Es gibt viele schöne Momente in der Geschichte des eSports. Als die Tickets der League of Legends-Weltmeisterschaft 2015 binnen Minuten ausverkauft waren und damit sogar Rekorde von Adéle und anderen Künstlern gebrochen wurden. Oder als HungryBox seinen ersten großen Titel erspielte und weinend vor Glück in sich zusammenbrach. Aber auch der eSport hat seine Schattenseiten. Eine davon: Das Dota 2 Major in Shanghai. Ein Turnier mit einem Preisgeld von mehr als 3.000.000€, das gefühlt noch dilettantischer abgehalten wurde als eure letzte LAN-Party. Mittendrin: Der Kommentator 2GD.

Es sollte so ein tolles Event werden. Die vorigen Turniere liefen super, die Caster, eingeladenen Teams und Gäste waren handverlesen. Zum gefühlt ersten Mal regte sich die Dota-2-Community nicht über die Auswahl auf. Es war das große Turnier vor dem The International 6, das der Welt zeigen sollte: Dota 2 ist der großartigste eSport überhaupt! Stattdessen lief alles schief, was nur hätte schieflaufen können.

Zunächst kamen die Spieler in ihren Hotels an und wollten sofort anfangen zu trainieren. Natürlich mit genau dem Equipment, das sie Valve extra vorher genannt hatten. Tatsächlich aber lieferte die Produktionsfirma stattdessen günstigere Bildschirme aus China an, die nicht einmal mit 60 Frames liefen. Valve musste einschreiten und neue Monitore bestellen, was die Trainingsphase der Teams eklatant verzögerte.

Am ersten Spieltag gab es anfangs kleinere Probleme. Hin und wieder fiel der Ton aus oder übersteuerte, Unannehmlichkeiten eben, aber nichts Bahnbrechendes. Dann die erste große Pause: Technische Probleme, die Spiele können nicht angefangen werden, so hieß es von offizieller Seite. Und so warteten die Zuschauer. Und warteten. Und warteten. Bis es nach über einer Stunde weiterging. Leider häuften sich im Verlauf des Tages die Pausen so oft, dass der Twitch Chat schon anfing, eigene Memes zu erstellen: Immer wenn eine Pause ausgerufen wurde, wurde der Chat mit “Picnic” vollgespamt.

Mittendrin in diesem Schlamassel war der Kommentator und Entertainer 2GD. Ein Brite, der schon eSport-Matches kommentierte, als die Szene noch in den Kinderschuhen steckte. Jemand, der für seine kruden Witze und aggressiven Humor bekannt war, jemand, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt. Das sollte sich bei diesem Major nicht ändern und nach 55 Minuten witzelte er bereits über “Bottom Bitches” und seine Masturbations-Zyklen vor großen Auftritten. Verstärkt wurde das Ganze zudem durch die Pausen, in denen er beispielsweise den malaysischen Meister im Schach zu Tac-Tac-Toe herausforderte. Allgemein versuchte er die Pausen und technischen Mängel nicht zu ignorieren, sondern in einer “The Show must go on”-Manier darauf aufzubauen und sich darüber lustig zu machen. Das fanden viele Zuschauer witzig. Gabe Newell hingegen nicht.

Am zweiten Tag des Turniers wurde 2GD buchstäblich nach einem Sendungssegment gefeuert. Kurz zuvor hatte er noch das nun laufende Spiel angekündigt, als dieses vorbei und die Kamera wieder auf die Studiogäste gerichtet war, war 2GD nirgends zu sehen. Wenige Stunden später postete Gabe Newell höchstpersönlich einen Erklärungsversuch in dem Dota 2-Subreddit, in dem er sich für die technischen Unannehmlichkeiten entschuldigte und betonte, dass das Produktionsteam gefeuert sei. Auch 2GD, den er zusätzlich als “Arsch” bezeichnete.

Geschichten aus’m eSport - Wenn dich Gabe Newell als einen Arsch bezeichnet

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Der reddit-Kommentar von Gabe höchstpersönlich
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Leider sollte diese Entscheidung nicht viel verändern, im Gegenteil. Das Schlamassel wurde nur noch größer. So mussten Spieler teilweise Atemmasken tragen, denn die Spielräume, in denen sie sich aufhielten, wurden vor kurzer Zeit zusammengezimmert - immer noch stank es nach giftigem Kleber.

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Wenn die Spieler Atemmasken tragen müssen
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Manche Spieler konnten nicht auf die Bühne, weil ihnen dafür nicht der richtige Pass ausgestellt wurde. Man stelle sich mal vor, das Wachpersonal würde Manuel Neuer nicht aufs Spielfeld lassen, weil ihm die Berechtigung fehle. Dass ein Großteil der Angestellten nach Aussagen der Spieler kein Englisch verstanden, war die Kirsche auf der Sahnetorte.

Zu allem Überfluss ließ der Chef der neu angeheuerten Produktionsfirma aus Versehen vor laufender Kamera seinem Frust freien Lauf: Wie man in diesem Interview mit Fnatic-Spieler Mushi deutlich heraushören kann, war die Stimmung nicht sonderlich großartig.

Und, um diesem ganzen Schlamassel noch die Krone aufzusetzen, wurden am Tag nach dem Finale des Turniers sämtliche Teams aus ihrem Hotel geschmissen - allerdings deutlich früher als eigentlich geplant. Das gebuchte Marriott-Hotel entschloss sich kurzerhand eine Firma zu buchen, die die Trainingsräume der Teams komplett leer räumte. Abgesehen von dem dadurch entstandenen Chaos, in dem nur wenige Spieler ihre Mäuse und Tastaturen wiederfinden konnten, wurden auch zahlreiche Gegenstände entwendet - unter anderem ein Autoschlüssel für den Maseratti eines Team-Managers.

Dass Team Secret das Shanghai Major 2016 gewonnen hat, weiß heute kaum noch jemand. Vielleicht wäre es auch besser so. Dieses Major gehört für immer in die Geschichtsbücher des eSports verbannt.