mit Meuterern in den eigenen Reihen befassen, die von dem kulturellen Einfluss unserer Feinde stärker beeindruckt sind als von unserer Kriegserklärung.

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Die KI verhält sich dabei ausgesprochen menschlich und cheatet auch in höheren Schwierigkeitsgraden nicht: Mal wird unsere Flotte in einen Hinterhalt gelockt damit ein anderer Gegner unsere Heimatwelt angreifen kann, mal werden unsere Handelseinnahmen durch Angriffe auf Bündnispartnern geschmälert, so dass uns langsam das Geld ausgeht. Gemein auch, wenn sich ein nahezu besiegter Gegner einer anderen Rasse als uns ergibt, nur damit wir nicht die Vorherrschaft übernehmen können - oder uns umgekehrt der Krieg erklärt wird, weil wir einem anderen Volk die Beute weggeschnappt haben.Stardock versucht offensichtlich, menschliche Spieler so gut wie möglich zu simulieren - die unabhängig von einander agierenden KI-Gegner lügen, jammern oder machen sich über uns lustig, wenn sie uns ausgetrickst haben. Das ist auch bitter nötig, denn Galactic Civilizations 2 verfügt leider über keinen Mehrspielermodus - eine schwer nachzuvollziehende Entscheidung der Entwickler. Zwar ist es möglich, über das Dynaverse genannte Online-Feature quasi die Ergebnisse von Partien zu vergleichen, doch das wäre so, als würde man Moorhuhn als Online-Shooter bezeichnen, nur weil um einen Highscore gespielt wird.

Verliebt in Details
Wie einst Master of Orion erlaubt auch Galactic Civilizations 2 neben strategischen Entscheidungen ausgiebiges Micro-Management. Von der Galaxiekarte aus springen Spieler auf die eigenen Planeten, die sich individuell bebauen lassen.Zwar nur auf einer 2D-Karte, aber mit individuellen Gebäuden um Forschung, Schiffsproduktion oder die Zufriedenheit der Bevölkerung zu steigern. Einige Plätze bieten spezielle Boni und natürlich spielt die Moral - einerseits durch den Planeten, andererseits durch das Regierungssystem und globale Entscheidungen geprägt - eine entscheidende Rolle. Beispiel: Kolonisieren wir eine neue Welt, finden wir oftmals primitive Lebensformen vor. Diese können wir schützen und fördern um den kulturellen Gehalt zu steigern, in Reservate verfrachten oder versklaven um die Produktion zu erhöhen. Die Auswirkungen auf die Produktion sind nicht auf den ersten Blick ersichtlich, aber doch insgesamt logisch nachvollziehbar.

Genre-üblich spielen Handel und Diplomatie eine ebenso große Bedeutung: Es gilt Verträge zu schließen und Handelsrouten festzulegen, Bündnisse zu schmieden und den Gegner zu manipulieren.

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Wie oben bereits angedeutet ist die KI außerordentlich geschickt in Verhandlungen und versucht menschliche Spieler in Tauschgeschäften übers Ohr zu hauen. Ein weiterer komplexer Teil des Spiels ist die Forschung: Hunderte Technologien aus Bereichen wie Waffen, Logistik, Ethik oder Diplomatie stehen zur Verfügung, die bei normaler Forschungsgeschwindigkeit kaum alle erforscht werden können. Schade ist dabei nur, dass die wenigsten Bereiche verknüpft sind: Die Verbesserung von Laser 1 führt zu Laser 2 und wiederum zu Laser 3 - die Verbesserung der Sensoren hat auf die Waffengenauigkeit aber keinen Einfluss.

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Blitzkrieg
Obwohl Kriege ein möglicher und Erfolg versprechender Weg sind, um Galactic Civilizations 2 zu erobern, sind die eigentlichen Kämpfe leider sehr simpel gehalten. Die wichtigsten Entscheidungen werden vorab getroffen, bei Forschung und Schiffbau: Sollen es dicke Pötte oder zahlreiche kleine Jäger sein? Lege ich mehr Wert auf Geschwindigkeit oder Feuerpower? Interessant ist, dass stärkere Waffen zugleich auch kleiner sind - da neben Geld vor allem der Platz begrenzt ist, wird Forschung somit zur zentralen Komponente. Auch bei Invasionen ist nur wenig zu beeinflussen, hat man nicht vorab die besseren Space Marines rekrutiert!

Eine schematische Grafik stellt die Truppen gegenüber, die nach und nach verschwinden, je nachdem wer stärker und/oder zahlreicher war. Einziger Trick sind Bombardements, die jedoch auch Gebäude in Schutt und Asche legen und einen Wideraufbau schwierig machen. Galactic Civlizations ist also kein Spiel für Taktiker, sondern für richtige Strategen. Dutzende Möglichkeiten den Gegner in die Knie zu zwingen stellen Spieler auch nach längerer Zeit noch immer vor neue Herausforderungen.