Enter the Matrix Test (PC / XBox)
(von Patrick Streppel)

Dieses Spiel ist, so kündigt es der Pressetext zu »Enter the Matrix« an, »Der nächste Schritt in der Evolution des interaktiven Entertainments.« Noch nie wurde eine solch enge Zusammenarbeit zwischen Spieleindustrie und

Hollywood realisiert, niemals zuvor waren die Versprechen für eine Filmumsetzung vollmundiger. Doch was steckt hinter dem von der Kino-Saga getriebenem Hype? Wir geben die Antwort.

Bereits in der letzten Ausgabe des gamona-Magazins haben wir die Geschichte der Matrix-Saga genauer ergründet. Fakt ist, dass sowohl die Erfolgsstory der Kinofilme als auch die Ambitionen für das Spiel »Enter the Matrix« in der Medienlandschaft einzigartig sind.

Insgesamt 50 Millionen Dollar hat Atari - Infogrames änderte zur E3 weltweit seinen Namen - in den Kauf des Entwicklerstudios Shiny Entertainment, die Lizenz des Matrix-Universums sowie die eigentliche Produktion des Spiels investiert.

Haben Dave Perry und seine Mannen, die Titel wie »Earthworm Jim«, »MDK«, »Messiah« und »Sacrifice« produziert haben, das Geld gut angelegt?

Zwei Wege, ein Ziel
»Enter the Matrix« spielt - wie alle neuen Matrix-Produktionen - nach dem ersten Kinofilm, an dessen Ende Hauptcharakter Neo übersinnliche Kräfte für die virtuelle Welt erlangt.

Die Handlung selbst nimmt direkten Bezug auf »The Final Flight of the Osiris«, dem CGI-Kurzfilm von Square, in dem die Crew der Osiris eine Reihe von Maschinen entdeckt, die sich hinab nach Zion, der letzten Zufluchtsstädte der freien Menschen bohren. Kurz vor der Vernichtung des Schiffes gelingt es, eine Disk mit dieser Information als Päckchen in der Matrix aufzugeben. Ihre Aufgabe zu Beginn des Spiels ist es, diese Disk zu beschaffen.

Vorher entscheiden Sie sich jedoch für einen der beiden Charaktere. Zur Wahl stehen die dunkelhäutige Schönheit Niobe und der Asiate Ghost. Beide treten in den Kinofortsetzungen in einer Nebenrolle auf und werden entsprechend von realen Schauspielern, Jada Pinket-Smith beziehungsweise Anthony Wong, verkörpert. Die Wahl des Charakters ist keine Alibi-Funktion wie beispielsweise in »Elite Force«, sondern hat an vielen Stellen Einfluss auf den Spielverlauf.

Niobe oder Ghost?
So sitzen Sie als Niobe in den Fahrsequenzen des Spiels grundsätzlich am Steuer, während sich Ghost per Tastendruck aus dem Fenster lehnt und selbstständig auf Polizeiwagen feuert. In seiner Haut hingegen dürfen Sie selbst zielen, das Steuer übernimmt dann Niobe oder besser gesagt die KI.

An manchen Stellen ist aber auch Teamwork angesagt. Zum Beispiel gegen Ende des Spiels: Wenn Sie das aus »Matrix Reloaded« bekannte Kraftwerk sprengen, teilen sich Ghost und Niobe die Aufgabe.

Auch wenn die meisten Level im Gegensatz dazu für beide Charaktere gleich ablaufen, bekommen Sie doch an vielen Stellen unterschiedliche Videos zu sehen: Die Kussszene mit Persephone, das Treffen mit dem Orakel oder der Aufenthalt in Zion sind dafür gute Beispiele. Trifft dort Niobe den Commander der Streitkräfte, hackt sich Ghost gemeinsam mit Trinity in die Matrix - ein zweites Durchspielen lohnt sich also allemal.

Packshot zu Enter the MatrixEnter the MatrixErschienen für PS2, XBox, GameCube und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Film-Flair in Zwischensequenzen
»Enter the Matrix« wird vor allem als wegweisende Kooperation zwischen Hollywood und der Spieleindustrie gepriesen. Eine Stunde Videomaterial wurde speziell für das Spiel gedreht - mit den gleichen Darstellern, Sets und Produktionsteams wie die neuen Kinofilme. Trotz alledem sollte man seine Erwartungen aber nicht zu hoch ansetzen, denn eine Filmproduktion im Bereich von 100 Millionen Dollar lässt sich für ein Computerspiel bislang nicht refinanzieren.

Und so sind die interessantesten Szenen des Spiels - die Effektszene der bohrenden Maschinen, Morpheus Kampf auf dem Lastwagen oder die Planung des finalen Angriffs - dem Film entnommen.Gastauftritte von Hauptdarstellern des Kinohits, wie Trinity oder Agent Smith, beschränken sich auf wenige Einstellungen. Und Morpheus oder Neo sind gar nicht erst gesondert vor die Kamera getreten.

Erst ins Kino, dann zum Spiel
Allen Unkenrufen zum Trotz sind die Zwischensequenzen auch ohne Zeitlupen-Effekt und große Namen eine echte Bereicherung.

Was vor allem daran liegt, dass sie den Nebencharakteren mehr Tiefe geben, als dies im Kino möglich war. So erfährt der Fan weitere Details über Niobes Beziehung zu Morpheus, die Rolle des Orakels oder die Vorgeschichte des Keymakers.

Die Storyline des Spiels ist mit »The Matrix Reloaded« verwoben, berührt die Handlung des Films aber nur an wenigen Stellen - dort wo man Niobe und Ghost auch im Kino gesehen hat.

Insofern erzählt »Enter the Matrix« aber keine in sich abgeschlossene, eigenständig spannende Geschichte, sondern setzt voraus, dass der Film gesehen wurde. Die umgekehrte Ergänzung des Films durch das Spiel ist - wie zu erwarten - nicht ganz so groß wie angekündigt, aber immerhin vorhanden.

Für jeden etwas
Mit »Enter the Matrix« möchte Atari eine möglichst breite Zielgruppe ansprechen. Und das merkt man bereits am Konzept des Spiels: Neben einigen Fahr- und Flugszenen ist der primäre Teil des Spiels ein modernes Action-Adventure. In dem sehen Sie Ihren Charakter aus der 3rd-Person-Perspektive.

Laufen, springen und schießen, Kämpfe mit Wachen, Polizisten und anderen Widersachern nehmen die Hauptzeit des Spiels in Anspruch.

Dabei bleibt es Ihnen überlassen, ob Sie lieber zur Waffen greifen oder die blanke Faust einsetzen. Bei einer Überzahl bewaffneter Soldaten ist natürlich das Maschinengewehr sinnvoller, bei den Begegnungen im Schloss sollten Sie hingegen auf schnelle Schlagkombinationen setzen.Für Abwechselung sorgt aber nicht nur das variierende Gameplay, sondern auch der Zeitlupeneffekt - hier Fokus genannt. Per Tastendruck schalten Sie die Spielgeschwindigkeit herab, was zielen und ausweichen erleichtert und Nahkämpfe mit KI-Gegnern gar erst möglich macht. Insofern ist der Fokus eine spielerisch sinnvolle Funktion und nicht nur Effekthascherei.

Einsteigerfreundlich
Besonders geachtet wurde auf Einsteigerfreundlichkeit: Ein Kompass zeigt ständig den richtigen Weg durch die teils arg verschachtelten Gänge, Operator Sparks gibt immer wieder konkrete Tipps in Form eines Textkastens.

Auch die Kämpfe sind von Jedermann zu meistern, denn: Waffen sind mit einem effektiven Auto-Aiming versehen, Kombos im Nahkampf werden automatisch ausgeführt. Sie drücken im richtigen Moment die Tasten für Schlagen und Treten - den Rest übernimmt der Computer.

Das Ergebnis sieht zuweilen spektakulär aus - vor allem im aktivierten Fokus: Steht Niobe nahe einer Wand, läuft sie an ihr hoch und nimmt Anlauf für einen gezielten Tritt, der den Gegner wirbelnd zu Boden wirft.

Ein anderes Mal schlagen Sie einer Wache die Waffe aus der Hand, ergreifen das kalte Metall und drücken im selben Atemzug ab. Hechtrollen, Sprünge über große Distanzen oder durch Glasscheiben, »Finishing-Moves« mit einem Holzpflock und die in Zeitlupe vorbeiziehenden Geschosse wiederholen sich zwar schnell, sehen aber auch nach mehreren Spielstunden noch spektakulär aus, zumal eine ordentliche Physik-Engine zum Einsatz kommt.

Grafikschwächen
So gut die Animationen der Charaktere - aufgenommen im Motion-Capturing - gelungen sind, so enttäuschend ist die allgemeine Grafik.
Zwar sind einige Szenerien (wie das Schloss oder Chinatown) sowie die Charakter-Modelle selbst noch ganz nett anzusehen, an die Grafikpracht eines »Unreal 2« oder »Halo« kommt das Spiel aber in keiner Version - nicht mal auf PC oder Xbox - heran. Im Gegenteil, die PS2-Fassung fällt noch einmal ein ganzes Stück zurück. Level wie die Post sind erschreckend trist und haben teils völlig untexturierte Wände. Auch wenn hier argumentiert wird, dass dies der Matrix-Stil sei, so zeigt spätestens die Kanalisation mit ihrem braunen Einerlei die technischen Mängel.

Auch das Level-Design ist abseits der Filmsets nicht gerade gelungen und zeichnet sich durch zahllose Wiederholungen aus, die viele Spielabschnitte unnötig langweilig und gestreckt wirken lassen. Dass die Engine weder schöne Spiegel- oder Lichteffekte noch gekrümmte Oberflächen beherrscht, wird spätestens in den Fahrsequenzen deutlich:Eckige Reifen und das Fehlen von Lack- oder Linsenreflektionen sind nun wirklich nicht mehr zeitgemäß.

Kein Entkommen
Hinzu kommen in der PC-Version Grafikfehler sowie Probleme mit der Kameraführung. Prinzipiell ist es ja sinnvoll, dass die Kamera von der Schulter weg in eine Seitenansicht fährt, sobald sich zwei Charaktere im Nahkampf bekriegen.

Das Problem ist nur, dass Sie aus dieser Ansicht im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr entkommen. So wurden wir von Agent Smith immer wieder ergriffen und zu Boden geworfen, weil die Seitwärtskamera uns keine Flucht erlaubte.

Was sich die Entwickler in diesem Level gedacht haben, ist ohnehin schleierhaft: Eine ganze Reihe von Smith-Kopien folgt dem Spieler, der lediglich wegrennen darf.

Und das ganze fünf Level lang!

Eine Sackgasse oder ein Kampf sind tödlich. Ebenso frustrierend und spielerisch belanglos ist die einzige Flugsequenz am Ende des Spiels, da sie schlecht zu steuern und ohne innere Logik daherkommt.