Es dauerte ein bisschen. Aber nun...

Ich hänge an diesem Spiel.

Ich hänge die letzten Wochen körperlich daran, ganz offensichtlich, und werde bestimmt noch eine Weile dabei bleiben. Bis irgendwann der Festplattenspeicher knapp wird. Und dann?

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Wenn der Deinstallationseingriff ansteht, erwachen Erinnerungen an sonnige Traumkulissen, daran, wie alles ganz normal begann und sich einige Stunden später zu etwas Wundervollem entwickelte. ''Begann'', das ist der Zeitraum, in dem bei ''Medal of Honor'' mindestens ein Hafen, zwei Helikopter und ein Schiff in die Luft fliegen, für die Gemütlichen unter euch, plus/minus ein bisschen was. Ihr wisst ungefähr, in welche Richtung es geht.

Ein großes, offenes Abenteuer. Die Action macht herrlich viel Spaß.Fazit lesen

Far Cry 3 ist kein Spiel, das sofort mit der Tür ins Haus fällt oder sein Pulver derartig früh verschießt, dass es später nur graue Wölkchen röchelt. Die Einordnung des Hauptcharakters Jason müsst ihr überstehen, seine Gründe, warum es ihn hierher auf die Insel verschlug.

Ihr seht mit an, wie der schissige, neureiche Bursche, eben noch in einem Käfig eingesperrt und von einem wahnsinnig faselnden Typen terrorisiert, zum eiskalten Killer wird, aus der Not heraus.

Das erste Mal einen dieser Piraten zu erstechen, dazu muss er sich schluchzend überwinden. Zeit zum Trauern bleibt keine. Ab dem Punkt verteilt er Messer-Take-downs wie jemand, der sein Leben lang nichts anderes tat, als Leuten ein zweites Lächeln auf Halshöhe zu spendieren.

Far Cry 3

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Willkommen im Inselparadies. Hier kann man sich lange aufhalten.
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Ein Wandel findet hier nicht statt. Far Cry 3 lässt sich für die Entwicklung seines Helden – vor allem zu Beginn – kaum Zeit. Es zeigt ihn und seine Freunde als verzogene 08/15-Heileweltkids, Mitte 20, die so auch in jedem Teenie-Slasher auftreten könnten und selbst dann noch ''ordentlich einen durchziehen'' wollen, wenn sie in einer Höhle versteckt der nahenden Flucht harren. ''Far Cry 3'' ist so umfangreich und nimmt sich ausgerechnet keine Zeit für diejenigen, für die es Mitgefühl erwartet.

Packshot zu Far Cry 3Far Cry 3Erschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Das muss es auch nicht. Seine Stärke liegt woanders: in der Weite seiner Umwelt und ihrer natürlichen Wildheit. Sicher, mag man sagen, selten sah der Typus Hollywood-Blondine so knackich aus – das ist doch schon eine Stärke. Ich würde einige Auftritte des Wahnsinnigen Vaas und den Pilze schmeißenden Doktor Earnhardt ebenfalls der Gut-zu-haben-Seite zurechnen. Als Beispiel dafür, wie beeindruckend nah sich virtuelle Figuren inzwischen am Spektrum fein- und grobmotorischer Details bewegen. Falls man ihnen die nötige Bühne einräumt, was ''Far Cry 3'' mit fortlaufender Spieldauer vergisst.

Interessiert genauso wenig wie auftauchende und schnell wieder verschwindende Charakterhüllen. Sobald sie ihre Zeilen hinter sich haben, weg damit. Wenn man sie noch einmal braucht, kommen sie kurz zurück. Merkt niemand. Trotz netter Ansätze ist das kein Erzähl-Shooter, zumindest kein besonders subtiler, aber ein bemühter.

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Jede Schlacht um einen Stützpunkt kann anders verlaufen. Die Gefechte sind alle sehr offen und dynamisch angelegt.
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All das ist mir in dem Fall gar nicht so wichtig und eher ein Rahmen, um den wahren Star zu stützen: die Rook Island genannte Inselgruppe, kilometerweite Träume zwischen vom Grün überwachsenen Ruinen und Absturzstellen aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine Spielwiese, deren Ausmaße ich selbst jetzt, um 20 Spielstunden gealtert, nicht zur Gänze erfassen kann. Falls jemand fragen möchte: Ein Drittel des erreichbaren Spielfortschritts zeigte die Übersicht nach etwa 12 Stunden Spielzeit. Ein schönes Gefühl, auch morgen und kommende Woche noch etwas zu tun zu haben.

Wie das Spiele in offenen Welten immer so tun, gewährt euch ''Far Cry 3'' anfangs einen Blick auf seine vom Nebel umhüllte Karte – und lässt höchstens erahnen, was hinter den ausgegrauten Gebieten stecken kann. Seine imposante landschaftliche Breite verbirgt es, doch bald erklimmt und sabotiert ihr erste Funktürme, um die Landstriche nach und nach aufzudecken, nehmt Außenposten der Piraten ein und weidet wilde Tiere aus.

Überleben um jeden Preis

Letzteres in kürzestmöglicher Form: Waffenkauf nur mit Geld, hierfür eine dicke Brieftasche. Die lässt sich nur herstellen, wenn man Tierfelle hat, eine Nummer darüber mit Waranenhaut oder dem, was irgendein anderes, gefährlicheres Tier am Leib trägt. Zum Schleppen der Felle braucht man eine große Beutetasche, sonst passt bis auf ein paar Pflanzen und Krempel nicht viel rein. Einen breiteren Rucksack zimmert man mit, richtig, Fellen.

So war ich immer wieder beschäftigt mit Jagen und Sammeln, nicht des Fortschritts wegen, sondern um es mir ein wenig bequemer zu machen. Keiner will jede halbe Stunde seinen Beutel ausmisten, weil nichts mehr neben das zertrümmerte Smartphone und die Meth-Pfeife passt, oder Geld verschleudern, von dem es viel zu viel gibt. Gibt es wirklich. Sollte wohl alles den Überlebensaspekt stärken.

Immerhin: Der Kampf gegen einen Bär fühlt sich auch wenigstens an wie einer, zumindest sofern man das durch den Monitor als Trennwand beurteilen kann. Hatte in der echten Welt bisher nur ein paar Bärenkämpfe. Die wenigsten waren so brutal wie die hier.

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Wollt ihr Checkpoint-Rennen? Gibt's alles, ist aber wie das Meiste in Sachen Nebenaufträge nicht sehr sehr einfallsreich.
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Man kann sagen, ''Far Cry 3'' enthüllt nach dem Einstieg zu ruckartig und plump, was es unter der Haube hat. Sobald die Karte verfügbar ist, wird sie überschwemmt von Symbolen: Piratenlager, Funktürme, Haupt-, Nebenmissionen, Autorennen und kleine, gut vergütete Jagdaufträge. Man könnte dem Spiel vorwerfen, dass es zu schnell zum Selbstläufer mutiert und all das als Ding der Selbstverständlichkeit anbietet – ob es nun hierher passt oder nicht. Ich möchte nicht ''formelhaft'' sagen, doch genau so wirkt es stellenweise. Alles kann, nichts muss, aber was andere haben, brauchen wir auch.

Das zu verkraften ist das, was ich oben unter ''Es dauerte ein bisschen'' meinte. ''Sie nehmen nur normale Zutaten'' sind so Sätze, die einem durch den Kopf gehen, oder ''Warum verheizen die das Ding mit 08/15-Autorennen?''. Ich war erfreut, dass Ubisoft die Leere des zweiten Teils stopfen wollte, aber ein wenig ernüchtert, dass man sich dafür den Bauchladen umbindet und sagt: ''Guck mal, haben wir auch alles!''.

Dann machte es Klick. Diese Insel braucht keine Aufträge, damit sich etwas bewegt. Das tut sie ganz von alleine. Die Art der Mission ist sekundär, das Liegenlassen jederzeit möglich, und schuld an dieser irgendwann entstandenen Faszination sind die Umwelt und ihre Gnadenlosigkeit, die alles plötzlich umschlagen lassen können, wenn man nicht achtsam in ihr wandelt.

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Natürlich auch mit Autos, um schnell von A nach B zu kommen.
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Seht die Beschäftigungen als lose Überdachung, um der Erkundung der Insel, soweit ihr das wünscht, einen Sinn zu geben. Alles dieser Art zu erledigen ist pure Fleißarbeit und am ehesten etwas für Häkchenfreaks, die sich daran erfreuen, wenn in der ''Autorennen-abgeschlossen''- oder ''Relikte-gesammelt''-Liste eins dazukommt. Liegt der Kram auf dem Weg, nehme ich ihn gern mit. Falls nicht, auch nicht schlimm.

Far Cry 3 ist etwas, das man liegen lassen kann, für ein, zwei Tage, vielleicht weil man satt ist von den Nebenmissionen oder der Sonnenscheinidylle. Aber dann nimmt man es beherzt wieder auf, verliert sich zwischen Flusszungen und Stränden, an denen Schildkröten ängstlich die Rübe einziehen, befreit zwei, drei Außenposten, um wieder in den Flow zu kommen, und ergötzt sich an den großartigen Schießereien.

Vorsicht im Gebüsch

Far Cry 3 kann ein ruhiger Shooter sein. Wenn man ihn lässt. Es ist die Art von Spiel, dessen Welt auch dann weiterlebt, während ihr gerade woanders unterwegs seid oder kriechend im Unterholz verschwindet, den Blick zur Straße gerichtet, im Rücken einen fauchenden Waran, der nicht so ganz verstanden hat, dass ''Füßeln'' zwar einen Fuß beinhaltet, aber kein schuppiges Maul und mit Sicherheit keine scharfen Zähne...

Die Straße im Blick und auch die Piratenpatrouillen in den klapprigen Jeeps. Manche von ihnen erleiden Motorschäden und steigen fluchend aus der rauchenden Schrottkarre. Vielleicht fahren ein paar ihrer Kollegen zufällig vorbei und helfen bei der Reparatur. Vielleicht verirrt sich eine Granate aus meinem Gürtel dorthin und jagt alles in die Luft.

Es könnte ein Tiger mit knurrendem Magen des Weges kommen und mir die Arbeit abnehmen. Oder ein Gebüsch Feuer fangen und die halbe Lichtung abbrennen. Eine nette Überraschung war das, nach meinen verzweifelten Versuchen vor ein paar Stunden, genau diesen Effekt zu erzielen. Ich hatte mir fest vorgenommen, über das fehlende Feuer zu reden. ''Warum haben die etwas Bestehendes und so großartig Funktionierendes rausgenommen?'', wollte ich fragen und darauf verweisen, dass ich ''Far Cry 2'' seinerzeit bereits sehr schätzte – trotz der Leere in Afrika.

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Wer Glück hat, kann nicht nur Helis oder Fahrzeuge abschießen, sondern auch herrliche Kettenreaktionen erzeugen.
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Nun bleibt nicht einmal das. War es vorher schon klasse, C4-Päckchen platzierend durch eine Piratenbasis zu schleichen und diese aus sicherem Abstand nacheinander zu zünden, kommt die Faszination der Flamme dazu. Wobei ich nicht genau sagen kann, ob das Abbrennen erst ab dem Punkt möglich ist, als man den Flammenwerfer bekommt, oder ob ich davor einfach Pech hatte.

Obwohl tropisches Grün schlechter zu glimmen scheint als das knochige, dürre Braun Afrikas, entstehen beeindruckende Kettenreaktionen. Etwa wenn sich eine Gruppe Gegner in einer Holzhütte verschanzt und man den Flammenwerfer nur einmal zur Seite schwenken muss. Woanders, ich schleiche gerade unbemerkt in einen Außenposten, kann ich ein kleines Feld in Brand setzen. Neben dem zufällig einige rote Fässer stehen. Die zwanzig Sekunden später die halbe Basis abreißen, nachdem ich auf den Hügel geschlichen bin und von dort mit der Kamera die aufgeschreckten Piraten beobachte. Nutzt man eigentlich zum Markieren der Gegner, die dann mit Symbolen über'm Kopf durch dichte Büsche und Wände sichtbar sind, aber ich verzichte drauf.

Hier lodert die Faszination für dieses Spiel.

Eine Insel voller Action

''Far Cry 3'', das ist eine lange Tauchbewegung zum Steg der Piratenniederlassung mit Schilf ringsum, wo man wie ein Krokodil aus den Fluten schnellt und einen armen Kerl hineinzerrt. Jede Basis kann man aus einer beliebigen Richtung angreifen, mit oder ohne Vorbereitung, hochexplosiv oder tief versunken im Schleichgang.

Man kann aus voller Fahrt aus einem Jeep hüpfen und ihn in zwei verdutzte Piraten jagen. Schade, dass sich kein C4 ans Fahrzeug heften lässt, aber wer schnell genug ist, wirft ein paar Minen hinterher, drückt erst den Auslöser und dann die Daumen. Einen Kerl auf dem Dach erwische ich per Take-down. Vorhin lernte ich, wie man am Gürtel eines gerade Erstochenen den Granatenstift zieht, und trete ihn mit der entsicherten Ladung seinen Kollegen vor die Füße. Ein Moment grenzenloser Schadenfreude.

Piraten, bis an die Zähne bewaffnet und zugedröhnt mit Meth, das sie durch kleine Pfeifen inhalieren, aber letztlich der Gnade ihrer Umwelt ausgeliefert. Sie haben überall ihre Lager aufgeschlagen und ziehen ihre Runden, doch Mutter Natur ist mitunter viel grausamer. Besonders wenn sie in Gestalt eines bissigen Tigers auftaucht und sich in eines der Camps verirrt. Manchmal ist sie auch eingepfercht in einen Holzkäfig, im Pelz eines Leoparden zum Beispiel, den man freischießen kann.

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Die auf der Insel herumstreifenden Tiere sind gefährlich: nicht nur für euch, sondern auch für die Gegner.
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Wann immer das möglich ist, seht vergnügt bei dem Schauspiel zu und reibt euch die Hände. Nur für diesen kurzen Moment, der euch bleibt – das ist ''Far Cry 3''. Beim nächsten Versuch kann die Schießerei komplett anders verlaufen, je nach Verhalten und Richtung, aber es ist immer noch ''Far Cry 3''.

Die auf Dauer wenigen Missionstypen lassen sich nicht wegdichten. Das Erfahrungssystem mit seinen Punktemultiplikatoren lässt die Karotte an der Angel baumeln und ist am Ende nettes Beiwerk mit Perks statt tiefgreifender Entwicklung. Und so sehr man den Jagdstiefel mit sich herumschleppen muss, ist es doch der lose Zusammenhalt einer riesigen Welt, in der man sich bewegt.

Es ist von vorn bis hinten auf unkomplizierten Spaß gebürstet, mit seiner Schnellreise zu bereits eroberten Camps, von denen im Grunde jeder Punkt der Welt schnell erreichbar ist, und mindestens vierzehn Aufgaben pro Quadratkilometer. Es stellt euch keine Hindernisse in den Weg, wenn ihr diesen Spaß auskosten wollt, und gibt euch viele Werkzeuge an die Hand, um in den Gefechten euren Weg zu finden. Jeder Gegner auf diesem Weg eine kleine Stellschraube, die sich – zumindest in gewissem Rahmen – justieren lässt und ein unheimlich dynamisches Hin und Her erzeugt, wie es zuletzt der Vorgänger oder S.T.A.L.K.E.R. zustande brachten.

Wäre diese erdrückende Schwemme an Aufgaben auch erzählerisch motiviert gewesen, dann hätte ''Far Cry 3'' noch mehr werden können als ein sehr guter, tadellos funktionierender Shooter mit dem grellsten Feuer, das man sich wünschen kann. So bleibt es mein bester Shooter des Jahres – an dem ich immer noch hänge.