Bereits im vergangenen Jahr hat die eSports League (ESL) gezeigt, wie man rund 25.000 Zocker ein Wochenende lang auf den Rasen einer Fußballarena lockt. Das war sicherlich medienwirksam inszeniert, für Zuschauer jedoch nicht immer ideal zu sehen. Schließlich geht es bei der ESL One in Frankfurt vor allem um eines: "Dota 2" - und das spielt sich nicht auf dem Rasen ab.

Die Commerzbank Arena war kaum wiederzuerkennen, nachdem die Organisatoren der ESL One in diesem Jahr ihre Aufbauarbeiten vollendet hatten. Die Rasenfläche war zugepflastert und an beiden Seiten bebaut mit allerlei Attraktionen für Gamer. Das eigentliche Geschehen allerdings spielte in der abgesperrten Mitte, unterhalb einer riesigen Leinwand. Zu deren Füßen saßen die Spieler, ihnen gegenüber das Moderatorenteam. Die Zuschauer hatte man in diesem Jahr auf die Tribünen verfrachtet - zumindest auf eine Seite davon.

Kein Dach über dem Kopf

Was davon von langer Hand geplant war und was improvisiert werden musste, wissen nur die Organisatoren selbst. Kurz vor dem Event hatte nämlich ein Kran das Dach der Commerzbank Arena derart stark beschädigt, dass weite Teile des Stadions unter freiem Himmel bleiben mussten. Angesichts des vorausgesagten Regenwetters eine echte Katastrophe. Manch einer hatte schon befürchtet, die ESL One würde in diesem Jahr ausfallen.

Anders als beim Fußball sind Wind und Regen im E-Sport eben doch ein Problem. Spätestens wenn es dem ersten Spieler in die Tastatur regnet und die Technik auf dem durchnässten Feld versagte, wäre das Spiel gelaufen. Doch man improvisierte, behalf sich mit Zelten und aufblasbaren Schutzfolien. Nach einer Dekade in der Nische hat man sich Im E-Sport längst an widrige Umstände gewöhnt, ist an ihnen gewachsen.

Vom Keller in die Arena

Vor zehn Jahren noch hockte man in den schummrigen Kellern irgendwelcher Cafés oder in miserabel ausgestatteten Sporthallen. Heute konnte man immerhin auf die Installationen der Commerzbank Arena zurückgreifen, einer der modernsten Sportanlagen der Welt. Doch herkömmlicher Sport ist eben nicht E-Sport. Und für den ist der Open-Air-Faktor in der Frankfurter Arena durchaus etwas Besonderes.

Und überhaupt sind Events dieser Größenordnung noch immer etwas Besonderes. Immerhin reisen hier Tausende Fans teilweise um die halbe Welt, um anderen beim Zocken zuzuschauen. Millionen sind gleichzeitig via Twitch und anderen Kanälen mit dabei. Der Zuspruch, den die Dota 2 Großveranstaltung hier erlebt, stellt viele herkömmliche Sportarten in den Schatten. Und das, obwohl die herkömmlichen Medien noch immer äußerst schwerfällig darauf reagieren.

Irgendwie, irgendwo, irgendwer

Auf dem Weg nach Frankfurt hörte man im Radio von allerlei Dingen, von Protesten einiger Tausend in der Innenstadt, von einem Bürgerbegehren gegen den Verkauf der alten Galopprennbahn und allerlei Dingen mehr. Und warum sämtliche Hotels im Umkreis ausgebucht waren, wussten nicht einmal die Nachtportiers genau zu sagen - da sei wohl “irgend eine Veranstaltung im Fußballstadion”.

Immerhin kreuzte Michel Friedman irgendwann mal im Presseraum auf, gefolgt von einem Pulk von Redakteuren, Kameraleuten und Tontechnikern von N24. Von dem, was genau hier in der Arena vor sich ging, wusste Friedman allerdings auch nicht mehr als die Nachtportiers. Als ihm ein PR-Mitarbeiter der ESL auf die Schnelle die Spielregeln erklärte, machte er ein äußerst ratloses Gesicht.

ESL One Frankfurt 2015 - E-Sport’s coming home!

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30.000 offensichtlich Süchtige

Das erhellte sich erst, als ihm seine Mitarbeiterin davon berichtete, dass man in der Arena einen Besucher aufgespürt habe, der spielesüchtig sei und bereit, in einem Interview darüber zu sprechen. Süchtige Gamer - das ist also ein Thema, mit dem das TV-Publikum etwas anfangen kann - im Gegensatz zu Dota 2, das dem Team von N24 offenbar zu gewagt war.

Dass die alte Schublade von den süchtigen Gamern gerade beim Thema E-Sport gewaltig klemmt, ist zu Friedman und Konsorten offenbar noch nicht durchgedrungen. Wie süchtig müssen die Jungs und Mädels sein, die eigens aus München, Hong Kong und Vancouver nach Frankfurt gereist sind, um dort E-Sport in der Arena zu erleben? Nicht minder süchtig auf jeden Fall als die gröhlenden Horden, die normalerweise am Wochenende das Stadion bevölkern, um Fußball zu schauen.

Fantasy in der Arena

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung versuchte sich immerhin an einer groben Beschreibung der Vorgänge. Nach der “hocken zwei Gruppen von Computerspielern vor ihren Rechnern und versuchen, sich im Fantasy-Spiel Dota 2 zu besiegen.” Den Durchblick haben im Presseraum augenscheinlich eher die internationalen Kollegen, die sich weniger für die redseligen Problemfälle unter den Besuchern interessieren als für das, was die Profis da an den Rechnern veranstalten.

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Dort läuft ausschließlich Dota 2, das zumindest finanziell gewinnträchtigste Spiel im E-Sport mit Preisgeldern in zweistelliger Millionenhöhe. Dabei ist es eigentlich nicht das Geld, das über zehn Millionen Spieler und Fans zu Dota 2 gezogen hat. Vielmehr ist es die strategische Tiefe, die in diesem Titel ebenso steckt wie in seinem Vorgänger.

Vater der Helden

Eine Tiefe, die ganz klar IceFrog zu verantworten hat, der mysteriöse Miterfinder von DoTA, dessen Hang zum Perfektionismus das MOBA-Genre und insbesondere Dota 2 geprägt hat. Bald 112 völlig unbalancierte weil hochspezialisierte Helden in einen Pool zu werfen, aus dem zwei Teams zu je fünf Spieler im Wechsel wählen und bannen dürfen, erinnert an ein Kartenspiel und verlangt den Teams bereits ein ordentliches Maß an strategischer Erfahrung ab.

Dabei muss nicht nur berücksichtigt werden, wie gut die eigenen Helden als Team harmonieren, man muss auch versuchen, gegnerische Synergien zu sprengen. Natürlich muss man die jeweiligen Helden dann auch noch spielen können und im Idealfall die Lieblingshelden der Gegner aus dem Spiel genommen haben. Und auch im laufenden Match gibt es mehrere Spielphasen, die alle unterschiedlich gut oder schlecht für jeden einzelnen Spieler laufen können und in denen es richtig zu reagieren und vorzusorgen gilt.

Die richtige Mischung

Dota 2 ist also mehr als bloßes Gedaddel und hat mit Fantasy an sich nur die Optik gemein. Extrem gute Reaktionen sind eine Voraussetzung, um im E-Sport anzutreten, allerdings ist es damit längst nicht getan. Team- und Multitaskingfähigkeiten, Kreativität, Spontanität und eine außergewöhnliche Form der inneren Ruhe sind in einem solchen Turnier unerlässlich, bei dem man beim Spielen auf Zehntausende eigene oder gegnerische Fans schaut, die auf jede Entscheidung, jeden Klick reagieren und ihren Teil zum Spielgeschehen beitragen.

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Wenn auf den Turnieren obendrein noch das beste Team aus drei oder gar fünf Matches ermittelt werden muss, die Profis also über einige Stunden hinweg mit höchster Konzentration spielen, wird so manches Spiel zum mentalen Marathon für die virtuellen Gladiatoren in der Arena. All das sind die Zutaten, die für die reale Begeisterung verantwortlich sind, die im Stadion herrscht - auch wenn das Spiel, um das es geht, auf einem virtuellen Schlachtfeld gespielt wird.

Ein bunter Haufen

Doch wie der E-Sport an sich, ist auch die Stimmung im Publikum noch immer im Wandel. Sah man im vergangenen Jahr noch überwiegend Besucher ohne sichtbare Zugehörigkeit im Stadion, liefen diesmal deutlich mehr Fans in Teamfarben auf. Und wo früher noch das auffällige Gelb von Publikumsliebling Na’Vi dominierte, geht es mittlerweile doch recht bunt und abwechslungsreich zu.

Einen Favoriten zu haben, ist eines der wichtigsten Elemente im Sport - sofern man nicht selber mitspielen kann. Das verbindet, sorgt für Gesprächsstoff und dafür, dass man sich als Teil eines Ganzen fühlt. Im vergangenen Jahr war während der ESL One in der Commerzbank Arena bereits ein Hauch dieses Gefühls zu spüren gewesen - in diesem Jahr lag die Begeisterung deutlich in der Luft.

Heimsieg für den geheimen Favoriten

Vor allem Team Secret hatte es der Mehrheit angetan. Dessen Mitglieder stammen allesamt aus legendären Teams wie Na’Vi, Fnatic und Alliance und hatten sich vor nicht allzu langer Zeit unter dem neuen Logo und unter europäischer Flagge zusammengeschlossen. Und mit dem Berliner Profi KuroKy an der Maus, hatte Team Secret im Stadion ohnehin eine Art Heimspiel.

Entsprechend frenetisch der Jubel, als Team Secret zuerst die asiatische Konkurrenz samt Vorjahressieger Invictus Gaming ausschaltete und sich dann im Showdown gegen die amerikanisch geflaggten Evil Geniuses den Pokal und damit 118.500 Dollar sicherte. Ein vergleichsweise niedriger Betrag, der jedoch angesichts der wundervoll illuminierten Siegerehrung keine sonderlich große Rolle mehr spielte.

Die Hälfte ist bald besetzt

Hier in der Commerzbank Arena, wo sonst Fußballgeschichte geschrieben wird, wurde an diesen beiden Abenden einmal mehr E-Sport-Geschichte geschrieben - mit einem Event, dem man kaum noch anmerkt, wie jung es eigentlich ist. 30.000 Zuschauer fanden sich in diesem Jahr insgesamt trotz des miesen Wetters unter dem kaputten Dach der Commerzbank Arena zusammen, um das größte Dota-Turnier Europas zu feiern - stolze 5.000 mehr als noch 2014.

Wenn der E-Sport und Dota 2 als einer der spannendsten E-Sportarten weiter so rasant wachsen, ist es nur eine Frage von ein, vielleicht zwei Jahren, bis die ESL bald eine doppelseitige Großleinwand benötigt und die zweite Hälfte der Commerzbank Arena freigeben muss. Doch nach allem, was die Organisatoren in Frankfurt auf die Beine gestellt haben, dürfte auch das kein Problem mehr sein.

Spätestens dann werden hoffentlich auch die Kollegen mit den Kameras erkennen, dass es nicht die paar vorgeblich süchtigen oder nerdigen Typen auf den Zuschauertribünen der Commerzbank Arena sind, die es zu filmen lohnt, sondern die Zukunft des Sports. Und der ist längst um mehr als nur um einen Buchstaben reicher geworden.

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