Endlich! Der endgültige Sprung auf die inzwischen nicht mehr ganz so neue Konsolengeneration hat bei Codemasters Formel-1-Versoftung nur lächerliche zwei Jahre in Anspruch genommen. Aber keine Angst, dafür fehlt nur die Hälfte des Spiels.

Der Ausdruck „Fanservice“ beschreibt Zugeständnisse an eine kleine, aber treue Zielgruppe, der man als Schöpfer eines Werks besonders entgegenkommen möchte. Prima, aber wie nennt man den umgekehrten Fall? Fan-Ignoranz? Fan-Aussparung?

Keine Ahnung, aber Codemasters beherrscht diese Kunst. Völlig egal, auf welchen Aspekt von Formel 1 2015 man sich konzentriert, man hat nirgends das Gefühl einer ausgereiften Spielerfahrung. Nicht falsch verstehen: Formel 1 2015 ist kein Spielspaß-Grab und auch kein zum Himmel schreiender Reinfall. Fahrphysik und Steuerung fühlen sich toll an, Geschwindigkeitsrausch und Tunnelblick stellen sich sofort ein. Nur komplett, geschliffen, zu Ende gebracht, das ist leider etwas anderes.

F1 2015 - Zurück an den Start, bitte

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Während die betagten Konsolen seit Jahren mit jährlichen Updates versorgt werden, ist F1 2015 der erste Ausflug auf New-Gen-Strecken. Zeit wird's.
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Dass Spielmodi aus den Vorgängern fehlen – darunter auch die herrlichen Retro-Ausflüge in frühere Epochen des Formel-1-Rennsports – ist schon bedauerlich genug, aber warum um alles in der Welt stimmt denn nicht einmal die Kernerfahrung? Ist es wirklich so schwer, drei, vier Randdetails wegzunehmen, wenn die Bildrate einzubrechen droht? Ist es wirklich so aufwendig, Partikeleffekte an die Leistung der Hardware anzupassen? War es tatsächlich unvermeidbar, dem Spieler heftige Einbrüche in der Bildrate zuzumuten, obwohl faktisch nichts Vordergründiges den Blick auf die Strecke versperrt?

Bildraten-Gehacktes im Sonderangebot

Oder andersherum: Lag der Vorteil der Konsolen (im vorliegenden Fall geht es um die PlayStation 4) nicht schon immer in der fest vordefinierten Hardware, die man einerseits ausreizen, andererseits anhand ihrer Limitationen prima einschätzen kann? Der gute Wille gesteht Codemasters ein Zeitlimit zu, das nicht einzuhalten war, denn wenn nicht, müsste man von Inkompetenz oder schierer Faulheit sprechen. Mal ehrlich: Formel-1-Rennen finden auf fest abgesteckten Kursen mit unheimlich wenig befahrbarer Fläche statt. Jeder Fleck auf dem Kurs wäre optimierbar, mitsamt allen erdenklichen Blickrichtungen. Da müssten lediglich ein paar Tester im Kreis fahren und die kritischsten Stellen mit einem großen roten X markieren, auf dass Grafiker sich dieser Stelle annehmen, sie abspecken, umgestalten oder zumindest temporär entlasten.

F1 2015 - Gameplay Trailer - Your Race beginsEin weiteres Video

Offenbar geschah dergleichen nur wenig bei Formel 1 2015, denn auf manchen Kursen bricht die Darstellung des Rennalltags bereits im Training ein, wenn nur wenige gegnerische Fahrzeuge den Asphalt besiedeln. 60 Bilder pro Sekunde sind angepeilt, werden aber faktisch nie erreicht. Man wundert sich gelegentlich sogar, woran es wohl liegen könnte, wenn der Spielfluss auf einer Geraden ohne Randdetails plötzlich durch spürbares Zuckeln verschlechtert wird. Selbstverständlich verschwindet das Symptom im eigentlichen Rennen keineswegs. Sogar bei einsamem Kreisfahren auf der Poleposition verwandelt sich so manche Gerade in eine zuckelnde Diashow. Bei strahlendem Sonnenschein wohlgemerkt, denn bei Regen geht’s dann buchstäblich den Bach runter.

Packshot zu F1 2015F1 2015Erschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Nur um der Klarheit willen: Bildratenstottern kommt nicht besonders oft vor und hält selten länger als zwei Sekunden an. Auf manchen Kursen trifft man es überhaupt nicht an. Wenn es vorkommt, dann aber umso heftiger, sodass nicht einmal mehr ein gutes Auge benötigt wird. Jedes Lenkmanöver wird dann zum Glücksspiel, einhergehend mit drohendem Positionsverlust. Tearing, also eine unsaubere zeitliche Bildausgabe, ist dagegen ein seltenes Phänomen.

Jeder weiß, dass instabile Bildraten eine Todsünde für Rennspiele darstellen. Lieber permanent Pop-ups, halbierte Darstellung oder sichtbares Level-of-Detail-Swapping als Framedrops zulasten der Steuerung. Unterm Strich bleibt F1 2015 aber ziemlich gut spielbar, weil die Aussetzer temporärer Natur sind.

Keine Sim, aber auch kein Arcade-Humbug

Anderweitig gibt es nur wenige Beschwerdegründe im laufenden Rennen. Sogar Codemasters künstliche Intelligenz wirkt nicht ganz so aggressiv und störrisch wie sonst, bremst (zumindest auf den niedrigeren Schwierigkeitsgraden) sogar mal vorzeitig ab, wenn ein Crash droht oder eine enge Kurve wenig Chancen für ein Überholmanöver offenbart. Extremer Realismus wird jedoch nicht angepeilt. Nichts Neues für diese Serie, auch wenn diverse Fahrhilfen optional bereitstehen bzw. abgeschaltet werden können. Den höchsten Detailgrad findet man weiterhin in der Reifenabnutzung und im Sprit, wobei diese beiden Faktoren keineswegs bis ans Limit ausgereizt werden.

Codemasters tut sich mit den vielen Kürzungen und einer durchwachsenen Technik keinen Gefallen.Fazit lesen

Es ist beispielsweise möglich, noch locker drei, vier Runden mehr auf völlig abgenutzten Reifen herumzudüsen, als der Chef des Teams per Funk voraussagt. Etliche Male zitiert er den virtuellen Piloten in die Boxengasse, jucken muss euch das aber keineswegs. Eine Weile lang zumindest, denn bei übertriebener Sparsamkeit geht irgendwann die Bodenhaftung flöten. Was sich seltsamerweise kaum auf das Einschlagverhalten in einer Kurve auswirkt, wohl aber auf die mögliche Endgeschwindigkeit. Um alle anderen Sim-Features steht es sehr ähnlich.

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Auch dabei: Autos.
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So darf etwa ein Schadenssystem zugeschaltet werden, das Crashs und Ausflüge auf den Rasen hart bestraft, aber durchgehend gutmütig bleibt. In der Realität kann bereits ein Schleudermanöver das Ende eines Rennens bedeuten, weil man irgendein Bauteil am Kies aufreibt. Das ist bei der Versoftung nicht der Fall. Ob man sich darüber beschweren mag, steht auf einem anderen Blatt. Puristen hätten wohl gerne ein noch realistischeres, härteres Schadenssystem, alle anderen sind dagegen froh, zumindest den aktuellen Wettbewerb beenden zu können, wenn mal ein Schnitzer unterläuft.

Apropos Puristen: Solchen dürfte der quasi neue Spielmodus „Pro Season“ ins Auge fallen. Er verspricht realistische, voll ausgefahrene Rennen mit allen Regeln auf Anschlag. Ein unnötiger Zusatz, denn wer diese Herausforderung suchte, konnte sie bislang manuell in den Optionen bestimmen. Wirklich neu ist an diesem Modus also leider nichts. Zumal er nicht so komplett ist wie bei den Vorgängern. Koop-Meisterschaft erwünscht? Bitte legen sie den Vorgänger in ihre Konsole aus der letzten Generation. Classic-Modus? Wie schon erwähnt, ebenfalls gestrichen. Was bleibt ist die Saison 2014, die man ganz am Anfang des Spiels in einem für Augenärzte attraktiven Menü unterhalb der Lizenzangaben auswählen kann. Der ein oder andere Spieler könnte die Option glatt übersehen.