Vor drei Jahren startete Firefall zum ersten Mal in die Closed Beta. Die jedoch konnte man im besten Falle als holprig bezeichnen. Was folgte, waren finanzielle Probleme, Sackgassen beim Design, Streitigkeiten innerhalb des Teams und allerlei andere Querelen. Das Projekt stand unter keinem guten Stern. Entsprechend grenzt es beinahe an ein Wunder, dass Firefall jetzt doch offiziell veröffentlicht wurde - und das nicht mal schlecht.

Des Pudels Kern

Irgendwie erinnert die Geschichte von Red 5, dem Studio hinter Firefall, entfernt an die von WildStar-Entwickler Carbine: Nachdem man die Arbeit an World of Warcraft und damit die Karriere bei Blizzard Entertainment beendet hatte, nahm ein kleines Grüppchen passionierter Entwickler vor knapp zehn Jahren das Schicksal selbst in die Hand und gründete ein Unternehmen.

Im Falle von Red 5 war wohl Mark Kern die treibende Kraft. Für Blizzard hatte er von StarCraft über Warcraft und Diablo II an allen wesentlichen Titeln mitgearbeitet und als WoW-Teamchef genügend Erfahrung gesammelt, um endlich ein eigenes Projekt zu stemmen. Doch gute Designer sind nicht unbedingt gute Unternehmer.

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Bekannt für seine enorme Fantasie, hatte Kern leider auch so manche Flause im Kopf. Da wurden Busse angeschafft und für ein Vermögen von West Coast Customs “gepimpt”. Kampfanzüge wurden entworfen, eine Filmausrüstung angeschafft und eine zum Scheitern verurteilte Mini-Serie konzeptioniert. Felicia Day und Wil Wheaton wurden angeheuert, um auf dem “Firefall Fest” so zu tun, als seien sie Feuer und Flamme für das Projekt.

Das alles wäre kaum möglich gewesen, hätte sich Mark Kern nich gleichzeitig als unglaublich talentiert dabei erwiesen, immer neue Investoren aufzutreiben, die bereit waren, Geld in die nicht enden wollende Entwicklung zu stecken. 2010 stieg dann Ex-WoW-China-Publisher The9 als Mehrheitseigner ins Unternehmen ein und verschaffte dem unter Druck geratenen CEO erneut etwas Luft.

Manchmal muss man loslassen können. Red 5 hat das getan und Firefall endlich auf den Weg gebracht.Fazit lesen

Weit schlimmer als die vielen Nebenprojekte war jedoch die Angewohnheit Kerns, immer wieder in die laufende Entwicklung des Spiels einzugreifen. Er stampfte Konzepte, an denen über Monate hinweg gearbeitet worden war, mal eben so im Vorbeigehen ein und forderte von den Entwicklern Ersatz innerhalb weniger Wochen. Ende letzten Jahres brachte Mark Kern das Fass dann wohl zum Überlaufen und wurde vom Verwaltungsrat als CEO abgesägt. Sieben Monate später war Firefall plötzlich fertig.

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Angezockt und weggelegt

Zumindest gilt es mittlerweile offiziell als veröffentlicht und wird komplett kostenlos über die Gaming-Plattform Steam angeboten. Das ist so etwas wie eine Feuerprobe für Firefall, das im Laufe der letzten Jahre und Beta-Tests wahrscheinlich bereits von jedem informierten Shooter-Fan irgendwann mal angezockt und wieder aufgegeben worden war.

Auf den ersten Blick hat sich seither gar nicht so viel in Firefall getan, das seinen Namen einem Asteroiden verdankt, dessen Einschlag im Jahre 2178 die Erde verändern soll. Wobei es eigentlich unzählige kleine Einschläge sind, unter denen der Planet zu leiden hat, denn der Himmelskörper zerbricht vor seinem Aufschlag.

Unglück im Glück im Unglück

Was folgt, ist ein jahrelanger Winter und der Zusammenbruch des Staatengefüges. Mitten in der Agonie allerdings entdecken Wissenschaftler eine wundersame Substanz in den Trümmern des Asteroiden. Das sogenannte Crystite stellt sich als unerschöpfliche Energiequelle heraus und führt die Menschheit in ein neues, goldenes Zeitalter und direkt ins benachbarte Sonnensystem Alpha Centauri, wo man die Substanz in großen Mengen abbaut und bald die Unabhängigkeit von der Erde anstrebt.

Um das zu verhindern, baut man dort ein riesiges Kriegsraumschiff, das in der Lage ist, den Raum zu falten - quasi ein Warp-Antrieb. Doch es kommt zu einem Unfall. Das Schiff reißt ein Loch ins Raum-Zeit-Gefüge, stürzt über Rio de Janeiro ab und die Erde in eine neuerliche Katastrophe. Da das Crystite weiterhin Energie liefert, laufen die Maschinen des Raumschiffs weiter und erzeugen eine Raumfalte auf dem Planeten

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Durch die gelangen fortan eine fremde Flora und Fauna sowie ebenso intelligente wie feindselige Außerirdische auf die entstellte Erde - die perfekte Ausgangssituation für einen Open-World-Shooter. Und das nicht zum ersten Mal, denn wer sich mal mit Trions Defiance beschäftigt hat, wird mehr als nur ein vages Déjà-vu erleben. Fast könnte man meinen, es handle sich hier um ein und dieselbe Geschichte. Auch manch außerirdischer Käfer kommt einem arg bekannt vor.

Wobei man die Ähnlichkeit der beiden Titel wohl kaum den Jungs von Red5 anlasten kann, denn als Firefall die ersten Beta-Tests durchlief und Mark Kern mit dem neu erworbenen Film-Equipment experimentierte und von der eigenen Mini-Serie faselte, war Defiance nicht einmal angekündigt. Doch wir wollen hier keine Urheberrechtsfragen klären, sondern ein Spiel testen.

Jetzt fehlt nur noch das Oculus

Das fühlt sich auf den ersten Klick ausgesprochen vertraut an, spielt sich klassisch mit WASD und am besten via Blick von hinten über die eigene Schulter. Wobei es einen entscheidenden Unterschied zu herkömmlichen Shooter-Games gibt: Die Leertaste lässt einen nicht nur wie gewohnt hüpfen - man aktiviert damit auch obendrein den Jetpack.

Firefall - Feurige Zwischenmahlzeit

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Nach zwei Apokalypsen sieht die Welt nicht mehr aus wie früher. Dank technischer Errungenschaften hat sich die Menschheit allerdings mit der neuen Situation arrangiert.
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Dessen Energiezufuhr ist zwar äußerst knapp bemessen, doch je nach Ausrüstung katapultiert man sich damit für einige Sekunden in die Höhe und möglicherweise kurzzeitig aus dem Schussfeld der Feinde, während sich selbige prima mit einigen Explosivgeschossen eindecken lassen. Auch lässt der pfiffige Düsenantrieb so manch beherzten Sprung aus schwindelerregender Höhe zu und sorgt hier und da schon mal für eine eindrucksvolle Aussicht.

Packshot zu FirefallFirefallRelease: PC: 3. Quartal 2013

Überhaupt ist Firefall dank Cartoon-Einschlag recht zeitlos und hübsch anzusehen und kann sich grafisch auf jeden Fall mit Trions Defiance messen und läuft auch auf Rechnern der unteren Mittelklasse ziemlich problemlos. Mancherorts wirkt die postapokalyptische Umgebung allerdings auch etwas lieblos und unfertig, so als habe Red 5 die eine oder andere Baustelle ruhen lassen müssen, um sich wichtigeren Dingen zu widmen.

Was das Spielerlebnis betrifft, so haben sich die Entwickler seit dem Putsch gegen Mark Kern vor allem einem Problem angenommen - dem Gefühl von Ziellosigkeit, das in der Beta stets präsent war und viele Spieler abgeschreckt hat. Zwar präsentiert sich Firefall nach wie vor als riesige Welt, doch gibt es jetzt eine Kampagne samt Story, die den Spieler wie ein roter Faden durch Firefall begleitet - sofern er dies möchte.

So ein Thumper ist ein Mordsding

Zwar ist die Kampagne qualitativ mehr als durchwachsen, die ausnahmslos englische Sprachausgabe stellenweise nervig und die Missionen arg generisch, doch angesichts der wenigen Monate, die dem entkernten Team dafür zur Verfügung standen, ist das durchaus ein Kompromiss, mit dem es sich für ein Weilchen leben lässt. Immerhin gibt es recht spaßige Instanzen sowie ein paar Aktivitäten in der offenen Welt, allen voran die Thumper.

Das sind mobile Erzschürfer, die man craften muss und dann, nachdem man eine Umgebung auf ihr Erzvorkommen gescannt und für ausreichend befunden hat, anfordern kann. Kaum gelandet, nimmt der Thumper seine Arbeit auf, lockt dabei jedoch auch allerlei Feinde an - ein Solo-Thumper entsprechend weniger als ein Gruppen-Thumper.

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Wer Missionen erledigen möchte, muss sich auf lange Wege einstellen.
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Letztere lösen bisweilen echte Großereignisse aus, die nicht nur Hunderte von Mobs, sondern auch Dutzende Mitspieler auf den Plan rufen. Die Folge der Zusammenkunft ist dann meist ein ebenso hirnloses wie kurzweiliges Geballer, mit dem sich manch langweilige Skype-Konferenz besser ertragen lässt - vor allem für bestimmte Klassen.

Die fünf Klassen unterteilen sich in Firefall noch einmal in insgesamt 16 unterschiedliche Battleframes. Das sind sind, ähnlich wie bei PlanetSide 2, Warframe und anderen Spielen dieser Bauart, Kampfanzüge, die bestimmte Eigenschaften und Einsatzmöglichkeiten eröffnen. An dafür vorgesehenen Terminals kann der Spieler beliebig zwischen den Klassen wechseln, muss die dann allerdings voneinander unabhängig leveln.

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Dank der Jetpacks ist Firefall für einen Shooter erfreulich dreidimensional geraten.
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Und täglich grüßt der Battleframe

Den ersten Frame gibt es kostenlos, weitere schaltet man immer dann frei, wenn man mit einem Frame Stufe 40 erreicht. Wem das alles zu lange dauert, der kann natürlich zur Kreditkarte greifen und die Sache beschleunigen. Auch wenn man dazu an keiner Stelle gezwungen wird, ist die Verlockung doch gewaltig, denn letztlich bedeutet das Leveln weiterer Battleframes nichts anders, als dass man bereits erledigte Gebiete noch einmal abgrast - im Extremfall eben stolze 16 Mal.

Wer derweil darauf hofft, sich seine Sporen zwischendurch in spannenden PvP-Gefechten zu verdienen, wird von der derzeitigen Version von Firefall enttäuscht sein. Die alten PvP-Arenen mit ihren Möglichkeiten, wurden aus dem Spiel entfernt. Sie sollen komplett überarbeitet und “später” ins Spiel gebracht werden - wann auch immer das sein wird.

Das offene PvP, das derzeit in einem bestimmten Areal stattfindet, ist relativ sinn- und spaßfrei und man kann Firefall daher getrost als PvE-Spiel bezeichnen. Auch das Crafting ist noch eine einzige Baustelle, in die noch viel Arbeit fließen muss und die Rohstoffe, um die es sich eigentlich zu kämpfen lohnen sollte, stapeln sich ungenutzt im Inventar.

Firefall - Feurige Zwischenmahlzeit

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Mit dem Gleiter kommt man schnell voran - allerdings geht es damit immer nur abwärts.
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Generell ist vom ursprünglichen Sandbox-Charakter des Spiels, der vor allem auf die Ideen von Mark Kern zurückgeht, ist nicht mehr viel übrig. Doch so bedauerlich das auch sein mag - die Umstellung war dringend nötig, um das Spiel halbwegs salonfähig zu machen und vor allem um es endlich veröffentlichen zu können. Ein Wunder, dass es überhaupt geklappt hat.