Für manch einen ist der Begriff E-Sport an sich schon ein rotes Tuch. Kann man eine Handvoll Zocker, die allenfalls ihre zehn Finger im Einsatz haben, ernsthaft mit echten Sportlern vergleichen? Wir waren auf der ESL One in Frankfurt und können diese Frage klar beantworten: Man kann und man muss.

Feindliche Übernahme

Wem auch immer ich im Vorfeld von der ESL One erzählte - die Antwort fiel stets ähnlich aus: “Wie verrückt muss man sein, während der Fußball-Weltmeisterschaft für ein Wochenende das Heimatstadion der Eintracht zu mieten und dort ein Dota-Turnier zu veranstalten? Während ganz Deutschland im Fußball-Fieber ist, wird doch kein Mensch ernsthaft auf die Idee kommen, nach Frankfurt zu fahren, um ein paar Zocker anzufeuern.”

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Doch auf genau diese Idee bin ich gekommen, denn was auch immer da in die Jungs und Mädels der Electronic Sports League gefahren ist, sie werden wohl ihre Gründe dafür haben, sich mit dieser Veranstaltung dem Fußball-Fieber unbeeindruckt entgegenzustellen und dreisterweise auch noch die Commerzbank-Arena als Austragungsort zu besetzen.

Ohne Körpereinsatz zum Idol

Trotzdem waren meine Erwartungen nicht allzu hoch. Deutschland ist in Sachen E-Sport noch Entwicklungsland, es gibt kaum Akzeptanz, bisweilen nicht mal Toleranz. Spricht man von E-Sport, wird man im besten Falle müde belächelt - sehr oft stößt man aber auch auf beinahe aggressive Ablehnung. E-Sport, so die verbreitete Meinung, sei Anmaßung und eine Verhöhnung all jener, die “echten Sport” treiben und dabei schwitzen.

ESL One in Frankfurt - Beginn einer neuen Ära

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Netzer, Kahn und Delling gibt es auch im E-Sport.
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Dabei sehen das die vermeintlich Verhöhnten oft ganz anders. Als die südkoreanische Mannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 antrat, empfingen sie vor dem Spiel ihre Idole in der Kabine, um sich den richtigen Ansporn zu holen. Die Idole, das waren in diesem Fall die Profis des E-Sport und kein südkoreanischer Athlet würde im Traum auf die Idee kommen, die Leistungen der E-Sportler zu belächeln, nur weil deren Belastungen nicht physischer Natur sind.

Nach der Krise kam der Boom
Und so sollten mit der Großveranstaltung in Frankfurt nun auch in Deutschland die Grenzen zwischen Fußball und E-Sport verschwimmen. Zumindest teilte man sich schon mal den heiligen Rasen mit der Eintracht. Jetzt mussten nur noch genügend Besucher kommen, damit auch jene zufrieden sein würden, die das alles überhaupt erst möglich machen: Sponsoren.

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An diesem Wochenende musste die Eintracht leider draußen bleiben.
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In der letzten Jahren war es in dieser Hinsicht nicht sonderlich gut um den E-Sport bestellt. Die Wirtschaftskrise hatte ihren Tribut gefordert. Wenn die Manager sparen müssen, streichen sie zuerst das Sponsoring. Die noch junge E-Sport-Szene traf das mit voller Härte. Spieler und Unternehmer, die gerade so vom E-Sport hatten leben können, standen plötzlich vor dem Aus. Experten gehen im Rückblick davon aus, dass der E-Sport in Deutschland durch die Krise um fünf Jahre zurückgeworfen wurde.

12.000 Spieler auf einem Fußballfeld

Das allerdings scheint nun fast vergessen. Die junge Branche, in der bislang nur auf Sparflamme gearbeitet werden konnte, blüht plötzlich auf. Neue Geschäftsfelder werden erkundet, Partnerschaften geschlossen und dabei ungeahnte Synergien freigesetzt. Den Sponsoren, die vor kurzem noch glaubten, in eine Nische zu investieren, vergeht angesichts der Publikumswirksamkeit plötzlich Hören und Sehen.

Vor fünf Jahren wusste kaum jemand, wer oder was die ESL eigentlich ist und nun mietet die Firma dahinter mal eben so die Commerzbank-Arena und schafft es, an zwei Tagen jeweils über 12.000 Menschen auf ein Feld zu bringen, auf dem sonst maximal 22 Mann unterwegs sind, während der Rest auf den Tribünen hockt. Wer die ESL One besucht, merkt sofort: Hier läuft etwas ganz und gar anders als beim Fußball.

Keine Ahnung, was da abgeht

Das entgeht auch jenen nicht, die regelmäßig in der Arena sind. “Ich habe zwar keine Ahnung, was da unten genau passiert, aber ich kann sagen, dass ich noch nie einen so ruhigen Arbeitstag hatte.”, erklärt mir ein Mitarbeiter der Sicherheitsfirma. “Wie hatten erst Bedenken - so viele Leute auf dem Platz. Und jetzt - keine Schlägereien, keine Leuchtkörper, Cola und Red Bull, statt Alkohol”, ergänzt sein Kollege und man merkt beiden an, wie befremdlich diese ganze Veranstaltung auf sie wirkt.

Dabei sind die Fans vor Ort nur die Spitze des Eisbergs. Via Twitch sind permanent rund 150.000 Leute zugeschaltet. Dazu kommen jene, die über Dota selbst die Spiele verfolgen. Ein Millionenpublikum, das garantiert aufmerksamer bei der Sache ist als jenes, das sich für gewöhnlich so vor den Fernsehgeräten herumlümmelt.

Des E-Sports fette Beute

Und so gibt es auch in der Commerzbank-Arena weit mehr zu erleben als nur ein Dota-Turnier. Einige namhaften Hardware-Hersteller sind auf dem Platz und geizen nicht mit Geschenken. Ob Gamer-Tastatur, Maus, Headset oder zumindest ein T-Shirt - wer sich ordentlich ins Zeug und die Messe-Babes mit ein paar leidenschaftlichen Liegestützen beeindruckt, geht nicht mit leeren Händen nach Hause.

Wer selbst eine Runde zocken möchte, findet während der laufenden Turnierspieler jederzeit freie Gamer-Rechner - zudem auch Gaijins deutsche Vertretung in Karlsruhe zum ersten Mal im Großeinsatz ist und eine Reihe von Rechnern aufgebaut hat, auf denen War Thunder läuft. Und nicht weit davon, am Stand von Heroes of Newerth, ruft ein alter Bekannter meinen Namen: Sam ‘Milkfat’ Braithwaite, ehemaliger E-Sportler bei Evil Geniuses und Weltrekordhalter im 76-Stunden-Dauerzocken.

In einem Jahr kann so viel geschehen

Zum ersten Mal begegnete mir Braithwaite im vergangenen Jahr in San Francisco. Er hatte sich von S2 Games anheuern lassen, um Heroes of Newerth weiter für den E-Sport-Bereich auszubauen. Damals schwärmte er mir vor, welche Kraft der E-Sport entfalte und versprach dass man auch in Deutschland bald ganze Stadien für die Events bräuchte. Damals lachte ich über seinen Optimismus - heute lacht Braithwaite.

Und auch die Fans auf dem Felde lachen und jubeln. Eine Trennung nach Lieblingsmannschaften gibt es hier nicht. Klar - Na`Vi ist spätestens seit dem Titel aus 2011 Publikumsliebling. Auch die jüngst von Valve veröffentlichte, absolut geniale Dokumentation über den Aufstieg der E-Sportler hat dazu beigetragen, dass Dendi und seinem Team die Herzen der Fans zu Füßen liegen.

Der Favorit fliegt aus dem Viertelfinale

Doch auch als die Evil Geniuses über Na`Vi hinwegfegen wie eine Urgewalt, tobt das Stadion. Jede Aktion, egal von welcher Seite ausgeführt, erzeugt ein Raunen, wie man es in diesem Fußballstadion noch nie zuvor vernommen hat, danach tosender Applaus. Hier liegt absolute Sportlichkeit in der Luft. Hier hält man nicht blind und aus Prinzip zu einem bestimmten Team. Hier will man tolle Spielzüge bis zur letzten Sekunde sehen.

Der E-Sport, das spürt man hier in Frankfurt besser denn je, hat seinen Aufstieg einigen wenigen Titeln zu verdanken. Titeln wie Dota 2, die eben nicht einfach mal ein paar Zocker aufeinanderhetzen, sondern die eine außergewöhnliche Qualität besitzen, einen an Perfektion grenzenden Feinschliff und eine Form der Komplexität, bei der es nach oben hin keine Grenzen gibt. Wie oft auch immer man Dota 2 gespielt hat - es gibt immer Raum zur Verbesserung.

Ein Kinderspiel? Probiert es doch selbst mal!

Trotzdem ist der Einstieg nicht schwierig - bedeutend einfacher noch als beim Fußball oder anderen Breitensportarten. Dota 2, League of Legends und Heroes of Newerth sind die drei MOBA-Schwergewichte im E-Sport und allesamt sind sie kostenlos. Jeder kann mitspielen, jeder kann mitreden und jeder kann vier Freunde zusammentrommeln und sich für eines der zahlreichen Turniere qualifizieren.

Doch wer nun auf die zehn Millionen Dollar Preisgeld spekuliert, die es aktuell bei The International Dota 2014 zu gewinnen gibt, sollte sich nicht täuschen lassen. Dota 2 erfordert mehr als ein paar gezielte Klicks mit der Maus. Das Spiel, das hin und wieder als Kombination aus Schach und Fußball bezeichnet wird, verlangt den Spielern zwar keine athletischen Glanzleistungen ab, mentale jedoch allemal.

Eine Runde Dota 2 ist für gewöhnlich nicht vor 30 Minuten beendet - gerade ausgeglichene Matches können locker auch mal über 100 Minuten dauern. Dabei ist höchste Konzentration gefragt - nicht nur beim Steuern des eigenen Helden, sondern im Zusammenspiel mit dem Team. Ein einziger Fehler, eine falsche Entscheidung, ein ungenaues Klicken, kann dem Gegner den Sieg bescheren. Spielt man im Final dann um den Best-Of-Five, wird die stundenlange Anspannung zum Gewaltakt.

Der Weg ist geebnet, der Rasen eingeweiht

In der Commerzbank-Arena, in der das Thermometer an diesem Finaltag auf frostige elf Grad Celsius fällt, haben die Sieger ein wenig Glück. Aus Zeitmangel können lediglich drei Finalspiele ausgetragen werden - zwei davon können die Jungs von Invictus Gaming gegen die Evil Geniuses für sich entscheiden - das letzte Match ähnlich verheerend wie das Halbfinale der Fußball-WM. Invictus Gaming macht damit dem eigenem Namen und dem Heimatland China alle Ehre.

Für die Zuschauer in Frankfurt ist die Herkunft der Teams jedoch kaum von Bedeutung - auch nicht das Preisgeld von insgesamt über 200.000 Dollar. Die Freude der fünf Sieger steckt an. Das Publikum belohnt alle Spieler und sich selbst mit frenetischem Applaus und Standing Ovations. Wer hier und jetzt auf dem Platz ist, feiert nicht nur die E-Sportler, er feiert eine neue Ära der Unterhaltung. Auch die Jungs vom Security-Team jubeln jetzt mit. Sie scheinen zu ahnen, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass der E-Sport ihr Fußballstadion besetzt.

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