Wer sind bitte diese zwei Heinis? Der eine mit feuerrotem Schopf, der andere mit entschlossenem Blick und blauem Haar. Könnten Brüder sein: Beide tragen mittelalterliche Klamotten mit Umhang und ein Schwert auf dem Rücken. Und wie sie damit umzugehen wissen! Dagegen kann sogar Link mit seinem Master-Schwert kaum anstinken.

Fire Emblem: Awakening - Trailer6 weitere Videos

Heute, mehr als zehn Jahre später, kennt man die beiden Männer. Zehn Jahre, in denen endlich auch außerhalb Japans vier, jetzt fünf, Spiele einer Serie erschienen sind, der man bei Nintendo wohl nicht so richtig traute. Verständlich für eine Firma, die in sechs- bis siebenstelligen Verkaufszahlen denkt.

Und auch „Fire Emblem: Awakening“ wird global allenfalls an der Millionengrenze kratzen. Eine Schande. Und Wasser auf die Mühlen all jener, die am Horizont bereits das anspruchslose Ende des Videospiel-Abendlandes kommen sehen. Aber auch mehr als eine Dekade nach dem Erscheinen des GameCube-Prüglers „Super Smash Bros. Melee“, in dem Roy und Marth erstmals von westlichen Spielern gemustert und im Schatten des All-Star-Kollektivs noch gerade so als schwertschwingende Halbstarke durchgingen, hat sich wenig an ihrer allgemeinen Wahrnehmung getan. Das muss sich endlich ändern.

Nie gab es dafür einen besseren Zeitpunkt, denn nie zuvor gab es ein besseres „Fire Emblem“.

Fire Emblem: Awakening - Wann ist ein Spiel perfekt?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 56/621/62
Mit einem coolen Intro wie diesem dürften gern mehr 3DS-Spiele beginnen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Auf vermeintlich alten Schiffen lernt man segeln

Wer das Modul in seinen 3DS schiebt, löst damit gleichzeitig ein Ticket in eine andere Zeit, denn FE:A ist ein altes Spiel im eigentlichen Sinn. Einige von euch mögen das bereits beim Anblick der altertümlichen Garderobe des Protagonisten bemerken, wenn sie vor Spielstart Sperenzchen wie Geschlecht, Frisur und andere Kleinigkeiten desselbigen zu einem mehr oder weniger charismatischen Helden zusammenfügen.

Spätestens wenn dieser kurz darauf von Chrom, dem Prinz des Königreichs Ylisses, und seiner Sippschaft ohne Gedächtnis vom Wegesrand aufgefischt wird, sich wirres Zeug und einen Crashkurs in königlicher Geschichte angehört hat, liegen die Fakten klar auf dem Tisch: Es herrscht Krieg in einer mittelalterlichen Welt – und ihr seid mittendrin. Das Geplapper, das Gebaren des kleines Grüppchens ist offenherzig und mutet angesichts der Epoche freilich etwas anachronistisch an, zeigt aber doch unmissverständlich, in welcher Zeit ihr euch bewegt: in einer vergangenen.

Fire Emblem: Awakening - Wann ist ein Spiel perfekt?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 56/621/62
Die Samthandschuhe der ersten Kämpfe werden schneller wieder abgelegt als euch lieb ist.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Mit Hohn oder einer Einstellung, die gefährlich nah an der Grenze zur Ignoranz schrammt, ließe sich auch der erste technische Eindruck dem Videospieläquivalent dieser Ära zuordnen. Und wie 2005 erst die Synchronisation ist! Nur ein paar Wortfetzen stammeln die Charaktere vor sich hin, während der Rest des Gesagten brav in der Dialogbox am unteren Ende des Bildschirms über selbigen geschoben wird. „Altmodisch“ würden Fans sagen, „überholt“ alle anderen.

Noch altertümlicher als die eigentliche Welt, die sich in dieser bewegenden Bewohner oder die detailarme Strategiekarte ist allerdings der Tod. Sterben heißt nicht bis zum Ende der Schlacht warten und wieder aufstehen, als wäre nie was gewesen. Man scheidet nicht temporär aus dem Leben. Beißt ein Charakter ins Gras, war's das. Er kommt nicht zurück, steht nicht wieder auf. Er ist tot – für immer. Auch der geübteste Heiler kann daran nichts ändern. Und das schmerzt. Jedes Mal.

Fire Emblem: Awakening ist nicht perfekt. In seinen besten Momenten ist es aber verdammt nah dran.Fazit lesen

Schon 1990 konnte die bunte Klötzchengrafik nicht über die Endgültigkeit des Todes hinwegtäuschen, als Marth auf dem Famicom (Anm.: Japanische Version des NES) erstmals den Tod seiner Freunde und Kameraden betrauerte. Ein endgültiger Tod, der, so makaber es klingt, ein Segen ist.

Perfide Perfektion

„Hat das alles überhaupt schon mal jemand besser gemacht?“ ist so eine Frage, die mir während des Spielens ständig durch den Kopf ging. „Advance Wars“ wäre die nächstliegende Antwort. Aus gutem Grund: Beide Serien stammen aus demselben Entwicklerhaus und werden seit jeher durch mehr Parallelen als Unterschiede verbunden.

Wäre da nicht der Tod.

Im hehren Kriegstreiben gehören Verluste zum täglich Brot; wo gehobelt wird, da fallen Späne. Panzerbrigade ersetzt Panzerbrigade ersetzt Panzerbrigade. Das Nachproduzieren von Einheiten ist ein essentieller Bestandteil, der den komplexen Rundenkämpfen noch eine weitere Ebene hinzufügt, da Ressourcen verwaltet und Fabriken eingenommen werden müssen. Mit perfidem Genie besinnt sich „Fire Emblem“ hingegen auf das Wesentliche und schafft auf diese Weise ein kleines Paradoxon: Durch die Reduktion eines entscheidenden Elements werden zugleich mehrere neue hinzugefügt, ohne an den Schrauben des eigentlichen Spielablaufs zu drehen.

Fire Emblem: Awakening - Wann ist ein Spiel perfekt?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 56/621/62
Wer dieser mysteriöse Mann wohl ist?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Weder kalter Stahl noch blasse Substitutionssoldaten stehen sich im Kampf der Königshäuser gegenüber. Stattdessen setzten sich die eigenen Reihen aus individuelle Persönlichkeiten zusammen, die hoffen, bangen, lieben. Kellam etwa, der treudoofe Ritter, der trotz seiner hünenhaften Statur ständig von seinen Kameraden übersehen wird. Oder die schüchterne Sumia, deren Zuneigung für Prinz Chrom offensichtlicher und tollpatschiger nicht sein könnte.

Knapp 40 Charaktere schließen sich der Gruppe an; manche automatisch, andere nur durch das Erfüllen bestimmter Bedingungen, alle aber mit ihrem eigenen unverwechselbarem Stil, der sich nicht nur auf das allgemeine Auftreten beschränkt. Ein selbstsicherer Muskelprotz tritt auch seinen Feinden mit anderen Mitteln als ein junges Mädel gegenüber, das sich nicht entscheiden kann, wessen Heiratsantrag es nun annehmen soll. Ob spezifische Fähigkeiten, Waffenvorlieben oder pure Statuswerte: Jeder Aspekt eines Kämpfers ist entscheidend von dessen Wesen beeinflusst.

Fire Emblem: Awakening - Wann ist ein Spiel perfekt?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 56/621/62
Die 3-D-Kämpfe sehen gut, aber nicht atemberaubend aus.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Vielleicht tut es deshalb so weh, wenn der persönliche Liebling plötzlich tödlich verwundet am Boden liegt, sich für sein Versagen entschuldigt, noch einmal Luft holt – aber nie wieder ausatmet. Dabei lief es doch so gut: Mit einer Heilerin als Unterstützung im Rücken haben die zwei stärksten Nahkämpfer die feindliche Frontlinie schnell nach hinten verschoben. Die Pegasusritterin hat durch ihre Beweglichkeit binnen drei Zügen den Nachschub abgeschnitten, während Magier und Bogenschützen die zurückgedrängten Gegner von den östlichen Bergen unter Beschuss nehmen konnten.

Dann wurde aus trügerischer Selbstsicherheit tödlicher Leichtsinn geboren: Ist man in Gedanken schon beim nächsten Kampf, verkommt auch das Stein-Schere-Papier-Prinzip der verschiedenen Waffen zur Nebensächlichkeit und plötzlich registriert man – zu spät, natürlich – dass die Reichweite des grimmigen Schwarzmagiers zwei Felder weiter als vermutet reicht. Schon ist der coole Schwertkämpfer, den man für seine zynischen Kommentare und mächtigen Fähigkeiten mochte, geschlagen.

So erging es zumindest mir. Und ihr werdet eine ähnliche Geschichte erzählen können.

Ein Antikriegsspiel?

Es mag ein wenig zu dick aufgetragen sein, „Fire Emblem: Awakening“ aufgrund seines Umgangs mit dem Tod philosophische Züge zu attestieren. Dafür fehlt es den Folgen an letzter Konsequenz (im Kampf gestorbene Charaktere können, den Regeln des Universums zum Trotz, in nachfolgenden Zwischensequenzen weiterhin auftreten) und auch die Ausprägung der Charakterzüge ist dafür nicht tief genug.

Wer in Videospielen aber mehr sieht als Konsumgüter zum Zeit totschlagen und auch mal versucht, zwischen den Zeilen zu lesen, wird dieses besonders schätzen. Immer wieder halten Charaktere inne, reflektieren ihr Handeln, zweifeln an ihren Entscheidungen und am Krieg als Ganzes. Die Ränkespiele und Intrigen der Königshäuser erinnern bisweilen sogar an die TV-Serie „Game of Thrones“, ohne natürlich deren Qualität oder Komplexität zu erreichen.

Fire Emblem: Awakening - Wann ist ein Spiel perfekt?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 56/621/62
Da hat's wohl jemand gleich hinter sich.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

„Fire Emblem“ ist so vieles, aber vor allem eines: konsequent. Es entsagt der Versuchung, die fordernden Kämpfe zum zentralen Dreh- und Angelpunkt zu erheben, obwohl es dafür jede Berechtigung hätte. Nur selten war Rundenstrategie intelligenter, fordernder und speziell durch den endgültigen Tod besiegter Einheiten spannender. Jedes noch so kleine Rädchen dieses vielschichtigen Mechanismus' hat einen festen Platz und seine Daseinsberechtigung. Fein verzahnt bauen Statuswerte, Fähigkeiten und Waffendreieck aufeinander auf, werden von unterschiedlichen Terrains, Sonderaufgaben und etlichen weiteren Elementen gestützt, ohne das auch nur eines davon aus dem Raster fällt. Viel besser kann man's nicht machen.

Dieser Zustand wurde allerdings schon fast vor fünf Jahren auf dem DS oder 2005 auf dem GameCube erreicht, weshalb man in Kyoto offenbar zu der Einsicht gelangte, ein neues Feld bestellen zu müssen. Um den viel zu langen Bogen endlich zu schließen: In „Awakening“ manifestierte sich dies schließlich im Entschluss, den Fokus ein Stück weit von den Kämpfen auf die Charaktere zu verschieben und die Entwicklung von diesen ausgehend in konzentrischen Kreisen weiter aufzufächern.

Fire Emblem: Awakening - Wann ist ein Spiel perfekt?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 56/621/62
Die Weltkarte fächert sich erst relativ spät aus. Dann aber auch mit allerlei Händlern, Nebenmissionen, Gegnern usw.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

In der Kaserne halten eure Mannen Schwätzchen und vertiefen ihre Freundschaft damit genauso wie durch gemeinsames Seite-an-Seite-Kämpfen, das beiden Parteien kurzfristige Attributsboni und langfristige Bindung einbringt. Erreicht die Zuneigung zwischen männlichen und weiblichen Einheiten ihren Höhepunkt, können diese letztlich gar heiraten und Kinder zeugen, wobei sie einen Teil ihrer Fähigkeiten an die Sprösslinge weitergeben. Wo ist mein Pokéball?

Da aber selbst der talentierteste Nachwuchs ohne die richtige Waffe in der Hand seinem sicheren Untergang entgegenläuft, müssen auch diese sorgfältig gewählt werden. Wieder folgt eine Entscheidung der nächsten: Kann ich mir die leisten? Soll ich warten, bis die Lanze zerbrochen ist oder gleich eine neue kaufen? Wäre es besser … Lassen wir das. Auch diesem Spielelement fehlt es nicht an Anspruch – mehr müsst ihr nicht wissen.

Fehlt es „Fire Emblem: Awakening“ überhaupt an etwas? Irgendwas? An Füßen, vielleicht, denn scheinbar wurden alle Bewohner Ylisses durch einen seltenen Gendefekt ohne klumpige Enden an ihren Stelzen geboren. Ins Wackeln geraten sie trotzdem nicht. Keine Sekunde. Wie alles andere auch.