Ein Musikfestival mit eingebundenem Straßenrennen für Hobbypiloten? So etwas wäre in Deutschland kaum denkbar. Das Open-World-Rennspiel Forza Horizon zeigt, wie viel Spaß diese Kombination bereitet, und verleiht Turn 10s altbekannter Marke gleichzeitig einen erfreulich frischen Anstrich.

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[Ihr sucht Tipps, Leitfäden, Rabattschilder oder die Scheunen? Dann werft einen Blick in unseren umfangreichen Forza-Horizon-Guide.]

Forza Horizon kommt zu spät. Wenn ich so betrachte, welche Stimmung das Spin-off der bekannten Rennspielreihe vermittelt, kommt mir das Frühjahr als bester Veröffentlichungszeitpunkt in den Sinn, denn in Forza Horizon ist es Hochsommer. Kurze Nächte, sonnengeflutete Straßen, ein Festival mit laut pumpender Musik und knapp bekleideten Mädels – all das macht Lust auf mehr. Lust auf den Kick und die Unbeschwertheit des Sommers. Da hätten sich die Organisatoren von Rock am Ring bestimmt bedankt.

Jetzt im Herbst generiert das Ambiente eher Wehmut. Mensch, ich hätte die großen Festivals doch nicht nur an der Glotze verfolgen sollen. Ich hätte mir ein Auto mieten, Vollgas geben, das Radio aufdrehen und auf dem Weg zum Festivalgelände die Birne in den Fahrtwind halten können. Glückwunsch an Playground Games und Turn 10, ihr habt es tatsächlich geschafft, mir zu verdeutlichen, was für ein Sesselpupser ich in diesem Sommer war. Mit einem Rennspiel, wohlgemerkt.

Forza Horizon

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Im virtuellen Colorado geht es auch Offroad zur Sache. Inklusive wilder Drifts.
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Verspielte, offene Welt

Forza Motorsport kenne ich normalerweise nicht als Vermittler solcher Emotionen. Kaltschnäuzig und konzentriert muss ich sein, wenn ich den simulierten Rennflitzern auf trockenen Profikursen den letzten Millimeter in der Kurve abverlange. Umso verspielter wirkt das völlig anders konzipierte Forza Horizon in all seinen Facetten.

Packshot zu Forza HorizonForza HorizonErschienen für Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Als Schauplatz dient ein offenes Straßennetz, dessen Umgebung dem US-Bundesstaat Colorado nachempfunden ist. Natürlich in geschrumpften Ausmaßen und mit begrenzter Authentizität. Playground und Turn 10 legten mehr Wert auf die Vielfalt und das Ambiente des Bundesstaates als auf eine originalgetreue Nachbildung. Daher kann man die Extreme zwischen klirrend kaltem Schneegebiet und sengend heißen Felsen der Rocky Mountains innerhalb einer Viertelstunde überbrücken. Hier schießen Geysire in die Höhe, kaum zwei Kilometer entfernt warten rostrote Felsen und wieder ein paar Straßen weiter sieht man schon die Lasershow des Festivalgeländes.

Vollgas unter der Sonne Colorados. Hier verschmelzen die Grenzen zwischen Arcade-Fahrspaß und Simulation.Fazit lesen

Staubige Schotterpfade, stark befahrene Freeways, idyllische Landstraßen und die Kreuzungen kleiner Stadtzentren summieren die Gesamtanzahl an befahrbaren Wegen auf stolze 216. Das ergibt etwa 350 Kilometer Strecke auf einem Areal von rund zehn mal zehn Kilometern. Einschränkungen existieren nicht – ich darf bei Tag und Nacht an jeden beliebigen Ort. Und sei es nur, um die wunderschöne Grafik zu bestaunen.

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Die dynamischen Tageszeiten sind ermogelt und keineswegs echtzeitberechnet. Bemerkt man aber nur bei Stillstand anhand der Schatten.
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In der Regel dient mir ein Wettbewerb als Motivation zur Erforschung. Während sich die Meute im zentralen Musikfestival die Füße platt tanzt, stelle ich dort höchstens meine Karre zur Schau, tune meinen Schlitten oder sammele ein weiteres Fahrerbändchen ein, das mir Zugang in eine höhere Rennklasse gewährt. Danach geht es zu einem von vielen Straßenrennen, dessen Startpunkt auf der übersichtlichen Ingame-Landkarte verzeichnet ist.

Dank GPS und Streckenmarkierung finde ich augenblicklich dorthin und lege mich unter Umständen mit einem der anderen 249 Fahrer an, die es auf den Pokal abgesehen haben. Darunter auch Darius Flynt, der allseits verhasste, aber hochtalentierte Gewinner der letzten Jahre. Keine Ahnung, wer der Typ wirklich ist, aber die Kommentatoren der drei Genre-fixierten Radiosender quatschen sich über ihn den Mund fusselig.

Das Beste vom Besten

Flynt ist nur einer von vielen potenziellen Kontrahenten. Kleine Videoclips mit schön animierten menschlichen Darstellern erhöhen den Bezug zu diesen Gegnern und geben dem Wettbewerb eine persönliche Note. Klingt nach einem unwichtigen Feature, ist in der Welt von Forza jedoch ein Quantensprung.

Nicht nur weil mir das trockene Abklappern steriler Menüs wie in Forza 4 erspart bleibt. Die Handlung kratzt immer nur an der Oberfläche und versucht keineswegs, einen roten Faden zu spinnen, aber das, was vermittelt wird, reicht, um einen persönlichen Bezug aufzubauen. Einen Grund, nicht nur schlicht als Erster ins Ziel einzulaufen, sondern dem Rivalen so richtig zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Mit der obligatorischen Konfrontation warten unzählige Rennevents und 249 zu erklimmende Ränge. Manche führen einfach nur von A nach B, mal über Schotter, mal über Bergserpentinen oder offenes Land. Und meist mit einem weiteren Pulk ambitionierter Fahrer im Nacken. Schaurennen gegen ein Flugzeug, einen Heißluftballon oder einen Helikopter heizen das Publikum an und sorgen für Abwechslung. Für eine schnelle, persönliche Herausforderung fahre ich hingegen zu beliebigem Zeitpunkt an einen meiner Kontrahenten heran und fordere ihn zum Duell auf.

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Sieht nach Herbst aus, aber so kurz, wie die Nächte in Horizon ausfallen, kann das Festival nur mitten im Sommer stattfinden.
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Forza Horizons offene Umgebung garantiert, dass keine Veranstaltung langweilig wird. Es besteht nur wenig Chance, den Kurs eines Rennens auswendig zu kennen, was möglicher Routine vorbeugt. Immer und immer wieder muss ich aufmerksam sein, den Kurs auf dem Miniradar verfolgen und jede Kurve neu einschätzen. Das pumpt ganz schön Adrenalin in die Venen. Zumal alles erlaubt ist, was die Engine hergibt. Niemand wird für das Abkürzen über die Wiese bestraft. Rempelmanöver gehören trotz drohenden Zeitverlustes sogar zum guten Ton. Was für eine erfrischend andere Herangehensweise im Vergleich zum sonst so bierernsten Zirkelrasen auf der Ideallinie.

Selbst beim freien Herumdüsen fallen genug Aufgaben an. Umgefahrene Rabattschilder senken die Kosten für Upgrades, jeder Stunt, jede Windschattentour und sogar das Zerstören von Zäunen oder Parkbänken wird mit Reputationspunkten belohnt.

Unterwegs messen Blitzer die Durchschnittsgeschwindigkeit auf einer vordefinierten Strecke und vergleichen meine Werte in der Freundesliste. EAs Autolog und Ataris „Test Drive Unlimited“ lassen herzlich grüßen. Codemasters winkt ebenfalls am Straßenrand. Dass so mancher frühere Mitarbeiter aus anderen Rennspielstudios heute bei Playground sitzt, merkt man spätestens nach den ersten Minuten Offroad-Raserei. Das Fahrgefühl auf den brandneuen Schotterabschnitten erinnert unheimlich an „Dirt“.

Noch mehr Zerstreuung: Gelegentlich verraten die Sabbeltanten im Radio den groben Aufenthaltsort eines klassischen Automobils, das in einer versteckten Scheune Rost sammelt. Das Finden der Scheunenzufahrt zuppelt manchmal ganz schön an den Nerven, denn die Karte gibt nur einen groben Radius vor. Aber das ist immerhin ein Grund, gelegentlich in den niedrigen Gängen über die Straßen zu schleichen. Einmal aufgespürt, lasse ich den Flitzer flott machen und stelle ihn in der Garage neben all die anderen Schlitten, die mir Sponsoren im Laufe des Festivals vermachen.

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Egal an welcher Ecke, Colorado sieht in Horizon einfach bezaubernd aus. Und die Autos natürlich auch.
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Kurzum, Langeweile kennt Forza Horizon nicht. Selbst freies Herumkurven ist eine Wonne, weil man an jeder Ecke eine neue Sehenswürdigkeit oder eine schöne Szenerie entdeckt. Den Detailreichtum der geschlossenen Forza-4-Strecken darf man natürlich nicht erwarten, doch ich freute mich Mal um Mal über das hervorragend vermittelte Ambiente.

Nachts wirkt die HDR-kolorierte und mit „Image Based Lighting“ beleuchtete Umgebung zum Beispiel bei weitem nicht so fotorealistisch wie am Tage, doch allein der extra Schuss „Night-Driving“-Stimmung legitimiert die dynamischen Tageszeiten. Schade, dass der Himmel etwas abfällt. Die dunklen Regenwolken am Horizont sehen zu sehr nach Photoshop aus. Da es im virtuellen Colorado sowieso nie regnet, hätte ein strahlend blauer Himmel besser gepasst.

Acht Tickets nach Colorado, bitte

Obwohl sich die Fahrzeugkontrolle minimal arcadiger anfühlt als sonst, fährt Forza Horizon alles auf, was man von der Serie erwartet. Nachvollziehbare Physik, tolle Grafik, röhrender Motorensound und 30 Bilder die Sekunde als solide Framerate. Von den gröberen Zooms, die ich in der Vorabversion beobachtet hatte, fehlt jede Spur. Forza Horizon läuft trotz offener Straßen so sauber und flüssig, dass es eine wahre Freude ist.

Leider verlangt die altersschwache Xbox 360 einen Tribut dafür. Rückspiegel fehlen zum Beispiel komplett, und selbst diejenigen, die man in der Cockpitperspektive erspäht, werden vom HUD verdeckt. Schaden an den Wagen suchte ich ebenfalls vergeblich. Blechbeulen und kaputte Fenster markieren optische Mängel, doch das Fahrverhalten bleibt immer optimal.

Selbst ein Bleifuß-Crash mit den zahmen Alltags-Verkehrsteilnehmern hinterlässt keine bleibenden Auswirkungen, sondern bremst den Wagen nur ein wenig ab – zugunsten des spielhallentypischen Bleifußrasens. Blechschäden konnte ich zugunsten der (mal wieder) ausführliche Fotofunktion sogar auf Knopfdruck ausmerzen, sodass der Wagen für jeden Schnappschuss glänzte wie frisch vom Fachhändler.

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Fanatac-Wheel-Besitzer aufgepasst: Startet das Spiel erst einmal ohne angeschlossenes Lenkrad, sonst bleibt der Drehwinkel aufgrund eines Bugs auf 240 Grad.
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Schade. Andererseits praktisch für alle, die an den Schnappschüssen Gefallen finden. Im virtuellen Colorado findet man derart viele Blickfänger, dass man den ganzen Tag nur Screenshots aufnehmen könnte, ohne sich zu langweilen. Da wäre ein dauerhafter Schaden auf dem Weg zum Hintergrundmotiv ziemlich ärgerlich. Schließlich soll der serientypisch frei gestaltbare Lack auch im orangefarben glühenden Sonnenuntergang perfekt aussehen. Fertige Lackdesigns aus Forza 4 konnte ich problemlos importieren. Wer Spaß daran hat, entwirft im ausführlichen Editor ganz neue Finishs und prahlt damit vor dem Festivalgelände.

Die Frage ist nur, vor wem man prahlen soll. Hat doch nur online so richtig Sinn, und genau an dieser Stelle offenbart Forza Horizon ärgerliche Schwächen. In vielerlei Hinsicht ähnelt Playgrounds Werk einer Kreuzung aus Forza und Test Drive Unlimited. Mit dem Unterschied, dass einige Spielelemente weniger Spaß bereiten, weil maximal acht Teinehmer online um die Wette fahren.

Dass Horizon keine Server-basierte Online-Komponente mit MMO-ähnlichen Eigenschaften auffahren würde, war schon im Vorfeld klar. Wäre ein Traum, aber kaum mit der angepeilten Performance vereinbar, wie Test Drive Unlimited eindeutig bewies. Trotzdem: Forza 4 etablierte zwölf bis sechzehn Online-Teilnehmer, und das hätte ich in Forza Horizon ebenfalls gerne gesehen. Die Vielfalt an Spielmodi wie Teamrennen, Katz und Maus und so weiter, all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Gruppe von acht Leuten auf der großen Landkarte ein wenig verloren wirkt. Das ist wohl auch der Grund, warum viele Online-Rennen auf vordefinierten Kursen stattfinden.

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Schaurennen gegen Ballons oder Flugzeuge sorgen für Abwechslung im Rennalltag.
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Der „Freie-Fahrt“-Spielmodus ermöglicht zwar den acht Teilnehmern maximale Streuung auf der Karte und motiviert zum Lösen von Koop-Aufgaben, aber das Potenzial der Umgebung scheint trotzdem ein wenig verschenkt. Okay, auch zu acht kann man seinen Spaß haben. Ich verbuche das Thema unter dem Stichwort Steigerungsmöglichkeiten.

Nur eines hat mich wirklich geärgert: Turn 10s DLC-Strategie nimmt absurde Formen an. Horizon bringt von vornherein eine Vielzahl authentisch nachmodellierter Fahrzeuge mit, wenn auch weniger als bei Forza 4. Noch vor der Veröffentlichung des Spiels einen 60 Euro teuren Season-Pass mit zusätzlichen Karren sowie weitere Offroad-Modi anzupreisen, halte ich für ziemlich dreist. Nichts gegen DLC an sich, aber wenn ich den Spielpreis verdoppeln muss (60 Euro für die Disc, 60 Euro für DLC), um an den kompletten Umfang heranzukommen, dann läuft etwas gewaltig schief. Hoffentlich enthält der Season Pass auch neue Areale, damit sich die Anschaffung lohnt.