Es ist der 13. Dezember 2016, 20:10 Uhr. Ich bin angespannt, weil mein Internet langsam wie immer ist und mein Update deshalb viel langsamer lädt als bei meinen Freunden, mit denen ich gerade skype. Deren Update ist schon geladen. Verdammt! Wir quietschen uns an, hypen uns gegenseitig hoch. Wir können das Update kaum erwarten!

Doch es geht nicht um eine neue Expansion oder den Launch eines komplett neuen Spiels. Es geht um das Weihnachts-Update von Overwatch. Genauer gesagt ein paar Ingame-Items: Skins. Wir sind aufgeregt wie eine Horde Hühner aufgrund von Skins. Verrückt. Oder etwa doch nicht?

Hätte mir vor drei Jahren jemand gesagt, ich würde Geld für Ingame-Items ausgeben, ich hätte ihn für bescheuert erklärt. Ich konnte digitalen Items nie etwas abgewinnen, sie kosteten so viel Geld, da könnte ich mir ja ganze Spiele dafür kaufen. Und außerdem möchte ich etwas Greifbares für mein Geld - Spiele kaufte ich mir schließlich auch nur im Laden, digitale Versionen waren mir ein Gräuel. Spiele kaufe ich bis heute nur als Retail-Version.

Aber in Ingame-Items habe ich über das vergangene Jahr mehr Geld gesteckt als in neue Videospiele. League of Legends, FIFA 17, Overwatch - die üblichen Verdächtigen. Viel Geld ist in diese Spiele geflossen - und zwar für Ingame-Goodies. Wie es zum Sinneswechsel kam? Hier ist mein Erfahrungsbericht:

Alles fing mit League of Legends an. Als ich im Sommer 2014 anfing, die eSport-Szene zu verfolgen und selber richtig zu spielen, wurden passend zur WM einige Fußball-Skins released. Darunter auch ein Fußball-Skin aus dem Jahr 2010 für meinen Lieblingschamp Blitzcrank. Dieser wurde als Torwart verkleidet - ausgerechnet meine Lieblingsposition. Dazu kostete der Skin nur 5 Euro. “Kann man sich mal gönnen, ich kauf mir ja sonst keine Skins”, dachte ich. Daraus wurde eine utopisch hohe Summe, welche ich mittlerweile in League of Legends gesteckt habe.

Analytisch gesehen lässt sich der Trend in drei Faktoren aufteilen:

        Einer fängt an, die anderen ziehen nach

        Wenn man sich innerhalb einer Gruppe von fünf Freunden aufhält, die allesamt das gleiche Spiel spielen, wird der ein oder andere anfangen, für Ingame-Goodies Geld zu bezahlen. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die anderen mitziehen. Schließlich möchte man in einer Gruppe nicht außen vor bleiben. Zudem gibt es die Möglichkeit, bestimmte Skins miteinander abzustimmen: Mit einem Partner-Look in der Botlane lässt es sich gefühlt noch besser zusammen spielen als ohne. Und wenn die reale Statistik auch davon abweichen sollte, die gefühlte Wahrheit überspielt das gekonnt. Die großen Modemarken wissen das schon längst und versuchen, mit ihren Produkten einen Lifestyle zu verkaufen statt einer einfach schicken Jeans. Bei Skins ist das nicht anders. Und wenn alle deine Freunde sich im selben Klamottenladen einkleiden, dann steigt die Chance. dass du das auch tust. Der Verkauf von Skins verläuft genauso.

        Alle tun es, warum du nicht auch

        Wisst ihr noch, als der Ed Hardy-Trend um sich schlug? Auweia. Zum Glück hatte ich mich entschlossen dagegen gewehrt - meinen Klassenkameraden allerdings ging es anders, und auf einmal war die gesamte Jugend scheinbar infiziert. Solche Massenphänomene und Trends gibt es immer wieder, der Mensch ist schließlich ein Rudeltier. So funktioniert der Druck der Masse ähnlich wie bei den Freunden, wenn auch nicht ganz so stark.
        Dennoch: wer sich auf eine Runde League of Legends einlässt, wird sich schnell in einem Match wiederfinden, in dem mindestens fünf der zehn Spieler einen Skin tragen. Auch Profis tragen die Skins zur Schau und möchte man seinem Idol Faker nacheifern, so gibt es sogar mehrere Skins, mit denen seine Leistungen innerhalb des Spiels gewürdigt werden.

        Qualität macht Kasse

        Der gravierende Unterschied zwischen Ed Hardy und Ingame-Skins ist jedoch die Qualität: Ingame-Skins rangieren mittlerweile von kessen Weihnachts- oder Halloween-Skins bis hin zu super modernen Robo-Rüstungen oder düsteren Unterwelt-Maskierungen. Außerdem sind die meisten Skins nicht nur sehr kreativ, sondern teils auch eine willkommene Abwechslung zu altbackenen Modellen von älteren Champions. Da League of Legends schon einige Jahre auf dem Buckel hat, sehen manche Charaktere eben nicht mehr ganz so frisch aus - ein neuer Skin ist hingegen weltweit ein visueller Unterschied. Und wenn man sich mal anschaut, wie viel Liebe in manche Skins gesteckt wird, dann kann man schnell nachvollziehen, weshalb Leute ohne Ende Geld für diese Dinge ausgeben.

        Bis heute für mich einer meiner absoluten Lieblings-Skins: Arcade Ezreal, der eine wundervolle Hommage an Pixel-Klassiker ist und zudem eine Recall-Animation im Stile der alten Final Fantasys beinhaltet.

        Schlussendlich halte ich Skins aber auch für einen wichtigen Bestandteil moderner Preispolitik von Spielen: Sie bieten einem Entwickler die Möglichkeit, ein ausgereiftes Spiel kostenlos anzubieten, ohne gleichzeitig in ein frustrierendes Pay2Win-Muster zu verfallen. Skins sind eine wundervolle Möglichkeit für Spieler, dem Entwickler etwas zurückzugeben und gleichzeitig einen fantastischen Mehrwert zu erhalten. Diese Formel rechnet sich: Allein im letzten Jahr konnte Riot Games über 1,6 Milliarden (!) US-Dollar mit dem Verkauf von Skins und anderen Ingame-Items machen. Eine Win-Win-Situation für Spieler wie Entwickler.