Selbst für eine Serie, deren einzige Konstante darin besteht, keine zu besitzen, ist dieser Schritt ein außerordentlicher. Final Fantasy war seit jeher für seine Experimentierfreudigkeit bekannt, hat die typische JRPG-Formel erst adaptiert, dann entscheidend mitgeprägt – und sich rechtzeitig davon emanzipiert. Anderen Entwicklern ging dieser Mut ab, sie klammerten sich verzweifelt an etablierte Standards, übersahen die Zeichen der Zeit und gingen in der Konsequenz gemeinsam mit einem ehemals großen Genre in der Bedeutungslosigkeit verloren. Auch in Squares Vita hinterließ das vergangene Jahrzehnt seine Spuren, doch dass die Japaner bis heute überdauert haben, liegt zuvorderst in ihrem „Stillstand ist Rückschritt“-Credo begründet. Keines ihrer Spiele verkörperte das bislang konsequenter als Final Fantasy XV.

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Verfeindete Königreiche und magische Kristalle, ausgerechnet. Für eine sonst so unkonventionelle Interpretation des japanischen Rollenspielgenres ist diese grobe Hintergrundgeschichte eine äußerst biedere, geradezu aus den Untiefen der Klischeeschublade gegriffene. Doch wie so oft könnte der erste Eindruck ein trügerischer sein, ist dieser Aufhänger doch nicht mehr als das: ein Vorspiel, der nur vage umrissene Rahmen für alles, was euch die nächsten 40 bis 50 Stunden bevorsteht. Und das ist primär, so steht zu hoffen, eben keine Ansammlung royaler Plattitüden, sondern ein als Road-Movie überschriebener Coming-of-Age-Trip. In der Hauptrolle: Prinz Noctis, schnieke frisierter Sturm-und-Drang-Naseweis mit dem Herzen am rechten Fleck und überhaupt Posterboy eines vierköpfigen Testosterongrüppchens, das nicht nur äußerlich, sondern auch charakterlich jeder Boygroup zur Ehre gereicht.

Unser charmantes Kann-man-nicht-lang-böse-sein-Aushängeschild wird von drei Freunden begleitet, deren Namen ihr nach dem ersten Hören augenblicklich wieder vergessen habt und deren Wesenszüge auf den ersten Blick nur unwesentlich einprägsamer sind. Neben dem obligatorischen Muskelprotz steht euch außerdem ein unterkühlter Streber mit Brille auf der hochgetragenen Nase sowie eine sprücheklopfende Frohnatur zur Seite. Haben wir einen Stereotyp vergessen? Das naiv-kichernde Girlie mit üppigem Vorbau vielleicht, aber keine Sorge, der lauft ihr nach wenigen Spielminuten über den Weg, wie Kollege Denis bereits in seiner E3-Vorschau schrieb.

Final Fantasy XV - Was lange währt, wird endlich Mut

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Ohne die berühmten Chobobos könnte man hier manchmal fast vergessen, dass man es mit einem Final Fantasy zu tun hat.
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Da er den Großteil der unübersichtlichen Messeinformationsflut darin verständlich kanalisiert und informativ aufbereitet hat, solltet ihr an dieser Stelle nur bedingt neue Fakten erwarten. Wenige Monate vor Veröffentlichung schlägt ein Rollenspielkoloss wie dieser nicht plötzlich eine völlig andere Richtung ein; was auf der E3 Gültigkeit besaß, ist heute nicht minder korrekt. Was ich euch hiermit allerdings anbieten kann, ist ein auf vier Stunden Spielzeit basierender, subjektiver Erlebnisbericht, der in dieser Form bislang nicht möglich war. Wie finden die einzelnen Elemente letztlich zusammen, was taugt die Technik, wie viel Haarspray verbraucht die Heldentruppe am Tag? So Zeug eben.

Und wenn man erst ein wenig Zeit mit dem burschikosen Prinzen verbringt, relativiert sich einiges, das von außen betrachtet vielleicht ein anderes Bild abgab. So sehr die Gruppe etwa nach wandelnden Abziehbildern aussieht, so sympathisch kumpelhaft ist ihre Chemie zueinander: Witzchen werden auf Kosten anderer gemacht, es gibt Streit und ernsthafte Diskussionen. Ein halber Arbeitstag Spielzeit ist nicht ansatzweise ausreichend, komplexe Detailfragen wie die nach ihrer Charakterisierung zu beantworten, doch reicht die knappe Zeit zumindest, sich ein erstes Bild der Jungens zu machen – und das ist differenzierter, als es ihre Steckbriefe vermuten lassen würden.

Packshot zu Final Fantasy XVFinal Fantasy XVRelease: PS4, Xbox One: 29.11.2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Zumal Square ohnehin einiges dafür tut, ihre Welt in einen größeren Kontext einzubetten. Dass die Vermarktung des Spiels parallel mit der des Kingsglaive-Films einhergeht, ist mehr als ein Marketinggag. Beide Geschichten finden zeitgleich statt, beleuchten allerdings einen anderen Aspekt der von kriegerischen Auseinandersetzungen erschütterten Welt Eos. Bereits nach wenigen Stunden vor der Konsole kommt es zu einer narrativen Zäsur, die euch mit Controller in der Hand jedoch lediglich übermittelt wird; ihr werdet nicht aktiv Zeuge davon. Erst der Film konzentriert sich (unter anderem) auf dieses wichtige Ereignis, wodurch sich ein vollständiges Bild ergibt. Natürlich, und das zu betonen wird Square nicht müde, sollen Film und Spiel aber auch unabhängig voneinander funktionieren. Im Kern also ein ähnliches Unterfangen wie der Final-Fantasy-VII-Filmableger Advent Children.

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Die Kämpfe sind eine zackige Angelegenheit und keine Selbstläufer. Bei größeren Gegnern solltet ihr eure Sinne schon beisammen haben, um nicht die Kauleiste poliert zu bekommen.
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Es ist ein ganzes Final-Fantasy-XV-Universum, das hier entstehen soll, flankiert von der kostenlosen Prequel-Animeserie Brotherhood sowie den zwei etwas fragwürdigen Spielen A King's Tale und Justice Monsters Five, über denen bislang wohl nicht ganz zufällig der Mantel des Schweigens liegt. Die Grenze zwischen sinnvollen Nebenschauplätzen und Geldmacherei verläuft fließend.

In jedem Fall ist diese Welt jedoch keine, die ihr mal locker an einem Wochenende auskundschaftet. Geduld ist neben hochgeklappten „Das ist ja gar kein richtiges JRPG mehr“-Scheuklappen die wichtigste Voraussetzung für dieses Abenteuer, das sich zwar nicht auf prätentiöse Art komplizierter gibt, als es tatsächlich ist, euch stattdessen auch mal ein paar Schritte entgegenkommt, wo es notwendig ist, mit seiner ausschweifenden Art aber dennoch einiges an Einarbeitung erfordert. Sobald Noctis zu den Waffen greift, wird das besonders deutlich. Um der von Playtest-Spielern monierten Hektik des Echtzeitkampfsystems entgegenzuwirken, implementierte das Team kurzerhand die Möglichkeit, das Geschehen jederzeit einzufrieren. Im Stasiszustand lassen sich die nächsten Schritte in Ruhe vorausplanen, was gut gemeint ist und noch besser funktioniert, der schnellen Grundausrichtung allerdings ein wenig entgegensteht.

Stillstand ist Rückschritt: Final Fantasy XV schneidet konsequent alte Zöpfe ab und geht neue Wege. Das Ergebnis wird nicht allen schmecken, ist allerdings enorm vielversprechend und ein wichtiger Schritt für die Marke Final Fantasy.Ausblick lesen

Final Fantasy XV ist genauso ein Heißsporn wie sein Protagonist, will schneller, spontaner gespielt werden. Die Devil-May-Cry-Vergleiche mögen überzogen sein, zeigen aber deutlich, in welche Richtung das Ganze geht. Angriffe erfolgen bei gedrückter Taste automatisch, viel mehr nimmt euch das Spiel allerdings nicht ab. On-the-fly erfolgt der Wechsel zwischen den Waffen, die erwartungsgemäß völlig unterschiedliche Vor- und Nachteile mitbringen. Ihr könnt eurer Truppe Befehle erteilen, im Schnellzugriff Gegenstände einsetzen und solltet zudem ein Gespür für das richtige Stellungsspiel haben – Kingdom Hearts auf Crack, wenn ihr so wollt. Noctis' Teleportationstalent zieht das Tempo weiter an, braucht aber einiges an Eingewöhnung und ist allgemein nicht unbedingt das, was man als intuitiv bezeichnen würde. Dass euch nur einige wenige Ankerpunkte zur Verfügung stehen, macht die Sache nicht leichter.

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Auch wenn die Bilder vielleicht einen anderen Eindruck vermitteln: Technisch spielt Final Fantasy XV nicht in der Topliga. Gerade die Xbox-Version hat mit einer niedrigeren Auflösung, weniger kräftigen Farben und ähnlichen Problemen zu kämpfen.
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Wir sind die Coolsten, wenn wir cruisen

Deutlich gemütlicher geht es ironischerweise hinterm Steuer eures Autos zu, dessen Zweck sich mir selbst jetzt, nach mehreren Stunden Spielzeit, nicht recht erschließt. Das fünfte Mitglied der Gruppe ist buchstäblich mit angezogener Handbremse unterwegs, unterscheidet kaum zwischen manueller und automatischer Fahrweise – in beiden Fällen mimt ihr gezwungenermaßen den Sonntagsfahrer, haltet euch brav an die StVO und brettert erst recht nicht querfeldein durch die Walachei. Das ist kein GTA, eher ein hübscher Bildschirmschoner für die Ladezeit von Punkt A nach B, dessen Existenzberechtigung durch die Schnellreisefunktion allerdings arg in Frage gestellt wird. Versteht das nicht falsch, das gemütliche Sightseeing ist eine angenehm entschleunigte Angelegenheit. Ich sehe mich nach 40 Stunden aber nicht mehr dabei, für fünf Minuten passiv auf den Bildschirm zu starren, wenn sich die Angelegenheit genauso gut in wenigen Sekunden erledigen ließe.

Wie gesagt, wenn. In der Vorschauversion machte es dank absurd hoher Ladezeiten nämlich kaum einen Unterschied, ob ihr im Vorbeifahren auf die nette Landschaft oder einen „Bitte warten“-Ladebildschirm starrt. Das wird sich, da können wir uns wohl sicher sein, in der fertigen Version bessern – die Frage ist nur, in welchem Umfang. Die aktuellen Konsolen scheinen den Entwicklern ohnehin einige Schweißperlen auf die Stirn zu treiben, hat das Rollenspiel doch auf beiden Plattformen mit kleineren Problemen zu kämpfen und insgesamt deutlich weniger Wow-Momente in petto, als uns das frühe Impressionen haben glauben machen. Man sollte den Begriff „Downgrade“ dieser Tage nur mit äußerster Vorsicht bemühen, doch scheint sich Square hier und da durchaus ein wenig übernommen zu haben. Die im März vergangenen Jahres veröffentlichte Episode-Duscae-Demo machte insgesamt eine knackigere Figur als das, was die PS4 inzwischen auf den Fernseher schaufelt. Final Fantasy XV wird ein schickes Spiel, lassen wir die Kirche mal im Dorf. Mit kleineren Wehwechen (bisweilen niedrig aufgelöste Texturen, Kantenflimmern, hohe Ladezeiten, Pop-ups etc. pp.) macht es allerdings deutlich, was seit Jahren als unausgesprochene Gewissheit durch die Gamingbranche wabert: Japanische Entwickler haben den Anschluss an die technische Speerspitze verloren. The Witcher 3 sieht – trotz Downgrade-Skandälchen – fantastisch aus, Exklusivproduktionen wie Uncharted 4 sowieso. Das „Made in Japan“-Siegel hat hingegen an Glanz eingebüßt.

Square ist angetreten, das zu ändern. Und wenn es auch im technischen Bereich schwierig werden könnte: An den anderen Fronten sieht es bislang verdammt gut aus.