Eine Breitseite der 13er-Reihe, außerdem deutliche Anleihen von Crisis Core und überhaupt reichlich Versatzstücke von allem, was da in den letzten Jahren unter der Final-Fantasy-Losung firmierte. Insgesamt also nicht unbedingt die allerbesten Voraussetzungen für einen Neustart und trotzdem: Die Frage ist nicht, wo sich Final Fantasy Type-0 HD in diesem Rollenspielmosaik verortet, sondern wie es die Leistung vollbringt, genau das nicht zu tun.

Die Antwort: Freiheit.

Nicht die Art mit Hashtag davor und Kalkül dahinter, eher eine ganz pragmatische. Ihr wisst schon, Whiteboard statt Fußfesseln für Entwickler, mutige Experimente statt festgefahrener Standards für Final Fantasy und neue Erfahrungen für euch, für uns.

Type-0 hat einen langen Weg hinter sich – konzipiert als Handyspiel und Final-Fantasy-13-Abkömmling, später von der Hauptserie abgegrenzt und Japan-exklusiv für PSP veröffentlicht, jetzt für westliche Konsolen nachgeschoben – und ist heute mehr denn je als Kind seiner Zeit zu erkennen. Entstanden 2010 und 2011, während eines Umbruchs, in dem das Selbstverständnis von Square Enix gefährlich ins Wanken kam und der Konzern noch versuchte, den etwas unglücklichen Startschuss der 13. Serieniteration zu dechiffrieren.

Final Fantasy Type-0 HD - Das Spiel zur teuersten Demo der Welt

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Die Kämpfe sind spannend und fordernd, aber etwas problembehaftet. Die Gesundheit ist niedrig? Ab in den Nebenraum und warten, bis sie automatisch aufgeladen wurde.
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Plötzlich war vieles anders und nur wenig besser. Die Gegenwart hatte in Form der „neuen“ Konsolen auch endgültig in Fernost Einzug erhalten und mit ihr eine neue Definition von Rollenspiel – eine, an der Square gern selbst mitgewirkt hätte. An Versuchen hat es dabei nicht gemangelt (vieles kann man Final Fantasy XIII vorwerfen – Verstecken hinter der Vergangenheit gehört nicht dazu), an durchschlagendem Erfolg schon eher. Die Welt hatte sich weiter gedreht und der ehemalige Rollenspiel-Koloss drohte vielleicht nicht den Anschluss, zumindest aber seinen Vormachtsstellung zu verlieren.

Final Fantasy Type-0 ändert daran per se erst einmal wenig, ob mit HD-Nachtrag oder ohne. Nach jahrelangem Klammern an alte Gewohnheiten ist es allerdings das in seiner Gesamtheit gewagteste, mutigste Experiment einer Reihe, die nach wie vor in einer Phase der Selbstfindung festzustecken scheint. Ganz ohne Altlasten geht’s aber auch hier nicht.

Final Fantasy - Mit Chocobos und Kulleraugen zur Legende: Die Geschichte von Final Fantasy

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“Wie hast du mich gerade genannt!?“

Ein paar Wortfetzen und kryptische Begriffe, viel mehr rotzt man euch in den ersten ein, zwei Stunden nicht vor die Füße und auch danach wird es nur leidlich besser. Type-0 kann seine Wurzeln als Teil der Fabula-Nova-Crystallis-Reihe (eine Handvoll Final Fantasys im selben Universum, allesamt über ein paar Ecken miteinander verwandt) kaum verbergen und setzt weite Teile der eigenwilligen Terminologie des Final-Fantasy-XIII-Kanons als gegeben voraus. Macht sich nicht so gut in einer ohnehin schon erstaunlich komplexen Hintergrundgeschichte.

Um uns alle aufs selbe Level zu hieven: Krieg zwischen mehreren Fraktionen (warum auch immer), jede Menge Intrigen, eine Schulklasse Minderjähriger als letzte Rettung, außerdem irgendwas mit Kristallen und Magie. Der Rest steht im Internet oder dem extrem umfangreichen Glossar im Spiel. Pick your poison.

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Alles nicht unbedingt das, was man nach einem Vorspann mit Square-Enix-Logo erwartet. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, in einem Final Fantasy jemals Zeuge expliziter Gewalt geworden zu sein oder auch nur Pixelblut gesehen zu haben. Nun: Type-0 opfert seine Unschuld binnen der ersten fünf Minuten durch das Schlachten eines Chocobos, während ein armer Tropf – blutverschmiert, verängstigt, tödlich verwundet – nach einem letzten Schmerzensschrei regungslos auf seinem treuen Reitpferd verendet. Square opfert die heilige Kuh, das ikonenhafte Final-Fantasy-Symbol für Reinheit, noch bevor ihr auch nur eine Taste gedrückt habt. Viel deutlicher kann man nicht werden.

Final Fantasy Type-0 HD erklärt wenig und das nicht einmal besonders gut. Die ersten Stunden taumelt ihr benommen durch Begrifflichkeiten und Spielmechaniken, bis ihr die Feinheiten eher durch Ausprobieren als Nachlesen der knappen Beschreibungen auf dem Kasten habt. Gibt jetzt auch nicht so schrecklich viel misszuverstehen, zumindest zu Beginn, wenn ihr euch noch darauf beschränkt, euch die Grundlagen raufzuschaufen.

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Die bestehen im Wesentlichen aus instanzierten Echtzeitkämpfen mit jeweils drei aktiven der insgesamt 14 titelgebenden Klasse-0-Schüler, wobei ihr jeweils nur einen Streber steuert, aber jederzeit zwischen den Kerls wechseln könnt. Ist glücklicherweise nur selten nötig, da die Kollegen ganz gut allein zurechtkommen und selbständig genug agieren, um tatsächlich eine echte Hilfe und nicht nur eine bessere Ersatzbank für euch darzustellen. Sie heilen, greifen gezielt Schwachstellen an und tun überhaupt überraschend oft, was man von ihnen erwartet. Wenn ihr euren Kämpfer wechselt, dann meistens, weil die Situation es erfordert, nicht weil ihr einen strunzigen Kameraden aus einer ausweglosen Situation herausspielen müsst.

Final Fantasy Type-0 HD - Das Spiel zur teuersten Demo der Welt

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Hier vertreibt irh euch zwischen den Missionen die Zeit, allerdings kostet jede größere Aktion Zeit. Ihr könnt nicht alles auf einmal erledigen.
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Mehr Zeug, mehr gut

Type-0 sieht sich selbst eher als „Easy to learn, hard to master“-Spiel, lässt euch beliebig und ohne tieferes Verständnis Tasten drücken, wenn das nun mal eure Sache ist. Die der Entwickler ist es nicht; das PSP-Original wurde 2011 noch häufig für seinen immens knackigen Schwierigkeitsgrad gerügt und auch die polierte Neuauflage ist bereits auf der zweiten von drei Stufen nicht unbedingt das, was man gutmütig nennt. Hier solltet ihr schon genau wissen, was ihr tut und Type-0 gibt euch mehr als genug Möglichkeiten, das auf den ersten Blick Kingdom-Hearts-ähnliche System auszureizen.

Das experimentierfreudigste und charmanteste Final Fantasy seit Jahren – nicht zwangsläufig das beste.Fazit lesen

Allein durch die Zusammenstellung eures Truppe etwa. Mit zwei Fernkämpfern und einem defensiven Magier ist das alles eine ganz andere Nummer als die Dynamik dreier Nahkämpfer. Einen Königsweg gibt es nie, richtig oder falsch schon gar nicht. Und da ihr euch zudem für jeden Kämpfer drei Fähigkeiten aus einem fünf- bis zehnmal so großen Pool herausfischen müsst... Nun ja, viel Spaß mit eurem Taschenrechner.

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Type-0 hätte sich prima auf der Vita gemacht.
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Type-0 geht noch ein paar Schritte weiter, im Kampfsystem wie drumherum, lässt euch Chocobos züchten und Magie aufwerten, Nebenmissionen beackern und Einheiten während netter RTS-Minischlachten verschieben. Vieles mehr noch obendrauf, alles schöne Sachen, immer nett, aber nicht unbedingt auch zu Ende gedacht.

An jeder Ecke haben sich die Entwickler ausgetobt und die Gelegenheit genutzt, ihre Checkliste cooler Ideen endlich einmal umsetzen, was in meinem Buch eine gute Sache ist. Final Fantasy Type-0 HD ist der interessanteste, charmanteste Spross seit Jahren, nicht der beste, und übertreibt es bisweilen in seinem Eifer. Statt sich auf eine Handvoll ineinandergreifender Systeme zu beschränken, wollen die Entwickler immer noch einen draufsetzen.

Manche Problemchen sind heute deutlich als solche zu erkennen als vor vier Jahren, die PSP-Wurzeln wohl am allermeisten. Type-0 ist eine Aneinanderreihung kleiner Räume, quasi instanzierter Bereiche, und ohnehin von A bis Z auf mobile Spielgewohnheiten gebürstet, was auf den modernen Daddelkisten nur umso mehr aufs Tempo drückt (mehr als die Hälfte der Spielzeit habe ich via Remote Play auf der Vita ins Rollenspiel gepumpt – eine separate Vita-Version gibt es leider nicht).

Auf PlayStation 4 und Xbox One bleibt Final Fantasy Type-0 HD ein allemal spielenswertes Experiment mit mehr guten als schlechten Einfällen, ist aber auf eine verschrobene Art aus der Zeit gefallen.