Jeder Mensch erlebt Musik auf andere Weise. Für manche ist sie nur Hintergrundbeschallung, für andere der Rhythmus des Lebens. Harmonix' neuestes Musikspiel baut darauf, dass ihr selbst am besten wisst, wie sehr ihr euch in Musik hineinsteigern könnt, und beweist gleichzeiti1g, dass Videospiele mehr sein können als interaktive Geschichten. Fantasia: Music Evolved spricht eure Gefühlsebene an.

Fantasia: Music Evolved - Ankündigungstrailer

In gewisser Weise vollbringt der Bostoner Musikspielexperte mit dem Medium Videospiel genau das, was Disney schon 1940 auf cineastischer Ebene erreichte. Der abendfüllende Zeichentrickfilm Fantasia und sein Neuzeit-Nachfolger Fantasia 2000 wollen keine Geschichten erzählen. Sie verwandeln Musik in Kompositionen aus Farben und Figuren, interpretieren gar mit Mythen und wortlosen Gesten, während ein Orchester im Hintergrund Bachfugen und Stavinsky-Werke zitiert. Walt Disney vermittelte dabei nicht die Motive, die ursprünglich Anlass der Kompositionen waren, sondern ließ seine Zeichenkünstler frei nach den Klängen abstrahieren.

Der neue Zauberlehrling

Obwohl das Original von Anfang bis Ende aus wundervollen Animationen besteht, blieben zwei Szenen über Jahrzehnte hinweg in den Köpfen der Massen hängen und formten mitunter das Selbstverständnis der Firma Disney. Zum einen das überschwängliche Gestikulieren des Dirigenten Leopold Stokowski, zum anderen die zentrale Episode, in der Micky Maus die Rolle von Goethes Zauberlehrling übernimmt. Wobei auch diese Sequenz (die ursprünglich für einen ganz anderen Zweck erschaffen wurde) völlig ohne Sprache auskommt. Stattdessen vermittelt die musikalische „Zaubelehrling“-Variante von Paul Dukas, worum es geht.

Fantasia: Music Evolved - Musik, Farben, Expression

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Von der Werkstatt des Zauberers aus bewegt man sich im Verbund mit einem anderen Lehrling durch die lärmverseuchten Reiche Fantasias. Die Steuerung per Kinect-Kamera funktioniert ausgezeichnet.
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Harmonix verwendet eben diese beiden Szenen, um den Spieler in ein fantastisches Reich voller musikalischer Wunder zu locken, gibt sich aber nicht mit blanken Referenzen zufrieden. Statt in irgendeiner Form die Vorlage nachzustellen, dürfen wir selbst an Mickys Stelle treten, als neuer Lehrling des leicht finster dreinschauenden Meisterzauberers. Von dessen Werkstatt aus betreten wir eines von mehreren thematischen Reichen, das von einer bösen Plage gebeutelt wird: dem Lärm. Egal ob in der Unterwasserwelt, einer Raumstation, einer Stadt, einem Fantasy-Schloss oder einen finsteren Wald, überall zittern und zerren dunkle Lärmfelder die Schönheit Fantasias in verpixelte Fragmente, wodurch uns die Aufgabe zufällt, den unwillkommenen Geräusche-Störenfried durch schöne Musik zu vertreiben.

Und wie machen wir das? Ganz einfach: Vor den Kinect-Sensor stellen und Musik mit den Armen herbeirufen, sozusagen gestikulierend dirigieren, wie einst Leopold Stokowski und Mickey Maus im Film. Ein Blick auf unser Video zeigt euch in bewegten Bildern, wie das aussieht.

In jedem Reich warten zwei bis drei Gassenhauer aus Rock, Pop und Klassik auf einen Pseudo-Dirigenten, der Teile der Musik durch Handgesten aktiviert. In diesem Spielmodus erscheinen Pfeile, Kreise und Pfade vor einem unauffälligen Hintergrund, die Richtung und Rhythmus der Handgesten vorgeben, wobei ein kleiner fliegender Sternenschweif den genauen Zeitpunkt der Geste terminiert. Was die meiste Zeit gar nicht nötig wäre, da sich die Gesten exakt dem Takt der Musik unterordnen.

Voll zu hören ist der Track aber nur, wenn die entsprechenden Symbole korrekt aktiviert werden, was zusätzlich den Punktezähler hochschnellen lässt. Andernfalls verstummt ein Teil der Musik, ähnlich wie bei Rock Band. Wichtig: Wir steuern nicht die komplett Musik, sondern abwechselnd nur eines von vier Instrumenten, was besonders spannend wird, wenn der Song einen neuen Remix freigibt.

Remix: Vivaldi und Dubstep

Beim ersten Versuch mit einem Song spielt man ausschließlich den Original-Track, wie man ihn vom offiziellen Künstler kennt – etwa „Message in a Bottle“ von The Police oder „Eine kleine Nachtmusik“ von Mozart. An vorbestimmten Stellen des Musikstücks kommt ein sogenannter Remix-Zauber zum Einsatz, der es ermöglicht, ein anderes der vier Instrumente zu dirigieren. So steuert man zeitweise ausschließlich den Gesang, die Gitarre oder das Schlagzeug. Allerdings bestimmt die Konsole die Reihenfolge der Instrumente.

Expression und Liebe zur Musik reichen sich die Hand. Ein bemerkenswert fesselndes Kinect-Erlebnis, wenn man sich darauf einlässt.Fazit lesen

Jetzt kommt der Knackpunkt: Bei ausreichender Punktzahl stehen irgendwann vier weitere Instrumente zur Verfügung, die zu einem Remix gehören. Beim Beispiel mit Mozarts Nachtmusik wäre das eine ulkige, ungewohnt schmissige Calypso-Instrumentalisierung. Erreichen wir dann erneut einen Remix-Zauber, so dürfen wir eines der vier Instrumente des Calypso-Mixes in den laufenden Song einfügen. Auch hier bestimmt die Konsole wieder, um welches Instrument es geht, doch bleibt uns die Wahl, welcher Mix der dominantere sein soll. Auf diese Weise kommen bei jedem Anlauf neue Varianten desselben Songs zustande. Weiß die Calypso-Variante zu gefallen, holt man beim nächsten Remix-Zauber eben ein weiteres Instrument dazu und lässt das Klassik-Original in den Hintergrund rücken.

Fantasia: Music Evolved - Musik, Farben, Expression

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Die reiche Fantasias wurden mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet. Man findet an jeder Ecke interaktive Klangquellen, mit denen man Geheimnisse aufdeckt.
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Für Abwechslung ist reichlich gesorgt, denn für jeden der insgesamt 33 Song stehen drei Mix-Varianten zur Verfügung, die nach und nach freigespielt werden wollen. Den Winter aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in einen schmetternden Dubstep-Song verwandeln? Oder doch lieber mit rockigen Gitarren veredeln? Nun ja, es geht auch beides. Man mag kaum glauben, welch freche Kombinationen Harmonix mit ins Boot holt.

Hier hört der kreative Anteil noch lange nicht auf. Schafft man es, durch korrekte Gesten die Ränder eines Quaders zu zeichnen, erscheint ein sogenanntes Kompositions-Werkzeug auf dem Bildschirm. Je nach Spielfortschritt und Mix kann das eine Ansammlung von Edelsteinen sein, die bei Berührung Teile eines Schlagzeugs aktiviert, oder sogar eine Tonleiter-Skala, auf der wir freihändig eine kurze Melodie einzeichnen. Das Spiel merkt sich unsere kleine Komposition und fügt sie augenblicklich in den aktuellen Mix ein. Irre genial.

Forschen in der Wunderwelt

Mit jedem vollendeten Song verschwindet ein wenig mehr des störenden Lärms aus dem Fantasia-Reich. Gleichzeitig fügt man Teile eines neuen Kompositionswerkzeugs zusammen, dessen kreativer Einfluss den Lärm komplett verdrängt. Reicht der Einfluss der Musik dafür noch nicht aus, bleibt die Möglichkeit, das Reich nach blau leuchtenden Objekten und Lebewesen abzugrasen und über den „Muse“ genannten Cursor freizulegen. Schafft man das, kommen verborgene Details zutage, die meist eine Art Free-Form-Instrument mitbringen.

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Dank diverser Kompositions-Werkzeuge darf man eigene Melodien unter bekannte Gassenhauer mischen - genial. Erinnert sogar entfernt an Harmonix' Erstlingswerk The Axe.
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So dürfen wir in der märchenhaften Unterwasserwelt zum Beispiel eine Schildkröte wecken, auf deren Panzer diverse Muscheln und Austern sitzen. Einfaches Streichen per Muse entlockt den Meeresfrüchten feine Klänge eines Jazz-Schlagzeugs, die das Spiel als Komposition aufgezeichnet und in einem Loop festhält. Zur Belohnung springt ein Sammelobjekt heraus, oder im besten Fall ein weiteres Teil eines Kompositionswerkzeugs, das beim Dirigieren der Songs zum Einsatz kommt.

Sonderlich komplex sind die Forschungsrunden leider nicht. So kreativ und liebevoll Fantasias Reiche auch gestaltet wurden, die Faszination hält nicht lange an. Aber solche Intermezzi lockern das Geschehen auf und bedienen all jene, die einen roten Faden für den Videospiel-Anteil benötigen.

Abzappeln bis der Arzt kommt

In einer trockenen Inhaltsangabe ist die Faszination an Fantasia: Music Evolved nur schwer zu vermitteln. Blendet man den audiovisuellen Zauber aus, geht es nur um das Hin-und-her-Wischen vor dem Kinect-Sensor und einfache Forschungstouren auf kunterbunten Theaterbühnen. Mit echtem Dirigieren hat das Gewedel nichts gemeinsam, zieht es doch eher Parallelen zu Elite Beat Agents und Konsorten.

Unbeteiligte schütteln beim Zuschauen womöglich entsetzt den Kopf, da sie das Gezappel nur schwer nachvollziehen können. Bei Songs auf höheren Schwierigkeitsgraden geht die Post ab. Symbole und Partikel fliegen in irrer Geschwindigkeit über den Bildschirm. Darum sind Screenshots aus dem Gameplay sinnlos. Man erkennt sowieso nicht, was gerade abgeht.

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Ein Handstrich genügt, schon holen wir eine weiteres Instrument in den Mix. Drei Remix-Fassungen je Song wollen freigespielt werden.
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Die Verwirrung lüftet sich jedoch augenblicklich, wenn man selbst vor der Kinect-Kamera steht. Bereits nach wenigen Runden beginnt man, Muster in der Reihenfolge der Streichsymbole zu erkennen, die flüssige Bewegungen suggerieren. Ein mal verinnerlicht, wird aus dem steifen Herumwerfen der Hände eine Art Tanz-Choreographie, die jeder Spieler für sich neu interpretiert. Darum ist es unheimlich spannend, unterschiedlichen Leuten beim Spielen zuzusehen. Der eine bewegt sich lieber verhalten und versucht möglichst genau zu sein, andere versinken hingegen so tief in das Gestenspiel, dass sie alle dirigierten Töne buchstäblich aus den Händen feuern. Und um so eher man es schafft, den berühmten Stock aus dem Hintern zu ziehen, desto eher steigt der Spielspaß.

Fantasia: Music Evolved befriedigt den Drang, Musik mit dem ganzen Körper zu erleben, komplett loszulassen, sich Klang und Farbenspiel hinzugeben. Das hat etwas von Musiktherapie; es fühlt sich befreiend und belebend an, wenn man sich denn darauf einlässt. Wer in Fantasia ein typisches Spiel mit rationalem Geschicklichkeitstest sucht, wird nur begrenzt glücklich. Es geht um eine Art der Immersion, die auf der Verbundenheit zur Musik beruht. Klar, der spielerische Anteil ist messbar, spiegelt sich in Highscores wieder und zieht im Schwierigkeitsgrad gehörig an, aber das ist nur die Sahne auf dem Pudding. Fantasia: Music Evolved muss man mit infantiler Hingabe und Freude an den Remixes spielen. Vor allem im Zwei-Spieler-Modus, wenn man die Abfolgen des Partners ergänzen oder synchron gestikulieren soll. Wenn zwei Spielpartner gut harmonieren, entsteht eine ungeahnte Dynamik.

Womöglich liegt das daran, dass eben nicht versucht wird, etwas Reales, etwas Greifbares per Kinect zu steuern. Wie beim Fantasia-Kinofilm offeriert der abstrakte Mix aus Licht und Ton die Möglichkeit, etwas Neues in einem bekannten Musikstück zu entdecken. Typisch Harmonix. Das schafft sonst keine andere Softwareschmiede, ganz zu schweigen vom Programmieren eines brauchbaren Kinect-Titels.

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Harmonix liefert nicht nur einen der wenigen durchweg gelungenen Kinect-Titel ab, sondern fängt dazu noch den Geist der Vorlage perfekt ein.
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Das ein oder andere Detail hätte trotzdem ein wenig besser ausgearbeitet werden können. Unnötig lang scheint der Weg von Reich zu Reich, weil mit zwei langen Ladepausen garniert. Beide Nebenfiguren (der Zauberer und ein weiblicher Lehrling, der zuvor gescheitert war) dienen lediglich der Einleitung ins Setting und hätten besser ins Abenteuer verflochten werden können.

Ruckeleinlagen in der Unterseewelt wären genauso vermeidbar gewesen. Nicht, dass solche technischen Aspekte großen Einfluss auf den Spielspaß hätten, aber sie verhindern den Eindruck von Perfektion und Disney-typischem, universellen Flair. Zumal die Grafik rein technisch nicht zur Spitze des Eisbergs auf Xbox One gehört, auch wenn jedes Reich einen eigenen Grafikstil pflegt. Aber was soll’s, daran soll dieses ungewöhnliche Stück Software nun wirklich nicht scheitern.