Als die Community von EVE Online im vergangenen Sommer gegen den Publisher CCP rebellierte, wurden die von den Spielern gewählten Vertreter des Counsil of Stellar Management nach Island geflogen, um zwischen den Parteien zu vermitteln. Dem Spielerrat gelang, was niemand für möglich gehalten hätte: er rang dem CEO eine weitreichende Entschuldigung ab und zwang ihn, den Kurs des Unternehmens zu ändern. Stephan Pirson war damals dabei und erklärt uns, warum nicht jedes MMOG einen Spielerrat haben sollte.

"Wir kommunizieren täglich mit den Entwicklern."

gamona: In EVE Online kennt man dich als Meissa Anunthiel vom Counsil of Stellar Management. Doch hier in Island trittst du zwangsläufig als leibhaftige Person in Erscheinung. Was machst du, wenn du nicht in und für New Eden aktiv bist?

Meissa Anunthiel: Ich heiße eigentlich Stephan Pirson, komme aus Belgien, arbeite aber in Deutschland - für ein Unternehmen, das Lösungen für den elektronischen Zahlungsverkehr entwickelt. Ich verstehe auch ein wenig Deutsch, weil mein Laptop auf Deutsch konfiguriert ist.

gamona: Dann sitzen also gerade zwei in Deutschland lebende Vertreter im CSM. Erklär uns doch mal kurz aus deiner Sicht, was der Counsil of Stellar Management eigentlich ist.

Meissa Anunthiel: Ich bin jetzt seit etwa dreieinhalb Jahren im CSM, bin also seit der zweiten Legislaturperiode dabei. Der CSM ist ein Rat, in den Spieler insgesamt 14 Vertreter aus ihren eigenen Reihen wählen. Sieben davon werden von CCP zweimal im Jahr nach Island geflogen, um dort mit den Entwicklern zu beraten - ein weiteres Mal werden wir zum Fanfest eingeladen.

Eve Online - "CCP arbeitet an ein paar Sachen von extrem hohem spielerischen Wert."

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Auf dem Fanfest traf unser MMO-Redakteur Stephan ‘Meissa Anunthiel’ Pirson vom Counsil of Stellar Management.
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Unsere Aufgabe ist es, den Entwicklern klarzumachen, welche Funktionen wir gerne im Spiel sehen würden. Wenn wir also, um nur ein Beispiel zu nennen, davon ausgehen, dass etwas am umkämpften Teil der Galaxis zu überarbeiten ist, dann lassen wir die Jungs von CCP eben wissen, dass sie daran etwas ändern sollten.

Packshot zu Eve OnlineEve OnlineErschienen für PC

Die geben uns dann eine Resonanz und sagen, wie lange sie dafür bräuchten, dieses oder jenes zu überarbeiten oder ins Spiel zu bringen und dann entsteht daraus ein Dialog. Und genau das ist es, was mit riesigen Gruppen von Spielern und über Foren nicht richtig funktionieren würde. Wir treten also mit einer fundierten Meinung an CCP heran und helfen ihnen zu verstehen, was von den Spielern wirklich gut angenommen wird und was nicht.

Die zweite Sache ist, dass CCP mit ihren Ideen zu uns kommen, mit Dingen, die nicht unbedingt von uns stammen. Dann fragen sie uns, welche Folgen es haben würde, wenn man bestimmte Elemente ins Spiel einfügen würde und was wohl die Spieler davon hielten.

Dann reagieren wir darauf und erklären zum Beispiel, dass es an sich eine gute Idee ist, aber die Präsentation noch gewisse Schwächen aufweist und vielleicht negative Auswirkungen auf bestimmte Spielergruppen haben könnte, an die CCP bei der Konzeptionierung nicht gedacht hat. Dann helfen wir dabei, die Sache zu überdenken und so anzupassen, dass sie funktioniert. Wir haben also zwei Aufgaben, treten für etwas ein und geben Feedback.

Eve Online - "CCP arbeitet an ein paar Sachen von extrem hohem spielerischen Wert."

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Das EVE-Fanfest erfreute sich hoher Besucherzahlen.
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gamona: Ihr helft CCP also dabei, ihr Produkt aus einer Perspektive zu sehen, die ihnen normalerweise verwehrt bleibt?

Meissa Anunthiel: Sie entwickeln das Spiel zwar, doch sie spielen es nicht so oft und so intensiv wie wir. Zudem sind wir untereinander vernetzt und sehen daher das große Ganze.

gamona: Könntet ihr CCP auch zu gewissen Entscheidungen zwingen?

Meissa Anunthiel: Diese Macht haben wir nicht und ich glaube auch nicht, dass wir sie haben sollten. Die Interessen der Spieler zu vertreten ist die eine Sache - doch nicht alles, was von Spielern gefordert wird, ist auch zwangläufig das, was sie wirklich wollen oder brauchen. Hin und wieder sind unbequeme Entscheidungen nötig, sei es nun aus wirtschaftlicher Sicht oder um beispielsweise den Bedürfnissen von Neueinsteigern gerecht zu werden. Und wir als CSM vertreten speziell die Interessen der etablierten Spielerschaft.

Eine sehr wichtige Aufgabe, die wir erfüllen, ist das Filtern von unzähligen Beschwerden, die von der Spielerschaft bisweilen auch mal sehr grob vorgetragen werden. Dann versuchen wir im Dialog mit den Spielern, dem Kern der Sache auf die Spur zu kommen, um die Sache dann in verständlicher Form an CCP zu übermitteln.

Das ist auch nicht immer leicht und führt manchmal auch zu Konflikten, doch insgesamt kommen wir recht gut mit beiden Seiten aus. Letztlich ist es ja im Interesse aller Seiten, die Sache konstruktiv anzugehen, um ein möglichst gutes Spiel zu bekommen.

"An einem durchschnittlichen Tag gehen 500 bis 1000 Nachrichten für uns ein"

gamona: Wie viel Arbeit steckt hinter deinem Job als Counselor?

Meissa Anunthiel: Wenn man es richtig macht - und das ist ist nicht unbedingt immer gegeben - muss man von etwa zehn bis fünfzehn Stunden pro Woche Arbeit ausgehen. Wir müssen ja ständig im Dialog mit den Spieler stehen.

Außerdem kommunizieren wir täglich mit den Entwicklern, teilweise über die Foren, meistens aber über einen eigenen Skype-Channel, der uns dafür zur Verfügung steht. An einem durchschnittlichen Tag gehen 500 bis 1000 Nachrichten für uns ein, die es abzuarbeiten gilt. Es steckt also durchaus Arbeit dahinter.

gamona: Und zusätzlich steckt ihr noch Arbeit in den Wahlkampf. Wobei ihr in dieser Hinsicht ja recht erfolgreich seid. Die Wahl zum CSM findet prozentual mehr Zuspruch als viele Wahlen in der realen Politik. Wie erklärst du dir die Begeisterung für virtuelle Politik und welche Strategie steckt hinter deinem persönlichen Erfolg?

Meissa Anunthiel: Bei meiner Kampagne verlasse ich mich vor allem auf zwei Dinge. Zuerst wäre da der Blog. Ich kommuniziere natürlich auch mit meiner Allianz und bitte sie darum, mich zu unterstützen, wobei das bei mir nicht so entscheidend ist, da ich Mitglied in einer recht kleinen Allianz bin.

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Der Botschafter schert sich zwar nicht sonderlich um Dust 514, empfindet das Spiel an sich aber als Bereicherung - auch für EVE Online
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Es gibt da andere, wie GoonSwarm oder Test Alliance, die viele Mitglieder haben, etwa 6.000. Und natürlich werben die dann wieder bei ihren Freunden dafür, dass auch die für einen bestimmten Kandidaten stimmen, weil der dann insbesondere deren Interessen vertritt.

Wer diesen Rückhalt nicht hat, muss natürlich umso mehr kommunizieren. So mache ich das auch, schreibe viel mit Leuten im Spiel, schreibe Mails, gebe Interviews in Podcasts, verfasse Blogs. Meiner Ansicht nach kommt es aber tatsächlich am ehesten darauf an, den direkten Dialog zu suchen und zu führen.

gamona: Siehst du das Konzept, das dem Counsil of Stellar Management zugrunde liegt als richtungsweisend für die Branche an? Sollten andere Spiele-Hersteller dieses System übernehmen?

Meissa Anunthiel: Ja und nein. Es ist auf jeden Fall ein sehr wertvolles Werkzeug für CCP, die damit die Möglichkeit bekommen, über gewählte Vertreter mit der Spielerschaft kommunizieren zu können. Das liegt aber auch an dem Format des Spiels an sich.

Nimmt man beispielsweise World of Warcraft, das stark instanziert ist und unzählige Server hat - dort stehen die Spieler untereinander nicht in solch engem Kontakt. Man kann also schlecht für jemanden stimmen, den man gar nicht kennt, von dem man nicht weiß, wofür er steht.

In mancherlei Hinsicht ist das System des CSM also schwer zu übertragen, denn es funktioniert vor allem, weil sich EVE Online auf einem einzigen Server abspielt.

gamona: Deine virtuelle Identität im Spiel und die quasi reale Identität als Mitglied des CSM sind also ein und dieselbe?

Meissa Anunthiel: Ganz genau. Und nicht nur das. Mein echter Name ist bekannt, meine reale Identität, nicht nur mein Charakter im Spiel. Die Leute wissen, wer ich bin und wen ich spiele. Mein Verhalten im Spiel fällt also auch auf mich zurück - ob ich nun Pirat bin oder mich wie ein Arschloch verhalte.

"Mittlerweile hat CCP erkannt, dass sie auf uns hören sollten"

gamona: Was genau ist aus deiner Sicht im vergangenen Sommer zwischen CCP und den Spielern vorgefallen?

Meissa Anunthiel: Vor zwei Jahren beschloss CCP Incarna zu entwickeln und sich dabei auf das Spielen mit Avataren zu konzentrieren und nicht mehr auf die Raumschiffe. Vorher gab es nur Raumschiffe und der Charakter konnte nicht irgendwo als solcher herumlaufen.

Die Idee selbst ist an sich auch nicht schlecht. Die Menge an Ressourcen, die CCP dafür allerdings bereitgestellt hat, war vollkommen überdimensioniert und ging auf Kosten aller anderen Dinge.

Die Spieler lieben EVE aufgrund der Raumschiffe. Avatare sind eine nette Ergänzung, doch wenn sich 90 Prozent der Entwickler nur noch mit Avataren beschäftigen, bleibt das Weltraumspiel, in dem man durchs All fliegt, auf der Strecke.

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Zuerst waren die Spieler nur irritiert und rechneten damit, dass CCP nach Abschluss der Sache wieder zur Normalität zurückfinden würde. Als dann allerdings der erste Teil von Incarna veröffentlicht wurde, war das ernüchternd. Es war ok, aber es brachte uns keinen Mehrwert für das Spiel.

Die Spieler haben also Druck gemacht und waren bereit zu kündigen, wenn sich CCP nicht wieder den Raumschiffen zuwenden würde. Es gab tatsächlich eine ganze Menge Kündigungen deswegen.

Mittlerweile ist CCP tatsächlich aufgewacht und hat wieder den alten Kurs eingeschlagen. Man entwickelt zwar Incarna nach wie vor weiter, doch mit weit weniger Ressourcen. Es wird länger dauern, bis bei den Avataren etwas passiert, aber dafür geht es nicht zu Lasten der Fliegerei.

gamona: Ihr könnt also durchaus eine gewissen Einfluss auf CCP nehmen.

Meissa Anunthiel: Ursprünglich war das Gegenteil der Fall. Wir hatten CCP gesagt, dass sie mit Incarna scheitern und die Spielerschaft gegen sich aufbringen würden. Sie setzten sich über unsere Warnungen hinweg und taten, was sie wollten. Das Ergebnis haben wir dann erlebt.

Mittlerweile haben sie erkannt, dass sie auf uns hören sollten und ich bin davon überzeugt, dass sie das auch in Zukunft nicht so schnell vergessen werden.

gamona: Sie haben euch in ihrer Not auch direkt um Hilfe gebeten.

Meissa Anunthiel: Direkt nach den Ereignissen rief man uns an und bat uns, für ein Notfall-Meeting nach Island zu fliegen. Das Ziel sollte sein, einen Weg aus der Krise zu finden und Möglichkeiten für CCP, das Vertrauen der Spieler wieder herzustellen.

gamona: Hat CCP die Krise denn überstanden? Ist EVE Online wieder auf dem richtigen Pfad?

Meissa Anunthiel: Oh ja, das ist es auf jeden Fall. Alles, was CCP diesmal hier auf dem Fanfest präsentiert hat, begeistert die Spieler ohne Vorbehalte. Und nicht nur das - ich kann auch schon sagen, dass all die Dinge, über die hier noch nicht offen gesprochen werden darf, die aber zum Langzeitplan CCPs gehören, großartig für die Spieler sein werden.

Ich habe nichts, aber auch gar nichts gesehen, dass ich als kritisch betrachten würde. CCP hat jetzt tatsächlich den Kurs eingeschlagen, den wir gefordert haben und der auch wirklich nötig war.

Eve Online - "CCP arbeitet an ein paar Sachen von extrem hohem spielerischen Wert."

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EVE Online ist wieder auf dem richtigen Weg - Hoffen wir das Beste.
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Ich bin jetzt also wirklich vom Spiel und der Richtung begeistert - mehr als in den letzten zwei Jahren. Alles geht seinen Weg und sie beschäftigen sich mit Dingen, die vor langer Zeit einmal zur Seite gelegt wurden, wie die Fraktionskämpfe, Kriegserklärungen und so viele Dinge, über die ich hier gerne sprechen würde, es aber leider nicht darf.

Als CSM bekomme ich natürlich sehr früh Informationen über Pläne und Entwicklungen und verständlicherweise unterliege ich in dieser Hinsicht der Schweigepflicht. Doch ich kann versichern, dass CCP da an ein paar Sachen von extrem hohen spielerischem Wert arbeitet. Die Jungs sind jetzt absolut auf dem richtigen Pfad.

gamona: Wie siehst du in dieser Hinsicht Dust 514. Freust du dich darauf, oder hast du etwas Angst davor? Wird es sich wirklich in die Welt von EVE Online einfügen?

Meissa Anunthiel: Das Konzept von Dust 514 ist generell gut und es wird aller Voraussicht nach ein großartiges Spiel. Allerdings interessiert es mich persönlich überhaupt nicht. Ich spiele nicht auf der Konsole. Mich interessiert lediglich, wo die Schnittstellen von EVE und Dust liegen und welche Einbußen EVE durch Dust hat.

Um dem Spielerlebnis von Dust 514 eine Bedeutung zu verleihen, muss den Spielern eine gewisse Entscheidungsgewalt über die Welt mitgegeben werden. Und dabei kommt es wirklich auf die Dosierung an.

Wir hatten gestern ein Treffen zu genau diesem Thema und derzeit scheint es so, dass die Wirkung, die Dust auf EVE haben wird, eine positive sein wird. Die Verknüpfung wird bedeutsam für Dust sein und sie wird bedeutsam für EVE sein und es besteht die Chance auf eine großartige Symbiose.

Es wäre meiner Ansicht nach besser, wenn Dust 514 auch für den PC verfügbar wäre, doch das steht derzeit nicht zur Debatte. Wobei es auch nicht ausgeschlossen werden kann, dass wir irgendwann noch eine Portierung bekommen werden.

gamona: Vielen Dank für das Interview, Stephan - und noch alles Gute für deine Arbeit im CSM.