Eine gesunde Portion Wahnsinn war sicher mit dabei, als eine kleine Schar verrückter Isländer vor zehn Jahren ein Weltraum-MMOG auf den Markt brachte. Tatsächlich sah es anfangs so aus, als sei das Projekt zum Scheitern verurteilt. Doch so steinig der Weg auch war - bei CCP schritt man tapfer voran. EVE Online nahm langsam, aber sicher Fahrt auf, und die wird jetzt, eine Dekade später, zur Odyssee.

Wer hätte das gedacht: EVE Online ist nicht etwa CCPs Erstlingswerk - das war tatsächlich ein Brettspiel namens Hættuspil, dessen Cover eine ältere Lady ziert, die in Wirklichkeit gar keine solche ist, sondern Jón Gnarr heißt. Und der ist heute als amtierender Bürgermeister von Reykjavík einer der wahrscheinlich mächtigsten Männer Islands.

Eve Online - Odyssey - Die zweite Dekade

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Er war jung und bekam nicht mal Geld! Islands amtierender Bürgermeister Jón Gnarr (rechts im Bild) war nicht unwesentlich an CCPs erstem Erfolg beteiligt.
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Das expandierende Universum

Das ist nur eine von unzähligen Geschichten, die man sich Jahr für Jahr auf dem EVE-Fanfest in Reykjavík erzählt und die CCP und EVE Online so einzigartig machen, dass es mich nun schon zum dritten Mal in den eisigen Norden gezogen hat, wo man in diesem Jahr nicht nur feierlich auf zehn Jahre EVE Online geschaut, sondern gleichzeitig einen Ausblick auf die nächste Dekade gewagt hat.

Dabei wurde mehr denn je deutlich, dass man die Zukunft von EVE Online längst nicht mehr auf das Spiel an sich beschränken und in ein paar Patchnotes packen kann. Das virtuelle Universum dehnt sich aus, hat mit Dust 514 die Grenzen der gewohnten Plattform und des Genres überschritten - es hat den Krieg vom All auf die Planetenoberflächen gebracht.

Geschichten, die das Leben schreibt

In Kombination sind EVE Online und Dust 514 weit mehr wert als die Summe beider Spiele. Wenn Dust 514 ein Update bekommt, das planetare Eroberungszüge ermöglicht oder auch nur den Markt um ein paar neue Produkte erweitert, dann wirkt sich das auf EVE Online aus. Gleiches gilt natürlich auch umgekehrt. Und so wächst der Sandkasten von New Eden schneller denn je.

Packshot zu Eve OnlineEve OnlineErschienen für PC

Dabei ist das Wachstum nicht nur auf die von den Entwicklern gelieferten Inhalte begrenzt - vor allem die Spieler tragen ihren Teil dazu bei, indem sie die Welt durch ihr Tun beeinflussen und prägen. Bei CCP ist man sich dieser Tatsache durchaus bewusst und hat in einem Projekt Hunderte von Geschichten gesammelt, die sich im Laufe der letzten zehn Jahre abspielten und die man sich in ruhigen Zeiten immer wieder gerne auf den Teamspeak-Servern erzählt.

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Diese EVE-Fans trauen sich was und lassen sich vor den Augen der Weltpresse von Kapitän Petursson trauen.
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Nerds im Fokus

Es sind Geschichten, die das Leben schreibt - von Liebe und Verrat, von Krieg und Frieden, von Zerstörung und dem Aufbruch in eine neue Zukunft. EVE Online ist so legendär für seine Geschichten geworden, dass man auch hin und wieder mal in der Tagespresse davon liest und höchst unterschiedliche Publikationen wie der Playboy oder DIE ZEIT ihre Vertreter nach Island schicken, um über das Gelage der Fans zu berichten.

Und zu berichten gibt es von diesem Treiben eine ganze Menge - auch und gerade für Leute, die keine Ahnung haben, welch starke Wirkung ein solches Sandbox-Erlebnis auf das Leben der Fans haben kann. Da lassen sich besonders hartgesottene Spieler eines der zahlreichen EVE-Logos auf den Körper stechen, da wird ein neuer Spielerrat in Amt und Würden erhoben, da spielt das Sinfonieorchester von Reykjavík zum tränenreichen Konzert auf und zwei Spieler geben sich vor CEO Hilmar Veigar Pétursson das Ja-Wort.

Auf Hochglanz poliert

Doch auch die Ereignisse innerhalb von New Eden, die nicht mit dem realen Leben verwoben sind, haben unglaubliches Potenzial, und so kamen die beiden größten Enthüllungen auf der Fanfest-Abschlussveranstaltung kaum überraschend. EVE Online wird noch multimedialer, als es ohnehin schon ist. Das True-Stories-Projekt diente nicht allein der Dokumentation der EVE-Geschichte, sondern soll zwei neuen Kooperationspartnern von CCP als Datenquelle dienen.

Bei einem dieser Kooperationspartner handelt es sich um die Jungs von Dark Horse Comics, die so namhafte Werke wie Hellboy oder Sin City herausgeben. Sie arbeiten schon auf Hochtouren an einer 54-seitigen Grafik-Novelle mit den besten Geschichten der EVE-Spieler. Die erste Ausgabe soll rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft in den Regalen und kostenlos zum Download stehen.

Außerdem haben die Comic-Experten den Auftrag, ein Nachschlagewerk von 184 hochglänzenden Seiten zu basteln, in dem die komplette Hintergrundgeschichte von New Eden erklärt wird - vom Aufbruch von der Erde über den Zusammenbruch des Wurmlochs bis hin zum unerbitterten Krieg der vier Reiche von New Eden und dem zunehmenden Einfluss der Unsterblichen - das sind bekanntlich die Spieler von EVE Online und Dust 514.

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Der neue Stern am Serienhimmel?

Und als wäre das noch nicht genug, hat CCP noch den isländischen Filmproduzenten Baltasar Kormákur damit beauftragt, eine TV-Serie zu produzieren, die dem Phänomen EVE Online gerecht werden und sich qualitativ an großen Serien wie Breaking Bad und Game of Thrones orientieren soll. Für Kormákur, der zuletzt den Film Contraband mit Mark Wahlberg in die Kinos brachte, eine einmalige Gelegenheit, denn "direkt mit den Spielern von EVE Online zu interagieren, das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten".

Und tatsächlich könnte CCP mit dieser Produktion gelingen, was Trion Worlds mit Defiance versagt geblieben ist - eine echte Fusion mehrerer, höchst unterschiedlicher Medien. Eine Serie, in der die True Stories der Spieler von EVE und Dust mit der Hintergrundgeschichte von New Eden verknüft werden, birgt für Spieler und Unbedarfte gleichermaßen ein enormes Potenzial.

Gefördert und gefordert

Gleichzeitig wird die Sandbox um eine Facette reicher und die bislang auf den einen Server von EVE und Dust begrenzten Geschehnisse werden nach außen getragen. Plötzlich bekommen Allianzen, Corporations und einzelne Spieler die Chance, tatsächlich für ein Millionenpublikum auf den Fernsehschirmen in Erscheinung zu treten. Das fördert die Kreativität der Spieler und treibt sie zu Höchstleistungen an.

Doch nicht nur bei den Spielern will CCP kreative Prozesse in Gang setzen - auch die Entwickler werden im Unternehmen gefördert und gefordert. Rund ein Viertel der Arbeitszeit dürfen die CCPler in ganz eigene Ideen und Projekte stecken, die nicht unbedingt ein konkretes Ziel und schon gar nicht EVE Online als Hintergrund haben müssen.

Der Rundumblick in die Zukunft

Wenn allerdings eine Gruppe talentierter Entwickler inner- und außerhalb der Arbeitszeit kreativ ist und zudem auf die Assets von CCP zugreifen darf, ist zumindest der Zusammenhang mit New Eden nicht ganz abwegig. So auch im Fall von EVR. Dabei handelt es sich um ein solches Kreativprojekt, das mir schon bei der ersten Demonstration den Atem verschlagen hat.

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Der Playboy schickte gar Pamela Horton (Miss October 2012), um aus Reykjavík zu berichten. In EVR machte sie gegen die Kollegen aus der Games-Presse allerdings keine gute Figur.
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EVR ist ein kleiner Space-Simulator, bei dem man als Pilot ins Cockpit eines Raumjägers klettert und in zwei Teams andere Jäger auszuschalten hat. So weit nicht sonderlich spektakulär, wäre da nicht Tatsache, dass EVR voll auf das geniale Oculus Rift setzt, jene Virtual-Reality-Brille, die echte 360-Grad-Rundumsicht ermöglicht und die mich mitten in eine Raumschlacht geworfen hat, wie ich sie lebensechter noch nicht habe erleben können.

Noch ist das Oculus Rift nicht in der Konsumentenversion verfügbar und noch hat man bei CCP keine konkreten Pläne hinsichtlich der Zukunft von EVR gefasst. Ausschließen möchte man allerdings nicht, dass man das actionreiche VR-Projekt auch weiterhin nebenbei vorantreiben und eines Tages zur Marktreife führen könnte.

Ein gefährliches Spiel

Auf jeden Fall will man den Markt bald mit der ersten Collector's Edition von EVE Online beglücken - etwas, das man bei CCP wegen der finanziellen Engpässe zum Release nie hat verwirklichen können. Neben einigen hübschen Skins und Items für EVE und Dust sowie der potenziell wertvollen Blaupause eines neuen Schlachtkreuzers enthält die Box, die zum stolzen Preis von 149,99 Euro angeboten werden soll, ein Buch zur Geschichte des Spiels, die CD vom aktuellen Sinfoniekonzert, ein Raumschiffmodell, das gleichzeitig als USB-Hub dient, sowie das Danger-Game-Brettspiel.

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Unser Frank und Reyjavíks Bürgermeister Jón Gnarr freuen sich auf die Neuauflage von Hættuspil.
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Das ist eine eigens angefertigte Neuauflage jenes ‘Hættuspil’, mit dem CCP 1998 die ersten zaghaften Schritte in der Unterhaltungsbranche gemacht hat und dessen Erfolg EVE Online heute seine Existenz und Island 1.500 zusätzliche Touristen pro Jahr zu verdanken hat. Kein Wunder also, dass auch Bürgermeister Jón Gnarr noch einmal in die Rolle der alten Lady schlüpft, die das Cover der Neuauflage zieren wird.

EVE im Griff

Und natürlich ging es auf dem Fanfest nicht nur um all die erwähnten zusätzlichen Möglichkeiten, die sich aus dem Phänomen EVE Online so ergeben - es ging auch um die Weltraum-Sandbox selbst. Deren Entwicklung verlief in den letzten zehn Jahren nicht immer so geordnet, wie sich das die Fans gewünscht hätten. Oft hastete CCP von einer Baustelle zur nächsten und verrannte sich dabei hin und wieder auch in eine Sackgasse.

Damit das in den kommenden zehn Jahren nicht passiert, stellte Andie Nordgren, die fortan als Senior-Producer für EVE Online verantwortlich zeichnet, die neue Strategie vor: Man hat eine Vision, die fünf Jahre weit reicht, einen Fahrplan von drei Jahren sowie einen konkreten Terminkalender, der die nächsten zwölf Monate und damit jeweils zwei Erweiterungen umfasst.

Eine Odyssee von fünf Jahren

Von dieser Strategie erhofft man sich mehr Effizienz und die Möglichkeit, an mehreren Baustellen innerhalb der virtuellen Welt von EVE Online gleichzeitig arbeiten zu können, ohne hinterher den roten Faden zu verlieren, der sich durch die komplette Entwicklung ziehen soll. Mit Odyssee beginnt dieser Fünf-Jahres-Plan, an dessen Ende man die Möglichkeit haben soll, selbst an neuen Sternentoren zu bauen, um völlig unbekannte Sonnensysteme zu erschließen und zu besiedeln.

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65.303 Spieler stellen nicht nur Rekorde auf, sie sorgen auch für manch epische Raumschlacht.
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Bis dahin allerdings erwarten uns noch einige Erweiterungen in EVE Online mit unzähligen neuen Features und Verknüpfungspunkten zu Dust 514. Dann haben wir vielleicht auch schon das Oculus Rift auf dem Kopf und schauen EVE Online im Fernsehen - zur Prime-Time, gleich nach der Tagesschau. Hätten uns die Jungs von CCP vor zehn Jahren erzählt, wo man im Jahre 2013 stehen würde, wir hätten es kaum geglaubt.

Eine Odyssee auf der Überholspur

EVE Online ist nach wie vor das einzige Abo-MMOG mit kontinuierlich steigenden Spielerzahlen. Vor einigen Monaten zählte man erstmals mehr als 500.000 aktive Accounts. Eine Zahl, die wahrscheinlich auch schon wieder überholt ist, denn erst in der vergangenen Woche hat man einen neuen Rekord aufgestellt, als 65.303 Spieler gleichzeitig auf dem einzigen Server eingeloggt waren.

Mit all seinem Tiefgang und der Komplexität ist die Sandbox EVE Online still und heimlich zum Erfolgsmodell geworden, das sich andere Studios zum Vorbild nehmen sollten, statt immer wieder auf die ausgelutschten Themepark-Mechaniken zu setzen. Doch Vorsicht - wer nur kopiert, hat schon verloren. Eine Sandbox braucht ein stimmiges Konzept, eine treue Kern-Community und viel, viel Zeit. Für ein Studio ist die Entwicklung einer stimmigen Welt nicht nur ein Abenteuer - es ist tatsächlich eine Odyssee.