Die Fallhöhe war enorm auf dem hohen Podest des selbst- wie fremdgenerierten Hypes. Dass Evolve auf dieser wackeligen Plattform nicht stürzt und sich das Genick auf dem harten Boden der Realität bricht, ist beinahe noch die größte Überraschung eines Spiels, das nach Alpha- und Beta-Testrunden nur noch verblüffend wenige in petto hat.

Während The Order: 1886 als indirekter Konkurrent am anderen Ende der Nahrungskette allein mit einer kruden „Es gibt keine schlechte Presse“-Mentalität durch die Medien zu wabern scheint, haben die PR-Menschen hinter Evolve längst verstanden, dass Vermarktung nicht am Tag der Veröffentlichung endet. Charmante Valentinstags-Tweets hier, großflächig mit Werbemitteln tapezierte Webseiten sowie öffentlicher Raum dort und zwischen alledem „Hey, hey, lass mal über Evolve quatschen!“ aus dem Freundeskreis. Sagen wir's mal so: Für diesen Test wollte ich eine Woche lang zählen, wie oft ich abseits der Arbeit mit Evolve konfrontiert werde. Nach 48 Stunden und gefühlt dreimal so vielen Strichen auf meiner Liste habe ich die Sache unter „Ha, im nächsten Leben vielleicht!“ abgehakt.

Es war der fulminante Schlussspurt einer (fast) überragenden Image-Kampagne. Einer, die nicht nur das Klagelied der im Vornherein zum Scheitern verurteilten neuen Marken zum Verstummen gebracht, sondern das eigene Produkt auch beständig in den Schlagzeilen gehalten hat. Allein auf gamona findet ihr 18 News (Stand: 17.02.) zu Evolve, was für sich genommen schon eine deutliche Sprache spricht. Beeindruckender als die spröde Masse ist jedoch die gleichmäßige Verteilung der Einträge. Bis auf den September wurdet ihr jeden Monat mit dem Mehrspieler-Shooter konfrontiert – eine Konstante, von der nicht nur The Order träumt.

Evolve - Warum gibt es eigentlich noch keinen Ghostbusters-DLC mit Marshmallow-Monster?

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Evolve ist da und die Welt dreht sich ganz normal weiter - wer hätte das gedacht?
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Weniger vom selbstverschuldeten DLC-Shitstorm. Ein tiefer Kratzer im so eifrig auf Hochglanz polierten Lack und im Grunde längst überfällig, jedoch nur bedingt etwas, das hierher gehört. Der Vollständigkeit halber: Die Entwickler von Turtle Rock (oder vermutlich die Mitarbeiter der Marketing-Abteilung) reizen ihren Kredit mit dutzenden Mikrotransaktionen für kosmetische Verschönerungen, lächerlich vielen unterschiedlichen Spielversionen und Tag-1-DLC bis zum Maximum aus, überschreitet zumindest für meine Verhältnisse jedoch nie eine wichtige, von vielen aber geflissentlich ignorierte Grenze: Evolve schließt niemanden aus.

Natürlich sind 15 Euro für ein zusätzliches Monster ein absurd hoher Preis, bei aller Liebe. Auf der anderen Seite wird es einen konstanten Strom kostenloser neuer Karten geben, die alle Spieler mit gleichen Ausgangsbedingungen versorgen, vor allem: in dieselbe Kategorie werfen. Ihr könnt genauso gegen mit Skins aufgehübschte Charaktere wie gegen Leute antreten, denen ein viertes spielbares Biest die 15 Tacken eben doch wert war – ihr alle landet auf denselben Servern, werdet zu keinem Zeitpunkt ausgegrenzt (ich gucke besonders in deine Richtung, Call of Duty. Dann spielt ihr eben gegen ein DLC-Monster, das ihr selbst nicht besitzt, so what? Tut niemandem weh und macht euch möglicherweise sogar noch neugierig. Sollte man bei all der zweifellos gerechtfertigten Kritik ebenfalls im Hinterkopf behalten.

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Geplant war das nicht, aber in gewisser Hinsicht entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ihr nun über 400 Wörter zu Evolve, aber keines zum eigentlichen Spiel hinter dem Hype gelesen habt – diese Struktur des gemächlichen Starts beschreibt den Shooter nämlich auf spielerischer Ebene nahezu perfekt.

Von Anfang an: In vier verschiedenen Spielmodi könnt ihr euch austoben, wobei „Evakuierung“ als fünfter eine Art Best-of der bestehenden ist (klären wir später noch etwas genauer) und neben „Jagd“ quasi das Aushängeschild des Spiels darstellt. Letztgenannter Spielplatz ist im Wesentlichen eure erste und voraussichtlich häufigste Anlaufstelle – zumindest habe ich hierfür mit Abstand die meisten Stunden vor der Konsole gesessen.

“Wer hat Pudding in mein Monster gekippt?“

Es ist so ziemlich das, was euch ein gutes Dutzend Trailer eingebläut hat: Vier Jäger auf der Jagd nach einem Monster und vice versa, nicht immer so einfach zu sagen und maßgeblich davon abhängig, von welchem Zeitpunkt wir hier überhaupt reden. In den ersten Minuten sind die Rollen klar verteilt, wenn der gefräßige Fleischklops auf der ersten Stufe erst einmal damit beschäftigt ist, seinen Häschern aus dem Weg zu gehen und sich an kleineren Tieren zu laben, um im Level aufzusteigen. Erst auf die zweite, schließlich die finale dritte Stufe, was im Normalfall fünf bis zehn Minuten dauert. Erst dann ist das Vieh den Jägern im Nahkampf wirklich ebenbürtig, erst dann wird es wirklich spannend – wenn ihr so lang durchgehalten habt.

Packshot zu EvolveEvolveErschienen für PC, PS4 und Xbox One

Als Verfolger seid ihr nämlich vor allem mit Spurenlesen beschäftigt, achtet auf aufgescheuchte Vögel, umgeknickte Bäume, Tierkadaver und all jene Fährten, die sich organisch aus der Welt heraus ergeben. In den ersten Stunde eine große Stärke des Spiels, das überhaupt eine feines Gespür für seine Flora und Fauna besitzt, euch wirklich glauben lässt, hier auf einem verdammt unangenehmen fremden Planeten gestrandet zu sein – bis sich Routine breitmacht, wo zuvor noch neugierige Blicke und „Wie geil ist das denn?“ waren.

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Evolve macht viele Dinge gut, manche sogar großartig. Eine davon ist die Ausgewogenheit der vier unterschiedlichen Klassen.
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Die frühen Phasen der Jagd sind immer eine schizophrene Angelegenheit. Toll, weil die Verfolgung mit dem richtigen Team spannend ist und die Spuren sich aus der Welt heraus ergeben, schrecklich, weil ihr oft genug Runden erleben werdet, in denen minutenlang nichts passiert und irgendwann begreift, wie inkonsequent Turtle Rock in der Inszenierung ihrer Welt vorgegangen sind.

Durchdachter Mehrspieler-Shooter mit tollem Teamspiel auf der einen, kleineren Fokus- und Konsistenzproblemen auf der anderen Seite.Fazit lesen

Mit Akribie erschaffen sie den Planeten Shear und alles, was auf ihm zu finden ist, nur um ihn anschließend mit Neonfarben zu überziehen. Ihr glaubt, nach Vogelschwärmen Ausschau zu halten? Seht noch mal genau hin: Eigentlich schielt ihr auf einen grell-roten Kreis am Firmament. Ihr folgt keinen Fußspuren, sondern bläulich schimmernden Konturen und nehmt als Monster weniger Jäger als statische Lebensbalken aufs Korn. Ich verstehe die Entwickler und ihr Anliegen, den Spielern beim Versuch, sich irgendwie zu orientieren ein, zwei Schritte entgegenzukommen. Gute Sache, gar keine Frage, notwendig sowieso – nur vielleicht nicht in diesem Ausmaß. Wir kommen auch ohne Navi ans Ziel, wisst ihr?

Evolve - Riesige Viecher auf neuen Screenshots

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Zudem fehlt es Evolve an Wucht, was kein Meta-Geschwurbel sein soll, sondern unmittelbar auf das Spielgefühl gemünzt ist. Ich rede hier nicht von der spielerisch notwendigen Flucht des Monsters in den frühen Kampfphasen, alles geschenkt. Mir geht es um das Gefühl, ein verfluchtes Monster zu sein: ein tonnenschwerers, geiferndes Biest, unter dessen Last Steine zerbröseln und Knochen knacken – eben ein Fleischklumpen, der auch gegen Godzilla antreten könnte. Doch völlig egal, welches der drei sehr unterschiedlichen Viecher (Kudos hierfür, liebe Entwickler) ihr spielt, ständig habt ihr das Gefühl, Luftlöcher zu schlagen und wenig mehr als drei Zentner zu wiegen. Kaum etwas vermittelt ein Gefühl physischer Überlegenheit, was ein Problem ist, mit dem ich bei Evolve noch am allerwenigsten gerechnet hätte.

Was zählt, ist auf'm Platz (oder so)

Jedenfalls: Wenn's mal soweit ist und Jäger tatsächlich auf Monster treffen, spielen Markierungswahn und Weichspülbiester auch nicht mehr die größte Rolle. Im Nahkampf mit einem Stufe-3-Monster spielt Evolve plötzlich einen Trumpf nach dem anderen aus und bringt eine Maschinerie in Gang, die nahezu perfekt ineinandergreift. Vorher war Teamwork essenziell (wer sich bei der Suche aufteilt, kann ein größeres Gebiet absuchen, muss bei Monsterkontakt aber auf das schnelle Eingreifen seiner Kollegen vertrauen, um nicht allein binnen Sekunden zerfetzt zu werden), jetzt ist es überlebensnotwendig. Der Trapper schließt das Monster in der mobilen Arena ein, der Assault pumpt seine Magazine hinein, während er vom Medic geheilt wird und der Support die offensiven und defensiven Zwischenräume füllt.

Hättet ihr mich vorher gefragt, ich hätte niemals für möglich gehalten, wie gut dieses Zusammenspiel selbst mit fremden Mitspielern ohne Sprachchat funktioniert. In neun von zehn Fällen könnt ihr euch auf euren Nebenmann verlassen, was ziemlich großartig ist und mir sogar ein Stück weit meinen Spaß an Online-Spielen zurückgebracht hat.

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Pew, pew, pew!
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Allein vor diesem Konzept müssen wir unweigerlich unseren Hut ziehen, Spieler für die taktischen Möglichkeiten, Entwickler für die wasserdichte Verknüpfung der verschiedenen Elemente. Der Jagd-Modus ist Evolves Herzstück und wird auch dann noch Blut durch dessen Venen pumpem, wenn die drei weiteren Modi längst Karteileichen geworden sind.

Der Vollständigkeit halber: In „Rettung“ evakuiert ihr Zivilisten zu einem Rettungsschiff, was, nun ja, „chaotisch“ ist, um es mal diplomatisch zu formulieren. „Nest“ lässt Jäger Monstereier zermanschen, was noch die interessanteste Angelegenheit ist, und in „Verteidigung“ kämpft sich das Vieh nicht ganz Tower-Defense-unähnlich nacheinander zu drei Generatoren durch, die es zu Klump dreschen muss.

Alles wirklich nett, durchaus unterhaltsam und damit zumindest mal zweckdienlich. Kann man schon ein paar Stunden drin versenken, habe ich jedenfalls ohne großes Murren gemacht und würde nicht behaupten, Zeit verplempert zu haben. Nur: „Jagd“ ist das Herz in der Brust von Evolve. Jedes Element wurde um die Mechaniken innerhalb dieses Modus' herum entwickelt; dies ist die Schnittstelle, an der alles zusammenläuft. Nur hier greift alles perfekt ineinander.

Das Problem an den anderen Modi ist nicht, dass sie keinen Spaß machen würden, was absolut übertrieben wäre. „Rettung“, „Nest“ und „Verteidigung“ leiden hingegen unter der Tatsache, lediglich Zusätze zu sein, externe Spielplätze, die nachträglich erdacht wurden, um etwas zum Auf-die-Packung-Drucken zu haben. Ergänzen sich Klassen und Fähigkeiten in „Jagd“ noch perfekt, ist die mobile Arena des Trappers bei „Nest“ plötzlich weitestgehend sinnlos, weil die Rollen ohnehin vertauscht wurden und nun das Monster der Jäger ist.

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Was denkt ihr, warum alle Nase lang die „800.000 einzigartigen Möglichkeiten“ des Evakuierungs-Spielmodus zitiert werden? Der bereits erwähnte fünfte Modus ist nüchtern betrachtet wenig mehr als eine Folge fünf aufeinanderfolgender Partien, die sich aus dem Pool aller Karten und Modi bedienen, wobei der Ausgang jeder Runde minimal die Bedingungen der nächsten diktiert. Ihr wisst schon: Gewinnt ihr, werdet ihr von Selbstschussanlagen unterstützt, verliert ihr, sind Giftgaswolken auf der Karte verteilt. So Zeug eben.

Evolve wäre gern das nächste Left 4 Dead und hat in vielerlei Hinsicht sogar ganz gute Karten, den Zombie-Shooter als „Hey, wollen wir mal wieder 'ne Runde zusammen zocken?“-Sonntagabendspiel abzulösen. In den nächsten Wochen und Monaten wird das funktionieren, ziemlich sicher sogar. Danach könnte Turtle Rocks geistigem Nachfolger ein wenig die Puste ausgehen und daran werden auch rangepflanschte Extramodi nichts ändern.