Man hat eine kuriose Zerrissenheit in der Brust, wenn man bei Ankündigung eines Spiels "Hui, wie soll das denn gehen?" denkt und dann, wenn man es erst in den Händen hielt, die Antwort "Na wie immer." lautet. Jeder kann sich ein Spiel in der Steinzeit vorstellen, aber eines mit Vielfalt? Mit neuen Mechaniken? Oder zumindest unter Beibehaltung alter Stärken? Das ist schon schwieriger. Sicherlich hat Far Cry Primal bei seiner Ankündigung einige Augenbrauen gehoben. Alle Fans und Hater können sie aber wieder senken – Primal ist ein waschechtes Far Cry, auf Gedeih und Verderb.

Die Ankündigung Primals passierte reichlich kurzfristig, in weniger als einem Monat soll es dann auch bereits da sein, und eine derart verkürzte und gestauchte Marketing-Phase führt nun also dazu, dass das Spiel der Presse alle naslang gezeigt wird und wir euch mit einer weiteren Vorschau beglücken dürfen. Es sei euch dennoch stark empfohlen, unsere letzte Vorschau zu lesen, denn ganz ehrlich gesagt ist der neu gewonnene Eindruck nicht mehr als eine Erweiterung des alten.

Man kann, was Primal macht, reizvoll finden, sehr sogar, und gerade, was die Story angeht, hege ich eine besondere Sympathie für das paläolithische Geschwurbel. Nicht, weil es besonders gut wäre – es ist derselbe Murks, den man in Games im Dutzend billiger vorgesetzt bekommt. Nur ist er reduziert auf seine Essenz, runtergebrochen auf das absolute Minimum, was eine sympathische Ehrlichkeit mit sich bringt. Ist mir doch strunzegal, warum im Fantasy-RPG "Generica – Die abermalige Suche nach den magischen Kristallsplittern" der Elf am Wegesrand zehn Wolfspelze von mir will, und die Texttafel zu seiner Quest lese ich eh nicht. Wenn also meine Höhlenfreundin in Primal mir, nicht nur sinngemäß, sondern tatsächlich konkret sagt "Wunde tief. Du geh in Wald, hol grüne Blätter.", dann kann ich nicht umhin, ein bisschen zu schmunzeln.

MMORPG - Die größten Open Worlds der Spielegeschichte

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (15 Bilder)

Zwar sagen mir die Leute von Ubisoft, die Story werde durchaus noch komplex, aber ehrlich gesagt glaube ich ihnen kein Wort. Das ist einerseits ein Erfahrungswert, andererseits war mein Einblick in die Story von Far Cry Primal durchaus auch keine Offenbarung. Die große Frage, wie man überhaupt in der Steinzeit eine Story erzählen könne, beantwortet sich ganz leicht: So wie immer in Far Cry, nämlich grundlegend und nett präsentiert, nur eben mit Uga-Uga-Anstrich. Bestienzähmer Takkar will seinen versprengten Stamm, die Wenja, wieder zusammenraufen, durch Investition von Crafting-Ressourcen und den Abschluss von Missionen stark machen. Nacheinander stehen ihm dabei zwei feindliche Stämme entgegen. Wie gesagt: Ich Tarzan, du Game.

Takkars Selbstfindung ist eine der Säulen der Handlung. Nach einer von einem Säbelzahntiger (von den Urmenschen liebevoll "Tigri" genannt) jäh beendeten Mammut-Jagd flieht er in ein neues Tal und versucht nach der Begegnung mit einer jungen Kräuterheilerin, seinen Stamm wiederaufzubauen. Der jungsteinzeitliche Recke entdeckt nach seiner ersten Begegnung mit einem Wenja-Schamanen, den er in seinen noch jungen Stamm holen will, dass die Geister ihm gewogen sind: Zuerst schließt sich ihm eine Eule an, die ein Ersatz fürs Fernglas aus dem früheren Far Cry ist. Nein, ihr Schweinchen, man guckt nicht in die Eule hinten rein und vorne wieder raus, man lässt sie segeln und sie markiert Feinde und derlei. Später kann sie auch einzelne Feinde ausschalten und die obligatorischen Tierkäfige öffnen.

Far Cry Primal - König der Steinzeit Trailer6 weitere Videos

Die Tierwelt jedenfalls ist Takkar zugetan, und schon bald gehorchen ihm, natürlich nur nach entsprechenden Upgrades und einem komplett anspruchslosen Zähmungsvorgang, Wölfe, Panther, Bären und wahrscheinlich auch Schnabeltiere und Einzeller, wer weiß. Zumindest die anfängliche Mission mit der Eule präsentiert sich als mittlerweile klassischer Far-Cry-Drogentrip – weniger Fear and Loathing, mehr "Hinter einer spektralen Eule hersegeln und dabei spirituellen Naturkitsch ertragen". Geht schon klar.

Fragwürdig, ob sich das Ganze tragen wird, doch es macht unleugbar auf Anhieb Spaß - klassisch Far Cry eben.Ausblick lesen

Steinzeit, was zu ändern

Der Rest der gezeigten Handlung hat durchaus Charakter, Flair, wirkt zum Setting passend. Nur ist das Setting eben die gottverdammte Steinzeit, und die Probleme sind gottverdammte Steinzeit-Probleme. Das ehrliche Eingeständnis, dass die Story von Far Cry noch nie wirklich besser war und hier einfach schlichter präsentiert wird, ist ja weniger ein Lob Primals als vielmehr eine Anklage an den Rest der Reihe. Reicht es also als Aufhänger, wenn immer wieder Krieger entführt, Dörfer angegriffen und Ressourcen geklaut, besetzt, vernichtet werden? Mir schon, zumindest in der Vorschau. Ich hatte Spaß. Ob das anderen Spielern so geht? Ob es länger als ein paar Stunden halten kann? Sehr fragwürdig.

Es scheint überhaupt ein Kernproblem des Spiels zu sein, dass es nicht recht zu verstehen scheint, alles aus seinem Szenario rauszuholen. Die Steinzeit ist aus verschiedenen Gründen ein eklatant unbeackertes Feld im Spielebereich – vielleicht deshalb, weil Landwirtschaft damals noch nicht etabliert war. Wenn man sich aber in den Bereich vorwagt, dann reicht es nicht, sich auf diesem Wagnis auszuruhen, man muss ihm, im Gegenteil, nun gerecht werden.

Far Cry Primal - Ich Tarzan, du Game

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 65/671/67
Takkar läuft sich den Wolf - allerlei wilde Bestien können euch beim Kampf, schleichen und der Jagd unterstützen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ein ganz simples Beispiel dafür ist der Nahkampf, über den auch Kollege Gregor in seiner Vorschau schon gesprochen hatte. Obgleich Primal erstaunlich viele Fernkampfoptionen aus dem Fellhut zaubert, bleibt es nun mal nicht aus, dass man mit Keule und Speer auch mal im Getümmel steckt. Cool daran: Trifft man mit seinem Knüppel einen Feind und er ragdollt danach wie eine steinzeitliche Vogelscheuche, dann ist das durchaus satt. Scheiße daran: Dadurch, dass es kein richtiges und durchdachtes Nahkampfsystem gibt, ist ein solches Scharmützel reines Gefuchtel, bis der Feind tot ist. Daran ändern auch Aufladeschläge nichts. Wie viel hätte schon allein ein Ausdauerbalken gebracht, ein Stamina-System wie in mittlerweile jedem dritten Action-Spiel?

Packshot zu Far Cry PrimalFar Cry PrimalErschienen für PS4, Xbox One und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Und gerade Ubisoft sollten auch wissen, dass übermächtige Beschwörung von Verbündeten, die dann die ganze Arbeit machen, zwar lustig anzusehen ist, aber langfristig die Herausforderung und den Spielspaß senken – auch bekannt als das "Brotherhood-Syndrom". Ist ja also ganz launig, meinen weißen Wolf auf Feinde zu hetzen, aber wenn die Töle dann drei Leuten den Hals durchbeißt, während ich noch dabei bin, meinen Speer aus meinem ersten Opfer zu ziehen, fühl ich mich ein wenig veralbert.

Far Cry Primal - Ich Tarzan, du Game

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden2 Bilder
"Du! Nimm Speer! Jag Mammut! Uga!"
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es spricht für die Grundformel, wie viel Spaß das ganze immer noch macht, und der Moment, wenn man mit einem geworfenen Spieß jemanden an einen Baum tackert, ist tatsächlich eine meiner liebsten Erinnerungen an das Event. Was blöd ist, denn der Fokus sollte, glaube ich, auf der Story liegen. Die Geschichte ist, offizielle Aussage von Ubi, wirklich säuberlich in die beiden Parallelhandlungen mit den feindlichen Stämmen geteilt. Die einen, ein kannibalistisches Völkchen von Plünderern Namens Udam unter der Führung des narbengesichtigen Ull, begegnet uns schon früh und stellt die erste große Hürde dar. Der zweite Feindes-Stamm, ein elitärer Club von Feuerteufeln, führt dann später die entsprechenden Abfackel-Mechaniken ein – beginnt mit dem Anzünden von Keulen und Pfeilen und geht bis zu improvisierten Brandbomben, von denen ich als Laie jetzt einfach mal behaupten würde, dass sie vielleicht nicht ganz historisch korrekt sind.

Wie gesagt: Geht schon klar. Der Reiz, von dem Primal durchaus einigen versprüht, liegt aber für mich momentan klar nicht bei der Story, sondern dem urigen Setting, der schönen offenen und wilden Welt, den kräftigen Momenten im an sich verbesserungswürdigen Kampf, den zahllosen zu entdeckenden Details in der Umgebung und der Aussicht, vielleicht doch noch ein Schnabeltier zähmen zu können. Also alles Versprechungen aus der Zukunft, Prophezeihungen aus dem schamanistischen Feuer. Für eine gewisse und unbedingte Empfehlung oder Top-Aussicht reicht das nicht, sehr wohl aber für lobende Worte und einen Schuss Optimismus.