Ob Far Cry Primal denn ein vollwertiges (Vollpreis-)Spiel oder doch ein Ableger wie Blood Dragon vor fast drei Jahren sei, frage ich noch am Flughafen beschämt einige mitreisende Kollegen. Schulterzucken und vage Vermutungen sind meine Antwort und in der Essenz die perfekte Umschreibung dessen, was den meisten von uns bislang nur als „dieses Steinzeit-Far-Cry“ bekannt ist.

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Diese doch recht ambitionierte Ubisoft-Nummer mag einige Qualitäten haben – Kommunikation gehörte bislang nicht dazu. Seit dem unglücklichen Leak am 5. Oktober durch IGN Türkei scheint dieses Projekt den Franzosen ein wenig entglitten, womöglich auch nur ein Opfer der eigenen Prioritäten zu sein; mit Anno 2205, The Crew: Wild Run und Rainbow Six Siege hatte die PR-Abteilung vermutlich ganz gut zu tun. Was immer der Grund für die zurückhaltende Berichterstattung sein mag, der Effekt ist derselbe: Far Cry Primal ist ein weitestgehend unbeschriebenes Blatt.

Vielleicht keine schlechte Idee also, euch vorab mit drei grundlegenden Fakten auszustatten:

  1. Primal ist ein eigenständiges Spiel der Reihe und kein Ableger, deshalb
  2. auch ein regulärer Vollpreistitel, den ihr
  3. bereits ab dem 26. Februar (?) nächsten Jahres herunterladen oder euch ins Regal stellen könnt.

Überrascht? Willkommen im Club.

Welcome to the Jungle

Es ist nicht unbedingt das beste Zeichen für ein Spiel, wenn Tatsachen wie diese mit etwas verdutzten Mienen entgegengenommen werden. Eine im Grunde ungerechte Reaktion, denn das hier ist alles andere als ein müdes Bäumchen wechsel dich. Ganz im Gegenteil: Ubisoft ist erstaunlich mutig, macht sich das Leben selbst schwerer, als es unbedingt sein müsste.

Far Cry Primal - Höhlenballerei

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Wie es aussieht, hat sich das Hundchen schon selbst um die Leckerlis gekümmert.
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Natürlich ist Primal ein genauso prototypisches Ubi-Spiel wie jedes andere in den vergangenen fünf Jahren, machen wir uns nichts vor. Ihr deckt eure mit Markierungen überladene Karte sukzessive auf, nehmt feindliche Basen aus und ein, grast die Spielwelt nach Ressourcen ab etc. pp. Das funktioniert hier weder besser noch schlechter als früher, ergibt sich aber viel organischer aus dem Szenario heraus. Ich zumindest hatte immer so meine lieben Probleme mir vorzustellen, wie Jason Brody oder seinen kyratischer Nachfolger Ajay Ghale meuchelnd durchs Unterholz schleichen und sich aus Wildschweinen hübsche Handtäschchen basteln.

Ein inhaltlicher Bruch, der 10.000 Jahre früher keiner mehr ist (war?) – und so ziemlich der einzige inszenatorische Vorteil, der sich hieraus für die Entwickler ergibt. Oder könnt ihr euch ad hoc eine interessante Geschichte zwischen grobschlächtigen Steinzeitmenschen, eine sinnvoll gefüllte Welt oder andere Waffen als Stöcke und Steine vorstellen? Eben.

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Ganz so beeindruckend sah Primal in Bewegung dann doch noch (?) nicht aus.
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Mehr Far Cry als Primal?Es würde mich sehr wundern, wenn Ubisoft in gut drei Monaten keine Antworten auf diese Fragen geben könnte. In Ansätzen haben sie das bereits während der einstündigen Anspielmöglichkeit in London getan, auch wenn ich mir nie ganz sicher war, ob sie weitere Details lediglich zurückhalten oder schlicht wenig mehr als das zu präsentieren hatten, was wohlklingend als „the essence of Far Cry“ umrissen wurde.

Ein wildes Tier, das Ubisoft erst noch zähmen muss.Ausblick lesen

Im Kern trifft es das tatsächlich ganz gut, ist Primal doch ein auf die modernen Grundfesten entblättertes Far Cry, entschlackt vom übermäßigen Schnickschnack, der sich da zuletzt immer weiter aufgetürmt hat. Statt dutzender habt ihr nur noch eine Handvoll selektierter, sinnvoller Waffen, zieht euren Steinzeitkollegen eins mit der Keule über den zerbeulten Schädel, haltet sie mit Bogen auf Distanz oder nutzt einen Speer für alles, was irgendwo dazwischen liegt. Das funktioniert im Wesentlichen so, wie man es erwartet, führt aber auch dazu, dass nur noch weniger Shooter in diesem Ego-Shooter steckt. Erwartet nicht plötzlich ein knallhartes Suvival-Spiel, alles nur das nicht. Der zwangsläufige Verzicht auf allzu viele Fernkampfwaffen verschiebt schlicht den Fokus der Auseinandersetzungen in den Nahkampf, der noch nie eine Stärke der Serie war und hier, man kann es noch nicht anders sagen, in wildem Knöpfchendrücken kulminiert. Nun war der Schwierigkeitsgrad der Demo ohnehin kein allzu hoher, doch selbst der würde wohl wenig am absurden Ringeltanz ändern, mit dem ihr Gegner umrundet und hektisch auf sie einknüppelt.

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Ich will dieses Spiel mögen. Enttäuscht mich nicht, Ubisoft.
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„Setz doch mal eines deiner Raubtiere ein“, schlug mir einer der anwesenden Entwickler vor, der mein Trauerspiel einige Augenblicke beobachtet hatte und mir damit das zentrale Element des Spiels vor Augen führte. Mehr als genug dieser Biester stromern durch die Wildnis, jederzeit bereit, euch in kleine Stücke zu filetieren – es sei denn, ihr zähmt die Fleischfresser und werdet zum ersten Pokémon-Trainer der Menschheit. Säbelzahntiger und Braunbären, Wölfe und Leoparden warten dann nur auf euer Kommando, greifen Feinde an und haben ihre ganz eigenen Eigenschaften. Bruno holzt schon mal eine ganze Gruppe im Alleingang um, Raubkatzen eignen sich hingegen prima für Hinterhalte – ihr kennt das Spiel. Sogar eine Eule kann euer Mammutjäger Takka jederzeit rufen und mit ihr drohnenartig das Areal ausspähen sowie Feinde angreifen.

In der Theorie klingt das alles wunderbar taktisch und ich möchte auch nicht ausschließen, dass Far Cry Primal mich nächstes Jahr eines Besseren belehrt, wenn ich jetzt noch behaupte, dass diese Möglichkeiten nur selten völlig ausgeschöpft werden. Nahkampfangriffe sind zu stumpfsinnig und mächtig, die Fähigkeiten der Spähereule und meisten Raubtiere sowieso – Balancing gehört bislang jedenfalls nicht zu den größten Stärken, von denen hier zweifelsohne so einige unter der steinzeitlichen Oberfläche brodeln. Ihr müsst sie nur noch freilegen, Ubisoft.