Ok, klären wir die erste Frage, die wie der sprichwörtliche Elefant im Raum hin- und herwankt: Wie würdet ihr den Namen dieses Spiels aussprechen? "Fäcktorio", wie eben "Factory", oder doch eher "Fuck-torio"? Wir können uns in der Redaktion absolut nicht einigen. Wir sind uns nur einig: Wie auch immer es nun heißen mag, der unvermittelte Aufbau-Geniestreich ist einfach verdammt brillant.

Mittlerweile habt ihr vielleicht schon vom Hype gehört, der das Spiel umkreist. Falls nicht, lasst euch kurz sagen, dass es zum Zeitpunkt, an dem ich das hier in die Tasten haue, schon seit einer Weile das bestbewertete Spiel bei Steam ist. Es verdrängt damit Portal 2, zumindest für eine Weile, vom Thron. Und es sind jetzt auch nicht nur ein halbes Dutzend Bewertungen, die diesen Umstand ausmachen, sondern ein paar tausend. Woran liegt's?

Im ersten Moment kommt Factorio, das momentan in einer sehr fortgeschrittenen und gut spielbaren Early-Access-Version vorliegt, wie ein übliches Survival-Spiel daher. Typ strandet auf Planeten, muss überleben, baut sich eine Spitzhacke. Kennwa, wen kümmert's noch, jedes Survival-Spiel der mittlerweile schon Tsunami-artigen Welle funktioniert so. Schon klar, was gleich kommt: ersten Speer basteln, Behausung, bald reiten wir auf irgendwelchen Wildtieren und grillen uns Fische im Lehmofen. Der Nächste, bitte!

Ein weiteres Video

Neenee, Freunde, nicht mit Factorio, wo der Name Programm ist. Unserem putzigen Robinson Crusoe ist es nämlich schon bald zu mühsam, die ganze Zeit manuell Zeugs abzubauen, durch die Gegend zu karren, dann in Schmelzöfen und andere Apparaturen zu stecken, es anschließend zu lagern und später wieder drauf zuzugreifen. Das Zauberwort lautet: Automation! Factorio ist nämlich nicht nur augenscheinlich mit Survival verwandt. Seine anderen Cousins sind das Aufbau-Genre und... wie auch immer die Art Spiel heißt, zu der Crazy Machines und derlei gehören. Sagen wir doch "Rube-Goldberg-Game" oder so.

Die Crafting-Prozesse in Factorio, die irgendwann mal darauf hinauslaufen sollen, dass wir eine Rakete ins All schießen können, werden schon bald komplex. Nicht so komplex, dass man sie nicht verstehen würde, aber zu komplex, um jeden Schritt von eigener Hand durchzuführen. Mag ja sein, dass wir uns für unsere ersten Erfindungen die paar Eisenplatten und Zahnräder noch manuell zusammenschweißen können. Aber spätestens, wenn man in einem eigens gebauten Labor die nächsten Technologien erforschen muss, wird es abartig.

So eine simple Idee und doch eine tiefe Umsetzung – bereits jetzt einer der besten Käufe in seiner Preisklasse.Ausblick lesen

Das Ding will Strom, wozu es ein Wasserkraftwerk braucht, das wiederum Brennstoffe benötigt, und es will eine eigene Forschungsressource (nicht die eleganteste Lösung, aber hey, wenn das doofe Labor kleine Rundkolben mit roter oder grüner Flüssigkeit will, um sie in Forschung zu verwandeln, dann kriegt es sie halt), diese Forschungsressource wiederum besteht aus vorherigen Produkten, die erst mal gemacht werden müssen. Und das ist erst die erste etwas komplexere Produktionskette.

Factorio - Der beste Zwanni, den ihr zurzeit ausgeben könnt

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Auf Screenshots sieht Factorio nach so ziemlich gar nichts aus. Tut euch einen Gefallen, zieht es euch in Bewegung rein.
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Daher heißt es schon bald, die Rübe anzustrengen, um rauszufinden, wieviel von alldem man automatisieren kann. Und die Antwort lautet: alles. Einfach jedoch ist es nicht, es gibt zahllose Möglichkeiten, seine Anlage nach und nach aufzubauen. Zuerst benutzt man automatische Bohrer, um Ressourcen abzubauen, lässt sie dann von robotischen Greifarmen auf immer in Bewegung befindliche Fließbänder hieven, mit denen lenkt man sie dann zur Produktionsstätte, die das jeweilige Zwischenprodukt braucht. Erze wandern im Schmelzöfen, die daraus entstehenden Metallplatten können schon bald in autonomen Bastelmaschinen mit anderen Stoffen verbunden werden, um die weiterzuveredeln.

So viel Arbeit, damit es von selbst läuft

Man ist unfassbar stolz und mehr als nur ein bisschen fasziniert, wenn man diese ersten Schritte zur perfekten Fabrik gemacht hat. Und dann packt einen die Neugier, der Ehrgeiz. "Kann ich das Ganze noch weiter optimieren?", denkt man sich, während man den imaginären Ziegenbart am Kinn langzieht. Und bis ins Endgame lautet die Antwort quasi immer "Ja". Factorio ist vor allem ein Spiel über Logistik und die immens feine Stellschraube, die der Spieler anziehen kann, damit alles so funktioniert, wie es soll. Bereits kleine neue Technologien, die von Außenstehenden sarkastisch belächelt würden, machen jedes Mal einen gewaltigen Unterschied. Schon die Entwicklung eines Gerätes, das erlaubt, die Fracht eines Fließbandes im Verhältnis 50:50 aufzuspalten oder ein Fließband, das kurzzeitig unter der Erde verläuft und somit unter anderen Fließbändern und Ähnlichem gebaut werden kann, ändern das gesamte Konzept der eigenen Basis. So auch mechanische Greifarme, die man tatsächlich programmieren kann, nur bestimmte Waren zu greifen. So auch neue Energiequellen. Es ist die schönstmögliche Form von Überforderung.

Das alles lässt sich in einem Text oder auf einem Screenshot nicht hinreichend vermitteln. Ihr müsst Factorio in Bewegung sehen, mindestens in einem Video, um seine Dynamik und seinen Reiz zu erfassen. Ich kann euch hier noch so viel davon erzählen, wie cool es für mich war, das erste Mal mit einem Schienensystem meine Abbau-Außenposten miteinander zu verbinden, es wird keine große Wirkung entfalten. Da ist es einfach anschaulicher, wenn ihr das perfekte Ballett passgenau taktierter Züge selbst erlebt. Glaubt mir einfach, dass die Freude, die richtige Antenne für Aufbau-Gewimmel vorausgesetzt, unbeschreiblich ist.

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Für die einen ein grafisch unansehnliches Wirrwarr, für die anderen ein Meisterwerk.
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Eine kämpferische Komponente hat Factorio übrigens auch, und sie ist gar nicht mal so gering ausgeprägt, aber wiederum ist sie stark an eure Fähigkeit zur Automation und Produktion gekoppelt. Die Idee ist: Eure Fabriken erzeugen natürlich Verschmutzung, und das nimmt euch die lokale Fauna über kurz oder lang ordentlich übel und greift an. Anfänglich könnte ihr die Tierchen mit einer Pistole abwehren, bald dürft ihr euch einen Körperpanzer, eine Maschinenpistole und ähnliches herstellen. Munition muss ebenfalls produziert werden.

Doch es wäre nicht Factorio, wenn ihr nicht auch diese Prozesse erleichtern könntet. Selbständig feuernde Geschütztürme helfen gemeinsam mit dicken Mauern gegen die Eindringlinge, doch auch neben den autarken Ballerbäumen wird ein Fließband rattern, das im Idealfall automatisch produzierte Munition nachliefert, damit ihr euch auf absehbare Zeit nicht mehr darum kümmern müsst. Später könnt ihr euch sogar Panzer und derlei bauen, um die Nester der fiesen Beißer auszumerzen.

Der Kampf selbst ist mechanisch nicht das Highlight von Factorio, weil man durch Festhalten der Leertaste einfach so lange auf den nächstbefindlichen Widersacher ballert, bis er über den Xeno-Jordan geht. Aber die Präsenz des Kampfes ist dennoch wichtig und sorgt für ein notwendiges Druckelement. Wer die Gefahr und den Druck aber nicht mag, kann auch im Peaceful Mode ganz in Ruhe bauen, ohne sich große Sorgen um aggressive Drecksviecher machen zu müssen.

Factorio - Let's Play zu Factorio

Man kann wahlweise einer losen Folge von vorgefertigten Szenarien folgen, in der man auch die Mechaniken etwas besser kennenlernen, aber zufallsgenerierte und über viele Parameter modifizierbare Maps im freien Modus sind natürlich langfristig der Hauptmodus der Unterhaltung. Übrigens ist das Spiel von Anfang an auf Modbarkeit ausgelegt, obwohl wir in der Hinsicht noch nichts bestaunen dürfen.

Hat Factorio, dieses einzigartige und tolle Spiel, also keine Schwächen? Doch, sehr wohl, aber nichts, was in einer Early Access nicht normal und vollkommen verzeihlich wäre. Das UI ist momentan noch hässlich wie die Nacht, die Tooltipps sind sprachlich fehlerhaft und oft nicht ganz leicht zu verstehen, und überhaupt würden ein paar mehr Infos und Heranführung an neue Elemente frischen Spielern sehr helfen. Da wundert man sich dann schon mal, warum zum Beispiel die omnipräsenten Greifarme ihren Dienst nicht tun. Antwort: Weil sie eine Maschine nicht mit dem Maximum, sondern dem Minimum an Ressourcen versorgen. Ist ja kein Problem, muss man eben die Produktion dahingehend balancieren, aber wissen sollte man es schon. Und Gott gnade dem Frischling, der versucht, das System der Stromauslastung zu durchschauen. Wäre toll, wenn man Factorio irgendwann spielen könnte, ohne sich vorher auf Message Boards und in Foren schlauzulesen.

Ansonsten läuft die Early Access so rund, wie es nur geht, und ist auch de facto schon das komplette Spiel bzw. wirkt so. Und alles Lob, das über Factorio ausgeschüttet wird, ist vollkommen verdient. Nur, wer eine Aversion gegen das Prinzip oder die verwandten Genres Aufbau und Survival hat, muss ernsthaft darüber nachdenken, ob sich die Glatt-20-Euro-Investition auf Steam lohnt. Alle anderen sollten jetzt (oder besser: nach der Ausblickseite) aufhören zu lesen und ihren Schraubenschlüssel ölen. Oder, ihr wisst schon, Factorio spielen. Das wär auch gut.