Während unsere Großväter noch ihren Sprösslingen weismachten, wie sie - dem schauerlichsten Schneesturm trotzend - tagtäglich kilometerweit zur Arbeit radelten, fabulieren heutige Väter (und auch ich an dieser Stelle) nur allzu gerne, wie hart und entbehrungsreich doch der Alltag eines Spielefreaks in grauer Vorzeit war, sprich vor rund 15 Jahren.

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Wir waren Helden
Ob Henker, Inquisitor oder Lochkartenstanzer: Wer ein Herz im Leib hat, der weint vermutlich auch noch diesen vom Aussterben bedrohten Berufsgruppen hinterher. Aber hebt Euch noch ein Tränchen für den zu seiner Zeit immens beliebten Memory-Magier auf. Ohne einen solchen Experten war es nämlich schlicht unmöglich, auch nur den lausigsten Tetris-Klon zum Laufen zu bringen.

Erinnerungen an die DOS-Ära - EMS, XMS, config.sys: Die gamona-Zeitmaschine entführt euch dieses Mal in die DOS-Ära.

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Tausend Mal erlebt und tausend Mal verflucht: Auch dieser Spielstartversuch ging mangels Hauptspeicher in die Hose.
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Denn jedes Spiel benötigte eine bestimmte Menge verfügbaren Arbeitsspeichers und darüber hinaus auch noch ein gewisses Quantum an so genanntem Erweiterungsspeicher. Beides in erforderlicher Menge freizuschaufeln war wahrlich eine Wissenschaft für sich. Denn von den insgesamt vorhandenen 640 KB Hauptspeicher verschlangen die erforderlichen Standardtreiber etwa für die Maus, die Tastatur oder das CD-Laufwerk schon mal eine ganze Menge, so dass im Normalfall nur so um die 540 KB zur Verfügung standen - viel zu wenig für die meisten Spiele, die bis zu 600 KB freien Hauptspeicher verlangten.

Der Griff in die Trickkiste
Da half nur noch ein tiefer Griff in die Trickkiste, oder genauer gesagt musste man die beiden Startdateien autoexec.bat und config.sys um so manch lyrisches Zeilchen wie etwa "device=c:dosemm386.exe aaa ram D=64" (diese Zeile aktiviert beispielsweise den EMS-Speicher) ergänzen. Auf diese Weise konnte man auch bestimmte Treiber in obere Speichergefilde verbannen oder gleich gänzlich deaktivieren.

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Der reichhaltige Lohn der ätzenden Programmzeilen-Frickelei bestand in Spielen von optisch zeitloser Güte. (Battle Isle)
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Natürlich zeitigten derart heikle Eingriffe in den Intimbereich des PC so manch unerwartete Folge. Etwa dass man sich dann mangels deutschem Tastaturtreiber mit einer englischen Tastenbelegung herumzuärgern hatte. Auch schön war, wenn bedingt durch diese Operationen zwar genügend Hauptspeicher, aber als Folge davon zu wenig Erweiterungsspeicher zur Verfügung stand. Natürlich gab es auch diverse "Memory-Manager"-Programme, damit schlidderte man aber öfters mal von einer kleinen Schlammkuhle direkt in eine tiefe Sickergrube.

Da konnte es schon passieren, dass die Soundkarte nur noch Knarzlaute von sich gab, die Maus in den Spontanstreik trat oder der Rechner jeden Neustartversuch mit einem hilfeheischenden Piepsen vorzeitig beendete. Da half oft nur noch das Booten mit einer - hoffentlich zuvor erstellten - Notfalldiskette.

Extrem-Speichertuning
Den Hauptspeicher freizubekommen war also schon mal ganz schön kniffelig. Dazu kam aber noch, dass der obere Speicherbereich - also alles, was über die besagten 640 KB Hauptspeicher hinausging - entweder als XMS-Speicher ("Extended Memory") oder als EMS-Speicher (Expanded Memory") definiert werden musste. So wollte die "Battle Isle"-Serie beispielsweise EMS-Speicher sehen, die "Ultima"-Reihe dagegen XMS. Beides zusammen ging nicht.

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Ja, da kam Freude auf: Speicheroptimierung á la Das Schwarze Auge 2.
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Es blieb nur das Erstellen mehrerer Startdatei-Versionen. Bei denen muckten dann natürlich die zuvor vom Hauptspeicher in den Erweiterungsbereich verbannten Treiber negativ auf. Und in Zeiten von 2 bis 4 MByte RAM Standardausstattung zählte noch jedes Byte. So benötigte z.B. "Alone in the Dark" satte 595 KB Grundspeicher nebst exorbitanten 3 MB EMS-Speicher.

Das konnte selbst Speicherprofis die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Wer also heutzutage über quälende Installations- und Update-Prozeduren mosert, sollte daran denken, dass derlei Kinkerlitzchen verglichen mit den oben beschriebenen Torturen allenfalls unter ferner liefen verbucht werden können.

Eine Heerschar von Plagen
Aber das waren noch die geringsten Ärgernisse, mit denen sich die ersten Spielepioniere herumzuärgern hatten. Denn Bugs gibt es schon, seit es Spiele gibt. Hilfreiche Nettigkeiten wie Spielerforen, Online-Support oder gar Patches gehören jedoch zu den segensreichen Errungenschaften der Neuzeit.

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Nicht nur dieser Zombie, sondern auch die Speicheranforderungen waren wahre Fresshälse bei Alone in the Dark aus dem Jahr 1992.
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Dazu kam noch, dass die Spiele damals auf Disketten ausgeliefert wurden, die - man ahnt es schon - gerne mal einen "Lesefehler" aufwiesen, und hier galt die Regel: Der kleinste Lesefehler etwa auf Disk 5 von 8 genügte, und schon war das Spiel irreparabel im Eimer.

Und wer mal versuchen möchte, eine über den Versandhandel erworbene defekte Diskette umzutauschen, dem wünsche ich viel Spaß.

Schlussendlich wollen wir auch noch der damals üblichen Preispolitik der Hersteller einen saftigen Fluch hinterher schicken. Da sträubt nämlich jede Geldkatze selbst im Nachhinein noch ihr Fell. 100 Mark (ca. 50 Euro) war der Standardpreis für praktisch jedes Schundspiel, und sei es noch so grottig. Populäre Spiele wie etwa Sim City oder Civilization hatten sogar einen Einstandspreis von 129 Mark.

Ja und schlimmer geht's bekanntlich immer: Während die heutigen Spiele bereits nach kürzester Schamfrist ein schmachvolles Frührentnerdasein auf diversen Spielemag-CDs fristen, blieb der damalige Wucherpreis über Jahre stabil.

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Und damit es nicht zuuu einfach wurde, salbaderten die Startanweisungen nur allzu gerne in gepflegtem Englisch. (Ultima 7)
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Und wenn ich Euch jetzt noch verrate, dass Mitte der 90er Jahre Firmen wie etwa Microprose versuchten, den Standardpreis eines Spiels auf umgerechnet 75 Euro hochzuschrauben, wer - ja wer - hat dann keine Mitleidszähre mehr übrig für die einzig wahren Helden von anno dunnemals: den Nerds der ersten Stunde?