Wie motivierend ist ein Spiel, in das die Entwickler die Cheat-Funktion bereits als festen Bestandteil eingebaut haben? In dem man von Beginn an zocken kann, wie man will, und trotzdem immer und überall Erster wird? Turn 10 haben nämlich genau das mit Forza Motorsport 3 getan.

Sie haben einem der besten Rennspiele aller Zeiten den Biss genommen. Sie haben einen zahnlosen Tiger in die freie Wildbahn entlassen. In Zeiten der Casual Games wird das bei der breiten Masse sicher gut ankommen. Rennspielenthusiasten könnte das jedoch vor den Kopf stoßen und dem Titel auf den Weg zum Genre-Thron einen Nagel in das Renngummi bugsieren.

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Eingebauter Cheat-Modus

"Wovon redet der Knilch jetzt schon wieder?", mögt ihr euch fragen. Und ich antworte gerne: Ich rede vom Rückspul-Feature, das bereits in Arcade-Racern wie Dirt 2 oder GRID zum Einsatz kam und weniger talentierten Fahrern eine Art Reiserücktrittsversicherung bietet. Egal, ob ihr euch beim Einschätzen eurer Geschwindigkeit verschätzt, plötzlich eure Katze auf die Fernbedienung springt oder ein KI-Gegner in eure Karosserie donnert - immer und überall könnt ihr eure Malheure korrigieren, ohne eine Bestrafung zu riskieren. Endlich keine Angst mehr vor der letzten Kurve eines 182-Meilen-Rennens. Hat ein Überholmanöver links nicht geklappt, versuche ich es einfach rechts. Ganz nach dem Motto: Wenn Mama Nein sagt, frage ich Papa.

Forza Motorsport 3 - Nicht perfekt - aber nah dran

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Die detaillierten Wagenmodelle lassen kaum Wünsche offen.
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Das ist so einsteigerfreundlich, dass selbst meine Freundin eine Runde wagt und als Erste durchs Ziel geht. Sie musste zwar 23 Mal zurückspulen, letztendlich hat sie es aber doch gepackt. Mit allen aktivierten Fahrhilfen wie Stabilitätskontrolle oder der automatischen Bremshilfe würde aber fast jeder in Forza 3 gut aussehen. In diesem Zustand fühlt sich der Racer eher an wie Mario Kart, wie das berühmte Fabrikat eines deutschen Autoherstellers, das auf Schienen durch die Kurve brettert. Einfach nur volle Pulle Gas geben, den Rest erledigt das Spiel. Mit Rennspiel-Simulation hat das jedoch nichts zu tun.

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Die Cockpitansicht kann nicht vollends überzeugen und hinkt der Konkurrenz in Sachen Intensität ein wenig hinterher.
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Natürlich entgegnet ihr jetzt: "Aber das muss man ja alles nicht benutzen!" Und das stimmt auch. Aber seien wir ehrlich, wer wird darauf verzichten, wenn nach 46 Minuten Dauergerase in einem engen Feld in der vorletzten Kurve doch der entscheidende Fehler passiert? Für die meisten ist das sicherlich verschmerzbar oder bringt sogar den entscheidenden Aspekt in ein Rennspiel ein, den sie schon immer vermisst haben. Spielspaß kontra Frust. Motivation kontra Easy Driving?

Wenn ich den ersten Platz in einem der härtesten Rennen der Welt belege, will ich verdammt noch mal das Gefühl haben zu einer winzig kleinen Schar von Elitepiloten zu gehören, die das schafft, weil sie genug Skill hat. Und nicht weil sie wie ein trainierter Affe gelernt hat, die Rückspulfunktion zu verwenden.

Der Rest: herausragend!

Der Rest von Forza 3 ist nämlich alles andere als misslungen. Im Gegenteil. Es ist ein herausragendes Rennspiel. Wer sich dazu entscheidet, die Fahrhilfen oder zumindest einige davon zu deaktivieren (und dazu kann die Rückspulfunktion durchaus auch motivieren, weil damit das Mehr an Risiko kompensiert werden kann), erlebt das Spiel aus einer ganz anderen Perspektive. Plötzlich bekommen die Wagen eine dynamische Fahrphysik.

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Strecken und Präsentation sind hübsch, aber auch ein wenig steril und leblos.
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Ihr rutscht mit PS-Monstern durch Kurven und darüber hinaus eiert über den Asphalt, als wäre er mal heiß, dann wieder eisig oder nass, verliert die Kontrolle, wenn ihr nicht mit unendlich viel Fahrgefühl auf die vielen kleinen Nuancen achtet: hier ein aus Betonplatten á la DDR-Autobahn bestehender Untergrund, der eure Karosse fühlbar durchschüttelt, dort Bodenwellen, bei denen ihr die Kontrolle über das Fahrzeug verliert. Wer auf den Curbs zu hart beschleunigt, schmiert hoffnungslos weg. Die Erfahrung Forza 3 ist zu großen Teilen davon abhängig, wie ihr eure Einstellungen wählt.

Aber nicht nur. Motorsport wird auch durch die vielen intensiven Sinneseindrücke so eindringlich. Das vermittelte Geschwindigkeitsgefühl ist ausgezeichnet, doch leider ist die für viele Raser-Fans wichtige Cockpit-Ansicht "nur" sehr gut gelungen. Die Nachbildung der realen Vorbilder ist sicherlich authentisch, doch der letzte Funke will beim Fahren nicht überspringen. Möglicherweise liegt es an der Perspektive, an der Ausrichtung der Armaturen. So richtig "Mittendrin" geht anders.

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Erst wenn man alle Fahrhilfen ausschaltet, erlebt man das wahre Forza-3-Feeling - und rutscht mitunter über den Scheitelpunkt hinweg.
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Need for Speed: Shift hat vorgemacht, wie "Immersion" wirklich funktioniert. Dass es nicht so richtig intensiv und brachial wird, liegt teilweise auch an den Motorensounds. Die Entwickler haben sich sicherlich viel Mühe gegeben, alle über 400 Fahrzeuge so realitätsgetreu wie möglich klingen zu lassen, und haben dabei einen sehr guten Job erledigt. Doch irgendwie wirken die Wagen hier etwas zu zahm, zu zurückhaltend. Auch in diesem Sektor hat "Shift" die Nase vorn.

Vom Zaumzeug befreit zeigt das Biest Biss

Alles andere als brav ist das Verhalten der Boliden, wenn ihr sie von ihrem Zaumzeug befreit. Jeder Wagen fühlt sich regelrecht anders an. Brettert man mit dem einen noch in Höchsttempo durch eine enge Kurve, beendet ein anderes Vehikel die Durchfahrt im Kiesbett. Viele der aufgemotzten Fahrzeuge lassen sich im späteren Spielverlauf nur mit viel Fingerspitzengefühl über die Parcours steuern. Wo ein Ford Fiesta noch locker mit Topspeed durchrast, benötigt ein Porsche 911 GT2 ein dauerhaftes Fahren nahe der Ideallinie.

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Vielfältige Tuning- und Stylingoptionen komplettieren das sehr gute Gesamtpaket und bieten zusätzlich tolle Community-Features.
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Wer happige Kurse wie die komplette Nordschleife ohne Fahrhilfen übersteht, weiß, was er geleistet hat. Doch es ginge noch besser, wenn Turn 10 die KI-Konkurrenten noch etwas glaubhafter und vor allem klüger gemacht hätte. Im Vergleich zu den dummen Fahrern von Forza 2 sind zwar deutliche Verbesserungen erkennbar. Doch noch immer bieten die computergesteuerten Kontrahenten zu wenig Paroli, sind sie zu wenig aggressiv und beackern zu stoisch die Ideallinie. Erst ab "schwer" und mit abgeschalteten Fahrhilfen bieten die Konkurrenten tatsächlich genug Gegenwehr, um zu fordern.

Forza Motorsport 3 bietet das derzeit wohl kompletteste und damit beste Angebot für Rennspielfans - auch wenn es sich im Detail Schwachstellen leistet.Fazit lesen

Verbessert wurde auch das Schadensmodell, mit detaillierteren Beschädigungen und größeren Auswirkungen auf das Fahrverhalten. Insgesamt wirken sich Unfälle mit generischen Karosseriedefekten inzwischen deutlich auf die Fahrtüchtigkeit der Vehikel aus - was jedoch äußerlich nicht immer miteinander korrespondiert. Vermutlich legen die realen Hersteller hier ihr Veto ein und verhindern kapitale Zerstörungen. Schade eigentlich. Was zu einem vollkommenen Rennerlebnis fehlt, sind auch Wetterkapriolen. Wir rasen immer nur bei strahlendem Sonnenschein über die durchweg schönen, aber irgendwie auch sterilen Rennkurse. Warum gibt es keinen einsetzenden Regen, keinen Nebel oder gar Schnee?

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Der Karriere-Modus ist in unterschiedliche Rennevents und Saisons eingeteilt.
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PGR 4 hat vorgemacht, wie groß der Nervenkitzel wird, wenn man mit 230 Km/h in eine Kurve fährt und plötzlich eine Nebelwand auftaucht. Apropos PGR 4: Der Karrieremodus von Forza 3 erinnert mit seiner Saisoneinteilung bisweilen stark an dessen Muster. Jede Rennsaison bietet eine Klassenmeisterschaft mit festen Terminen. Dazwischen wählt ihr aus unterschiedlichen Rennevent-Serien aus, insgesamt werden über 200 Events angeboten.

Trumpfkarte: Online-Modi

Die Fahrzeuge selbst sind eingeteilt in Leistungsklassen. Nutzt ihr das mächtige Tuning-Feature (manuell oder automatisch) um euren Boliden aufzupeppen, könnt ihr den fahrbaren Untersatz unter Umständen im nächsten Rennen nicht einsetzen, weil er in die nächsthöhere Klasse versetzt wurde. Das ist allerdings nicht weiter schlimm, da ihr nach jedem Event Erfahrungspunkte kassiert und für jeden Stufenaufstieg neue Vehikel geschenkt bekommt.

Punkte bekommt ihr zudem auch fast hinterher geschmissen, weil es vor allem im freien "Veranstaltungsmodus" möglich ist, mit völlig überlegenen Wagen in Rennen gegen lächerlich untermotorisierte Autos anzutreten. Hier gewinnt man selbst dann, wenn man rückwärts fährt...

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Im Online-Modus schaltet Forza 3 noch einen Gang rauf.
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Ganz anders sieht das bei einer der größten Trumpfkarten von Forza 3 aus, dem Onlinemodus. Wer hier gewinnen will, muss sich häufig mächtig strecken. Überhaupt sind die vielen Community-Features das große Plus dieses Rennspiels. Wer die vielen Tuning- und Styling-Optionen nutzt, kann seine Fahrzeuge in einem Auktionshaus anbieten, in Online-Shops einkaufen gehen, Bilder und Videos übers Internet austauschen. Und natürlich Rennen fahren.

Bis zu acht Spieler liefern sich frei konfigurierbare Duelle. Ob dabei traditionelle Wettkämpfe wie Punkt zu Punkt-Rennen, Drift oder Dragrace im Mittelpunkt stehen oder abgefahrene Katz und Maus-Spiele, ist ganz von den gewählten Einstellungen abhängig. Was Rennspiele betrifft, gibt es derzeit kein besseres Gesamtpaket im Onlinebereich.

Optisch hat sich Forza nur marginal weiter entwickelt. Die Wagenmodelle sind detailliert, haben teilweise aber ihre Ecken und Kanten und können nicht mit den überzeugenderen Darstellungen von Shift oder PGR 4 mithalten. Die Konkurrenten wirken insgesamt etwas lebendiger und weniger steril in ihrer Gesamtpräsentation. Insgesamt wurden zwar die Texturen, Shader und auch Lichteffekte verbessert und bieten euch ein sehr schönes und stimmiges Rennerlebnis. Referenzqualität erreicht Forza 3 auf diesem Gebiet trotz konstanter 60 FPS jedoch nicht.

Zudem leistet sich Forza einige Grafikaussetzer wie merkwürdig flackernde Schatteneffekte, die das positive Gesamtbild ein wenig trüben. Außerdem nerven mit der Zeit auch eigentlich nett gemeinte Features wie eine elendig lange Neustartphase, die auch durch die nicht abbrechbare, immergleiche Startanimation verursacht wird.