Schneller wurde noch niemand auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Mickrige 131 Sekunden haben Square-Enix wieder daran erinnert, warum sie ein Final-Fantasy-VII-Remake jahrelang kategorisch ausgeschlossen haben und wieso es womöglich eine schlechte Idee war, davon abzurücken. Der Internetmob hat seine hässliche Fratze gezeigt, hat ein Millionenprojekt anhand eines einzigen Trailers verurteilt – und uns damit unwissentlich einen riesigen Gefallen getan.

Gut zwei Minuten, die niemand mehr zurücknehmen kann. Sie sind in der Welt, Teil unseres kollektiven Bewusstseins und das war längst überfällig. Seit Jahren spekulieren wir angeregt über eine mögliche Neuauflage des vermeintlich beliebtesten Final Fantasys überhaupt, stellen Theorien auf, denen jede Grundlage fehlt. Die Ankündigung des Remakes auf der diesjährigen E3 hat daran nichts geändert, Diskussionen höchstens offiziell legitimiert. Mit dem ersten Gameplay-Trailer enttabuisiert Square-Enix eine der größten modernen Gaming-Legenden und stellt unser wildes Geflecht verschiedener Hypothesen auf ein einheitliches Fundament, das für eine ernsthafte Debatte zwingend notwendig ist.

Damit gießen die japanischen Entwickler die Gedankenspiele von Millionen Fans zwangsläufig in eine einigermaßen konkrete Form. Der nur schwach schraffierte Remake-Begriff bot für die Ideen von allen von uns ausreichend Platz; jeder hatte seine ganz eigene Wunschvorstellung von einem modernen Final Fantasy VII. Diese Zeiten sind vorbei und dafür sollten wir dankbar sein. Stattdessen schlägt Square nun bisweilen eine Welle unverhohlener Verachtung für etwas entgegen, das unvermeidlich war: die Entzauberung eines Mythos.

Final Fantasy VII Remake - Erster Gameplay-Trailer zum Remake des RollenspielhitsEin weiteres Video

#finalfantasyviiisdead

Wo vor einem halben Jahr noch Tränen der Freude nach dem ersten Trailer durchs Netz kullerten, erhebt jetzt der „Ich hab's ja schon immer gesagt!“-Mob seine erzürnte Stimme und quetscht sein Missfallen in provokante Hashtags. Obwohl uns das erste Gameplay-Video mit etlichen Informationen überschüttet, richtet sich der Ärger vieler Fans primär gegen die Neuausrichtung des Kampfsystems, das sich zugunsten eines Echtzeitmodells vom alten Rundenprinzip verabschiedet.

Final Fantasy VII Remake - Entzauberung im besten Sinne: Wie ein kurzer Trailer einen jahrelangen Hype beendete

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Profitipp für alle, die sich vehement gegen Neuerungen stemmen: Spielt einfach noch mal das Original.
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Kaum also lassen die Entwickler ihren gebetsmühlenartigen Warnungen, kein stumpfes Eins-zu-eins-Remake in die Läden stellen zu wollen, Taten folgen, hängen sich viele Kommentatoren genau daran auf. Es ist der gordische Knoten der Games-Branches: Lauthals fordern Spieler Innovationen, nur um sie anschließend zu verteufeln. Würde Cloud Strife auch 2016 noch brav Runde für Runde abwarten, bis er sein Breitschwert hinabsausen lassen darf, würde dies Square-Enix genauso zum Vorwurf gereicht werden wie die zwingend notwendige Modernisierung, für die sie sich mutigerweise entschieden haben.

Damit bei einigen von euch kein falscher Eindruck entsteht: Final Fantasy VII ist eines meiner absoluten Lieblingsspiele und das für damals großartige Rundenkampfsystem spielt dabei eine zentrale Rolle. Es war die ideale Grundlage für ein Spiel, das anders nicht funktioniert hätte. Auch 20 Jahre später ist mir eine gute Runde im Zweifel lieber als jedes Echtzeitgewurschtel, doch ist Cloud 2.0 deshalb noch lange nicht automatisch darauf abonniert. Genau das scheinen allerdings viele Fans zu erwarten.

Diese „Wir wollen Neuerungen außer keine“-Mentalität ist im Fall des Final-Fantasy-VII-Remakes gleich doppelt ungerecht, muss Square-Enix doch zumindest die Chance bekommen, etwas Neues probieren zu dürfen – und zeigt in den wenigen Kampfszenen des Trailers bereits, dass sie ihre Wurzeln nicht vergessen haben.

Ein modernes Final Fantasy VII im eigentlichen Sinne

In einigen Interviews bestätigten Produzent Yoshinori Kitase und Charakterdesigner Tetsuya Nomura nach der Veröffentlichung des Clips, was dieser bei genauerer Betrachtung ohnehin preisgibt. Das grundlegende Kampfsystem entspricht dem eines Echtzeitspiels, kein Widerspruch an dieser Stelle, baut aber auf den ursprünglichen Elementen auf und orientiert sich zudem an ähnlich gelagerten Spielen wie Dissidia, Kingdom Hearts und Crisis Core, wobei FF VII der taktischste Titel dieser Auflistung wird, wenn die Entwickler Wort halten.

» Lest auch unser Interview mit Charakterdesigner Tetsuya Nomura

Ein sinnvoller Hybrid soll es werden, sozusagen das Beste zweier Welten, weshalb etwa auch das ATB- und Limit-System des Originals vorhanden sind, wenn auch in „leicht abgewandelter“ Form. Wie auf der ersten PlayStation können bis zu drei Charaktere gleichzeitig kämpfen, wobei jeder separat gesteuert werden kann und ein Wechsel jederzeit möglich sein soll. Eine zumindest in meinen Ohren sinnvolle Modernisierung eines heutzutage hoffnungslos überholten Rundenprinzips.

Final Fantasy VII Remake - Entzauberung im besten Sinne: Wie ein kurzer Trailer einen jahrelangen Hype beendete

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Aus jahrelangen Gedankenspielen wurde nach nur einem Trailer plötzlich ein konkretes Spiel. Und Überraschung: Auch Final Fantasy VII kocht nur mit Wasser.
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Die Skepsis mancher entwickelte sogar derart exotische Triebe, hinter der Neuauflage ein verkapptes Hack-and-Slay der Devil-May-Cry-Bauart zu vermuten und ich kann die Seufzer der Entwickler ob solcher Annahmen bis hierher hören. Ein Blick auf das Kampfmenü, genauer: den „Defend“-Punkt, hätte gereicht, um solche Übertreibungen im Keim zu ersticken. Dafür zeigen Reaktionen wie diese aber besonders treffsicher, wie groß die Fanboy-Scheuklappen einiger Rollenspieler werden können.

Deshalb steht uns noch lange kein Meilenstein ins Haus. Vermutlich weiß nicht einmal Square-Enix genau, ob der eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist. Es ist nie ganz schlecht, einer Sache wie dieser zumindest mit vorsichtiger Skepsis zu begegnen und ich wäre ein Lügner zu behaupten, keine Sorgen zu haben. Fragt mich beispielsweise nicht, wie das Materia-System des PlayStation-Klassikers (sofern es überhaupt übernommen wird) in den zügigen Echtzeitkämpfen funktionieren soll – und schon gar nicht, warum Final Fantasy VII unbedingt episodisch veröffentlicht werden muss.

Insofern: Ja, es ist bedeutend zu früh, F5-hämmernd vor Amazon zu hocken, um sich die Super-Ultimate-Limited-Collector's Edition vorzubestellen. Es kann noch einiges schiefgehen und es wäre schon ein mittleres Wunder, sollte wirklich alles glatt über die Bühne gehen. Genauso voreilig ist es allerdings, Final Fantasy VII schon jetzt dafür zu verurteilen, überhaupt etwas Neues zu wagen. Zwischen diesen beiden Extremen bleibt immer noch mehr als genug Raum für alle von uns.