Wenn virtuelles Leder glänzt wie die Haut einer Gummiente, dann hat die Grafikabteilung mal wieder gepfuscht. Dank neuer Shader und einer verbesserten Beleuchtung soll das selbst in den aufwendig nachgestellten Cockpits der Forza-4-Boliden nicht passieren. Turn10 verpasste dem Xbox-360-Rennspiel aber auch ein gehöriges Physik-Update, das zumindest der Konkurrenz von Sony das Fürchten lehren wird.

Dan Greenwalt grinst verschmitzt und legt sein bestes „Ich weiß, wovon ich spreche“-Gesicht auf, bevor er behutsam Worte formt: „Wir sind Physikspezialisten. Uns geht es um die Simulation“. Mit diesen beiden Aussagen wollte er hervorheben, dass Nachtfahrten seiner Meinung nach keinen Unterschied beim Fahrgefühl mitbringen, und gleichzeitig legitimieren, dass Turn10 sie in Forza 4 nicht berücksichtigt hat.

Eine seltsame Antwort auf meine simple Frage, denn das eine schließt ja das andere nicht aus und die Jungs von Turn 10 haben definitiv ein Faible für knackige Grafik. Sonst würden sie sich wie die Macher von iRacing und GTR auf das Wesentliche konzentrieren.

Forza Motorsport 4 - Der Autoporno erstrahlt im neuen Licht

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Autos so schön wie nie. Forza 4 sieht hervorragend aus.
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Zugegeben, die Simulation der Fahrphysik fährt in weit höheren Oktanzahlen als bisher. Bereits im Menü der Demo fällt die Option auf, mit der man zwischen üblicher Konsolentoleranz und simulationsgetreuem Fahrverhalten umschalten kann. Neugierig, wie ich bin, musste ich gleich ein paar Testrunden damit drehen und staunte nicht schlecht. Holla, die Waldfee! Dagegen wirkt Forza 3 richtig großzügig.

Daten zur Reifenabnutzung und Federung kommen direkt von Pirelli und ermöglichen ein realitätsnahes Physikmodell, das auf Konsolen seinesgleichen sucht. Nie zuvor brachte mich ein unnötiger Schlenker in einer simplen S-Kurve so schnell ins Schleudern – mit einem Subaru Impreza! Auf das aus Gran Turismo gewohnte Haftgefühl, das erahnen lässt, wann der Wagen ausbricht, verzichtet Turn 10 jedoch weiterhin. Angeblich, weil dieser Ansatz zwar ein interessantes Fahrgefühl ermögliche, aber schlichtweg unrealistisch sei und ihren Physikdaten widerspreche. Das nenne ich mal eine klare Ansage.

Packshot zu Forza Motorsport 4Forza Motorsport 4Erschienen für Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Trotz der hohen Ambitionen darf natürlich die Grafik nicht zu kurz kommen, denn Forza hat die ehrenvolle Aufgabe, ein Performance-Aushängeschild der Xbox 360 zu sein, ebenso wie es Gran Turismo auf den Playstation-Konsolen auferliegt. Den Job macht das Spiel ganz ausgezeichnet, wie ich finde, darum verstehe ich auch den holprigen Zusammenhang in Greenwalts Aussage nicht.

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Natürlich sind Nachtfahrten eine vornehmlich optische Spielerei, aber sie sorgen für Abwechslung und bieten eine ganz andere Stimmung als eine Sause bei Tageslicht. Auch nachts braucht ein ordentlicher Autoporno ein akkurates Physikmodell. Ob Wettereffekte eingebaut wurden, wollte der Forza-Guru hingegen noch nicht preisgeben. Immerhin lässt die zuvor betonte Anspielung hoffen, denn Wetter hat eine ganze Menge Einfluss auf die Fahrphysik.

Apropos Tageslicht: Das kann Forza 4 dank des neuen „Image Based Lighting“ richtig gut. Wenn die digitale Sonne den virtuellen Lack eines Wagens küsst, scheinen seine Kanten zu verglühen. Der Impreza der gamescom-Demo reflektiert das gleißende Weiß so stark, dass man die Augen zukneifen möchte, auch wenn der Fernseher keineswegs in der Lage ist, der Bindehaut Schaden zuzufügen.

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Wer mag, kann die Wagen stundenlang bestaunen und sogar die Türen per Kinect öffnen.
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Man möchte es schlichtweg glauben, weil der Wagen haargenau in die Umgebung passt. Lichtverhältnisse und Spiegelungen basieren durchgehend auf Merkmalen der Umwelt, statt wie sonst üblich zwei verschiedene Beleuchtungs- und Shader-Modelle zu verwenden. Das führt so weit, dass sogar sekundäre Lackschichten erst bei direkter Sonnenbestrahlung sichtbar werden.

Eine Stärke, die durch mehrere Tageszeiten hervorgehoben wird. Bei Sonnenaufgang oder im Abendrot glänzen Asphalt und Lack in ganz anderem Licht als bei strahlender Mittagssonne. Schön, aber warum dann keine Nachtfahrten? Schafft die gute alte Xbox 360 das etwa nicht? Es lässt mich nicht in Ruhe.

Na gut, Gas geben darf man also nur bei Tage, aber immerhin bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen, die den Detailgrad der neuen Engine demonstrieren. Das kommt auch im Auto-Vista-Modus zur Geltung. Dieser Autoschaukasten dient quasi als ganz persönliche Automobilausstellung, in der ihr eine begrenzte Auswahl an Fahrzeugen bis ins kleinste Detail untersuchen dürft.

Beinahe durchgehend Premium

Per Xbox-Controller oder durch Kinect-Gesten öffnet ihr sämtliche Türen, werft einen genauen Blick auf den akribisch nachmodellierten Motor oder setzt euch auf den lederbezogenen Fahrersitz, um den Zündschlüssel zu drehen... bruuummmmmm. Da geht einem das Herz auf.

Einmal sattgesehen, dürft ihr noch den schnippischen Kommentaren des Top-Gear-Moderators Jeremy Clarkson lauschen, die glücklicherweise weder humorös gezügelt noch in Deutsch synchronisiert wurden. Schwarzer Humor und neckische Seitenhiebe sind somit garantiert, aber auch ziemlich voreingenommene Meinungen zu einigen Boliden, die euch ans Herz gewachsen sein können.

Wer des Englischen nicht mächtig ist, behilft sich mit den eingeblendeten Untertiteln. Gut so, denn Jeremys in Fachwissen ertränkte Besserwisser-Attitüde kann man nicht nachahmen. Eine Synchro hätte wohl den ganzen Witz und Charme vernichtet. Und selbst wenn, hätte AutoVista nur wenig darunter gelitten. Dieser Modus ist der absolute Porno für Autoliebhaber.

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Beharrlich betonen die Jungs von Turn 10, dass sie die Liebe für Autos wecken und Autofreunde beglücken wollen, und es ist wirklich schwer, ihrem Köder zu widerstehen. Allein das mehrfach reflektierte Kunstlicht der virtuellen Halle serviert den ausgewählten Flitzer bereits auf dem Silbertablett, das Heranzoomen auf 15cm Abstand mit scharfer Sicht auf Bremsen oder einzelne Motorenelemente lässt sich hingegen nur noch mit dem Blick in den Ausschnitt einer wohlgeformten aber unerreichbaren Frau vergleichen – so nah durftet ihr noch nie ran.

Und das dürft ihr wörtlich nehmen. In der Präsentation betonte Greenwalt, dass nur handverlesene Fahrzeuge den nötigen Detailgrad für den AutoVista aufweisen. Unikate etwa, die in Jay Lenos Garage stehen, oder Sonderanfertigungen mit technischen Besonderheiten, die ihr euch nicht einmal leisten könntet, wenn ihr einen Lotto-Sechser mit Zusatzzahl abgestaubt hättet. Da laufen die Sabberfontänen wie bei Homer Simpson, wenn er jemanden über Donuts sprechen hört.

Alle anderen der insgesamt über 500 Boliden aus der Schmiede von mehr als 80 namhaften Herstellern wurden zwar nicht vernachlässigt und bieten (Zitat) „Premium-Qualität“ samt Cockpit-Ansicht, für Close-ups mit der Nase an den Felgen reicht es aber nicht.

Von den neuen Lichteffekten profitieren sie trotzdem. Zumindest sofern man in einer Perspektive spielt, in der das Fahrzeug auch zu sehen ist. Wer sich so wie ich schönere Umgebungen mit realistischeren Farben wünscht, weil er selbst übelste Serpentinen immer in der Stoßstangenperspektive herunterheizt, kommt leider nicht ganz so gut davon.

So schön die neue Alpenstrecke auch das „Image Based Lighting“ auf hellen Flächen wie Schnee demonstriert, es verbessert noch lange nicht die wenig fotorealistische Farbgebung bei Laub und Gestein. Noch immer greift Turn10 ein wenig zu sehr in den Farbtopf. Es liegt nicht am Kontrast oder der neuen Beleuchtung – die ist super. Nein, es ist die schiere Farbwahl. Irgendwie fehlt den Künstlern bei Turn10 das Feingefühl für lebende Objekte.

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Auch auf der Strecke machen die Karren eine gute Figur.
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Obendrein scheint die Anti-Aliasing-Routine komplett abgeschaltet zu sein. Überall stechen zahnige Kanten hervor. Bedauerlich, aber zumindest läuft alles durchgehend in ultrasanften 60 Bildern die Sekunde, selbst bei 16 Fahrzeugen auf der Strecke. Diese Anzahl gilt übrigens nur für Online-Partien gegen menschliche Spieler. Sobald die CPU das Geschick der Rivalen übernimmt, wie etwa in der Karriere, schrumpft die Anzahl der Rennteilnehmer auf zwölf. Offenbar ein Zugeständnis an die künstliche Intelligenz, die einige Fortschritte gemacht hat. Kein sinnloses Drängeln oder Auffahren mehr, stattdessen geschickte Überholmanöver und frühzeitiges Ausscheren oder harsches Abbremsen bei Hindernissen – das fetzt.

Was nicht so fetzt, ist die offenbar noch immer fehlende Kompatibilität zu Logitech-Lenkrädern. Das liegt aber eher an Microsoft als an Turn10. Immerhin erscheint ein speziell auf Forza 4 zugeschnittenes Lenkrad von Fanatec, das qualitativ keine Wünsche offen lassen dürfte. Außerdem funktionieren alle bisher unterstürzten Lenkräder weiterhin.

Top Gear und Lenkräder

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass sich Forza 4 auch mit dem Xbox-360-Controller und seinen feinfühligen Analogsticks wunderbar steuert. Ohne Lenkrad-typisches Force-Feedback fühlt man zwar den Kurveneinschlag nicht so gut, aber das ist zu verschmerzen. Nicht jeder Renn-Sim-Profi benötigt unbedingt ein Lenkrad.

Kiddies und Gelegenheitsspieler schon gar nicht. Die dürfen sogar das 3-D-Auge Kinect anwerfen, um lediglich so zu tun, als hätten sie ein Lenkrad in der Hand, während sämtliche weiteren Funktionen vom Gaspedal bis zur Vollbremsung von der Konsole übernommen werden. Greenwalt und Kollegen wissen, dass diese Fahrweise nur Gelegenheitsspieler anspricht, aber das stört sie nicht. Es soll lediglich eine Runde unverfänglichen Spaß bringen, selbst wenn die anwesenden Rennfahrer keine Autonarren sind.

Kinect bleibt trotzdem ein Thema und findet selbst für Profis praktischen Nutzen. Die AutoVista-Funktion, mit der man virtuell um den Wagen herumgehen, ihn eingehend betrachten oder sogar einsteigen kann, hatte ich bereits erwähnt. Hinzu kommt noch ausgefeiltes Headtracking während der Rennen, das auch schon mit kleinsten Kopfbewegungen funktioniert. Laut Greenwalt genügt es schon, den Kopf minimal zu drehen und dabei in die eingeschlagene Ecke der Kurve zuschauen. Die feinfühlige Einstellung habe man dank unzähliger Beobachtungen bei aktiven Spielern herausgefunden und entsprechend justieren können.

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Wer mag, kann den Rennkisten auch unter die Haube schauen.
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Noch fortschrittlicher erschien mir allerdings die Sprachsteuerung, auch wenn sie theoretisch sicherlich auch über ein Headset möglich wäre. Anstelle von unzähligen Button-Kommandos beim Durchwuseln der Menüs genügt bereits eine gesprochene Zeile, um in jeden erdenklichen Modus zu gelangen, dessen Bezeichnung man kennt. So bringt euch ein auffordernd gesprochenes „Xbox: AutoVista“ augenblicklich in die Sabbergarage, völlig gleich, ob ihr euch gerade im Aktionshaus, beim Tuning oder in der Karriere befindet.

Letztere wurde in der Präsentation leider nur ganz kurz angerissen, aber es ist schon beruhigend zu wissen, dass man nicht mehr sinnlos ein Event nach dem anderen auf einem Kalender abklappert. Stattdessen erwartet euch eine Welttour rund um den Globus inklusive einiger Neuerungen. Man wird zum Beispiel in der Karriere nicht mehr zum Autowechsel gezwungen. Wer sein Lieblingsgeschoss gefunden hat, bekommt zwar hin und wieder die Option auf Rennen mit anderen Boliden, darf aber theoretisch den größten Teil seiner Rennfahrerlaufbahn in einer Karosse verbringen. Turn10 erwartet vom Spieler nicht, dass er Hunderte von Autos sammelt und bis zum Anschlag aufrüstet, sondern dass er sich an acht bis zehn Lieblingsspritschleudern hält, die er ausgiebig ausfährt.

Für Abwechslung sorgen unterdessen diverse Nebenveranstaltungen. Ein schönes Beispiel wäre Top-Gear-Bowling, bei dem man Kegel auf der Top-Gear-Strecke umholzt. Dieses Minispiel wurde zwar keiner echten Disziplin aus der TV-Sendung nachempfunden, soll aber den Charme der britischen Auto-Show transportieren. Ebenso wie Autofußball, das Clarkson und Kollegen beim BBC aus Geldgründen mit billigen Straßenboliden veranstalten. In Forza 4 geht es hingegen richtig zur Sache. Hier werden die Positionen der Verteidiger mit schweren SUVs besetzt, ins Mittelfeld stellen sich flinke City-Karren und an die Spitze rollen Supercars, die das Tor mit Karacho stürmen. Klingt zwar vielversprechend, Anspielgelegenheiten gab es jedoch noch keine.

Community und Multiplayer

Solltet ihr kein Interesse an solchen Minispielen haben, die man dank Top-Gear-Charme zwar nicht als unrealistisch ansehen sollte, aber dennoch vom authentischen Rennalltag abweichen, dann bleibt zur Entspannung noch immer die Interaktion mit Community. Auktionshaus und eigene Lackierungen kennt man bereits aus den Vorgängern. Wenn man es genau nimmt, dann sind selbst Automobilclubs nichts Neues. Schließlich gab es sie schon im allerersten Forza. Von ihrem Revival in Teil 4 profitieren Rennprofis jedoch ungemein, da sie nicht nur den Austausch von Paintjobs und Tunings vereinfachen, sondern auch erlauben, komplette Autos zu teilen.

Forza Motorsport 4 - E3 2011 Trailer6 weitere Videos

Die Klan-Philosphie erleichtert sowohl interne Wettbewerbe als auch heiße Rennen gegen andere Clubs, weil jedes Mitglied theoretisch gleich gut ausgerüstet ist. So können Clubmitglieder auch unterschiedliche Aufgaben annehmen. Wer ein Händchen fürs Tunen hat, versorgt eben den ganzen Trupp mit idealen Blaupausen für den Kampf gegen den verhassten Rivalen, während ein anderer lieber geniale Lackierungen bastelt, die bereits am Start für neidische Blicke sorgen.

Online-Spielmodi wie Katz und Maus oder Teamrennen dürften dadurch mehr Dynamik erreichen, weil man die Spielregeln und Grundvoraussetzungen besser variieren kann. Was auch den Geduldsfaden schonen sollte. Bei bis zu 16 Teilnehmern auf der Strecke dauert schließlich schon das Einchecken in der Lobby Ewigkeiten – welche Strecke, welches Auto, welches Tuning? Autoclubs, bei denen alle Mitglieder entsprechend vorbereitet sind, brauchen hingegen nicht mehr auf Nachzügler zu warten und können gleich loslegen.

Nebenbei: Wer jetzt Angst hat, er müsse seine mühsam gepixelten Lackierungen aus Forza 3 neu zusammenstellen, der kann erleichtert durchatmen. Zwar dürft ihr nur den finalen Entwurf exportieren und müsst auf editierbare Einzelschichten verzichten, aber zumindest gehen eure fertigen Kunstwerke nicht verloren. Der Export umfasst zudem einige spezielle Fahrzeuge aus Forza 3, die aber nicht einfach aus eurer Garage gefischt werden. Stattdessen hängt der Umfang des Fuhrparks von eurem errungenen Fahrerlevel ab.