Autor: Volker Schütz

"Krieg der Kulturen" ohne religiöse Propaganda ist wie Nächstenliebe ohne Kreuzzug. Die PR-Maschinen von Christen und Moslems laufen auf Hochtouren. Islamisten begegnen dem Vorwurf, ihren Glauben mit Feuer und Schwert zu verbreiten, mit Brandsätzen gegen christliche Kirchen.

Die andere Seite schwelgt in der Erinnerung an Scheiterhaufen als hervorragende Werbestrategie für eine Religion der Barmherzigkeit und hält feste auf die andere Wange - mit Panzern und Granaten.

Doch das Beste liegt vor uns. Wartet das digitale Zeitalter doch mit völlig neuen Missionierungsstrategien auf. Computerspielen im Namen des Herrn! Zückt die Schwerter Freunde, heut' erschlagen wir uns einen Ketzer!

Zur Zeit macht ein aufgebohrter Duke Nukem 3D Clone in Islamistenlagern die Runde, der sich "Night of Bush Capturing" nennt. Es handelt sich um die Weiterentwicklung des insbesondere unter Kamelhirten beliebten "Quest for Saddam".

Der digitale Kufiyaträger flitzt durch übelst texturierte Level und rafft amerikanische Soldaten dahin. Letztlich muss er dem Oberbösewicht George Walker Bush entgegentreten.

Fegefeuer der Geistlichkeiten - Spielen im Namen Gottes - Religiöse Gruppen entdecken Gaming als Propaganda-Instrument.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 16/201/20
Vater Staat bezahlte die Entwicklung: America's Army.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die Nützlichkeit eines solchen Produktes zur religiösen Indoktrination ist nicht zu unterschätzen. Denn wer einen derartigen spielerischen Terrorakt übersteht, für den halten Selbstmordattentate keinen Schrecken mehr bereit.

Die amerikanische Opposition schwankt zwischen Amüsement und Entrüstung. Was sie nicht davon abhält, selbst nationalistisch und religiös inspirierte Titel zusammen zu schrauben - mit Hölleneifer.

America's Army ist das bekannteste Beispiel für ein "harmloses" Freizeitangebot des Staates, das Leni Riefenstahl die Tränen der Rührung in die Augen triebe.

Weitere Produkte sind Catechumen, Eternal War, Victory at Hebron, Bibleman: A Fight for Faith oder die aktuellen Titel Eternal Forces und Rebel Planet. Hierbei handelt es sich um Produkte, die sich allesamt der Verbreitung christlicher Werte verschrieben haben.

Vertreten sind 3D-Shooter, Rollenspiele oder Real-Time-Strategy-Games. Es gilt also auch hier in der langen Tradition der Missionierung das Erlkönig-Motto "und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt". Welchen Wert hat schließlich Humanismus, wenn er nicht am spitzen Ende eines Speers daherkommt?

Fegefeuer der Geistlichkeiten - Spielen im Namen Gottes - Religiöse Gruppen entdecken Gaming als Propaganda-Instrument.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 16/201/20
Kampf gegen Windmühlen: Hinter Rebel Planet stecken zwei Pfarrer.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Im Forum zu The Rebel Planet liefern dessen Entwickler gleich die passende Zusammenfassung ihrer Ansichten zum Thema Mord mit. "Fälle von Tötungen können auftreten, aber es kommt alles auf die Präsentation an. Wenn du zum Beispiel jemanden erschießt und er fällt tot um, ist das eine Sache. Eine andere ist es, wenn er in einer Blutlache stirbt."

Ich kann mich nicht genau daran erinnern, an welcher Stelle der Bibel stand "Jesus aber sprach: 'Du sollst nicht töten, wenn du dir dabei die Finger schmutzig machst'". Aber hey, was weiß ich schon? Im Entwicklerteam von Rebel Planet Creations arbeitet immerhin die geballte Kompetenz zweier Pastoren.

Außerdem: Das Feindbild der oben genannten Spiele schöpft schließlich gar nicht primär aus dem Pool der menschlichen Andersdenkenden. Klar, manch militante Splittergruppen des CVJM mag zwar schon im Stillen davon geträumt haben, endlich "Anno 1481 - die spanische Inquisition" in die Finger zu bekommen.

In Realität liegt der Fokus der Hersteller aber vorrangig auf den dämonischen Armeen der Finsternis. Was für ein Segen angesichts der extremen Knappheit von Titeln, in denen sich Helden mit Waffengewalt gegen Monsterhorden durchsetzen müssen …

Fegefeuer der Geistlichkeiten - Spielen im Namen Gottes - Religiöse Gruppen entdecken Gaming als Propaganda-Instrument.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 16/201/20
Night of Capturing Bush: Grausame Qualität, mehr als fragwürdige Handlung.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wer jetzt einwerfen möchte, dass damit Doom, Quake oder F.E.A.R eigentlich die "goldene Mitra" vom Vatikan hätten verliehen bekommen müssen, dem sei gesagt: So einfach ist es auch wieder nicht. Immerhin wurde damals "Wolfenstein 3D" wegen übermäßig vieler Kreuze verboten. Der Haken daran war jedoch, dass man gerade auf Nazis schoss.

In manchen Weltbildern wiegt Symbolik nun einmal schwerer als die Stoßrichtung.

Fegefeuer der Geistlichkeiten - Spielen im Namen Gottes - Religiöse Gruppen entdecken Gaming als Propaganda-Instrument.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 16/201/20
Sex nein. Gewalt ja. Die entsprechende Bibelstelle suchen wir immer noch.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Außerdem muss weitere Hürden nehmen, was sich christliche Wertevermittlung nennen will. Ganz wichtig ist die Abwesenheit von Sex.

Das erklärt uns jedenfalls almenconi.com, die letzte Instanz in Sachen redlicher Zockerei.

Zwar verhält sich die Bibel zu diesem Thema an keiner Stelle so deutlich, wie es mancher Fanatiker wünscht. Aber mit Traditionen ist einfach schwer brechen.

Ferner bedarf es biblischer und erzieherischer Inhalte. Als herausragendes Positivbeispiel findet sich bei almenconi.com hierzu etwa Civilization. Was kann an einem Spiel denn schließlich nicht gottgefällig sein, in dem das Ziel darin besteht, die eigene Rasse zur Weltherrschaft zu führen? Darauf dürften sich Christen und Moslems wenigstens einigen können.

Eine weitere Sache erscheint mir konsensfähig. Hier wie dort schreiben sich diejenigen den Namen des jeweiligen Gottes am deutlichsten lesbar auf ihre Fahnen, die sich im alltäglichen Leben nach dessen Geboten am wenigsten richten - der Gang zum Gebet als Übersprungshandlung für engherziges Dasein.

Oder anders ausgedrückt: die rücksichtslosesten Egoisten singen im Kirchenchor am lautesten. Wie schön wird die Welt dann erst werden, wenn dieser Typus Mensch sein Gewissen auch noch virtuell am PC frei spielen darf. Durch einen derartigen Ablasshandel braucht er sich in der Realität dann an gar keinen Glaubenssatz mehr halten.

Als Heide beobachte ich das Treiben mit wachsender Verwunderung. Ich würde dabei nicht so weit gehen wollen, mit Nietzsche zu sagen "Gott ist tot". Aber wenn er sich seine Schäfchen anschaut, wird es sich garantiert hin und wieder ins Koma wünschen.