Ich bin ein Kind der achtziger Jahre, und als solches habe ich im Laufe der Zeit einigen Käse gesehen. Schmelzende Menschen, die auf Windschutzscheiben zerbarsten. Puzzleboxen, aus denen Bondage-Monster sprangen. Und natürlich Österreicher, die als US Marines durchgehen sollten.

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Es war eine wilde Zeit, in denen Ungetüme aus Latex und Kunstblut die Leinwände füllten. Die Achtziger stellten aber auch für das Videospiel einen Meilenstein dar, denn hier erreichten die Flimmerabenteuer einen ersten kommerziellen Höhepunkt und erlebten beinahe auch schon wieder ein verfrühtes Ableben.

Dean Evans ist ein paar Jahre älter als ich, sodass er all diese gloriose Grütze mit den strahlenden Augen eines jungen Mannes erfahren hat. Und er hat es geliebt, sowohl das trashige Kino als auch das sich erhebende Gaming. Wie das Schicksal es so will, befand er sich jetzt, 23 Jahre nach dieser grellen Ära, als Creative Director in der Position, seiner Jugend ein Denkmal zu setzen, das gerade durch seinen Anachronismus strahlt: Far Cry 3 Blood Dragon.

Die Idee ist leicht erklärt: Eine Stand-alone-Erweiterung zu Far Cry 3 sollte her, und da die Geschichte des enorm erfolgreichen Dschungelabenteuers abgeschlossen war, musste man also ohnehin eine frische Story mit eigenen Kapiteln aufbauen. Die perfekte Gelegenheit für Dean Evans und sein Team also, sich total auszuspinnen und dem Cybergeballer von anno dazumal einen parfürmierten Liebesbrief zu schicken.

Far Cry 3: Blood Dragon - Glorreicher Schwachsinn, gewöhnlicher Hochglanz

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Wer die Actionfilme der 80er und frühen 90er miterlebt hat, wird sich in Blood Dragon wiederfinden.
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Zu sagen, Blood Dragon erzähle eine Geschichte, ist schon ziemlich weit hergeholt. Der Inhalt ist nicht viel mehr als ein Vehikel für eine Unmenge an Action-Klischees, dummen Sprüchen und Kalauern, dass sich die Balken biegen. Wenn dieses Gerüst aus Cyborgs, Lasern und albernen One-Linern eines ernst nimmt, dann ist es die Mission, sich nicht ernstzunehmen.

Michael Biehn schlüpft in die Rolle von Sergeant Rex Power Colt, einem eigentlich schon veralteten Cyber-Commando der Baureihe IV, der zusammen mit seinem Kollegen Spider (Afro-Amerikaner, Jive-Talker, ihr kennt den Drill) auf den Spuren seines ehemaligen Colonels ist. Zusammen mit der Wissenschaftlerin Dr. Elizabeth Darling (Will jemand raten, ob es eine unnötige Sexszene zwischen den beiden geben wird?) trotzt er den postnuklearen Gefahren des Jahres 2007, ballert jede Menge Cyborgs über den Haufen und, was auch sonst, rettet die Welt.

Packshot zu Far Cry 3: Blood DragonFar Cry 3: Blood DragonErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: ab 4,95€

Was uns als Spieler erwartet, sind rot leuchtende Augenimplantate, Frisuren mit zu viel Haarspray und natürlich jede Menge Tron-Linien. Die Gefahr ist groß, dass ein solches Projekt nach hinten losgeht – Genreparodien sind oftmals selbst keine sehr guten Produkte, weder im Kino noch auf Rechner und Konsole, es hätte also durchaus passieren können, dass sich Blood Dragon versteigt und in Zukunft zusammen mit Dämlacktiteln wie Eat Lead: The Return of Matt Hazard in der Ecke schmollen muss.

Es stimmt mich daher froh, vermelden zu können, dass das Konzept rein ästhetisch erst mal großartig aufgeht und sitzt. Blood Dragon hat Humor, und davon jede Menge. Der Spaß ergibt sich vor allem aus bewusst eingesetzten und gar nicht mal so überstriebenen Trash-Traditionen – so einen Plot wie den oben beschriebenen findet man in zahllosen echten B-Movies.

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Die trashige Gestaltung ist durchweg geglückt.
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Trotzdem ist Blood Dragon kein Hipster, der diese Elemente nur ironisch versteht. Im Gegenteil: Man hat sich viel Mühe gegeben, dem vermeintlich geringen Anspruch gerecht zu werden. Vom rot leuchtenden Himmel der Postapokalypse über das billige Design der Waffen und Gegner bis hin zu den verpixelten, kaum animierten Zwischensequenzen ist alles mit Verstand und Liebe ausgearbeitet worden. Hierin steckt echte Mühe, und ich glaube Dean Evans sofort, wenn er zum Beispiel sagt, sein Team habe „an dem schrecklichen Script lange gearbeitet“.

Saukomisch, charmant und als Balanceakt nur halbwegs gelungen. Nicht Fisch, nicht Fleisch, trotzdem ziemlich krass.Fazit lesen

Blood Dragon kann da punkten und unterhalten, wo man es nie erwarten würde, weil kein anderes Spiel dort etwas Brauchbares liefert. Zum Beispiel in den Menüs und Item-Beschreibungen, die mit einer Lust und Verve derartigen Bockmist erzählen, dass nur der hartnäckigste Miesepeter sie nicht mögen könnte. Oder der geschriebenen Storyzusammenfassung, die, ohne rot zu werden, einen Plot zusammenlügt, der nach Alan Smithees Neonversion von Harold und Maude klingt, aber kein bisschen mit der wirklichen Handlung zu tun hat.

Get to the Laser-Chopper!

Ich rede bislang nur von Gestaltung und Design, und das liegt daran, dass mir dazu jede Menge einfällt, viel mehr, muss man sagen, als zum eigentlichen Spiel. Es wäre unfair zu behaupten, dass keine Arbeit in die Überarbeitung von Spielmechaniken geflossen sei, und es sei auch gleich angemerkt, dass Blood Dragon richtig Spaß macht. Es ist nur leider ein sehr vertrauter Spaß.

Etwas anders als früher zum Beispiel läuft das Erfahrungssystem, das keinen sinnlosen Pseudo-Talentbaum darstellt, sondern einfach linear hintereinander immer noch ein Upgrade verleiht. Ist ganz nett, aber leider sind die freigeschalteten Elemente arg zahnlos geraten. Mehr Leben. Stabileres Zielen. Das ist angesichts der perfekten Ausrede (Colt ist ein gottverdammter Cyborg, herrje!) schmerzhaft verschwendet.

Das halbe Dutzend Ballermänner, mit dem man böse Buben und mutierte Mistviecher wegpustet, ist leider auch ziemlich konventionell – Pistole, Sturmgewehr, Bogen und so weiter. Einzig die freischalt- und kaufbaren Upgrades werden dann mal etwas mutiger, etwa drei zusätzliche Läufe für die Schrotflinte oder Explosivgeschosse für das Sniper-Gewehr.

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Dafür bleiben die Schießereien über weite Strecken gewöhnlich...
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Am Ende das Spiels darf man sich mit einer besonderen Waffe, die in der Story verankert ist, noch ein bisschen austoben, aber ansonsten bleibt die Action, was das Design ganz und gar nicht ist – steil konzipiert, professionell umgesetzt, aber völlig gewöhnlich. Wildes Ballern war ja aber ohnehin auch nicht die Stärke von Far Cry 3.

Geht man behutsam vor, wie es im Hauptspiel gedacht war, kommen die Mechaniken besser zur Geltung, der 80er-Action-Flair ist dann aber natürlich hin. Es wäre die perfekte Gelegenheit gewesen, das Spiel komplett auf Konfrontation zu bürsten und den Spieler sich richtig austoben zu lassen. Ich liebe Blood Dragon, und gerade deshalb wünschte ich, es wäre auf Basis eines anderen Spiels passiert, das besser gepasst hätte – spontan fällt mir Bulletstorm ein.

Denn was machen wir die ganze Zeit? Reisen über die Insel. Sammeln Collectibles. Schleichen uns in Stützpunkte, schalten heimlich Cyborgs aus. Locken vielleicht mal einen der namensgebenden Blood Dragons (Riesenechsen mit Laseraugen) zu Gegnern, damit ein Gefecht entbrennt. Oder jagen Tiere, um noch mehr Upgrades freizuschalten.

Das ist alles OK, ziemlich cool, aber es ist alles schon bekannt und nicht, was ich von Blood Dragon wollte. Um es zusammenzufassen: Einen Cyberpanther mit einem Neonbogen zu jagen ist kein wirklich anderes Erlebnis als eine Jagd auf einen normalen Panther mit einem Standardbogen. Blood Dragon ist eher ein neuer Skin oder eine flache Total-Conversion-Mod als ein anderes Spiel, und während das bei einer Standarderweiterung kein Problem wäre, erzeugt es hier die Wirkung, als fehle die Hälfte des Spiels – eben die spielerische Hälfte.

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... machen aber dennoch richtig Spaß.
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Denn ich könnte noch seitenweise über Blood Dragon schreiben. Darüber, dass die Pistole nach dem Protagonisten von RoboCop benannt ist. Warum die Schrotflinte „Galleria 1991“ heißt und nach welcher Schauspielerin Dr. Elizabeth Darling gestaltet wurde. Ich hätte den gesamten Katalog an billigst produzierten B-Movies der achtziger Jahre zum Vergleich und würde lange nicht zur Ruhe kommen.

Sobald ich aber etwas zur Spielerfahrung sagen muss, fällt mir nur „siehe Far Cry 3 plus Kleinigkeiten“ ein, weil wirklich nicht so viel mehr drinsteckt. Und ich weiß, dass „mehr als Far Cry 3“ eine freche Forderung ist, weil gerade dieses Spiel sehr gut war. Es ist nur nicht sehr gut als Basis für ein sexy Eighties-Cyborg-Massaker, sodass Blood Dragon leider nicht alles ist, was es sein könnte.