Die Grundidee von Extinction klingt gut, wenn auch nicht gerade revolutionär: Riesige Kreaturen greifen unbedachte Dörfchen und Städte an. Und nur ihr seid in der Lage, die Welt vor dem sicheren Untergang zu retten, indem ihr die Giganten zu Fall bringt. Dieses Potenzial nimmt Extinction, kaut es ein wenig durch und spuckt hochkant wieder aus.

Der Gameplay-Trailer macht Lust auf mehr. Jedoch sind seitdem einige gezeigte Elemente verschwunden:

Extinction - Gameplay - Trailer Nr.12 weitere Videos
Die Zwischensequenzen am Ende jedes Kapitels machen Lust auf die Welt von Extinction. Davon bekommt ihr aber nur wenig geliefert.

Als ich den Namen Extinction gehört habe, ratterte es im dunklen Oberstübchen. Irgendwie hatte ich das Spiel noch von der ersten Gameplay-Präsentation vor mehr als einem Jahr im Hinterkopf. Und ich wusste auch noch, dass ich bei den gezeigten Szenen richtig Lust auf mehr bekommen habe. Gerade in einer Zeit, in der ich von Attack on Titan absolut begeistert wurde, war Extinction die logische Konsequenz und der Hype durchaus vorhanden. Dass ich am Ende Extinction spielen und laut vor mich hinfluchen würde, habe ich damals aber sicherlich nicht gedacht.

Attack on Titan ohne Drama

Wer Extinction mit dem Hintergrund beginnt, Attack on Titan gesehen zu haben, erkennt schnell Parallelen. Die Story von Extinction versetzt euch in ein fernes Land, in dem Krieg herrscht. Die Menschen kämpfen gegeneinander und versklaven sich gegenseitig. Doch eines Tages wird dies alles zur Nebensache. Nämlich an dem Tag, an dem die Ravenii – riesige Monster, die einst vor tausenden Jahren die Welt beschritten – zurückkehren. Die Menschheit ist in Gefahr und jeder rennt um sein eigenes Leben.

Jedwede Konversation des Spiels wird tatsächlich mit Texttafeln gelöst, während ihr auf ein Standbild starrt. Story-Telling geht anders.

Bis auf den gestandenen Kämpfer Avil und seine treue Begleiterin Xandra. Während der Protagonist von Extinction zu einem Sentinel ausgebildet wird und fortan die Riesen in die Knie zwingt, ist die Dame eher für die Forschung zuständig und beschäftigt sich damit, wie die immer wiederkehrenden Ravenii endgültig gestoppt werden können. Und jetzt wisst ihr alles, was es über Extinction zu wissen gibt. Wirklich. In den folgenden Spielstunden gibt es nicht viel mehr Story-Fleisch zu sehen.

Die Geschichte wird huaptsächlich in insgesamt sieben Kapiteln lieblos mit Texttafeln erzählt. Diese sind zwar gut von den englischen Sprechern vertont, wiederholen sich in Sachen Inhalt aber immer wieder. Ihr müsst unbedingt dieses eine Dorf retten, sonst sind die Bewohner verloren. Am Ende wart ihr aber wieder nicht schnell genug und konntet nicht genug arme Seelen retten. Also schnell zum nächsten Areal. Extinction beweist sich sogar selbst, wie austauschbar die Story ist. Nämlich dann, wenn die Kapitel inklusive Setting und Zielen zu 80 Prozent per Zufall generiert werden. Welche Welt soll ich retten? Die, die ich vor einer Minute mit einem Knopfdruck selbst erstellt habe? Dass jedes Dorf trotz angepriesener Zufallsgeneration nahezu identisch aussieht, hilft da in Sachen Immersion recht wenig.

Dorfbewohner sammeln sich an Portalen und warten dort darauf, dass ihr sie rettet oder sie langsam von Monstern erledigt werden.

Je größer sie sind…

Gut“, werdet ihr jetzt denken. „Wenn die Story nicht passt, muss es wohl das Gameplay rausholen“. Schließlich gibt es neben den sieben „Story“-Kapiteln auch noch einen Herausforderungs- und einen Horde-Modus, die sich vollends auf den Kern von Extinction stützen. Haben die Entwickler hier alles gegeben? Die ernüchternde Antwort lautet: Nein. Leider nicht. Denn auch spielerisch ist Extinction höchstens Mittelmaß. Nach spätestens drei Missionen habt ihr alles gesehen, was es im gesamten Spiel zu sehen gibt.

Denn in Extinction laufen Missionen in den meisten Fällen nach demselben Schema ab. Ihr gelangt in eine abgegrenzte Stadt, während Ravenii angreifen. Nun müsst ihr ausreichend kleine Schergen erledigen, Dorfbewohner retten oder Rüstungsteile der Riesen abschlagen, damit ihr eure Runenenergie aufladet. Nur bei maximaler Aufladung lässt sich mit dem Runenschlag ein Ravenii nämlich gänzlich von seinem Kopf und damit auch Leben befreien. Die Missionen unterscheiden sich dabei nur in Sachen Bonusziele oder Rüstungen der Ravenii, die euch je nach Stärke (Holz, Eisen, Gold oder Knochen) etwas länger mit der Monsterhatz beschäftigt.

Die Ravenii lassen sich nur durch einen Schlag in den Nacken erledigen. Schon mal irgendwo gehört?

Doch genau durch diesen Aufbau wird der Spielfluss gestört. Jeder kleine Scherge (die nur sehr sporadisch auf der Map auftauchen) braucht schon etliche Schläge mit dem Schwert und gibt dafür nur einen lausigen Betrag an Runenenergie ab. Dorfbewohner zu retten ist ebenso spaßig. Denn diese versammeln sich nur an speziellen „Portalen“, die ihr aktivieren sollt. Dort stehen sie blöd rum, lassen sich von den auftauchenden Monstern zu Tode prügeln und warten trotzdem unerbittlich auf Rettung. Ich habe mir beim Spielen gewünscht, dass Extinction das Gameplay von Dynasty Warriors hätte. Tausende Schergen, die um euch herumströmen, aber dank Avils starker Klinge im Sekundentakt fallen. Alles, um am Ende gegen den mächtigen Ravenii anzutreten. Das üble Monster, das die Stadt langsam in Schutt und Asche legt. Doch leider Pustekuchen.

Extinction ist eine Enttäuschung in drei Akten: Story, Gameplay und Technik.Fazit lesen

…desto tiefer fallen sie

Was in Extinction als schnelles und spritziges Gameplay angepriesen wurde, wird schnell durch eine maue Steuerung und viele Hakeleien unterbrochen. So ist Avil zwar schnell, bleibt aber an jedem Hindernis (Rettungsportale, Baumstümpfe, etc.) hängen. Der Kampf gegen Schergen wird hingegen zum uninspirierten Button-Mashing. Und wo wir schon bei seltsamen Design-Entscheidungen sind: Hier gibt es meinen (Achtung: Wortspiel) größten Kritikpunkt an Extinction.

Im Angesicht des Bösen: die Ravenii sehen mächtig aus und sind wirklich riesig. Doch dadurch werden sie nicht gleich zu besseren Gegnern.

AVIL KANN NICHT KOMPLETT AN DEN RAVENII NACH OBEN SCHAUEN! Ein Spiel mit Riesen als Gegner, in dem der Protagonist während seiner machtvollen Schwertstreiche nicht komplett nach oben schauen kann, lässt mich ziemlich sprachlos zurück. Avil hat sicherlich von den ganzen Kämpfen irgendwann einen steifen Nacken bekommen und schaut dadurch nur noch maximal bis zur Hüfte der Hünen. Der Arme. Allein aufgrund dieser Tatsache war ich mehrmals kurz davor, meinen Controller fachgerecht im Fernseher zu parken.

Der Kampf gegen die Giganten ist dadurch ebenso frustrierend, wie alle anderen Aspekte der Gigantenjagd. Der Runenschlag, mit dem die Viecher zu Fall gebracht werden, wird auch genutzt, um ihnen Rüstungsteile zu entfernen. Diese haben teilweise kleine Schwachpunkte und erfordern präzise Schläge. Blöd nur, dass der Runenschlag immer erst eine Sekunde nach dem Tastendruck ausgelöst wird. In der Praxis sieht das dann wie folgt aus: Absprung vom Kopf des Riesen, Drücken der Runenschlag-Taste, weiter ins Nichts segeln, Einsetzen der Zeitlupe, Feststellen, dass Avil immer noch nicht in der Lage ist, mehr als 45 Grad nach oben zu schauen, laut fluchen, Extinction abschalten.

Der größte Feind: Die Kamera

Allein die Überschrift dieses Kapitels dürfte wohl ausreichen, um meinem finalen Klagepunkt Ausdruck zu verleihen. Doch ich werde mir trotzdem Mühe geben, mich zu erklären. Dass Avil aus unerfindlichen Gründen seinen Kopf nicht heben kann, haben wir schon etabliert. Hier geht es um die störrische Kamera, die auch mit anderen Situationen schlichtweg überfordert ist. Etwa dann, wenn ihr an einem Ravenii empor klettert. Die wahre Hölle für Avil dürfte wohl nicht der Kampf gegen die Riesen sein, sondern der Moment, in dem er in seiner Achsel feststeckt und die Kamera eine Nahaufnahme für die beste Variante hält, um euch Übersicht davon zu verschaffen.

Mittendrin, statt nur dabei: Avil scheut sich nicht davor, auch mal gern unfreiwillig dem Kern des Bösen auf den Grund zu gehen.

Verschlimmert wird dies nur noch davon, dass es offenbar Glitches gibt, die mit der Kamera zusammenhängen. Immer wenn diese während eines Bergstiegs auf einen der Ravenii außer Rand und Band gerät, kann es passieren, dass Avil durch diesen hindurchwarpt. Gerade, wenn es darum geht, die Stadt zu retten, bevor drei Ravenii sie zerstören und ihr immer wieder durch einen von ihnen hindurchbuggt, sind Nerven aus Stahl gefragt. Die Bevölkerung kann so einfach nicht gerettet werden.

Ein Hauch von Potenzial

Nach dieser regelrechten Abrechnung mit Extinction werdet ihr euch sicher fragen: „Warum dann überhaupt 4 von 10 Punkten geben? Sicherlich ist dieses Spiel ein kompletter Reinfall.“ Zunächst bin ich der Meinung, dass es wohl nur eine Handvoll Spiele gibt, die weniger Punkte verdient hätten. Nämlich die, die überhaupt nicht funktionieren. Extinction mag viele Fehler haben. Aber es gibt goldene Momente, in denen diese kurz verfliegen. Dann gleitet Avil mit einer gewissen Eleganz durch die Lüfte, schwingt sich von Ravenii zu Ravenii und bringt sie mit jedem Streich seiner Klinge zu Fall. Dann ist Extinction genau das, was ich mir erhofft habe.

Extinction ist nichts für euch? Diese Spiele kommen die nächsten Wochen über auf den Markt:

Bilderstrecke starten
(17 Bilder)

Ich sehe Potenzial in der Vision des Entwicklerstudios Iron Galaxy. Aber leider haben sie es mit dem aktuellen Werk nicht geschafft, einem Fan von Animes wie Attack on Titan vor den Bildschirm zu fesseln. Bleibt nur zu hoffen, dass sie sich die Zeit nehmen und in den kommenden Wochen und Monaten einige Verbesserungen vornehmen. Denn eigentlich hat das Studio hinter Killer Instinct und Divekick schon bewiesen, dass sie es drauf haben. Was ist hier schiefgelaufen?