Lange trudelten neue Informationen zum inzwischen zehn Jahre in Entwicklung befindlichen Rollenspielepos Final Fantasy XV tröpfchenweise ein. Doch inzwischen nimmt das Projekt Form an und ergibt ein bizarres Bild. Kampfsystem, Handlungsprämisse und Grafikstil unterscheiden sich heftig von allem, was die Reihe zuvor ausmachte. In diesem Final Fantasy ist vieles final, aber wenig wirklich Fantasy. Stattdessen bestimmt eine verzerrte Interpretation der Realität den Stil. Grund zum Unken? Kommt auf die eigene Erwartungshaltung an.

Keine andere Videospielserie der vergangenen 30 Jahre erwies sich wandlungsfähiger als Final Fantasy. Schon die ersten zehn Teile bewiesen durch immer neue Geschichten und stetig abgewandeltes Spielsystem höchste Flexibilität. Der Sprung, den Square mit Ableger Numero 15 vollzieht, ist jedoch derart radikal, dass sich einige Fans der alten Garde nicht mehr angesprochen fühlen. Mystische Landschaften und abstrakte Fabelwesen? Ja, die gibt es noch, aber der Grundtenor ist ein glaubhafter, der an die reale Welt erinnert. Grafikstil wie auch technische Gestaltung sparen mit dem poppigen Farbstil und der heftigen Anime-typischen Überzeichnung früherer Tage. Der Anblick von Final Fantasy XV wirkt ungewohnt.

Nun, Gewohnheit ist weder ein Privileg noch ein Indiz für Qualität. Ob Squares Umgestaltungspläne in Spaß und Finesse fruchten, bleibt abzuwarten. Ziel der Maßnahme ist jedenfalls eine Erweiterung der Zielgruppe und das Loslösen vom steifen Japan-Rollenspielkorsett früherer Tage. Schneller, direkter, mehr westliche Einflüsse, mehr Action. Eine Rückkehr zur Steuerung einer ganzen Kampfgruppe ist ebenfalls ausgeschlossen. Wie schon bei den jüngsten Iterationen steuert der Spieler lediglich einen von vier Hauptdarstellern, mit dem Unterschied, bei gewissen Gelegenheiten auf Talente der Nebenfiguren zurückgreifen zu können. Als zentrale Figur und Hauptcharakter dient der nassforsche Prinz Noctis, mit dem man in allen Kampfhandlungen und geschichtlichen Verstrickungen Vorlieb nehmen muss.

Final Fantasy XV - Hangover auf Japanisch

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Dicke Gegner und flotte Action: Final Fantasy XV soll zugänglicher werden und zugleich komplex bleiben. Das klingt, wie vieles an diesem Rollenspiel, äußerst ambitioniert.
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Prinzenrolle

Noctis, der wie seine drei Begleiter ausschließlich in schwarzer Kleidung unterwegs ist und stilistisch aus der Emoszene entliehen scheint, reist mit dem Auto durch sein Königreich und versucht, das Nachbarland zu erreichen. Dort soll er eine Prinzessin namens Lunafreya heiraten. Leider nicht aus reiner Zuneigung, sondern aus politischer Motivation, denn das angestrebte Länderbündnis soll den Frieden zwischen beiden Nationen sichern und militärische Stärke im Kampf gegen das verfeindete Imperium Niflheim garantieren.

Eine noble Aufgabe, aber nichts, was die Hormone eines Junggesellen seines Schneids in Wallung bringt. Darum lässt er sich auf dem Reise im Verbund mit seinen drei Kumpanen Gladiolus, Ignis und Prompto gerne ablenken. Zum Beispiel von einer Mechanikerin mit extrem freizügiger Kleidung und einem Vorbau, der jedem Pornoheftchen Ehre machen würde. Nun ja, ganz so freiwillig lässt er sich nicht durch Cindy von seinem Plan abbringen. Eigentlich kommt er nur mit ihr in Kontakt, weil sein Auto unterwegs den Geist aufgibt. Bis die Karre repariert ist, tut er ihr den ein oder anderen Gefallen und schnetzelt in der Wildnis Monster.

Packshot zu Final Fantasy XVFinal Fantasy XVRelease: PS4, Xbox One: 29.11.2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Der jungsche Prinz hat ordentlich was auf dem Kasten. Dank der nun absoluten Bewegungsfreiheit samt nahtlosen Übergänge in Kampfszenarien umgibt Final Fantasy XV nämlich ein Hauch Hack- and-Slay-Tradition. Adieu Ladezeiten, bye-bye Umschalten in hermetisch abgeriegelte Arenen. Alle Gegner, die sich auf der offenen Welt befinden, dürfen in nahtlosem Anschluss niedergewalzt werden.

Noch ist nicht klar, ob das neue Final Fantasy alteingesessene Rollenspieler fesseln wird. Aber immerhin serviert Square keinen alten Wein in neuen Schläuchen.Ausblick lesen

Auf dem Controller gewähren drei Knöpfe Zugang zu den wichtigsten Aktionen, die in korrekter Anwendung automatisch variiert werden. Angriff bzw. Schwerthieb, Verteidigung und eine Teleportationsfunktion, welche die gesteuerte Figur in Blickrichtung nach vorne katapultiert, decken das Gröbste an Aktionen ab.

Letztere übernimmt zwei wichtige Aufgaben, denn Monstern nachzulaufen empfindet so ein Prinz als genauso langweilig wie der Spieler. Mit dieser Methode ist es leichter, fliehenden Gegnern auf die Pelle zu rücken und den Spielfluss am Laufen zu halten. Außerdem kommt man auf diese Weise leichter an entlegene Stellen, die bei größeren Widersachern womöglich Schwachstellen offenbaren. Nicht zuletzt beweist diese Angriffsvariante Noctis magisches Talent, denn er gehört zu den wenigen Vertretern seines Volkes, die noch Zauberei beherrschen. Ein Umstand, der im späteren Verlauf der Handlung noch ausgebaut wird, aber bereits im Einstieg stetige Manifestation über mehrere, im Kampf frei wählbare und obendrein kombinierbare Varianten findet, sofern man die nötigen Zutaten dafür gesammelt und zu wirksamen Zaubern verarbeitet hat.

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So lassen sich aus den Eingeweiden besiegter Feinde Zutaten auslesen, mit denen man Angriffs- und Heilzauber kombinieren kann. Oder besonders einschneidende Kompositionen wie Elementarmagie plus Gift. Allerdings ist der Einsatz der Magie nicht unbegrenzt möglich. Gehen die Ressourcen für einen Zauber aus, müssen erst neue gesammelt werden. Vorbei die Zeit, in der ein Mana-Energiebalken das Geschick bestimmte. Mit letzterem lassen sich höchstens Spezialattacken speisen.

Was von Versus übrigbleibt

Die Gemetzel von Final Fantasy XV erinnert spielerisch eher an Devil May Cry als an frühere Vertreter der Serie. Daran ändern auch der alternative Kampfmodus nichts, der das Geschehen in Angriffsphasen pausiert, damit genügend Zeit zur Analyse bleibt. Allerdings ist diese Herangehensweise konsequent. Eine Rückkehr zum alten Partymodus mit seinen Statistiken und strategisch geplanten Angriffen wäre viel zu träge und langweilig für die angepeilte Zielgruppe der (vornehmlich) westlichen Teenager. Hybridsysteme wie in Final Fantasy XIII wurden gnadenlos von der Kundschaft zu Tode kritisiert. Und da Final Fantasy XV letztendlich das Überbleibsel des von vornherein actionorientiert geplanten Final Fantasy Versus XIII darstellt, bleibt Square den seit fast zehn Jahren bestehenden Plänen treu.

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Open-World-Games all over the place.
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Wird bestimmt nicht jedem alten Fan schmecken, aber der Ansatz ist frisch. Abgesehen davon treten einige Dinge zutage, die durchaus an alte Zeiten erinnern und frühere Vorstöße vertiefen. So übernachtet das Vierergespann beispielsweise in einem Zelt in freier Natur und muss sich selbst versorgen. Einer der vier macht den Koch und bereitet anhand gefundener Zutaten stetig neue Gerichte zu, die der Gesundheit bzw. dem Kraftvorrat der Party in mannigfaltiger Variation zusteuern. Ein überaus altmodisches und doch angesichts etablierter Final-Fantasy-Traditionen wunderbar neues Spielelement mit Sammeltriebpotenzial. Zumal jede Figur ihre eigenen Talente mitbringt und einen Anteil an der Stimmung in der Gruppe beiträgt. Gesammelt werden nämlich nicht nur Zutaten für Feldrationen und magische Rezepte, sondern auch Fotos von allem Erdenklichen. Und auch das will gelernt sein. Square verspricht, jede Figur werde sowohl charakterlich als auch in ihren Talenten einen sichtbaren Wandel erleben, sich verbessern und die Gruppe mit nützlichen Eigenschaften bereichern.

Der Open-World-Trend der vergangenen Jahre hinterlässt seine Spuren: flüssiger Tag-Nacht-Zyklus mit Einfluss auf Flora und Fauna, Spielfiguren mit ambivalenten Motiven und wechselhafter Laune, ja selbst spontane Dialoge und Frotzeleien unter den Protagonisten – all das lässt Final Fantasy XV lebendiger und variabler erscheinen als je zuvor.