Willkommen in der Welt der keltischen Mythen und Legenden – oder zumindest dem, was japanische Entwickler dafür halten. Mit Folklore ist jetzt ein Titel für die PS3 erschienen, der sich keinesfalls dem putzigen Brauch des Volkstanzes widmet, sondern den Spieler auf eine Reise ins Totenreich führt.

Dass der Trip dabei nicht sonderlich farbenfroh und lebensbejahend wird, legt nicht nur die Thematik nahe. Denn mit Kouji Okada und Yoshiki Okamoto haben zwei ausgewiesene Experten des Grusel-Genres ihre Hände im Spiel, die unter anderem auch Resident Evil verantwortet haben. Ob das allein allerdings ausgereicht hat, um einen echten Gruselkracher für Sonys High-End-Konsole an den Start zu bringen, zeigt unser Test.

Folklore - Trailer

Folkloristisch

Schon mal was von Doolin gehört? In diesem kleinen Ort an der irischen Westküste spielt sich all jenes ab, was man wohl am besten als eine Mischung aus interaktivem Film und Action-Adventure beschreiben könnte. Wobei das Wort „Action“ an der Stelle fraglos ein wenig geprahlt ist. Aber der Reihe nach.

Folklore - Mythen-Mix mit Irish-Moos: Insel-Grün trifft Japan-Bunt

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„Als ich den Papagei bekam, war er gerade mal 20 cm groß!“
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Dass in besagtem Örtchen nicht alles mit rechten Dingen zugeht, beweisen die zerstörten Straßen, die das Dorf von der Außenwelt abschneiden. Fremde wagen sich normalerweise gar nicht erst in die Nähe von Doolin, denn unheimliche Geschichten kreisen über den Ort und seine Bewohner, die scheinbar einen guten Kontakt zu übernatürlichen Wesen pflegen. Auch die Bewohner selbst sind nicht gerade erpicht auf Besuch von außen, von irischer Gastfreundlichkeit fehlt hier jede Spur.

Das bekommt auch die 22-jährige Ellen zu spüren, ihres Zeichens Studentin und auf der Suche nach ihrer tot geglaubten Mutter. Und auch Keats, der zweite Hauptcharakter des Spiels, ist nicht gerade des gesunden Meeresklimas wegen in den Ort gekommen. Der Reporter eines Magazins für übernatürliche Phänomene ist vielmehr einem geheimnisvollen Anruf gefolgt, in dem eine unbekannte Frau um ihr Leben fürchtete und um Hilfe bat.

Packshot zu FolkloreFolkloreErschienen für PS3 kaufen: Jetzt kaufen:

Die beiden Protagonisten treffen sich eher zufällig in Doolin und erleben fortan ein mysteriöses Abenteuer, in dessen Verlauf sie auch der Totenwelt einen Besuch abstatten. Denn es stellt sich schnell heraus, dass das Dorf ein Tor zur Unterwelt ist. Gleichzeitig stoßen die Helden auf immer weitere Geheimnisse und Rätsel um die Einwohner und das Reich der Toten.

Keltische Mythen, Folklore, Grusel, miese Vertonung – hier droht kein Spiel über die Kelly Family, sondern die RE-Macher betreten neues Terrain.Fazit lesen

Reden Sie mit uns!

Liest man ausschließlich die Inhaltsangabe, könnte man meinen, es handele sich um die Einleitung zu einem spannenden Horrortrip, in dem es vor ordentlichen Haujobbs nur so wimmelt und fleißig Geister in den Ruhestand geschickt werden. Doch dem ist leider nicht so. Denn trotz einer dichten und spannenden Atmosphäre erwarten den gespannten Zocker zunächst eine ganze Reihe von langatmigen Dialogen und Sequenzen ohne Action.

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Im Trend: Topfhüte aus Trauerweidenlaub für Emos.
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Bevor es zum ersten Mal zur Sache geht, gilt es, diverse Informationen aus den Dorfbewohnern herauszukitzeln und verschiedene Orte zu besuchen. Leider kann dieses Verfahren nicht ohne weiteres abgekürzt werden, denn die Handlung entwickelt sich erst weiter, wenn man bestimmte Personen und Örtlichkeiten besucht hat. Da die Gespräche in bester japanischer Manier als gezeichnete Standbilder mit eingeblendeten Konversationen ablaufen, wirkt sich dies auf Dauer ermüdend aus. Mehr Auflockerung bieten dagegen die sehr guten Comicsequenzen, die an einigen Stellen die Handlung vorantreiben und ebenfalls ohne Sprachausgabe daherkommen.

Das Geschehen wird jedoch nicht nur in Form von Comics oder Standbildern erzählt, sondern an manchen Stellen auch in filmreifen Sequenzen mit deutscher Sprachausgabe. Die wurde bedauerlicherweise – zumindest teilweise – offenbar vom Volkshochschulkurs „Artikulieren lernen in 300 Semestern“ aus Olpe-Süd realisiert, weshalb sich das Zuhören als dezent anstrengend erweist. Besonders die Stimme der schnuckeligen Ellen erreicht in Sachen Stümperhaftigkeit einen beachtlichen Wert.

Folgeschäden

Zurück zum Spielgeschehen. Man entscheidet sich anfangs für eine der beiden Hauptfiguren und erlebt die Geschichte aus deren Sicht. Während Ellen ihre Mutter finden möchte, kommt Keats die Aufgabe ihres Aufpassers zu. Da man jedoch nach jedem Spielabschnitt zwischen Ellen und Keats wechseln kann, ist es möglich und sogar empfehlenswert, beide Handlungsstränge parallel zu verfolgen. Natürlich kann man die Geschichte auch nur mit einer der beiden Figuren spielen.

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Blasser Auftritt: Yvonne Knatterfeld im neuen Sonntagabendfilm von Rosamunde Pilcher.
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Da jedoch in Folge der Rollenaufteilung die Handlungen der beiden eng verknüpft sind, ist dies nicht ratsam. So muss Keats zumeist auf Dinge reagieren, die Ellen erlebt. Insofern kann mit ihm die Story nicht eigenständig durchgespielt werden. Umgekehrt benötigt die Studentin oft Hilfe, da sie allein nicht weiterkommt. Hat man dann Keats zu sehr vernachlässigt, steht er nicht gleich zur Verfügung, sondern muss erst bis zu diesem Punkt gespielt werden.

Hi Folks

Grundsätzlich ist Folklore in zwei sehr verschiedene Abschnitte geteilt. Während man tagsüber durch die grau verhangenen Straßen schleicht und Informationen sammelt, begibt man sich nachts in die Welt der Toten. Und da fängt der weitaus interessantere Spielteil an. Hier gilt es nicht nur, diverse Aufgaben für die Lebenden zu lösen, sondern es wollen auch jede Menge Geisterhintern versohlt werden. Denn zumeist müssen Botschaften der Toten an die Angehörigen im Dorf übermittelt werden – ein recht ungemütliches Unterfangen.

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Aus unserer Reihe „Neue Jobs auf 1-Euro-Basis“ diesmal: Nachtportier im Hotel Adlon.
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In der Unterwelt trifft man auf die „Folks“. Einige von ihnen sind ganz patente Zeitgenossen, mit denen man reden kann. Die meisten jedoch sind missmutige Geister, die absolut nichts davon halten, dass Keats und Ellen ihre Aufträge erledigen. Trifft man auf solche Gesellen, kommt man um eine tätliche Auseinandersetzung nicht herum. Wer hierbei allerdings beste RPG-Kost erwartet, sollte seine Erwartungen herunterschrauben, denn anfangs reduziert sich das Hauen auf simples Geklicke in Echtzeit.

Das ändert sich allerdings bald, denn die Seelen von neuen besiegten Gegnertypen können durch Rütteln mit dem Controller „aufgesaugt“ werden und dienen danach als Waffen für Angriff oder Verteidigung. Dazu werden die Seelen auf die frei belegbaren Hauptbuttons gelegt, so dass man immer vier verschiedene Techniken gleichzeitig zur Verfügung hat. Je mehr unterschiedliche Folks man im Laufe der Zeit auf diese Weise einsackt, desto mehr Kampftechniken stehen insgesamt zur Auswahl.

Leider birgt das Prinzip der freien Tastenbelegung, so praktisch und effizient es auch ist, einen großen Nachteil. Es wirkt sich oft störend auf den Spielfluss aus, weil man stets erst das Konfigurationsmenü aufrufen muss, um die best mögliche Waffenauswahl einzustellen. Zwar kann man viele Gegner mit ein und derselben Voreinstellung besiegen. Doch besonders im fortgeschrittenen Spielverlauf wird die richtige Kombination immer wichtiger, da die Gegner zunehmend schwieriger zu besiegen sind. Versäumt man dann den zackigen Griff ins Konfigurationsmenü, wird häufig das Laden des letzten Spielstandes fällig.

Ansichtssache

Ein weiterer Schwachpunkt des Spiels ist die unzureichende Kameraführung. Die jeweils aktive Waffenkombination wird zwar oben rechts groß und deutlich eingeblendet, doch besonders bei unübersichtlichen Kampfszenen stören die Symbole, da sie je nach Blickwinkel Teile des Geschehens verdecken können. Ein Druck auf die L1-Taste loggt den anvisierten Gegner ein, doch leider nicht dauerhaft. Besonders, wenn die eigene Figur Prügel bezieht, geht die Einstellung verloren – ein ärgerlicher Umstand, wenn man von mehreren Schurken umzingelt ist. Immerhin ist die Kamera frei rotierbar, doch bei Gewusel hilft auch das nicht viel. Immerhin sorgt ein kleiner Radarschirm am linken oberen Bildschirmrand für etwas mehr Übersicht im allgemeinen Durcheinander.

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Als Rotkäppchen einmal richtig viel Pech hatte...
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In Sachen Multiplayer lässt Folklore den geneigten Zocker übrigens weitgehend allein. Die Option, die Story im Koop-Modus mit beiden Charakteren durchzuspielen, existiert leider nicht. Dafür darf man eigene Dungeons entwerfen und online anderen Spielern zur Verfügung stellen. Außerdem ist es möglich, neue Klamotten für Ellen und Keats herunter zu laden. Das ist nett, bleibt aber in Sachen Online-Gaming deutlich hinter den Möglichkeiten der PS3 zurück.

Insgesamt hinterlässt Folklore einen sehr gemischten Eindruck. Die eigenartig-rätselhafte und wunderschöne Spielwelt weiß über weite Strecken zu faszinieren und steht im Konflikt mit ärgerlichen Designmängeln, die viel Spielspaß kosten. Das ist schade, denn aus der brillanten Idee und deren grafisch-optischer Umsetzung hätte mit ein bisschen mehr Feinschliff ein echtes Juwel für die PS3 werden können. So bleibt unter dem Strich ein interessanter Titel, der jedoch kein Kaufgrund für Sonys Edelkonsole ist. Das Warten auf die echten Highlights geht also weiter.