Es knackt bereits, das dünne Eis, auf dem sich Square nicht erst seit gestern bewegt. Mit einer Marke wie dieser ist der Reiz des schnellen Geldes ein besonders großer und einer, dem die Japaner zuletzt eher häufiger als seltener erlegen sind. Aus Final Fantasy, dem Alle-paar-Jubeljahre-Rollenspiel, wurde ein nur noch vage umrissener Sammelbegriff für alles, was sich irgendwie zu Scheinen machen lässt. Kaum Totalausfälle darunter, auch zweieinhalb richtig sympathische Ausflüge, doch insgesamt vor allem viel Mittelmaß und die schleichende Erkenntnis, dass die einstige Ikone längst keine mehr ist.

Wer dieser Tage von „Japano-Rollenspielen“ im weitesten Sinne spricht, setzt damit unterschwellig oft eine latente Leidensfähigkeit voraus. „Komm schon, so ist das eben bei JRPGs“ und ähnliche reflexartige Relativierungen von Freunden sollen den desertierten Rollenspieler bekehren, an den Nostalgiker in uns appellieren. Dass Bravely Default etwa vor reichlich zwei Jahren als „klassisches Final Fantasy“ gelobt wurde, ist weniger ein Kompliment an den 3DS-Zeitfresser als vielmehr die Beleidigung eines ganzen Genres. Wie gut kann es um moderne Spiele dieser Bauart schon bestellt sein, wenn sie dafür geadelt werden, sich wie vor 20 Jahren anzufühlen?

Der vermeintliche Untergang des japanischen Rollenspiels ist ein Thema für einen anderen Artikel und doch eng verknüpft mit Final Fantasy Explorers: einem Spiel, das unmittelbar als Kind dieser Entwicklung geboren wurde. Ein Spiel als konsequente Erschließung neuer Märkte in einer Zeit, in der es klaustrophobisch eng geworden ist in der Japan-Nische. Also macht man es sich in der nächsten gemütlich.

Mehr Monster, weniger Hunter

Der in den kommenden Zeilen häufig bemühte Vergleich zu Monster Hunter ist gleichermaßen naheliegend wie unvermeidlich, vor allem aber: von Square geradezu provoziert. Und es ist ein Spiel mit dem Feuer, denn wer im Licht anderer glänzen will, läuft schnell Gefahr, im Schatten zu verschwinden.

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„Was ist das denn für ein Monster-Hunter-Verschnitt?" spottete ein Kollege, als er mir beim Spielen über die Schulter schaute. Ich kann's ihm nicht verübeln.
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Zwei Dinge müssen wir vorab festhalten:

  1. Bei aller Ähnlichkeit beider Spiele wäre es ungerecht, Explorers lediglich als Plagiat abzutun, weil es vielmehr eine konsequent auf Final Fantasy getrimmte Interpretation der Vorlage ist. Eine freche Eins-zu-eins-Kopie sieht anders aus (ich schaue in deine Richtung, Toukiden Kiwami).
  2. Obschon Square, wie gesagt, selbst am Vergleich gelegen ist, fußt FFE neben Monster Hunter vor allem auch auf der serieneigenen Crystal-Chronicles-Reihe, konkreter: dem DS-Spiel Ring of Fates, das bereits Ähnlichkeiten zu Capcoms Nicht-mehr-ganz-so-Geheimtipp aufwies, bevor es cool war. Wer hier also initial einen dreisten Trittbrettfahrer gewittert hat, liegt daneben. Zumindest etwas.
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Schnarchen statt schnetzeln

Auf den ersten und zweiten Blick ist das hier nämlich eine arg selbstgefällige Nummer. Ohne einen Anflug von Ironie oder auch nur einer hochgezogenen Augenbraue tischt man uns das Märchen vom heiligen Kristall, der Rettung der Menschheit und all den Käse aus der Mottenkiste auf, als wäre es 1994. Square tut nur das absolut Nötigste, um euch irgendwie reinzuziehen in diese Welt, die für ein paar Stunden durchaus ein interessantes Zuhause abgibt.

So braucht ihr schon ein wenig Sitzfleisch für die ersten ziel- wie planlosen Streifzüge, in denen Explorers zwar nicht unbedingt maulfaul, aber schrecklich gleichgültig daherkommt. Ihr bastelt euch einen Charakter von der Stange zusammen, klickt erst Textboxen, schließlich die ersten generischen Gegner weg und fragt euch, was das hier eigentlich soll. Man muss vielleicht nicht alles umsetzen, was Capcom vormacht.

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Viel zu spät schaltet Final Fantasy Explorers endlich ein paar Gänge nach oben.
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Es ist das erste Glied in einer Kette von unglücklichen Missverständnissen, was den Reiz des Originals ausmacht. Zwar hat Square durchaus eine eigene Vision im Kopf und setzt diese vielerorts durchaus gewinnbringend um, unterschätzt aber, wie kleinteilig und penibel aufeinander abgestimmt die Monster-Hunter-Maschine arbeitet. Ein Zahnrad lässt sich nicht so ohne Weiteres durch ein anderes austauschen, so gut die Intention dahinter auch sein mag.

Final Fantasy Explorers soll, das ist wichtig, insgesamt aufgeschlossener und bekömmlicher als die Konkurrenz sein, was erst mal nur legitim ist. In den ersten 15 bis 20 Stunden verwechselt Square allerdings Zugänglichkeit mit Einfältigkeit – ein Todesurteil für ein Spiel wie dieses, das seine Daseinsberechtigung einzig aus einer sensiblen Motivationspirale zieht.

Final Fantasy Explorers sucht den Monster-Hunter-Vergleich, ohne ihm jedoch standhalten zu können. Das Feld für eine ordentliche Fortsetzung ist jedoch bestellt.Fazit lesen

Warum stumpfsinnig für ein neues Breitschwert grinden, wenn's das alte noch tut? Warum dutzende Zaubersprüche lernen, wenn sich Ifrit auch mit Knöpfchendrücken niederstrecken lässt? Kein Erkennen von Bewegungsmustern notwendig, keine tieferlegende Methodik hinter alledem. Sagen wir's mal so: Hätte mich dieser Test nicht zu einer längeren Spielzeit verpflichtet, Explorers hätte mich nur zu einer Sache motiviert: wieder Monster Hunter zu spielen.

Final Fantasy Explorers - Aus den Streifzügen eines Abenteurers

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Viel zu schnell spult ihr viel zu routiniert euer Programm ab, holt euch eine der immergleichen „Töte Monster XY“-Quests ab, rennt durch unspektakuläre Gebiete zu Schießbudenmonstern, holt euch eine immergleiche...

In einem knallengen Korsett hält euch Square an der kurzen Leine, ohne viel Platz nach links und rechts. Es fehlt an Herausforderung und der Möglichkeit, sich diese Welt zu eigen zu machen. Um ein letztes Mal den Vergleich zur überlegenen Konkurrenz zu bemühen: Auch die Flora und Fauna von Monster Hunter mag eine vergleichsweise kleine, segmentierte sein – doch sie ist in sich schlüssig, sie ist glaubhaft. Drüben schmiedet ihr Rüstungen aus Dinoschuppen und seltenen Erzen, hier klaubt ihr bestimmte Materialien zusammen, weil es das Spiel so sagt. Wenig ergibt sich logisch aus der Welt heraus.

Das klingt erst mal dramatischer, als es tatsächlich ist, doch bei all den versenkten Spielstunden habe ich nie das Gefühl gehabt, mich in einer natürlichen Umgebung zu bewegen. Vielmehr wirkt die Welt von FFE wie eine künstlich am Reißbrett arrangierte.

Explorers[/b]“, guter Witz.

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Wie wäre es damit, die alten Helden nicht auf Teufel komm raus in wirklich allem zu verwursten, wo Final Fantasy draufsteht?
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Nach 20 Stunden geht’s dann auch mal los

Wenn ihr so wollt, ist das eher ein subjektiver Eindruck als tatsächlicher Vorwurf und überhaupt kann man Square kaum handwerkliche Inkompetenz unterstellen. Explorers ist so funktional, wie man es von einem Modul mit Final-Fantasy-Aufdruck erwarten kann, weiß seine eigenwillige Prämisse sogar sehr kreativ zu nutzen, wenn die Anlaufschwierigkeiten erst gegessen sind. Erwartet mit 20 Stunden auf der Uhr nicht plötzlich ein grundlegend anderes Spiel; was vorher bereits unangenehm drückte, wird nicht auf einmal wie angegossen sitzen. Doch mit fortschreitender Zeit fügen sich vorher wirre Versatzstücke sukzessive zu einem größeren, durchdachten Ganzen.

Was erst nur nice to have war, wird mit wachsenden Anforderungen zusehends wichtiger, irgendwann gar völlig unverzichtbar. Wie diese clevere Bastel-dir-deinen-eigenen-Zauber-Mechanik, von der ich lange Zeit nicht einmal wusste, wie sie denn genau funktioniert (ein Vortrag, den ich euch an dieser Stelle erspare). Simple Magie kann beliebig kombiniert und erweitert, quasi völlig individualisiert werden, bis etwa der mickrige Feuerball kaum wiederzuerkennen ist.

Idealerweise mit drei guten Freunden zieht ihr los, stimmt die reichlich 20 verschiedenen Jobs aufeinander ab und sucht gezielt nach Rohstoffen, um endlich diesen verschärften Helm zu zimmern. Kurz: Ihr habt eine gute Zeit zusammen. Vorausgesetzt natürlich, ihr seid vorher nicht bereits abgesprungen – oder habt schon einmal Monster Hunter gespielt.