Morgens halb acht in Deutschland. An einem Samstag. Mühsam quäle ich mich aus dem Bett. Natürlich bin ich nicht um Mitternacht, sondern um drei Uhr morgens schlafen gegangen - alles andere wäre ja auch rationales Verhalten. Vollkommen übermüdet also schalte ich den Fernseher, die Xbox One und dann Twitch an, um das “Worlds”-Finalspiel zwischen Rekordweltmeister SK-Telecom und Samsung Galaxy zu verfolgen. Nicht einmal drei Stunden danach sitze ich sprachlos vor dem Empfangsgerät. Der Grund dafür ist vor allem eines: Faker. Ein Spieler, so übermächtig, dass viele Fans ihn sogar “Gott” nennen. Ein Spieler, der aus Weltmeisterschaften stets ungeschlagen hervorging. Bis jetzt.

Es sollte eigentlich ein spannendes, weil knappes Finalspiel werden. Nach der beeindruckenden Eröffnungszeremonie, in der unter anderem ein digitaler Drache in das “Bird’s Nest” flog, war das Publikum vor Ort und online völlig außer sich. Mehr als 50.000 Zuschauer waren in dem Stadion zu Gast, das extra für die Olympiade 2008 in China gebaut wurde. Binnen Sekunden waren die Tickets ausverkauft. Aber das erwartete 3-2 Finalspiel, das auch sämtliche Analysten vorhersagten, fand nie statt.

Stattdessen wurde der Rekordweltmeister nach allen Regeln der Kunst auseinander genommen. Gerade in der Botlane konnte sich SKT gegenüber SSG nicht zur Wehr setzen, Bang und Wolf wurden von Ruler und CoreJJ eiskalt überrumpelt. Das resultierte in einem großen Vorteil für SSG Jungler Ambition, der gerade das Übersichtsspiel perfekt beherrschte und sämtliche Wards von SKT zerstörte, wodurch selbige sich nicht in den Jungle wagen konnten. Am Ende des Spiels stand es 7-0, SKT holte keinen einzigen Kill. Lediglich ein Turm fiel Huni zum Opfer. Dementsprechend kurz wurde auch dieses Highlight-Video: Gerade einmal zwei Minuten Gameplay werden hier gezeigt.

Im zweiten Spiel sollte alles anders laufen. Das lag auch daran, dass Huni den Toplaner Yasuo auswählte, ein risikoreicher Carry. Und tatsächlich machte sich der Pick bezahlt: SKT konnte früh zwei Kills abstauben, beide Male war Huni beteiligt. Aber Bang hatte eine andere Idee. In einem lichten sowie fatalen Moment flashte er in drei Gegner hinein und wurde prompt gevierteilt. Den darauffolgenden Kampf verlor SKT ebenfalls, von da an nutzte SSG die Karte für sich und rotierte immer wieder, um mehr und mehr Druck aufzubauen. Diesem Druck konnte SKT erneut nicht standhalten, nach nicht einmal 35 Minuten war mit 9-3 Kills Schluss.

Das dritte Spiel. Die letzte Chance für SKT, hier noch ein Comeback zu feiern. Etwas, dass sie schon einige Male geschafft hatten. Der eingewechselte Jungler Blank sollte die Rettung sein, mit seinen Team-Kollegen zusammen genug Druck aufbauen, damit SKT schnell das 2-1 erringen kann. Die Einwechslung machte sich bezahlt, SKT lag zwischenzeitlich mit 5-0 Kills vorne, konnte einen Baron und vier Drachen niederringen. Alles lief nach Plan. Bis Blank und Bang von SSG auf falschem Fuß erwischt wurden.

SSG stürmte in die Basis, zerstörte einen Inhibitor und die beiden Nexus-Türme. Der Nexus stand offen, die Niederlage von SKT stand beinahe fest. In einem Akt der Übermenschlichkeit schaffte es aber Huni die Samsung-Spieler zurückzudrängen und zusammen mit Faker, der Dank eines Teleports sich hinter das weglaufende Team transportierte, gab es drei weitere Kills auf das Konto von SKT. Und ein Alter Drache, der den Buff der vier vorigen Drachen doppelt verstärkt.

Morgens, halb zehn in Deutschland. In China war es bereits Abend. SSG und SKT standen sich wie in einem Western-Duell in der Midlane gegenüber. Wer zieht zuerst am Abzug? Diesmal, zum ersten mal in Jahren, war es nicht SKT. Es war Ruler, der mit einer Flash + Varus Ultimate-Kombination ausgerechnet Faker festnagelte. Als Faker fiel, war das Spiel praktisch entschieden. Auch Wolf ließ sein Leben. Bang, Blank und Huni konnten zu dritt nicht gegen die fünf SSG-Spieler ankommen. Die SKT-Dynastie, sie endete an diesem Tag. Zum ersten mal unterlag SKT in einem Best-Of-Five-Spiel bei den Weltmeisterschaften.

Insgesamt war es ein überzeugendes und unterhaltendes Finale, auch wenn es nicht ansatzweise so knapp war, wie erwartet. Ich für meinen Teil bin gespannt, ob Faker nächstes Jahr mit Rache im Blut zurückkommen und ob SKT nicht einige Veränderungen am Kader vornehmen wird. Denn Bang und Wolfs Leistung war schlicht unterirdisch.