Es ist meist ein untrügliches Zeichen von Qualität, wenn man als Redakteur nach zweitägiger Gaming-Druckbetankung noch so etwas wie Spaß hat – umso mehr, handelt es sich dabei um Freizeitfresser wie Far Cry. Die gehetzten Stunden mit diesen Kurz-vor-knapp-Spielen zählen normalerweise zu den lästigeren eines sonst tollen Jobs; zwischen Durchspielzwang und nervösem Blick auf die Uhr verkommt das Hobby irgendwann tatsächlich zur Pflicht, die es genau genommen auch ist. Bei Primal ist dieser Übergang allerdings bis zur Unkenntlichkeit verwischt: Ist das noch Spaß oder schon Arbeit?

Könnte ich es mir nicht selbst beantworten, würde ich euch glatt fragen, wie viele halbwegs aktuelle Spiele euch mit Steinzeit-Szenario spontan einfallen. Dass die Antwort irgendwo zwischen eineinhalb und „Zählen die ARK-Dinosaurier auch dazu?“ liegt, ist so wenig verblüffend wie selbsterklärend: Weil es sackenschwer ist, aus dem bisschen, was diese Zeit hergibt, ein brauchbares Spiel mit allem zu stricken, was im Jahr 2016 so dazugehört.

Dass nun ausgerechnet Nummer-sicher-Publisher Ubisoft diesen nicht ganz ungefährlichen Versuch wagt, nötigt mir ehrlich gesagt einigermaßen Respekt ab. Schwer zu sagen, welchen Anteil die Lehren aus dem überstrapazierten Assassin’s Creed an dieser Entscheidung haben, doch selbst, wenn man einen ähnlichen Effekt bei Far Cry befürchtete – das nach dem vierten Teil ähnliche Abnutzungserscheinungen zeigte – hätte man sich das Leben nicht gleich so schwer machen müssen.

Far Cry Primal - Steinzeitmensch ärgere dich nicht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 62/661/66
Primal liefert keinen prototypischen Psycho-Antagonisten ab, hat das aber auch gar nicht nötig: In der Steinzeit ist ohnehin jeder Zweite auf seine eigene Art völlig durchgeknallt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Mehr Primal als Far Cry?

Für jedes andere Genre wäre es bereits kompliziert genug, seine Mechaniken sinnvoll auf die historischen Gegebenheiten dieser neolithischen Epoche zu übertragen – für einen Shooter ist es nahezu unmöglich. Und, Überraschung, ein Ego-Shooter ist Far Cry Primal wahrlich nicht (mehr), auch wenn seine Wurzeln als solcher jederzeit zu erkennen sind. Im Guten wie im Schlechten, denn obschon Ubisoft viel von dem ins jungsteinzeitliche Zentraleuropa hinüberretten konnte, was die Serie spätestens seit Teil 3 auszeichnet, geht ihre vielleicht größte Stärke zwangsläufig verloren: die satten Schusswechsel.

Statt mit Scharfschützengewehr und Schrotflinte huscht ihr nun eben mit Bogen und Keule durchs Gestrüpp, bekommt außerdem einen Speer für mittlere Distanzen in die vernarbten Hände, was allemal zweckdienlich, aber doch reichlich wenig ist für ein Spiel, dessen Fortschrittszähler nach 20 Stunden nicht mal bei der Hälfte liegt. Eine Handvoll zusätzlicher Spielereien klaubt ihr schon noch zusammen, darunter fast nur nützliches Zeug wie „Bienennestgranaten“ und notdürftige Brandbomben, doch das sind, wie gesagt, Spielereien: Eure raubeinige Arbeit verrichtet ihr primär mit den genannten Waffen.

Far Cry Primal - König der Steinzeit Trailer6 weitere Videos

Daraus ergeben sich eine Handvoll Probleme, vor allem jedoch jenes, dass nun ausgerechnet das Nahkampfsystem nie zu den Stärken Far Crys gehörte. Hier aber baut sich ein vollständiges Spiel um diese Mechanik herum auf, die nicht einmal simpelste Aktionen wie Konter und das Blocken von Schlägen erlaubt. Natürlich bietet dieser historische Kontext nicht unbedingt überbordend viele Möglichkeiten, aber biegt sich Ubisoft die Menschheitsgeschichte ohnehin ein wenig so zurecht, wie es gerade am besten passt – warum also um Himmels willen ausgerechnet hier eine Ausnahme machen?

Packshot zu Far Cry PrimalFar Cry PrimalErschienen für PS4, Xbox One und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Deshalb ein gut gemeinter Rat: Schraubt den Schwierigkeitsgrad nach oben. Erst über dem „Normal“-Spaziergang legt euch Primal nahe, es doch bitte mit einem Mindestmaß an taktischem Vorgehen zu versuchen. Die dafür notwendigen Mittel gibt es freilich auch auf leichteren Stufen, aber glaubt mir, wenn ich sage, dass man euch erst zu eurem Glück wird zwingen müssen. Wozu sonst mit eurer Eule drohnenartig das Gebiet observieren, anhand der Gegnerverteilung eine Kampfroute planen, wenn ihr genauso gut knöpfchenhämmernd ins Getümmel ziehen könntet? Weshalb sich anschleichen, arme Teufel mit einem Takedown-Genickbruch von den Beinen holen, wenn sie auch nach zwei Keulenhieben wie ein nasser Sack in sich zusammenfallen?

Far Cry Primal - Steinzeitmensch ärgere dich nicht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Raubtiere könnt ihr gezielt in die Flanke eurer Feinde schicken, um ihnen selbst in den Rücken zu fallen. Jedes Mal wieder ein großer Spaß.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Erst ohne Mitleidsbonus stellt sich etwas ein, das zwar kein komplexes Umhertänzeln, aber auch nicht länger das anspruchsloses Gekeile ist, mit dem ihr sonst abgefrühstückt werdet. Und das gilt umso mehr für eure vierbeinigen Kollegen: animalische Posterboys und das Alleinstellungsmerkmal, wenn es nach dem französischen Publisher geht. Was soll ich sagen? Unterschreib ich so.

Pokémon B.C.

Vom geradezu unverschämt stumpfsinnigen Zähmungsprozess mal abgesehen, ist dieser Ice-Age-Zoo aus Mammut, Säbelzahntiger, Braunbär und 14 weiteren steinzeitlichen Pokémon nämlich nicht umsonst das zentrale Element, mit dem der Publisher allerorten hausieren geht. Hat schon seinen Grund, dass derzeit überall von Ubi gesponsorte Videos wie Pilze aus dem Boden sprießen: Primals Prämisse ist eine von jenen, die man sehen muss, um sie zu verstehen. Wo sich andere ausschließlich hinter geschönten Trailern verstecken (nicht, dass Ubisoft diese Masche sonst nie nutzen würde), reichen hier bereits wenige Spielszenen, um Klarschiff zu machen.

Vielleicht nicht das beste, aber das mutigste Far Cry – und immer noch ein richtig gutes Spiel.Fazit lesen

Seit Jahren sind beeindruckende Welten so etwas wie das Steckenpferd nahezu aller Ubisoft-Studios, doch während sich andere Spiele vor allem über ihre ausgefeilten Städte definieren, hatte es Ubi Montreal diesmal nicht so „einfach“. Reißende Wasserfälle, anmutig in die Höhe ragende Mammutbäume und naturbelassene Postkarten-Panoramen mögen hübsch anzuschauen sein, reichen aber nicht aus, um eine Welt atmen, sie wirklich authentisch wirken zu lassen. Werft einen Blick auf das Oros-Tal und ihr wisst, warum.

Auch ohne euer Zutun reißt ein Wolfsrudel im Mondlicht seine Beute, springen Berglöwe und Bär mit ausgefahrenen Krallen in einen tödlichen Clinch. Diese Flora und Fauna ist keine, die hinter den Kulissen die Beine hochlegt, euch nur einstudierte Tänzchen präsentiert, wenn ihr gerade in die richtige Richtung schaut. Hier gilt das Recht das Stärkeren – ob mit oder ohne euch.

Far Cry Primal - Steinzeitmensch ärgere dich nicht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 62/661/66
Historisch bedingt ist diese Welt eine äußerst rohe und brutale. Entsprechend setzt Ubisoft immer wieder Akzente, ohne es jedoch zu übertreiben und die Gore-Schraube auf Anschlag zu drehen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Was du heute kannst besorgen…

Überhaupt wohnt diesem Kosmos eine ungeheure innere Logik inne, die sich auf eine simple Gleichung herunterbrechen lässt: Das Szenario diktiert die Spielmechaniken, nicht umgekehrt. Versteht mich nicht falsch, Far Crys Sammeln-und-herstellen-Kreislauf hatte schon immer seinen Reiz, andererseits dürften einige von uns so ihre Probleme damit gehabt haben, Jason Brody und seinem Nachfolger den Wimpernschlag-Wandel vom modernen Kumpeltyp zum knallharten Überlebenskünstler abzukaufen.

Kein Problem mehr mit Takkar vor der Nase. Als Steinzeitmensch, der er nun mal ist, würde er ohne Jagdtechniken und dergleichen keinen Tag in dieser rohen Umgebung überstehen. Alles an seinem Körper ist handgefertigt, vom vor Dreck verkrusteten Lendenschutz bis zum zusammengeklöppelten Speer, mit dem er die Schädel all jener spaltet, die dumm genug sind, seinen Weg zu kreuzen.

Insofern ist dies das perfekte Zeitalter für ein Far Cry – vielleicht sogar eine Spur zu perfekt. Ubisoft, ohnehin nicht gerade für ein Übermaß an Subtilität bekannt, ist sich dieses vorteilhaften Umstandes nämlich sehr wohl bewusst und nutzt ihn, um wirklich jeden Winkel eurer Gebietskarte mit Sammelsymbolen zu tapezieren. Das muss nicht zwingend etwas Schlechtes sein; wer sich früh angewöhnt, im Vorbeigehen abzupflücken, was diese wilde Schönheit ihm zu geben hat, wird später kaum in die Bredouille geraten, gezielt auf Sammeltour zu gehen, um seinem Bogen mehr Durchschlagskraft zu verpassen. Allerdings kann ich auch jeden verstehen, für den die schmale Grenze zwischen Spaß und Arbeit hiermit endgültig überschritten wird.

Diese zwanghafte Beschäftigungstherapie nimmt beinahe neurotische Züge an. Primal lässt euch keine Sekunde aus den Augen, hält euch permanent ein neues Upgrade oder einen weiteren Skillpunkt unter die Nase, den ihr in ein halbes dutzend Talentbäume versenken könnt. Immer gibt es irgendwo irgendwas zu tun: ein neues Raubtier zu zähmen, eine neue Ortschaft einzunehmen, ein paar Zufallsmissionen zu erledigen. Dieses konstante Anfüttern ist unleugbar motivierend – wenn man denn derart an die Hand genommen werden möchte. Ein wenig länger hätte die Leine ruhig sein dürfen, an der uns Ubisoft hier hält.

Far Cry Primal - Steinzeitmensch ärgere dich nicht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Deaktiviert die Sammelanimationen, wenn euch eure geistige Gesundheit lieb ist – ihr spart jede Menge Zeit und Nerven.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wer mit wachem Blick durch diese Welt geht und beim Spielen auch mal zwei Schritte zurückmacht, spürt diesen sanften, aber bestimmten Druck der Entwickler im Nacken. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – und unumgänglich, wenn die Möglichkeiten nun mal beschränkt sind. Vor diesem Hintergrund lässt sich Primals Aktionismus auch als latentes Beschwichtigen lesen; „Siehst du, trotz Steinzeit kein Leerlauf, wir geben unser Bestes!“

Das ist, und das meine ich ohne jede Ironie, gut gemeint und ein Plan, der über einige Stunden trägt. Funktioniert prima, eine ganze Zeitlang werdet ihr prächtig unterhalten. Bis zur Zehn-, Fünfzehn-Stunden-Marke: Bis ihr an all den bunten Blüten am Strauß der Möglichkeiten geschnuppert habt und feststellt, dass Quantität kein Ersatz für Qualität ist. Bis ihr zum x-ten mal mit einer anderen Ausrede im nächsten Dorf einreitet und niederknüppelt, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Das Leben eines Steinzeitmenschen mag vieles gewesen sein – abwechslungsreich war es nicht.

Damit ist Far Cry Primal noch längst kein schlechtes Spiel, ganz und gar nicht, aber ein doch arg routiniertes, das als Opfer seines Szenarios nur vergleichsweise wenig mit sich anzufangen weiß. Kein Wunder, dass die Steinzeit kaum zu den beliebtesten Genres gehört: Es gibt eben nur begrenzte Mittel mit Faustkeil in der Hand und einem Wortschatz, der sich nach „Uga!“ und „Takkar böse, Takkar kaputtmachen!“ erschöpft. Bei Ubisoft Montreal hat man sich wirklich Gedanken gemacht und mehr aus dieser Vorlage herausgeholt, als ich initial für möglich gehalten hätte, außerdem einiges dafür getan, das dünne Tagesgeschäft eines Jäger und Sammlers so aufregend wie möglich zu gestalten. Wer jedoch erst einmal dem roten Faden der Questmarkierungen auf der seiner Karte folgt, hat schnell alles gesehen: Kämpfe, Sammel- und Dompteuraufgaben.