Reden wir über das Gefühl von Leere, das Spiele in offenen Welten irgendwann zurücklassen, egal ob sie Oblivion, Two Worlds oder Amalur heißen. Reden wir über schöne Landschaften, wippende Bäume und überaus spannende Höhlenkloppereien mit Siebenmeilenstiefeln.

Fallout: New Vegas - Ultimate Edition - Ultimate Edition TrailerEin weiteres Video

Und jetzt reden wir über Obsidian.

Einen Entwickler, der es wie kein zweiter versteht, seine Spielwelten mit mehr zu stützen als nur ein paar krakeligen Notizen auf einem fleckigen Schmierblatt. Ein Studio, das stärker als viele andere Wert legt auf die kleinen Details am Rande. Nicht die sichtbaren an der Außenfassade, denn hier merkt man auch Jahre nach der Black-Isle-Flucht noch die Probleme im Umgang mit 3D-Engines, die um die Jahrtausendwende herum bereits die Spielwelt „Torn“ fraßen.

Obsidians Schönheit ist eine innere, die Kompetenz der Mannschaft eine, die man oft erst beschwipst von mehreren Patch-Umtrünken erkennt – nachdem sie nicht mehr überschattet wird von Abstürzen, Clipping-Fehlern und manchmal auch den Resten herausgeschnittener Inhalte, deren scope too large war, würden die Amis sagen. Rückblickend auf all die Abstürze und Fehler waren die 80 Punkte von damals eigentlich noch zu viel. Eine Entscheidung, die ich heute revidieren muss. Und über die ich noch lange, nachdem der Hoover-Damm eingenommen war, nachdenken musste. Mein Gesamterlebnis hatte den Rest überschattet.

Fallout: New Vegas - Ultimate Edition - Besser wird es nicht mehr

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Fühlt euch in der Wüste Nevadas wohl, eurem neuen Zuhause für die nächsten Wochen.
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Anders als das klinische, sauberere „Fallout 3“ ist die Reise nach New Vegas verrückter, kantiger und spleeniger – und damit ist nicht nur der Programmcode gemeint. Vieles von dem, was sich Bethesda damals trotz großartiger Wiedergeburtshilfe eines modernisierten RPG-Universums anhören musste, das umschiffen die ursprünglichen Fallout-Erfinder grandios. Zwar nicht, ohne mit Karacho an den Texturklippen entlangzuschrammen, aber wer die Ödland-Saga ihrerzeit wegen ihres Charakters zu schätzen lernte, für all die Irren, den unterschwelligen Humor und das mit spielerischer Freiheit gepaarte popkulturelle Zwinkern, der sollte das Ticket nach Vegas lösen.

Es sind kleine Details in den Dialogen, wenn man bestimmte Themenbereiche hinterfragt. Es sind die oft tiefgründigen Antworten, auch bei Charakteren, von denen man es vielleicht nicht erwartet hätte, und das drumherum ästelnde Geflecht aus rhetorischen Winkelzügen, die kaum ein anderes Abenteuer so großartig beherrscht wie „Fallout: New Vegas“. Es sind die unbedeutenden Seelen am Straßenrand, die einem die feine, kleine Geschichte ihres Lebens erzählen. Und die alle ihren Platz im großen Ganzen finden.

Packshot zu Fallout: New Vegas - Ultimate EditionFallout: New Vegas - Ultimate EditionErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Vor allem kennt Obsidian die feinen Grautöne, die Nuancen jenseits von Schwarz und Weiß. In einer Welt, wo nicht nur der Boden zerklüftet ist, sondern auch das politische Gefüge dahinter, braucht es glaubhafte Motive innerhalb der zankenden Fraktionen. Einen Autor, der sich Gedanken darüber macht, wie gut all die kleinen Lichter im globalen Zusammenhang zu sehen sind, der sie unterschiedlich hell strahlen und manchmal, nur manchmal, wenn es sein muss, verblassen lässt.

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Die Geckos sind wieder da.
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Obsidians Endzeitvision urteilt nicht. Ihr könnt Caesar's Legion gern als die Arschlöcher akzeptieren, die ohne Sinn und Verstand das halbe Ödland versklaven und Frauen schänden, wie es unzählige Leute erzählen. Doch wer sich die Mühe macht und hinter den Raubüberfällen die Wurzel des Übels anpackt, der lernt, dass hinter dem brutalen Auftreten der pervertierte Anspruch steht, Ordnung in die Mojave zu bringen, welche brutalen Mittel auch immer nötig sind.

Eine harte Vision, der man sich nicht anschließen muss, die man aber verstehen kann. Auch die „Guten“ von der NKR sind eher Imperialisten und Kontrollfreaks als Befreier und Helden. Es gibt in New Vegas nicht einfach zwei Schubladen, in die alle Einwohner der Wüste fallen.

Wer es bis jetzt noch nicht hat – besser wird das Abenteuer nicht.Fazit lesen

Man trifft Menschen, die für ihre Ideale einstehen und notfalls darum kämpfen. Man trifft feige Opportunisten und Mitläufer. Man trifft Märtyrer, selbsternannte Propheten, Zuhälter, schizophrene Mutanten, in Selbstmitleid zerfließende Soldaten, Sexroboter und depressive Ranger. Hinter jedem Ort steckt eine kleine Geschichte, hinter jeder Quest ein tiefergehender Gedanke. So etwas wie ein letzter, entscheidender Funke, der das Feuer entfacht. Trotz Klongesichtern, aller Ecken und Kanten und der immer noch weit von perfekt rangierenden Bedienung, die schon den Vorgänger plagte.

Neben dem von vielen Scharten befreiten Hauptspiel, das euch nun endlich fehlerfrei durch die Mojave-Wüste von Nevada streifen lässt, enthält die Ultimate-Edition auch alle vier Download-Inhalte. In denen sich Obsidians Stärke fortsetzt: kantige Welten mit Schmutzflecken im weißen Gefieder, Charakter statt Grafik. Christine und Dog aus „Dead Money“ sind zwei der bestgeschriebenen Rollenspielcharaktere der letzten Jahre, Spielfiguren in einem perfiden Kasino-Raub.

Fallout: New Vegas - Ultimate Edition - Besser wird es nicht mehr

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Neben dem Hauptspiel befinden sich auch die vier DLCs in der Verpackung - gute Geschichten, um die Spielzeit zu verlängern.
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„Honest Hearts“ fand ich auf Anhieb weniger aufregend, aber das kann an den vergleichsweise engen Schluchten des Zion-Nationalparks liegen. Oder an den einfachen Quests. Ist lange her. Jedenfalls wird es mit „Old World Blues“ besser, das nicht nur einen der besten Einstiegsdialoge in einen RPG-DLC inszeniert, sondern euch als Laborratte durch einen bizarren Sci-Fi-Streifen jagt.

All diese liebens- und erlebenswerten Geschichten - insgesamt hatte ich irgendwas um die 150 Spielstunden - gibt es jetzt gebündelt auf einer Scheibe für 40 Euro. Oder sogar weniger. Wer damals wegen der Fehler nicht zugegriffen hat: Einen besseren Deal werdet ihr so schnell nicht finden.