Escape Dead Island hat den Namen nicht verdient. Das werden die Entwickler sicher anders sehen und man kann durchaus die Bemühungen erkennen, den gemeinsamen Titel rechtfertigen zu wollen, doch wenn man es mal herunterbricht, bleiben bis auf Untote und eine tropische Insel nicht viele Gemeinsamkeiten zu der kontroversen Zombie-Reihe übrig. Keine gute Nachricht für eingefleischte Fans, alle anderen dürfen dafür umso interessierter aufhorchen.

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Dreh- und Angelpunkt dieses „Survival-Mystery-Spieles“ ist das Innenleben des verwöhnten Hobbyfotografen Cliff Calo, der in Gesellschaft seiner Kumpels Linda und Devan mit Papas Yacht Kurs auf die Banoi-Inselgruppe genommen hat, um mittels eines Dokumentarfilms über die ausbrechenden Zombie-Epidemie den ganz großen Wurf zu landen.

Stopp.

Verwöhnter Hobbyfotograf? Papas Yacht? Eine Zombie-Doku als Karrieresprungbrett? Ernsthaft? Sich der Zombie-Apokalypse einmal auf persönlicherer, emotionaler Ebene zu nähern, ist eine fantastische Idee – besonders im Dead-Island-Universum – aber mir will nicht ganz in den Kopf, warum man dafür gerade das Klischee des feierlaunigen, leichtsinnigen Draufgängers bedienen muss. Das ist umso ärgerlicher, weil man genau erkennen kann, wie Entwickler Fatshark versucht ist, die leere Hülle des Protagonisten im Nachhinein mit einer nachvollziehbaren Motivation auszufüllen.

Escape Dead Island - Reif für die Insel

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Gleich gibt's lecker Zombie-Pampe.
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Dabei zeigen die Macher, dass sie es auch durchaus besser wissen. Nehmen wir beispielsweise mal den vielversprechenden Einstieg. Nachdem die Gruppe auf der Insel Narapela gestrandet ist (natürlich darf der obligatorische Schiffsbruch nicht fehlen), lässt sich das Spiel viel Zeit, um Kulisse und Spielmechaniken zu entfalten. Klar, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten und dem ein oder anderen mag die Eröffnung etwas zu langsam an Fahrt aufnehmen, aber dem Spieler eine gute erste Stunde jede Form von Verteidigungsmittel vorzuenthalten, muss man auch erst einmal wagen.

Jäger und Sammler

Eure Zeit verbringt ihr stattdessen größtenteils damit, Fotos von den verschiedenen Lokalitäten der Insel zu schießen, um eure Erlebnisse für die Weltöffentlichkeit festzuhalten, dümmlichen Zombies aus dem Weg zu gehen und die Aufzeichnungen der wahnsinnig gewordenen Bevölkerung zu entschlüsseln. Und davon gibt es eine Menge: Postkarten, Forschungsprotokolle, Audio-Logs, Konzernakten, verlorengegangene Geschichten. Die Masse der Sammelobjekte kann allerdings nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass Narapela kaum etwas zu erzählen hat. Die Insel bietet bis auf einige Ausnahmen wenig Schauwert und da der Ausbruch der Zombie-Epidemie bereits im Prolog vorweggenommen wird, hält sich der Wissensdurst in Grenzen.

Escape Dead Island - Reif für die Insel

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Mit den in Deutschland indizierten Vorgängern hat dieser Ableger überraschend wenig gemein.
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Der Fund eurer ersten Nahkampfwaffe kommt so keine Sekunde zu spät und verhilft dem Spiel zu einem weiteren wichtigen Standbein. Die Auseinandersetzungen mit den hirnlosen Horden sind wunderbar eingängig, ihr kombiniert wuchtige Hiebe und flotte Ausweichmanöver, dazu kommt das gelungene Treffer-Feedback, das euch bei jedem Schlag das Gefühl gibt, gerade wirklich etwas irreparabel zerstört zu haben.

Nach und nach macht ihr euch die Insel zu eigen, bezwingt ihre Tücken und ihre schlurfenden Bewohner. Während die Kämpfe auf der einen Seite zunehmend anfangen zu zermürben, stellt sich auf der anderen Seite dieses treibende 'Survivor-Feeling' ein, wenn plötzlich nicht mehr nur Keule und Schraubendreher, sondern Gasmaske, Kletterhaken, Feueraxt und Schrotflinte an eurer Seite baumeln. Natürlich bietet auch diese Insel wieder die verschlossenen Türen und Pfade, die nur darauf warten, geknackt zu werden, trotzdem hätte ich mir das Ganze etwas subtiler erhofft als das offensichtliche Backtracking, das einen ab Mitte des Spiels erwartet.

“Did I ever tell you what the definition of insanity is?“

Bis jetzt hört sich das alles ja recht vertraut an, aber Escape Dead Island bemüht sich durchaus, eigene Akzente zu setzen. Als offensichtlichstes Merkmal ist hier natürlich der ungewöhnliche Grafikstil anzuführen.

Unspektakulärer Zombie-Klopper, dem gerade die interessante Grundprämisse etwas vor die Füße fällt.Fazit lesen

Der Titel bedient sich des comichaft-karrikativen Cel-Shading-Stils und bewegt sich mit seinen knalligen Farben und den dicken, klaren Trennlinien irgendwo zwischen Borderlands und The Walking Dead. Die grafische Qualität geht okay – trotz allgemeiner Texturarmut und zum Teil üblen Kantenflimmerns wird der Titel durch die gute Ausleuchtung zusammengehalten. Als Alleinstellungsmerkmal taugt diese Stilistik allemal, doch so wirklich in die Welt passen will das Grafikgerüst nicht. Genau an diesem Punkt sind wir dabei, eine der zentralen Problematiken des Spiels herauszuarbeiten – Escape Dead Island ergibt kein „stimmiges Ganzes“, es fehlt an Konsequenz im Design.

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Der Grafikstil wirkt etwas aufgesetzt, funktioniert in bestimmten Sequenzen aber ganz gut.
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Mal ein anderes Beispiel. Nicht umsonst habe ich eingangs erwähnt, dass sich in der Geschichte alles um das Innenleben des Protagonisten dreht. Cliff weist größere Abgründe auf, als man zuerst vermuten würde – wer einen der Trailer gesehen hat, sollte ein ziemlich genaues Bild davon haben, was ich meine: Halluzinationen, Tagträume, Anrufe aus dem Totenreich. Dieser Aspekt des Verrückten und Verrückt-Werdens soll den großen Aufhänger von Escape Dead Island darstellen und Spiele wie Spec Ops: The Line haben gezeigt, dass genau das auch funktionieren kann. Allerdings setzt das einen zwiespältigen, sich weiterentwickelnden Hauptcharakter voraus, der Cliff schlicht nicht ist.

Akut festzumachen ist das an den durchaus lustigen, aber mehr als unpassenden One-Linern, die unser Held beim Erledigen von Gegner fallen lässt. Ganz ehrlich, wenn mein Charakter bis zuletzt Phrasen wie „In your face!“, „Don't lose your head!“ oder gar „Yolo!“ von sich gibt, dann nehme ich ihm einfach keine Charakterentwicklung ab. Genauso wenig hilft es, dass Cliff ab Sekunde eins seiner Ankunft auf der Insel der Toten mit Wahnvorstellungen zu kämpfen hat; man hätte sich zumindest die Zeit lassen müssen, konkrete traumatische Erlebnisse auszuarbeiten. So wirken die Erscheinungen eher willkürlich und aus der Luft gegriffen.

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Alles irgendwie reichlich meh.
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Genau deswegen meine anfängliche Empörung über das Teeniegemüt des Protagonisten. Hätte uns Deep Silver hier einen interessanteren, echteren Charakter aufgetischt, hätte Escape Dead Island ziemlich gut funktionieren können, hätte sich eben doch nach etwas Eigenständigem anfühlen können. Während der Halluzinationssequenzen zeigt der Titel viel von seinem Potenzial und es ist bezeichnend, dass die sonst eher unpassende Optik genau in diesen Sequenzen ihre größten Stärken auszuspielen vermag. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Persönlichkeit der Hauptfigur in der existierenden Form nicht nachvollziehbar ist und damit weite Teile des Spiels an Wirkung verlieren.