Autor: Marcel Kranz

Es soll ja tatsächlich Zocker geben, denen Genre-Perlen wie »Civilization IV« und erst recht »Medieval 2: Total War« nicht genügend Tiefgang bieten. Paradox Interactive tritt in diesem Jahr mit dem dritten Teil seiner »Europa Universalis«-Reihe an, für Abhilfe zu sorgen. Hobby-Strategen wissen, dass sich hinter diesem Namen ein so komplexes Computerspiel wie kaum ein anderes verbirgt.

Gerade deshalb sind Anfänger mit den Vorgängern in der Regel auf die Schnauze geflogen. Ob eure Kauleiste mit »Europa Universalis III« erneut in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt werden sollte oder sich die »Hearts of Iron 2«-Macher um ein einsteigerfreundlicheres Strategiespiel bemüht haben, verraten wir euch im Review.

Wie es euch beliebt, Majestät
Wie auch seine beiden Vorgänger lässt »Europa Universalis III« den Spieler am Ende des Mittelalters seine Fäden spinnen. Genauer genommen setzt das Spiel im 15. Jahrhundert an, wo bekanntlich die Epoche der Renaissance ihren Lauf nahm. Satte 300 Jahre voller historischer Ereignisse werden dem Spieler damit dargeboten. Eine konkrete Story gibt es allerdings nicht. Stattdessen darf der Hobby-Stratege an historisch essenziellen Zeitpunkten wirken.

Europa Universalis III - Nie wieder Weichei: Weltherrschaft für Hardcore-Strategen!

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Die Inselaffen in der Übermacht: schlechte Karten für die Amis.
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Zur Auswahl stehen der Unabhängigkeitskrieg der USA, der Dreißigjährige Krieg und so manches mehr. Ist die Szenario-Entscheidung erst einmal gefällt, geht's an die Wahl des Landes. Fast 300 Nationen dürft ihr als Herrscher anführen - darunter Großmächte wie England, Frankreich oder auch kleine Staaten wie Preußen und beispielsweise Bayern. Da ohne Story auch kaum ein konkretes Spielziel existieren kann, bleibt es folglich euch überlassen, was ihr über die Jahrzehnte hinweg anstellt - ganz gleich, ob ihr euch einbunkert und ums nackte Überleben kämpft oder gleich einen ganzen Kontinent, ja gar die Welt erobert.

Echtzeit- statt Rundenstrategie
Wer schon in »Europa Universalis II« oder »Hearts of Iron« den Herrscher über alles und jeden gemimt hat, wird sich recht schnell zurechtfinden. Sollte man diese Gelegenheiten aber versäumt haben, sind die hilfreichen Tutorials unabdinglich. Mit ihnen ist endlich einer der größten Kritikpunkte am Vorgänger ausgemerzt worden.

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Wien macht auch in EU3 Einiges her.
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Man sollte die Komplexität des Titels dennoch keineswegs unterschätzen - zu forsche Neulinge dürfen ganz schnell den Untergang ihres Reiches mit ansehen. Selbst Veteranen werden von einem derartigen Schicksal nicht selten heimgesucht. Nicht zu übersehen: Im Gegensatz zu seinen Hardcore-Strategie-Kollegen spielt sich EUIII in Echtzeit - und nicht rundenweise. Aber nicht verzagen - die Spiel-Geschwindigkeit kann ach Lust und Laune variiert werden.

Begutachten wir zunächst einmal, was eure Nation so alles auf dem Kasten hat. Ein kurzer Blick auf die Weltkarte und schon erkennen wir die Anzahl der Provinzen, die unter euren Fittichen stehen. In jeder dieser Ländereien existiert eine Hauptstadt, die ihr wie etwa bei »Medieval« mit allerlei Verbesserungen ausstatten könnt: Kasernen zum Ausheben neuer Truppen, Handelsmärkte oder Stadtmauern sind nur einige davon.

Schon Karl der Große…
…wusste, dass es nur mit einem majestätischen Heer möglich sei, die Welt zu erobern. Ganz nach diesem Vorsatz agiert so ziemlich jedes Land in »Europa Universalis 3« - wie sollte es auch anders sein! Unterteilt in die drei Grundtypen Infanterie, Kavallerie und Artillerie erblüht vor euren Augen ein Truppenverband von ca. 200 unterschiedlichen Einheitentypen, die sich von Epoche zu Epoche sowie von Land zu Land klar unterscheiden.

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Oftmals müsst ihr eure Truppen so organisieren, wie es die Situation verlangt.
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Wer über Geld verfügt, investiert es in die Entwicklung neuer Einheiten. Nur so bleibt man wettbewerbsfähig, geschweige denn am Leben. Jede Einheit verfügt über die Werte Nahkampf, Fernkampf, Moral sowie Manöver, die es zu beachten gilt. Auch eure Seestreitmacht sollte beizeiten aufgerüstet werden. Mit Schippern wie Holk und Kogge und später großen Linienschiffen geht's über die Weltmeere. Blöd, dass nur eine kleine Auswahl von an Schachfiguren erinnernden Modellen erahnen lassen, welche Einheiten sich hinter der jeweiligen Figur verbirgt.

Was wäre eine noch so große Streitmacht ohne einen General? An dieser Stelle kommen die militärischen Traditionspunkte ins Spiel. Umso mehr man davon hat, desto erfahrener sind die Truppführer. Also ab in die Schlacht, denn nur so erlangt ihr mehr von den wertvollen Punkten.

Ideenreichtum
Man mag zwar einige Zeit gut damit fahren, alles Land zu besetzen, auf das man seinen Fuß setzt, doch lange wird man seine Krone allein damit garantiert nicht auf seinem Haupt halten können. Der Schlüssel zum Erfolg liegt vor allem auch in der Forschung. Besonders die Neuerung »Nationale Ideen« baut diesen Bereich noch weiter aus, als es schon in den beiden Vorgängern der Fall war. Hinter diesem Feature verbergen sich Entwicklungen, die gleich für alle Provinzen in Kraft treten.

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Entscheidet ihr euch für Frankreich, seid ihr prompt im Besitz eines riesigen Herzogsgebiets.
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Ebenfalls neu hinzugekommen sind Spione: In Ablegern der »Medieval«-Reihe war es bereits Gang und Gebe, seine Feinde mittels Agenten entweder zu sabotieren oder gleich zu meucheln - das darf natürlich auch hier nicht fehlen. Ferner lassen sich Missionare aussenden, um in einem fremden Land für die eigene Religionsgemeinschaft zu werben. Auf diese Weise könnt ihr andere Kulturen bekehren.

Und was gibt es sonst noch? All das aufzuzählen, was das Spiel in Petto hält, würde den Rahmen dieses Artikels bei Weitem sprengen. Eins ist jedoch sicher: In Sachen Komplexität macht man den Jungs von Paradox Interactive so schnell nichts vor.

Amen
Ebenfalls eine zentrale Rolle spielt euer diplomatisches Geschick: Eine große Streitmacht allein hilft nämlich niemandem mehr, sind einem alle Nachbarn feindlich gesinnt. Sendet also stets euch zu Diensten stehende Emissären aus, um zu verhandeln. Bündnisse, Kriegserklärungen, Geldgeschenke und einiges mehr dürft ihr dabei in die Waagschale werfen.

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Statt Zwischensequenzen bekommt ihr lediglich solche Meldungen serviert.
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Je nachdem wie ihr verfahrt, wird man es an der Gesinnungsanzeige ablesen können. Mit 200 Punkten seid ihr mit einer anderen Nation derart gut gestellt, dass ihr locker um die Hand der Prinzessin anhalten könntet - mit minus 200 hingegen bekommt ihr lediglich einen schlechten Hofnarren vor die Nase gesetzt. Vor allem, wenn es um Diplomatie geht, spielt die künstliche Intelligenz ihre Trümpfe aus. Denkt also ja nicht, dass die Fürsten um euch herum nicht auch schlaue Schachzüge vollführen könnten.

Na geht doch!
Einsteiger klagten reichlich über das Interface in »Europa Universalis II« - zu Recht. Aber das gehört nun endlich der Vergangenheit an. Nun finden auch von strategischer Gewandtheit weniger gesegnete Spieler relativ zügig ins Spielgeschehen - wobei wir mit »relativ zügig« dennoch »einige Stunden« meinen. In Anbetracht der Vielseitigkeit eine durchaus faire und verschmerzbare Dauer. Mit etwas Einarbeitungszeit fällt selbst Neulingen die etwas umfangreichere Einheitensteuerung nicht mehr ganz so schwer.

Die Erde ist rund!
Das hat auch Paradoxe Interactive erkannt und den dritten Teil der Reihe in die dritte Dimension springen lassen. Viel geändert hat sich dadurch aber nicht. Lediglich das Interface ist nun übersichtlicher, und dank Zoomfunktion darf der Spieler nun auch ganz nah ran ans Geschehen. Ansonsten sieht's wie gesagt eher mau aus. Die Performance mag zwar stimmen, allerdings ist das kein Wunder bei einer dermaßen unzeitgemäßen Grafik. Für alle Nicht-Eingeweihten: Spektakuläre Schlachten wie in »Medieval« finden hier ohnehin nicht statt. Stattdessen ist der Ausgang eines Kampfes eine Frage der reinen Statistik.

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Links die Zeitalter und in der Mitte die verfügbaren Nationen - die Auswahl ist immens!
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Aus diesem Grunde braucht man gar nicht erst auf effektreichen Schlachtensound hoffen. Höhepunkt der Akustik stellen Klicks und klassische Musikuntermalung dar, die wie auch in »Hearts of Iron« von Andreas Waldetoft komponiert wurde. Etwas mehr Sprachausgabe hätte auch nicht geschadet, vor allem da sich reichlich Übersetzungsfehler in die Texte eingeschlichen haben.

Wem das ein oder andere nicht gefällt, sollte einfach die ersten Mods abwarten. In so gut wie keinem anderen Spiel wird die Modderszene so blendend unterstützt - es steht einem frei, so ziemlich alles seinen Vorstellungen anzupassen!

Auch hier geht's rund!
Eure Freunde spielen auch gerne Strategiespiele? Super, denn in »Europa Universalis 3« dürfen 32 Spieler zeitgleich an einer Mehrspielerpartie teilnehmen. Hier läuft alles ebenso reibungslos wie im Einzelspieler-Modus ab. Zudem darf man sogar zu zweit ein Land regieren. Sofern das Teamwork klappt, ist man somit für alles gewappnet.