Wir hatten das Thema schon. Das Thema, worum es bei Spielen geht, und während einige mit gewissem Recht sagen, es gehe nicht immer um Action, ist die dahinter versteckte Behauptung, die Spielerschaft ließe sich säuberlich in Balleridioten und anspruchsvolle Kunstfreunde teilen, gleichermaßen falsch, idiotisch und herablassend. Wie auch natürlich die Gegenbehauptung, wer ruhige und actionlose Spiele kaufe, sei ein Artsy-Fartsy-Hippie, der nur so tut, als würde er derlei mögen, um sich den Anschein von Wichtigkeit zu geben.

In Wahrheit gibt es viele gute Gründe, das gesamte Portfolio von Studios wie The Chinese Room entweder zu lieben oder eben nicht mit der Kneifzange anfassen zu wollen. Derzeit räumt das momentan exklusiv auf der PS4 erhältliche Everybody's Gone to the Rapture allerorten Traumwertungen ab, wie es bei einem spirituellen Nachfolger von Dear Esther ja auch zu erwarten war. Ebenfalls zu erwarten: Nachdem ich schon The Vanishing of Ethan Carter grauenhaft langweilig fand, werde ich mit Rapture, wie ich es ab jetzt kurz nenne, auch nicht glücklich.

Everybody's Gone to the Rapture - Everybody's Gone to Sleep

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Hübsch hier. Und einsam. Was ist passiert?
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In Rapture spielt man eine unbekannte, namenlose Figur, die eine englische Kleinstadt in einem Tal erforscht. Diese ist, das gehört zum guten Ton, ausgestorben, und es liegt an uns rauszufinden, wieso. Abgesehen von ein paar Tonbandaufnahmen und Funkmeldungen passiert das primär über eine bestimmte Mechanik: Eine goldene Kugel aus Licht weist uns zumindest halbwegs den Weg und blendet dann, wenn wir bestimmte Orte erreichen, aus Licht gefertigte Abbilder der ehemaligen Talbewohner ein, die miteinander interagieren.

Über diese Einblendungen erfahren wir zweierlei. Zum einen lernen wir die Bewohner des Dorfes mit ihren kleinen Sorgen und Problemen kennen. So sind denn auch die "Kapitel" des Spiels, von denen es sechs gibt, nach sechs Schlüsselfiguren aus der Vorgeschichte des Spiels benannt. Die beiden zentralen Figuren, deren Schicksal dann auch am engsten mit dem zweiten Handlungsstrang verwoben ist, sind die amerikanische Forscherin Kate und ihr britischer Gatte Stephen.

Diese zweite Handlungsebene dreht sich um den größeren Grund für das Verschwinden der Leute. Blöderweise ist an dieser Stelle jede Silbe eine zuviel, ist doch der Ablauf der Ereignisse der größte, mithin der einzige Reiz an Rapture. Soviel kann man aber doch sagen: Eine Entdeckung Stephens und Kates wird verknüpft mit seltsamen Phänomenen, etwa dem Massensterben von Vögeln und dem Verschwinden der Leute, und erklärt auch die goldenen Kugeln, die den Spieler leiten.

Packshot zu Everybody's Gone to the RaptureEverybody's Gone to the RaptureErschienen für PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Die Geschichte ist ziemlich cool, und nach einer Weile stört man sich auch nicht mehr daran, dass man eigentlich nur humanoiden Flimmereffekten beim güldenen Kasperletheater zuguckt. Die Handlung entwickelt sich, gerade zum Ende hin, leider in eine sehr kryptische Richtung, die wenig befriedigend ist, wahrscheinlich aber von zahlreichen Spielern als interpretationsfähiger Kunstgriff aufgefasst wird. Ich bin davon nicht überzeugt. Dennoch, auf der Storyebene lässt sich Rapture definitiv genießen.

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Dieses goldene Bällchen und seine Visionen sind euer einziger Begleiter.
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Der absolute Überhammer ist sie dann aber eben auch nicht, und in Sachen Komplexität scheint sie eher einer Kurzgeschichte als einem Roman zuzugehören. Wozu sie aber, und das ist ein wichtiger Punkt, überhaupt nicht zwingend gehört: zu einem Spiel. Unleugbar zaubert Rapture ein paar coole Momente auf den Bildschirm, kraftvolle Augenblicke mit Gefühl, was angesichts der ulkigen Inszenierung mit den goldenen Schauern von Information eine beachtliche Leistung ist. Aber ein Mehrwert ergibt sich nicht daraus, dass man wirklich selbst den Controller in der Hand hält und durchs Dörfchen stapft.

Wieder einmal hat man hier einen Titel vor sich, der sich ebensogut erfahren und genießen ließe, wenn man keine Sekunde selbst "spielt", sondern einfach jemandem dabei zuguckt. Im Spielebereich, in dem maßgebliche und sinnvolle Interaktionen das Maß aller Dinge sind, ist das ein klassischer Fall von "Thema verfehlt, setzen, Wertung von höchstens 5". Selbst Kirk Hamilton von Kotaku, der das Spiel genug liebt, um eine lange Zusammenfassung und Analyse der Story zu schreiben, nimmt diesen Aspekt mit Humor und präsentiert dazu ein animiertes gif von einer Tür, die sich immer wieder öffnet und schließt. Das kann man als SPieler machen, stimmt. Mehr nicht.

Schöne Geschichte, dichte Atmosphäre, schicke Inszenierung - davon würde ich bei Gelegenheit gerne mal eine Spielumsetzung sehen.Fazit lesen

Nur offenbar schafft er und schaffen es die anderen Spieler, dem Umstand, dass man die Projektionen in der Welt in der falschen Reihenfolge erleben kann (denn das ist wortwörtlich das einzige, worauf der Spieler Einfluss hat), etwas abzugewinnen, was sich mir nicht erschließt. Wenn ich bei einem Hörbuch die Trackliste auf " random Shuffle" stelle und hinterher versuche, mir zusammenzureimen, ob die Hobbits nun zuerst im Bruchtal oder zuerst in Bree waren, dann ist das doch kein Spiel. Und nach diesem Verständnis ist eben auch Rapture keines.

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Mag ja sein, dass Rapture wahnsinnig schön ist. Aber nicht als Spiel. Als Spiel ist es nicht vorhanden.
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Und deswegen kann ich keine gute Wertung geben. Es tut mir leid, tut es in dem Fall wirklich. Wenn ich ein Spiel spiele, habe ich sehr wohl Ansrpüche – aber eben andere Ansprüche als an andere narrative Medien. Es gibt keinen Grund, warum Rapture in seiner jetzigen Form, als Spiel, existieren muss. Seine Grafik ist schön, aber nicht so schön wie die eines Films. Seine Story ist gut, könnte aber in einem Buch wesentlich mehr Fleisch auf die Rippen kriegen. Seine Charaktere sind nett, aber ihre Stimmen durch Gold-Hologramme vermittelt zu bekommen, ist auch nicht besser, also wenn ich Kate, Stephen und Co. in einem Hörspiel erleben würde. Nur, um meinen Analogstick auszuleiern, weil ich quasi nichts mache außer zu laufen, hol ich mir das Teil nicht.

Einen spielerischen Mangel hat Rapture übrigens auch noch: Man braucht für das Durchspielen zwischen vier und sechs Stunden, was okay ist, aber es wäre Ruckzuck vorbei, wenn man eine Spielfigur hätte, die sich schneller als im Schneckentempo bewegen würde. Tut sie aber nicht. Es gibt eine Sprintentaste, wie ich (und alle anderen Spieler, denn es wird im Spiel nicht erklärt) viel zu spät erfahren habe. Diese beschleunigt den Schildkröten-Charakter so unmerklich, dass wir gesammelt vor dem Spiel nicht erkennen konnten, ob die Taste gedrückt ist oder nicht, auch nicht beim direkten Übergang. Das ist nichts als künstliche Streckung der Spielzeit, Nerverei und ein echter spielerischer Mangel – und das in einem Titel zu schaffen, der ohnehin quasi keine spielerischen Elemente beinhaltet, ist besonders beachtlich und ärgerlich.