Sind Dota 2 und League of Legends Segen und Fluch zugleich für uns Spieler? Segen sicherlich, weil es tolle, innovative Spielkonzepte sind, die das Image von Games nachhaltig verändern. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die nerdigsten Spiele mit der niedrigsten Einsteigerfreundlichkeit 2014 das Cover der New York Times zierten, der wichtigsten Tageszeitung der USA.

Fable Legends - E3 2015 - Gameplay Trailer4 weitere Videos

Doch LoL und Valves Aufarbeitungen einer ehemaligen Warcraft 3-Mod werden von vielen von euch sicherlich auch als Fluch wahrgenommen. Denn es sind sehr lukrative Spiele, die Publisher dazu inspirieren, einst große Singleplayer-Marken plötzlich in Multiplayer-Spin-Offs zu verwandeln. So auch Fable Legends, das noch dieses Jahr Windows 10 und Xbox One erobern will.

Fable Legends - Es wird alles anders, aber vielleicht doch gut?

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Oh Rotkäppchen: Diese lustigen Jungs tackern sich mit Nägeln ihre Hüte fest, weil sie Angst haben, sie zu verlieren.
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Auch uns Journalisten fällt es mitunter schwer, unvoreingenommen an eine Serie ranzugehen, die sich radikal verändern will. Ich habe ganz schön dumm aus der Wäsche geschaut, als Microsoft mal eben ankündigte, eines der atmosphärischsten Rollenspiele der Xbox-Ära in ein MOBA verwandeln zu wollen. Keine mit Pointen gefüllten Gespräche mehr? Kein Hund, der mir treudoof hinterherdackelt, sich seines Lebens freut und um den ich mich in Kämpfen sorge?

Fable 3 war ein großartiges Spiel, weil es mich meine Entscheidungen richtig spüren ließ. War ich gegen Ende hin der grausame Despot, wandelte ich durch karge Landschaften, blickte in mürrische Gesichter und sah das Elend, was ich selbst angerichtet hatte. Versuchte ich, ein guter König zu sein, konnte ich aber auch daran scheitern und in die gleichen mürrischen Gesichter blicken, schließlich ist die Staatskasse nicht endlos. Fable 3 war das, was Peter Molyneux schon für den ersten Teil versprochen hatte.

Und nun diese extreme Kehrtwendung: vier Charaktere, am liebsten noch gespielt von drei zusätzlichen Freunden. Instanzen-ähnliche, in sich abgeschlossene Gebiete, die nach MMO schmecken. Ist das noch Fable? Es war an der Zeit, dieses Fable Legends mal näher kennenzulernen und sich mit den Verantwortlichen von Lionhead zu unterhalten.

Brightlodge: weniger Industriestadt, mehr schrulliges Märchendorf

In erster Instanz möchte ich Entwarnung geben: Fable Legends ist keine seelenlose Multiplayer-Auskopplung, sondern Albion fühlt sich so charmant an wie eh und je. Es ist eine sehr farbenprächtige Welt, die lebt und atmet. Wo die Sonnenblumen ihre Köpfe rausstrecken und eigentlich nur noch Hobbithäuser fehlen, um daraus das Auenland zu formen. Gerade die Lichtstimmung ist herrlich gelungen und dank Unreal Engine 4 sieht das alles hier schon recht stimmig aus.

Fable Legends - Es wird alles anders, aber vielleicht doch gut?

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Mehr Helden, mehr MOBA. Aber ist das noch Fable? Wir haben versucht, es herauszufinden.
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Legends spielt 400 Jahre vor dem ersten Fable, wahrscheinlich dem ersten Rollenspiel, in dem ihr nicht nur die Betten mit einer holden Maid teilen, sondern ihr auch einen Ring an den Finger stecken und „Ja, ich will“ sagen konntet. Das ist vermutlich die richtige Entscheidung, denn Lionhead gibt sich die Möglichkeit, die große Geschichte vor den Fable-Abenteuern zu erzählen.

Die Städte sind hier nicht geprägt von der britischen Industrialisierung. Nicht Rauch und Ruß beherrschen die Atmosphäre, sondern Fröhlichkeit und Farbenpracht. Brightlodge ist eine blühende City mit lächelnden Menschen, lustigen Trunkenbolden und frechen Hühnern, die in bester Molyneux-Manier auch ohne Peter im Team noch als Fußbälle missbraucht werden dürfen.

John Needham, Studiochef von Lionhead, möchte das märchenhafte Gefühl von Albion zurückbringen. Als wir durch das Städtchen schlendern, fühlt sich das in der Tat ein bisschen an wie im Märchen. In einem Märchen, in dem die Bewohner keine Ahnung von Statik und Bauwesen haben. Haushälften sind wild übereinander gestapelt, oft nur gehalten von einigen hölzernen Stützen. Die Dächer sind windschief, die Fenster auch nicht gerade professionell ausgeschnitten, sondern mehr schlecht als recht gesägt.

Anders, aber doch reizvoll - Fable Legends könnte nicht nur trotz, sondern sogar wegen seiner neuen Formel richtig gut gelingen.Ausblick lesen

Einige Bauten bestehen aus Stein, dann kommt wieder eine Schicht Holz und schräg dran wird noch eine hölzerne Wohnung getackert. Lionhead möchte die leicht schrullige Kultur von Albion wieder mehr zur Geltung bringen: „Die Städte werden von Menschen gezimmert, die eigentlich keine Ahnung haben, wie man etwas baut. Sie verlassen sich lieber auf Kreativität, Glück und Magie“, erklärt Studio Head Needham. So ein bisschen wie Mehdorn und der Berliner Flughafen.

Die Heldentruppe: Eismagierin, Waldläufer, Schütze - Furzbombe

Auch die Heldentruppe transportiert diesen Mix aus britischem Understatement und typischer Fable-Schrulligkeit. Da gibt’s beispielsweise Evienne, die von ihrer Mutter berichtet, die dem Schönheitswahn erlag und fortan nur noch in Eiswasser badete, weil es angeblich gut sei für die Haut.

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So sieht der Spaß ingame aus: Grafisch trennen Legends dank Unreal Engine 4 und knackscharfer Texturen Welten von Fable 3.
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Wie die Geschichte so will, wurde das Beauty-Programm der Mutter der jungen Evienne irgendwann zu langweilig, sie zog durch die Lande, fand ein Breitschwert und taufte es auf den Namen Brobdingnagian. Eigentlich wollte sie heiraten, doch weil keiner ihrer Verehrer das Wort ihres geliebten Schwertes aussprechen konnte, entschied sie sich, lieber Abenteuern nachzujagen. Klingt schon mal verrückt genug um daraus eine lustige Geschichte Marke Fable zu basteln.

Auch die anderen Heroen haben einen eher ungewöhnlichen Hintergrund: Der Degen-schwingende Sterling wurde mit silbernem Löffel im Mund geboren, ist stets besorgt um seine Maniküre und seine teuren Outfits während Armbrustschütze Rook ein eher verschwiegener Soldat ist, der immer die gleichen Worte benutzt. Müsst ihr auch gerade an Groot aus Guardians of the Galaxy denken?

Winter ist eine Eismagierin, die gerne feiern geht und durch ihre Fähigkeit Probleme hat, einen Tanzpartner zu finden und so weiter. Aktuell sind acht Helden bestätigt, zahlreiche weitere sollen noch angekündigt werden und die Palette reicht vom Waldläufer mit Bogen, über Eis- und Feuer-Zauberer, Ritter und Paladine, sich unsichtbare machende Assassinen oder eine Figur, die an den Hexendoktor aus Diablo 3 erinnert und Kreaturen für gewisse Zeit erzeugt. Generell könnt ihr immer zwischen vier Helden wählen, wobei Lionhead eine Heldenrotation wie in League of Legends plant, damit alle Charaktere mal dran sind.

Was wäre, wenn Rotkäppchen nicht von der K.I., sondern einem Kumpel gesteuert würde?

Fable Legends ist nicht wie befürchtet nur ein League of Legends-Klon. Ihr könnt nach wie vor Gespräche über ein Radial-Menü führen, ganz ähnlich wie in Fable 2. Es gibt noch immer Bewohner mit Problemen und Nöten, die euch für einen Gefallen besondere Items oder ein Säckchen Geld überreichen.

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Legends arbeitet mit Hubstädten. In denen erhaltet ihr Quests, die in instanzierte Welten führen.
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Die Queststruktur an sich müsst ihr euch ein bisschen so vorstellen wie die Nebenmissionen von The Witcher 3. Wo Hexer Geralt auf ein Dorf trifft, das ihn bittet, ein Ungeheuer zu töten und er sogleich in der offenen Welt auf die Suche geht, arbeitet Legends mit der Stadt als Hub-Welt und instanzierten Bereichen.

Statt also durch eine offene Welt schlendern zu können, werdet ihr in ein großes Level geworfen, in dem zahlreiche Gegnerwellen warten. Der Clou: Die grünen Wesen mit Axt und Speer, Bogen und Armbrust werden euch nicht einfach entgegengeworfen wie in der Molyneux-Ära, sondern ein anderer menschlicher Spieler übernimmt die Kontrolle. Wer auf Singleplayer schwört, darf übrigens auch mit drei K.I. Helden gegen K.I.-Monster zu Felde ziehen, aber sein volles Potential spielt der Titel nur aus, wenn echte Menschen mit echten Hirnen an den Controllern respektive Maus und Tastatur sitzen. Wo ihr in Evolve in die Rolle des Monsters schlüpft, spielt ihr als Antagonist in Legends die Rolle des Dungeon Masters. Doch die ist sehr viel passiver und dafür taktischer ausgelegt als Evolve.

Die goldene Mitte zwischen Evolve und Hearthstone

Wo ihr in 2Ks Shooter ein Monster spielt und aktiv Angriffe wirkt, wechselt das Spiel hier in eine Vogelperspektive und ihr müsst euch überlegen, wo ihr Fallen legen wollt. Ihr bekommt Punkte zugeteilt, die sich je nach erfolgreichen Aktionen erhöhen und wählt damit fast schon wie in Hearthstone aus, ob ihr in eurem Deck lieber eine sehr große Armee haben wollt oder auf Spezialisten mit hohen Werten in kleiner Zahl setzt. Ihr beginnt also damit, Feuerfallen, Eiszauber und aus dem Boden schießende Stacheln auf dem Feld vor euch zu positionieren. Zudem könnt ihr eine gewisse Zahl an Toren setzen und müsst euch dabei überlegen, wo die Heldentruppe wohl hingehen würde.

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So funktioniert der Strategiepart des Dungeon Masters: Rechts seht ihr die Cooldown-Zeiten für Einheiten, links die Gesundheitsanzeige der gegnerischen Helden.
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Angenommen, vor ihnen schießt eine Feuerfalle hoch und von der rechten Flanke droht ein Großangriff, dann würden sie sich vermutlich nach links retten und dort neu formieren. Ergo könnt ihr hier zwischen zwei Felsen ein Tor einbauen, das automatisch aus dem Boden fährt, wenn sich die Helden nähern und so eure Falle zuschnappen lassen. Das ist riskant, denn Lionhead darf nicht den gleichen Fehler machen wie DICE mit Battlefield 4. Den Commander spielen dort nur die wenigsten, weil sie in dieser Funktion quasi nichts zu tun haben. Was tun die Briten also um die Dungeon Master-Rolle interessant zu halten? Kombo-Taktiken.

Kombo-Taktiken für schnelles Gameplay

Fable war ja eigentlich immer ein Casual-Rollenspiel mit begrenztem spielerischen Tiefgang. Das ändert sich durch die MOBA-isierung sehr stark. Ich war durchaus überrascht zu sehen, dass sich die Rolle des Dungeon Masters durchaus flott spielt. Im Grunde legt ihr euch vier Einheitentypen auf die Aktionstasten. So könnt ihr sehr schnell reagieren und Situationen ausnutzen. Fährt beispielsweise euer Tor hoch, werden die Helden kurze Zeit Probleme haben sich zu orientieren. Und wer schon mal Multiplayerspiele erlebt hat, der weiß auch wie schwer es ist online Kommandostrukturen zu installieren, so dass alle einem Ziel folgen.

Während sich die vier Heldenklassen also koordinieren müssen, habt ihr als der Böse alle Fäden in der Hand, könnt sehr schnell Truppen vor ihnen absetzen und so Fluchtwege abschneiden. Daraus resultiert eine erstaunliche spielerische Tiefe, weil ihr beispielsweise Bogenschützen setzen und mit dem rechten Trigger Nebelschwaden über ihnen aufziehen lassen könnt. Das sieht dank Direct X12 und Unreal Engine 4-Partikeleffekten nicht nur schick aus, sondern zwingt die Helden dazu in den Nahkampf zu gehen, während ihr in der Dungeon-Master-Rolle aus der Gott-Perspektive immer den Überblick behaltet und ihnen schon mal den ersten Pfeilhagel entgegen schickt.

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Legends spielt sich ungewöhnlich und muss erst noch beweisen, ob es das Fable-Feeling transportieren kann. Aber sollten wir nicht jedem Spiel zunächst mal eine Chance geben?
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Auf Seite der Helden wiederum müsst ihr diese Attacken clever kontern. Eismagierin Winter kann die Pfeile in der Luft gefrieren, damit fallen sie wirkungslos auf den Boden. Anschließend vereist ihr auch die Bogenschützen und der Assassinen-Spieler aktiviert seine Unsichtbarkeit um sich heran-zuschleichen und die Jungs zu meucheln. Das ergibt einen spannenden Drive, weil euch ja zu jeder Zeit bewusst sein muss, dass der Dungeon Master-Spieler den perfekten Überblick hat.

Ihr könnt also nicht einfach mit einem Schwertschwinger auf die Schützen zupreschen, denn dann wird er euch einen dicken, sehr kampfstarken Oger entgegen stellen. Ich nenne ihn auch liebevoll „den Furzer", denn als Spezialattacke streckt er euch sein Hinterteil entgegen und macht eure Truppe mit seinen Körperdünsten bewegungsunfähig. Es sei denn ihr habt den passenden Konter-Zauberspruch parat. Oder einen riesigen Schild, der schützt ebenfalls vor orgrischen Dämpfen.