Wenn sich die Macher des PS3-Spektakels Heavenly Sword mit Romanautor Alex Garland zusammentun, um eine post-apokalyptisch Sci-Fi-Videospiel-Interpretation eines 400 Jahre alten chinesischen Literaturklassikers abzuliefern, kann das nur aufsehenerregend werden. Und nachdem wir Enslaved endlich live und in Aktion gesehen haben, sagen wir mit Bestimmtheit: Es lohnt, diesen Titel im Auge zu behalten…

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Post-apokalyptische Welten sind die zweite Heimat des Schriftstellers Alex Garland: Mit seinem Drehbuch zum Endzeit-Horror „28 Days later“ injizierte er dem blutleeren Zombiefilm-Genre eine lebenverlängernde Transfusion, und auch sein „Sunshine“ handelte vom verzweifelten Versuch, am Ende aller Tage das Unvermeidliche hinauszuzögern. Selbst sein Erstlingswerk „Der Strand“ (als „The Beach“ dürftig verfilmt mit Leonardo DiCaprio) kann mit etwas gutem Willen als dystopisch endzeitlicher Abgesang auf die Selbstverwirklichungsfantasien der Nach-68er interpretiert werden.

Enslaved - Odyssey To The West - Darksiders muss sich warm anziehen!

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Helden wider Willen: Monkey und Trip.
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Wie viel Anteil der britische Autor wirklich an der Story von Enslaved hat oder ob hier nur ein bekannter Name als Qualitätssiegel ans Revers gepappt wurde, darum drucksen sich die Entwickler von Ninja Theory erfolgreich herum. Er habe jedenfalls „wertvollen Input“ geliefert und aus dem Spiel erst das gemacht, was es heute ist – oder sein wird, so es denn fertig ist. Vor allem habe er den Charakteren mehr Schliff verpasst, dafür gesorgt, dass die Spieler sie nicht nur „mögen, hassen oder töten wollen“ wie in Heavenly Sword, sondern sie als Person kennen und verstehen lernen. Wem auch immer letzten Endes die Ehre gebührt, er scheint jedenfalls Einiges richtig gemacht zu haben.

Enslaved verlagert die Geschichte des chinesischen Klassikers „Journey to the West“ um 150 Jahre in die Zukunft. Die Menschheit wurde beinahe komplett ausgelöscht. Die letzten Überlebenden verbergen sich in ständiger Furcht vor den Kampfrobotern, die einst in einem verheerenden Krieg das Antlitz der Welt dem Erdboden gleich machten und seitdem über sie herrschen.

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Aufwändige Zwischensequenzen erzählen die packende Geschichte.
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Neben fetzigen Zwischensequenzen in Spielgrafik erzählt Enslaved seine Geschichte vor allem auch, ähnlich wie Left 4 Dead, in der Welt selber: Ein Wahlkampfplakat mit dem Slogan „Vote Hope not War“ hängt da beispielsweise an einer Häuserwand und berichtet dergestalt von den verzweifelten Versuchen der Vorfahren, den drohenden Weltuntergang im biologischen und kybernetischen Kriegsinferno abzuwenden. Enslaved ist damit trotz allem Bombast ein Spiel, das seine Geschichte nicht ausschließlich nur mit dem Megafon, sondern eben auch mit einem Flüstern zu erzählen weiß…

Die Schöne und das Biest

In dieser unwirtlichen Zukunft übernehmen wir die Rolle von Monkey, einem ungeschlachten Hünen, wortkarg, mürrisch und mit Muskeln an Stellen, an denen andere Männer noch nicht einmal Stellen haben. Als solcher werden wir geraubt und auf ein fliegendes Sklavenschiff verschleppt, das dem Gemauschel der Leute zufolge systematisch Menschen entführt und sie gen Westen verschwinden lässt.

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Die Endzeit-Vision von von Enslaved ähnelt mehr derjenigen von "I am Legend" als Fallout.
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Doch einem glücklichen „Zufall“ sei Dank stürzt das Schiff ab und wir finden uns in einer unfreiwilligen Liaison mit der jungen und nicht von der Bettkante zu schubsenden Frau Trip wieder, die Monkey zu ihrem Beschützer wider Willen in der garstigen Wildnis erkoren hat – oder besser: ihn mit einer Fußfessel dazu zwingt sie vor den Widrigkeiten abzuschirmen, eine Fußfessel, die detoniert, sobald Trip zu Schaden kommt. Ihr solltet also gut auf die forsche Dame aufpassen…

Erfahrenen Spielern läuten an dieser Stelle sämtliche Alarmglocken: Nervende, wehrlose Nebencharaktere, die andauernd hilfeschreiend dem Tod ins offene Messer laufen, gab es schließlich schon reichlich. Trip aus Enslaved dürfte unserer Einschätzung nach nicht dazu gehören. Meist hält sich die Vertreterin des mal wieder schwachen Geschlechts vornehm zurück und lässt uns die Arbeit machen, während sie selbst in Deckung bleibt.

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Trotz vieler Rätseleien kommt die Action nicht zu kurz.
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Ganz unnütz ist Madame aber auch nicht: Mit einem EMP-Blast kann sie die Big Daddys, pardon, Kampfroboter in unmittelbarer Nähe für Momente außer Gefecht setzen. Außerdem trägt sie eine libellenartige Drohne als Spange im Haar, mit deren Kamera ihr die Gegend erkunden und nach etwaigen Fallen scannen könnt.

Wenn das kein Hit wird, schmeiß’ ich hin und werd' Ampelmännchen…Ausblick lesen

Und von denen gibt es im apokalyptischen New York City mehr als genug… Ja, richtig gehört: Statt irgendwo im kargen Niemandsland abzustürzen, hat es Monkey und Trip in die Ruinen der einstigen amerikanischen Metropole verschlagen. Dort, wo früher Menschenmassen durch die Straßen strömten wie Blutkörperchen durch die Adern und die Zivilisation dem Neonlicht und Stahlbeton huldigte, hat sich die Natur ihren Platz zurückerkämpft, haben Bäume mit ihren Wurzeln die Steinfassaden gesprengt und das Blattwerk mit seinem Grün den Schmutz der Jahrhunderte aus Staub und Geröll übertüncht.

Ein Blick auf die zermergelte Hochhauskulisse genügt, um zu wissen, dass Enslaved mit seiner Endzeitvision einen erfrischend eigenwilligen Weg einschlägt: Statt im tristen Graumatsch eines Fallout zu waten, tunken Ninja Theory ihr apokalyptisches New York tief in den Farbeimer freundlicher Pastelltöne, lassen die Blätter ihres Großstadtdschungels im Licht des vom Smog gereinigten, strahlend blauen Himmels glänzen und erfüllen die Luft mit einem Leuchten, das nur ein trügerisches sein kann…

Is’ ja affig…

Mit seinen satten Farben und dem markanten, mit klarer Linie gezogenen Stil erinnert Enslaved bisweilen an den Überraschungshit des frühen Jahres, Darksiders, sowie den ersten Teil der „Sands of Time“-Trilogie des persischen Prinzen. Doch auch spielerisch haben Ninja Theory sich für ihr jüngstes Baby bei der Samenbank der Spiele-Geschichte am Genpool der genannten Titel bedient.

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Monkey kann klettern, springen - und natürlich ordentlich austeilen.
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So macht Monkey seinem Namen alle Ehre und hangelt sich behände wie ein Gorilla (oder ein Prinz aus Persien) die Häuserruinen empor, springt über gähnende Abgründe als wären es Pfützen und schwingt an Lianen durch die Gegend wie King Kong – mit dem er übrigens mehr teilt als nur die haarige Seelen-Verwandtschaft: Gollum- und „King Kong“-Darsteller Andy Serkis saß nämlich nicht nur bei den Motion-Capturing-Aufnahmen auf dem Stuhl des Regie-Assistenten, sondern verkörperte den Hauptcharakter gleich selber – genug Erfahrung als Affe hat er ja.

Doch natürlich kann solch ein Fleischpaket im Kampf auch ordentlich austeilen: Dass hinter Enslaved echte Könner mit dem letzten Quäntchen Perfektionswillen stecken, erkennt man hierbei besonders gut an den fast unmerklichen Kleinigkeiten, die dafür umso effektvoller wirken.

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Wenn Monkey zuschlägt, bleibt selbst die Kamera nicht verschont...
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Wenn bei jedem Schlag die Kamera leicht unter der Wucht des Treffers bebt und sich ständig, aber perfekt neu ausrichtet, also suche ein realer Kameramann ununterbrochen den bestmöglichen Blick auf das Geschehen, fühlt man sich mittendrin im Geschehen. Das Kampfsystem ist denkbar simpel, aber dennoch taktisch: Mit Fäusten oder magisch aufladbarem Stab schnetzeln wir uns durch unliebsame Blechkameraden, wehren deren Annäherungsversuche mit einem Schild ab und versuchen mit der richtigen Vorgehensweise deren Abschirmung zu durchbrechen.

Mit Darksiders teilt Enslaved zudem nicht nur das endzeitliche Szenario und einen unverkennbaren Stilwillen, sondern auch den galanten Schwung zwischen knüppliger Action, Geschicklichkeitspassagen und Knobeleien: In einer Sequenz lotsen wir etwa unser unfreiwilliges Duett aus Monkey und Trip mithilfe der Libellen-Drohne durch ein Minenfeld „schlafender“ Roboter, stets darauf achtend, nicht ihren Wahrnehmungsradius zu durchqueren und zu demjenigen vorzudringen, der die Schwachstelle im vernetzten Gefüge darstellt. Dann wiederum nutzen wir einen riesigen Kran, um Trip vor dem Angriff eines mechanischen Ungeheuers zu beschützen.

Bei so viel Abwechslung freut es besonders, dass sich die Entwickler des größten Kritikpunkts von Heavenly Sword angenommen haben: der knappen Spielzeit. Die soll bei Enslaved „sehr viel länger“ sein, wird versprochen. Ihr Wort ins Heavenly Ohr…