Ich entschied mich gegen die Kinderarbeit. Ließ die Bengel in einem geheizten Heim wohnen, während sie in den medizinischen Zelten aushalfen. Als ein Mann schrie, er wolle sein Bein nicht amputiert haben, ließ ich ihn sterben. Als es kälter wurde, ließ ich meine Bürger 24 Stunden arbeiten, bis sie erfroren oder an Herzinfarkten starben. Einige wollte meiner Stadt entfliehen, doch ich baute Kirchen und gab ihn einen Glauben, damit sie blieben und arbeiten konnten. Sie arbeiteten, beteten und weinten, aber sie überlebten. Die Stadt überlebte.

11 bit studios sprechen über die Gnadenlosigkeit von Frostpunk:

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Was ist es, das uns eine Gänsehaut beschert, wenn wir über das verfaulende Bein eines Arbeiters entscheiden dürfen? Wenn wir klicken können “Amputiert es ihm, ob er es will oder nicht”; was ist es, das uns weiterspielen lässt, wenn wir Kinder in die Kohleminen schicken, wenn wir Aufstände niederknüppeln lassen und schweren Herzens entscheiden, nein, dieses medizinische Zelt muss diese Nacht ohne Strom auskommen?

Frostpunk im Test: Ihr müsst euch den Konsequenzen eurer Entscheidungen stellen

Frostpunk hat mich insbesondere wegen dieser Entscheidungen interessiert, nicht, weil es ein gutes Aufbauspiel ist, was es ist. Oder weil es einen wundervollen Soundtrack hat; oder weil es gut gezeichnet sowie animiert ist. All das spielt letztendlich in die Bewertung hinein; falls ihr also eine objektiveres Fazit lesen möchtet, springt direkt zur nächsten Seite und schaut, welche 7 oder 8 oder 9 dieses Spiel von mir erhalten hat. Am Ende ist es gleich.

Am Ende, am wirklichen Ende, wenn die Stadt überlebt hat, zählt nur noch eines: Welche Entscheidungen habt ihr getroffen, um eure Einwohner durch den Sturm zu knüppeln?

The City Must Survive

Es ist Macht. Natürlich ist es das, denn Macht ist es, was dem kleinen Menschen in unserer Gesellschaft verwehrt bleibt. Nun basieren wohl recht viele Spiele auf der Lust nach Macht; es ist also auch ein voyeuristisches Verlangen danach, Leid zu beobachten, damit unterhalten zu werden – und die ach so menschlichen Figuren in Frostpunk zu entmenschlichen, wenn ihr nach und nach gnadenloser und analytischer entscheidet anstatt der Moral Einzug zu gewähren.

Die Stadt im Eise

Moral, was ist das schon? Nichts, das zu gebrauchen ist, sobald Essen knapp wird und die nötige Wärme fehlt, um erfrorenen, schwarzen Gliedmaßen Einhalt zu gebieten. In Frostpunk führt ihr eine Gruppe von Flüchtlingen durch eine Eiswüste in einen Krater hinein, in der Mitte ein Generator, der einen kleinen Umkreis vom Eise befreit. Das ist The City, die Stadt, und es gilt sie durch Temperaturen zu bringen, die eure Vorstellungen zu Beginn des Szenarios übersteigen.

Es wird nicht nur kälter. Innerhalb des Kraters gibt es zunächst nur begrenzte Vorräte; Holz zum Bauen, Kohle für den Generator und Stahl für spätere Technologien. In gebückter Haltung schleichen eure Citizens durch den meterhohen Schnee, kämpfen sich Schritt für Schritt voran, nur um auf dem Rückweg wieder zu graben, als wären sie Maulwürfe in weißer Erde. Es gibt keine Möglichkeit, sie direkt zu steuern, noch besitzen sie Charakterzüge oder reagieren in irgendeiner Art auf euch, sobald ihr sie anklickt.

Frostpunk ist höllisch in seiner Gnadenlosigkeit und unerhört in seiner Suchterzeugung.Fazit lesen

Sie sind gesichtslos, ausgestattet mit Geschlecht, Alter und Familienzugehörigkeit, aber dennoch nichts weiter als Johns und Annas. Erst zu Beginn jedes Tages, nachdem die kalte, stille Nacht vorübergezogen ist, melden sich einige eurer Bürger und bewerten eure Entscheidungen. Letztendlich ist es in Frostpunk nicht wichtig, welche Gesichter zu euch aufblicken; es ist das Volk, das zählt und das Überleben der Stadt. Denn schließlich gibt es viele Probleme, doch die Kälte ist das schlimmste.

Die Wärmesicht gibt euch Auskunft darüber, wie kalt es wirklich in eurer Stadt ist

Arbeiten, beten, weinen

Ihr startet im ersten Szenario bei -20°C. Während ihr eure Leute zu den Rohstoffen schickt, erste Häuser baut, in denen sie übernachten können und typische Aufbauspiel-Dinge tut, vergeht die Echtzeit. Die könnt ihr zwar anhalten oder beschleunigen, doch ich persönlich habe sie selten gestoppt (zumeist, wenn panisch wurde) und nie schneller vergehen lassen.

Neben der Kälte ist auch die Zeit euer Feind. Ein Kalender zeigt euch, welcher Tag gerade vorbeischleicht, während die Anzahl eurer überstandenen Tage gemessen wird. Aufbau- sowie Survival-Elemente finden sich hier in einem gut abgestimmten Mix wieder, etwa, wenn ihr über einen typischen Forschungsbaum neue Technologien freischaltet, um den nächsten Kälteeinbruch zu überstehen, oder wenn ihr neue Gesetze erlasst und gleichsam eine Gruppe von Menschen in die weite Schneelandschaft außerhalb des Kraters schickt und jeden Schritt der Expedition ähnlich einem Text-Rollenspiel bestimmt.

Eine Gruppe von Flüchtlingen, die ihr außerhalb eurer Stadt auffindet, retten oder verrotten lassen? – leichte Entscheidung. “Kinderarbeit erlauben, während eure Stadt unter Arbeitermangel leidet?” – Hm. “Aufständische öffentlich hinrichten, damit ihr nicht selbst in einem Aufstand gestürzt werdet?

Der Weg des Glaubens

Opium für’s Volk

Frostpunk ist nicht das komplexeste Aufbauspiel auf dem Markt. Muss es jedoch auch nicht sein, denn was in Frostpunk zählt, sind eben jene Entscheidungen, die euer Volk formen und in jedem Sinne immer darauf ausgerichtet sind, es euren harten Entscheidungen zu unterwerfen. Denn ja, wenn die Temperaturen auf -80°C sinken, müssen eure Kinder und Arbeiter in der Mine womöglich 24 Stunden am Stück arbeiten, um genug Kohle herzustellen. Ihr sagt vielleicht “Nein, es muss eine andere Möglichkeiten geben”, und ja, vielleicht, aber in eben dieser Situation gibt es sie nicht mehr. Und wenn ein Kind in der Mine stirbt, habt ihr zumindest die restlichen 200 Einwohner gerettet. Auch, wenn sie das nicht sehen werden – und euch für den Tod verantwortlich machen.

Auf welches Spiel wartet ihr am sehnsüchtigsten?

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Eine Lösung auf dem Weg durch das erste Szenario (es gibt mehrere) ist Religion. Der Weg, den ich gewählt habe: Ich baute Kirchen und Tempel, ließ die Städter beten und umgab sie mit einem Kult, der ihre Sorgen wegwaschen und alle Ungläubigen eliminieren sollte. Wann beginnt ein despotisches System? Und wann werdet ihr zu Entscheidungen gezwungen, die ihr nicht treffen möchtet? 11 bit studios mixen das Aufbau-Genre mit ihrem letzten Erfolg The War of Mine; erwartet also keine Gnade.