Manchmal wird man überrascht, so wie ich zum Beispiel, als Kollege Gregor neulich zu mir kam und meinte, The Binding of Isaac mache ihm sowas von null Spaß, dass es einer seiner schlimmsten Fehlkäufe seit langem gewesen sei. "Huh.", dachte ich mir eloquenterweise, "Na gut, man muss ja nicht alles mögen. Ich dachte nur, cooles Roguelike, Du magst die Top-Down-Zeldas...". Aber gut, hab ich halt eine Person weniger, der ich Enter the Gungeon empfehlen muss. Bleiben noch knapp 7 Milliarden.

Enter the Gungeon ist ein in vielerlei Hinsicht eigentümliches Spiel. Roguelikes mit zufällig generierten Levels sind momentan zwar oft vertreten, haben aber auch häufiger einen kleinen, neuen Twist. In Crypt of the Necrodancer muss man rhythmisch zum Takt von Musik (auch wahlweise eigener Tracks) durch die Verliese hüpfen und kämpfen. Darkest Dungeon besticht durch Ästhetik und die Verletzlichkeit der Psyche der eigenen Recken. FTL und derlei faszinieren durch ihr Space-Setting und unglaubliche Härte. In Rogue Legacy erbt man abgefahrene Eigenschaften und Upgrades seiner Vorfahren – der Figuren, die man in vorherigen Durchlauf gespielt hat, sind die Vorfahren des Helden für den nächsten Run. Und Enter the Gungeon?

Nun, wenn ich es auf zwei Hauptmerkmale runterbrechen müsste, dann wären das einerseits Gun Porn und andererseits die Tatsache, dass ETG eine ganz ordentliche Dosis Bullethell in sich trägt. Bullethell, falls euch der Begriff nicht geläufig ist, bezeichnet eigentlich eine Unterart des Shoot-em-Ups, bei der dermaßen abartig viele Geschosse der Feinde den Bildschirm füllen, dass man nur noch in Millimeter-Arbeit seine pixelgroße Figur, oft ein Raumschiff oder so, durch die Unmengen von Kugeln, Strahlen oder sonstwas bugsieren muss. Es kann ein masochistisches Unternehmen sein, aber auch einen geradezu meditativen Trancezustand hervorrufen.

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Und wenn ihr nun das anfangs erwähnte Binding of Isaac nehmt und mit dieser Idee kreuzt, habt ihr bereits eine sehr gute Vorstellung davon, was euch bei Enter the Gungeon erwartet. Mit einem von vier Recken, die leicht unterschiedliche Startwaffen und passive Boni haben, geht ihr in den zufallsgenerierten Gungeon – ein Verlies, das dermaleinst entstanden ist, als eine gewaltige Patrone der Götter auf die Erde fiel. Hier erwarten euch anthropomorphe Patronen als Feinde, Granaten mit Beinen, später auch abstraktere Konzepte wie mehrstufige Knarren-Totempfahle, Schwarzpulver-Minenarbeiter, der grimme Schnitter höchstpersönlich (mit einer Schrotflinte als Sense) und immer so weiter. Ich denke, ihr werdet das Gimmick verstanden haben. Alles, aber auch wirklich alles hat irgendwie mit Schusswaffen zu tun.

So auch unser Ziel: Irgendwo in den Tiefen des Gungeons wartet sein größter Schatz: Eine Wumme, die, und ich zitiere, "die Vergangenheit töten kann". Doch die zu erreichen ist leichter gesagt als getan (zumal sie auch noch eine entsprechende Kugel braucht...), denn wenn ihr sterbt, während ihr euch immer noch eine Ebene weiter nach unten ackert und dabei auf immer absurdere und schwerere Feinde und Bosse trefft, dann fangt ihr wieder von vorne an, in einem neuen, zufallsgenerierten Dungeon.

Enter the Gungeon - Eine himmlische Kugelhölle

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Nicht abgebildet: Die drei Milliarden Geschosse, die auf dem Weg zum Boss verschossen wurden.
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Der Fortschritt ergibt sich daraus, dass besiegte Bosse eine Währung fallenlassen, mit der ihr zwischen euren Versuchen neue Upgrades und, vor allem, unzählige Waffen freischalten könnt. Der eingangs erwähnte Gun Porn nimmt schon nahezu ungesunde Ausmaße an. Solange es nur um Dutzende Arten von Maschinenpistolen, Revolvern, Schrotflinten, Sturmgewehren, Lasern und Raketenwerfern geht, würde man ja nichts sagen. Aber wie wäre es mit abmontierten Raumschiff-Antrieben? Briefkästen mit Bomben-Paketen? Teuflischen Mistgabeln, die Feuerbälle schießen? Wunderlampen, die bei Treffern einen Djinn veranlassen, den Feind zu boxen? Schneeballwerfern? Ambosswerfern? Steakwerfern? Super Soakern? NES-Zapper-Lightguns, komplett mit explosiver Ente als Geschoss? T-Shirt-Kanonen? Den ikonischsten Knarren aus Judge Dredd, Blade Runner, Flash Gordon, Serious Sam, DOOM, Turok, Halo, Counter Strike, Earthworm Jim und vielen mehr? Selbst r. Nein, das ist kein Tippfehler und ich hab nichts vergessen. Ist euch noch nie aufgefallen, dass "r" ein bisschen wie eine Pistole aussieht? Nun, die Magie des Gungeons macht den Buchstaben zu einer Waffe, die das Wort "BULLET" als sechsschüssige Salve auf Feinde abfeuert. Ich glaub, ich bin verliebt.

Packshot zu Enter the GungeonEnter the GungeonErschienen für PC und PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Ihr tragt also maßgeblich dazu bei, dass sich jeder Raum, jeder Bildschirm irgendwann mit unglaublich vielen Geschossen füllt. Spätestens bei den clever gestalteten und schweren Bosskämpfen gibt es oft kaum noch ein Fleckchen Erde, das sich wirklich gut betreten lässt. Um dieser Lage Herr zu werden, hat man neben einem gesunden Abzugsfinger und zwei flinken Pixelbeinchen noch zwei Möglichkeiten. Die erste ist so wichtig, dass sich gleich das ganze Studio nach ihr benannt hat: Dodge Roll. Eine behende Ausweichrolle gibt kurzzeitige Immunität gegen die Geschosse – wenn genug von ihnen da sind, rollt man aber natürlich genau in die nächste Kugel. Als konsumierbares item gibt es außerdem "Blanks" – im wesentlichen Smart Bombs, die aber Gegner nicht töten (nur beschädigen), dafür jedoch alle Geschosse auf dem Bildschirm einmal hinwegfegen. Mit ihnen kann man auch Geheimgänge freilegen.

Zu diesen normalen Fähigkeiten gesellen sich aber gigantische Massen an aktiven und passiven Items. Da kann man die Zeit verlangsamen oder anhalten, sich Buffs verpassen, Begleiter beschwören, mit einem Schwarm Bienen angreifen und und und. Selbst die passiven Items bieten neben Boni der Kategorie "Nützlich, aber langweilig" auch richtig fetzige Effekte. Mein persönlicher Favorit (bislang!): Steckt man einen Treffer ein, entfesselt man ein Sperrfeuer von Kristallen, die durch den ganzen Raum flippern, von Wänden abprallen, quasi alles treffen und schweinischen Schaden anrichten. Cool!

Enter the Gungeon - Reveal Trailer PS4Ein weiteres Video

Aber: Es ist ein Spiel des Scheiterns, daran führt kein Weg vorbei. Und man muss doch ganz ehrlich sagen, dass der Fortschritt, den man bei anderen Roguelikes erzielt, etwas flotter in die Gänge kommt als bei der Reise durchs magische Kugellager. Gut, dann fängt man eben jedesmal wieder mit seiner Winz-Knarre an, ist ja okay. Aber bevor man Abkürzungen zu den unteren Etagen des Gungeons freilegt, bevor man genug NPCs befreit hat, um alle Mechaniken nutzen zu können, bevor man wirklich auch nur einen nennenswerten Teil aller vorhandenen Unlockables zur Verfügung hat, vergehen Stunden und Stunden und Stunden. Niemand sagt, dass einem diese Sachen nachgeworfen werden sollen. Aber wer vielleicht keine Erfahrung mir Roguelikes und Bullethell oder vielleicht einfach Pech mit dem Random Number Generator hat, der murkelt sich im Schneckentempo durch und kommt nur sehr, sehr schleppend mal voran.

Witzig, wimmelig, wummig – im Gungeon kann man problemlos zahllose Stunden Spaß haben.Fazit lesen

Überhaupt ist die Zufallskomponente oft ein Knüppel, der dem Spieler zwischen die Beine geschmissen wird. Das gehört zu Roguelikes natürlich dazu, ändert aber eben auch nichts daran, dass es einfach wahnsinnig frustet, wenn man ohne eigenes Verschulden einen richtig schlechten Run hat – weil absolut keine guten Waffen kommen wollen, nur sauschwere Räume spawnen oder man einfach mal bei einem zufällig entdeckten Schrein so richtg Pech hatte. Klar, Glück an anderer Stelle fühlt sich dafür umso besser an, aber es ist ein zweischneidiges Schwert. Pardon: eine zweischneidige Schusswaffe.