Sommer, Sonne, Sprit im Blut. Solltet ihr dieses Jahr euren Ausflug auf ein Musikfestival verpasst haben, dann liefert Forza Horizon 2 das passende Erlebnis in interaktiver Form nach. Aber aufgepasst, ohne Stöpsel läuft euch das Adrenalin nur so aus den Ohren.

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Alles neu auf der Xbox One? Nö, das Spielsystem gleicht in den allermeisten Zügen dem des Xbox-360-Vorgängers. Heißt man bekommt einen fahrbaren Untersatz und darf an den Rennsport-Events des fiktiven Horizon-Festivals teilnehmen, Kohle einsacken, neue Wagen freispielen und nach Herzenslust in einem frei erkundbaren Areal herumdüsen. Mehr als 300 Straßen, 30 Blitzer, 150 Rabattschilder und 700 Einzelwettbewerbe warten auf Entdecker und Gewinner, wodurch Playground Games noch einmal einen Sack Kohle mehr ins Feuer wirft als zuvor.

Rein in Sachen Fläche übertrifft der Schauplatz an der Grenze zwischen Frankreich und Italien die Grenzen des fiktiven Colorados nur um wenige Quadratkilometer, dennoch hebt sich die Umgebung klar von der des Vorgängers ab. Nicht nur, weil die Proportionen nun stark in die Breite gezogen wurden. Landstraßen und Autobahnabschnitte liegen nun weiter auseinander, sodass sie sich nicht mehr ganz so schnell kreuzen. Das Gefühl, lange unterwegs zu sein, wird dadurch verstärkt. Im Ausgleich dafür findet man nun mehr dicht besiedeltes Gebiet mit komplexem Straßennetz. Etwa eine Interpretation der Stadt Nizza oder das Hafenviertel von Genua mit dem Namen Castelletto. Außerdem darf man nun Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“ zitieren: „Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen!“ Diesmal darf quer durch die Pampa geheizt werden. Da lacht das Raserherz!

Forza Horizon 2 - Adrenalinpumpe auf vier Rädern

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Forza Horizon 2. Oder anders: Freude am Fahren.
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Authentizität steht hingegen nicht auf dem Plan. Romantisierung heißt das Stichwort, unter dem jede optische Kürzung und jede gestalterische Fusion eine Daseinsberechtigung findet. Etwa so als ob man von Südfrankreich und Nordwestitalien nur die attraktiven Sahne-Ecken übrig ließe. Das befahrbare Prospekt eines Reiseveranstalters könnte man meinen, und so bleibt das schlechte Gewissen auch brav angekettet, wenn man mal gemütlich durch die Gassen gurkt und alles genau inspiziert. Ist sowieso irgendwann angebracht, da zu demolierende Rabattschilder und verrostete Oldtimer mal wieder geschickt versteckt wurden. Kurzum: Zwischen den offiziellen Rennveranstaltungen des Festivals bleibt genug Zeit zum Austoben.

An der großen Meisterschaft, für die man sich schrittweise über das Verdienen von Armbändchen qualifiziert, hat sich recht wenig geändert. Am ehesten dürfte die neue Staffelung der Veranstaltungen aus dem Rahmen fallen. Je nachdem, in welcher Art Karre man gerade sitzt, bieten sich andere Rennen an. Das reicht von Oldtimer-Duellen über normale Straßenrenenn bis hin zum Kräftemessen mit Düsenjägern oder dem Wettlauf mit einem Zug. Wobei zwei grobe Kategorien hervorstechen, nämlich Asphaltrennen und Offroad-Veranstaltungen, deren fahrerische Natur nicht unterschiedlicher sein könnte.

Forza Horizon 2 - Schnittige Flitzer auf neuen Screenshots

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Schotterpisten sowie Querfeldeinrennen über bestellte Acker und wilde wuchernde Landstriche verlangen eine ganz andere Herangehensweise an die Ideallinie als ein normales Straßenrennen. Hier wird gedriftet und (nicht immer freiwillig) geschlittert, was das Zeug hält. Inklusive jeder Menge Auffahrunfälle, Überschläge, Stunteinlagen und was eben sonst noch in der Pampa passieren kann. Welch ein Glück, dass das Schadensmodell keine dauerhaften Nachteile hinterlässt. Nun, sofern man das denn wünscht. Harte Cracks schalten in den Optionen nicht nur den Schaden auf Realismus, sondern auch das Handling der Karren. In dem Fall steuert die Konsole am Ende eines Manövers nicht mehr automatisch gegen, das dürft ihr schön selbst verrichten. Natürlich möglichst ohne dabei ins Schleudern zu geraten.

Volle Kanne Freiheit!

Wunderbar an Forza Horizon 2 auf Xbox One ist die Möglichkeit, genau das zu tun, worauf man gerade Lust hat. Es gibt nichts, was einen aufhalten könnte, abgesehen von ein paar Mauern und künstlichen Arealbegrenzungen. Ansonsten gilt: Was man sieht, kann man erreichen. Oder sogar über den Haufen fahren, was gerade in der Stadt besonders viel Spaß macht. Einfach mal ein Straßencafé zu Kleinholz verarbeiten? Kein Problem. Einen Blitzer fällen? Auch nicht. Wobei man bei letzteren eher darauf erpicht ist, möglichst schnell vorbeizufahren, um Höchstgeschwindigkeiten verzeichnen zu lassen. Ein Crash mit zerstörbaren Hindernissen raubt zwar nur wenige Stundenkilometer vom Tacho, kann aber das Zünglein an der Waage darstellen.

Weit weniger pingelig legt Forza Horizon 2 Querfeldeinfahrten aus. Normalerweise würde so eine holprige Tour nicht nur arg verlangsamen, sondern obendrein den Motor jedes Straßenflitzers in Stücke reißen. Zugunsten der spektakulären Action tritt keiner der möglichen Nachteile in Kraft, was zwar dem Fahrspaß ungeheuer gut tut, einige Rennen jedoch aus dem Gleichgewicht bringt. Warum sollte man sich an Straßen halten und enge Kurven pingelig genau anpeilen, wenn das Schneiden quer über die Wiese so gut wie keinen Geschwindigkeitsverlust zur Folge hat?

Forza Horizon 2 - Adrenalinpumpe auf vier Rädern

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Das „Ende der künstlichen Intelligenz" sind die Drivatars nicht. Alles in allem leisten sie aber einen passablen Job.
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Klar, die Drivatar genannten KI-Fahrer kürzen ebenfalls ab, unterm Strich können sie jedoch keineswegs so viel Vorteil daraus ziehen wie ein Pilot aus Fleisch und Blut. Überhaupt gehört die künstliche Intelligenz zu den ärgerlichsten Kritikpunkten, denn während Turn 10 und Playground Games mit den Drivatars angeblich das Ende der KI beschwören, beweist Forza Horizon 2, dass es nur um einen Marketing-Gag geht. Einerseits befinden sich Drivatars von Online-Kumpels auf der Strecke, die noch keinen einzigen Meter in Horizon 2 gefahren sind, was nur den Schluss zulässt, dass deren Werte aus Forza 5 übernommen wurden. Wie zur Hölle soll so deren Fahrverhalten im offenen Straßennetz simuliert werden?

Bis auf ein paar kleine Schnitzer ein absolut tadelloses Vollgas-Vergnügen mit irrem Soundtrack, superber Grafik und jeder Menge Abwechslung.Fazit lesen

Zum anderen wirken Drivatare oft seltsam ausbalanciert, wenn es um ihre Talente geht. Die meiste Zeit schlängeln sie sich weltmeisterlich durch jeden noch so verschachtelten Parcour, nur um bei einem simplen Ausweichmanöver auf der Autobahn den nächstbesten Sonntagsfahrer zu knutschen und heftige Karambolagen mit dem restlichen Fahrerfeld zu provozieren. Die Extreme dieses Verhaltens kommen besonders gut zutage, wenn man einzelne Drivatare auf offenem Feld zu einem Duell herausfordert. Es hat was von einer Slapstick-Einlage, wenn sie tierisch enge Kurven in Höchstgeschwindigkeit meistern und dann auf einer leergefegten Geraden gegen den nächstbesten Brückenpfeiler donnern. Uff!

Forza Horizon 2 - Adrenalinpumpe auf vier Rädern

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Auf Schotterpisten wie diesen solltet ihr eure Kamera lieber ein Stück nach oben korrigieren, ansonsten seid ihr quasi im Blindflug unterwegs.
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So etwas fällt auf, kann aber nur wenig Lack vom Chassis dieser Vollgasorgie kratzen. Wer gute Gegner sucht, wird online sowieso am glücklichsten, denn hier geht de Gaudi erst richtig los. Löblich erwähnt sei bereits die nahtlose Implementierung. Keine großartigen Menüs, kein Gefummel in Lobbys, nichts. Man wählt im laufenden Spiel den Online-Part an und wird – sofern eine passende Partie bereitsteht – ohne sichtbaren Übergang augenblicklich ins Netzgeschehen versetzt. Im Gegensatz zum Vorgänger synchronisiert Forza Horizon 2 sogar den Individualverkehr zwischen den Teilnehmern, sodass man online nicht mehr auf leeren Straßen herumdüst. Prima, auch wenn es gerne etwas mehr Verkehr sein dürfte. In der Regel entdeckt man bescheidene drei bis vier Fahrzeuge auf dem gleichen Streckenabschnitt.

Dafür ist in den frei zugänglichen Veranstaltungen umso mehr los. Wettbewerbe starten, Zielpunkte für die Meute legen, Herausforderungen kooperativ angehen, Mitspieler in Stunts übertrumpfen, einfach nur durch die Gegend heizen... alles möglich und nicht mehr in ein enges Korsett gezwängt wie noch beim ersten Horizon. Obendrein darf man Clubs gründen und diverse Wettbewerbe in Teams angehen, Es bleiben kaum Wünsche offen.

Tunnelblick und Ohrenschmaus

Apropos Wünsche: Turn 10 und Playground Games erfüllen viele Forderungen aus der anspruchsvollen Kern-Community. Ganz oben auf der Liste stand wohl das Upgraden und ausführliche Tunen der Boliden, inklusive dem aus der Hauptserie bekannten Lack-Editor. Genau genommen wird man fast schon zum Upgraden und Tunen gezwungen, insbesondere im Rahmen der Querfeldeinrennen. Andernfalls erweist sich selbst ein Rally-Veteran wie der Toyota Celica als Krücke auf vier Rädern.

Die dazu nötige Kohle geht dank diverser Fahrmanöver, gewonnener Veranstaltungen und steigender Erfahrung in regelmäßigen Schüben aufs Konto. Wobei der Teil mit den Erfahrungspunkten ein Placebo ist. Abseits einer Handvoll zusätzlicher Boni, die am Ende doch nur Auswirkung auf die Höhe der monetären Belohnung haben, ändert sich nichts mit einem Stufenaufstieg. Weder das Belohnungs-Roulette, bei dem man durch Zufall Geld oder einen neuen Wagen abstaubt, noch erhöhte Boni für knappes Passieren anderer Wagen und andere Sperenzchen können durchgängig zum Sammeln von XP motivieren. Muss aber auch gar nicht sein, kommt ja sowieso alles von alleine. Der pure Fahrspaß genügt.

Forza Horizon 2 - Adrenalinpumpe auf vier Rädern

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Party hard!
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Und an dem sollte es nicht mangeln. Schon das Einschalten des Radios wirkt wie ein Spritze Adrenalin direkt ins Herz. Beinahe alle Musikstücke treiben wie Sau und drücken das Gaspedal wie von magischer Hand auf Anschlag. Wahnsinn! Nicht dass alle Songs besonders anspruchsvoll wären. Für meinen Geschmack kommt die Rock-Abteilung in Auswahl und Umfang zu kurz. Aber zu behaupten, der Soundtrack wäre ungeschickt zusammengestellt oder passe nicht zum Renngeschehen, wäre glatt gelogen.

Forza Horizon 2 geht vom ersten Moment an unter die Haut, selbst wenn man mit einem lahmen VW-Käfer über den Schotter eiert. Völlig fehlerlos kommt das Programm aber nicht daher. Neben den bereits erwähnten, etwas seltsam reagierenden Drivatars summieren sich viele kleine Flüchtigkeitsfehler zu einer Liste an verbesserungswürdigen Kleinigkeiten.

Das Meiste davon betrifft Querfeldeinrennen. Wer etwa die Motorhauben-Perspektive (oder gar die Kamera an der Stoßstange) bevorzugt, hat auf hoch bewachsenen Rapsfeldern so gut wie keine Chance, den Kurs zu überblicken, da ständig irgendwas direkt vor der Nase steht. Hier wird Umschalten auf die Verfolgerkamera zur Pflicht, was den ein oder anderen Piloten schwer aus dem Konzept bringen kann. Viel besser wird die Situation trotzdem nicht, wenn man sich auf die (abschaltbare) Ideallinie verlässt. Grüne Pfeile auf grünem Rasen... hmmm, das war ja eine tolle Idee.

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Rennspielfan mit Xbox One? Worauf wartet ihr noch!?
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Klingt lächerlich, wird aber mit steigendem Schwierigkeitsgrad kritisch, denn das Fahrverhalten auf offenem Feld setzt sehr viele früh eingeleitete Schleudermanöver voraus. Wer erst reagiert, wenn er die roten Checkpoint-Rauchsäulen entdeckt, läuft Gefahr, Bekanntschaft mit der nächstbesten Absperrung zu machen, oder den Checkpoint komplett zu verpassen. Zum ersten Mal seit der Einführung begrüße ich tatsächlich die Rückspulfunktion. Andernfalls wäre der Frust manchmal unerträglich, denn gelegentlich sind es nicht die eigenen Fahrtalente, die das Verpassen eines Checkpoints begünstigen. Im schlimmsten Fall stehen auch noch ein paar Kontrahenten im Weg.

Glücklicherweise stechen die kontrastreichen Pfeile der Ideallinie immer wieder aus dem Wust aus Gras und Gebüschen heraus, aber optimal ist etwas anderes. Sei es drum, nobody is perfect. Am Wert dieses Rennspielknüllers ändert das wenig. Allerdings sei betont, dass dies vorerst nur für die Xbox-One-Fassung gilt. Ob das Vergnügen auf der Xbox 360 trotz diverser Kürzungen ebenso hoch ausfällt, klären wir in einem separaten Test, sobald uns eine Version ins Haus kommt. Bisher wurden keinerlei Informationen zur 360-Variante preisgegeben, was leider wenig Gutes vermuten lässt.