Immer, wenn der Herbst naht, häufen sich die Déjà-vu-Momente. Das komische Gefühl setzt ein, man habe dieses oder jenes schon einmal in der einen oder anderen Fortsetzung erlebt - oder zumindest so ähnlich. Genau so geht es mir mit F1 2011. Das geschieht bereits, wenn ich auf die Verpackung schaue - erst beim direkten Vergleich mit dem Vorjahrescover fallen dezente Unterschiede in der Gestaltung auf. Ob sich das darin befindliche Spiel deutlicher von seiner Vorversion absetzen kann?

F1 2011 - F1 2011 Trailer

Angesichts einiger Regeländerungen der aktuellen Rennsaison kam Codemasters allein schon aus diesem Grunde nicht daran vorbei, einige Änderungen und Neuerungen in sein Rennspiel zu integrieren. Es wird aber schon recht schnell klar, dass sich die Briten Mühe gegeben haben, darüber hinausgehende Fehler vergangener Tage auszumerzen und einigen Fan-Wünschen entgegenzukommen. Doch der Reihe nach.

Who KERS?

Selbstverständlich sind die wichtigsten Änderungen berücksichtigt worden. KERS, DRS und Reifenhersteller Pirelli mit seinen neuen Pneus sowie die beiden neuen Strecken (der Grand Prix von Indien mit dem Buddh International Circuit, inklusive Tag-/Nachtwechsel, sowie der Nürburgring in Deutschland) sind also genauso mit an Bord wie auch die meisten Verschiebungen im Fahrerfeld. Nur was auf den letzten Drücker bzw. während der laufenden Saison noch umgeworfen wurde, fand nicht mehr den Weg ins Spiel.

F1 2011 - Die Formel geht auf

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Wer hat hier die Sicht vernebelt?
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Der Cockpit-Tausch von Bruno Senna für Nick Heidfeld beispielsweise wird allerdings auch zukünftig unbeachtet bleiben, für solch kurzfristige Umwälzungen ist man bei Codemasters leider nicht gewappnet und kann sie auch per DLC nicht anbieten. Doch auch wenn sich die Entwickler bemühen, den KI-Fahrern menschliche Verhaltensweisen einzuprogrammieren - wichtiger sind sicherlich die technischen Regelanpassungen.

Die Einführung respektive Wiederzulassung von KERS und DRS haben nämlich teilweise gravierende Auswirkungen auf den Rennablauf. So erlaubt euch das DRS (Drag Reduction System), den Heckflügel bei Abständen unter einer Sekunde zum Vordermann flachzustellen und so bei Überholmanövern aufgrund des verringerten Luftwiderstands eine bis zu 15 km/h höhere Höchstgeschwindigkeit zu erreichen. Allerdings gibt es auch Einschränkungen: DRS darf beispielsweise bei Regen oder im berüchtigten Tunnel in Monaco nicht eingesetzt werden. Anders sieht das bei KERS aus, bei dem es sich prinzipiell um ein Energierückgewinnungssystem handelt, das euch 6,67 Sekunden lang pro Runde 80 Extra-PS unter die Motorhaube zaubert.

Packshot zu F1 2011F1 2011Erschienen für PC, PS3, Xbox 360, 3DS und PlayStation Vita kaufen: Jetzt kaufen:

Ein Leistungsanstieg auf Knopfdruck, der vor allem taktische Überlegungen und Manöver begünstigt. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Auswirkung der neuen Reifen auf die Renngestaltung: Sie nutzen sich schneller ab als früher und zwingen uns dadurch bei längeren Distanzen zu häufigeren Boxenstopps. Wer übrigens nicht glaubt, dass sich die Reifenwahl durchaus drastisch auf Fahrgefühl und Wagenstabilität auswirkt, sollte einfach mal bei Regen etwas anderes als Regenreifen oder Intermediates aufziehen lassen - viel Spaß beim Eislaufen ohne Schlittschuhe!

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Die Regeneffekte sind immer noch erstklassig.
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Wer eine kompromisslose Rennsimulation erwartet, bekommt sie in vielen Bereichen (sofern man alle Fahrhilfen ausschaltet). Das gilt in erster Linie für die Glaubwürdigkeit der Fahrzeugsteuerung und den Umgang mit physikalischen Grundgesetzen. Sprich Trägheit, Unter- und Übersteuern oder das immer noch hervorragende Regenwetter und ihre Folgen. Perfekt ist die Nachbildung der Formel-1-Welt jedoch trotz Motor- und Getriebeschäden, Reifenplatzern oder technischen Defekten an den neuen Systemen nicht.

Hardcore-Fans bekommen in diesem Jahr zwar endlich ein Safety Car spendiert und auch die im zuvor fehlerbehafteten Boxenstopps sowie Qualifying-Zeiten laufen (soweit ich das nach einer durchgespielten Saison und diversen anderen Rennen erlebt habe) ohne Bugs/Gecheate ab. Auf der Habenseite verbuchen wir neben einem erneut exzellenten Motorensound zudem eine übersichtlichere Zeitübersicht und Abstandsanzeige sowie besseren Teamfunk. Trotzdem fehlt insgesamt noch einiges - etwa die Einführungsrunde, die Grid-Girls, echte Telemetriedaten, tiefgehende Set-up-Möglichkeiten, eine Siegerehrung oder ein komplettes Schadenssystem.

Vieles drin, aber nicht alles

Selbst bei Unfällen mit über 300 Stundenkilometern werden meist nur der Frontspoiler und vielleicht der eine oder andere Reifen in Mitleidenschaft gezogen. Klar, es gibt auch Totalschäden, doch die sind nicht am Fahrzeug sichtbar. Schade, dabei wäre sicherlich einiges mehr möglich, basiert F1 2011 doch auf der DiRT-3-Engine. Gerade auf der Konsole fallen zudem die in Kurven unruhige Framerate, gelegentliche Ruckler sowie die langen Ladezeiten negativ auf.

Im Vergleich zum Vorjahr wurde zwar nur das Nötigste geändert, insgesamt ist es aber ein sehr gutes F1-Rennspiel.Fazit lesen

Trotz verbesserter Leistung fährt auch die KI noch nicht hundertprozentig authentisch. Gerade wenn es ans Eingemachte geht, also bei engen Duellen oder nach Unfällen, reagieren die computergesteuerten Piloten entweder zu stoisch - beharren stupide auf ihrer Linie - oder sie verlieren völlig den Kopf und bleiben hinter demolierten Kollegen einfach stehen, statt sie zu umfahren. Dummerweise bekomme ich trotz einer Anpassung der Steward-Programmierung immer noch Durchfahrtstrafen oder Ermahnungen aufgebrummt, obwohl zumindest gefühlt der Konkurrent den "Rennvorfall" verursacht hat.

Zwar versucht Codemasters, die Realität besser nachzubilden, indem sich die Rennkommissare jetzt einige Sekunden Zeit lassen für ihre Entscheidung. Wer sich versehentlich einen Vorteil verschafft, kann einer Bestrafung entgehen, indem er sich wieder hinter den Widersacher zurückfallen lässt. Bei Crashs funktioniert dieses System jedoch nicht. Immerhin: Auch den KI-Fahrern unterläuft gelegentlich ein Missgeschick, von dem ihr profitiert.

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Die detaillierten Wagenmodelle können sich wahrlich sehen lassen, nur beim rudimentären Schadensmodell wird geknausert.
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All das verhindert aber nicht, dass ich in meiner ersten Saison (Stufe "Fortgeschritten") problemlos Weltmeister werde - in einem eigentlich aussichtslos unterlegenen Fahrzeug. Sebastian Vettel und Co. laufen gelegentlich unter ferner liefen ein. Als durchschnittlich begabter Rennspielfahrer sollte ich unter diesen Bedingungen eigentlich höchstens im Mittelfeld herumfahren können, bevor ich mich stetig nach oben arbeite. Ein Bundesliga-Manager, in dem ich nach einer Saison ohne Niederlage locker die Schale einsacke, reizt schließlich auch deutlich weniger.

Ein Erfahrungssystem, das mir stetig neue, verbesserte Teile für meinen Wagen spendiert, gibt es ja, warum wird es jedoch so inkonsequent umgesetzt? Es ist zwar verständlich, dass man beim Versuch, den Mittelweg zwischen Simulation und Arcade zu finden, irgendwo Zugeständnisse machen muss. Der Gesamtanspruch eines Formel-1-Spiels mit offizieller Lizenz sollte darunter aber nicht leiden.

Zudem gehört der sportliche Wettkampfgedanke selbstverständlich dazu wie das Benzin in den Tank eines Rennautos. F1 2011 unterstützt den Kampf Mann gegen Mann (oder Frau ...) zum einen mit dem herkömmlichen Mehrspielermodus. Hier liefern sich diesmal 16 statt 12 Spieler Grand-Prix-Wettrennen, den Rest der Startplätze füllen auf Wunsch KI-Fahrer auf. Der Netzwerkcode war in den Probepartien meist stabil, allerdings schlägt auch hier das Übel vieler Online-Rennspiele zu: Bekloppte Hirnis fahren, als wären sie beim Demolition-Racing.

Entgehen könnt ihr solchen Online-Ärgernissen, wenn ihr die Karriere im nun vorhandenen Koop-Modus (online) bewältigt und dabei etwa um die Vorherrschaft in einem Team kämpft. Oder euch per Splitscreen Duelle an einem Bildschirm liefert. In diesem Fall solltet ihr allerdings mit deutlichen Einbußen hinsichtlich der Grafik rechnen. Insgesamt stellt das solide Mehrspielerpaket eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr dar.