Ich weiß nicht mehr genau, wie oft ich Omaha Beach gestürmt habe oder in Stalingrad kämpfte. Auch meine Einsätze im zerstörten Berlin kann ich nicht mehr beziffern. Vor einigen Jahren noch bombardierte uns die Videospielindustrie mit einem regelrechten Stahlsturm von Zweiter-Weltkrieg-Shootern, dass es einem irgendwann zum Hals raus hing. Dann war plötzlich Schluss. Daher ist's eigentlich recht entzückend, was Enemy Front versucht. Die Entwickler von CI Games wollen damit nicht nur der ausgelutschten Epoche neues Leben einzuhauchen, sondern dieser auch spielerisch endlich neue Facetten abgewinnen – und schauen dafür kräftig bei anderen Spielen ab!

Call of Dishonored: Crysis Abosolution

Ursprünglich hat Enemy Front eigentlich ganz anders ausschauen sollen. Zur Ankündigung 2011 war von CI Games – damals noch City Interactive – mit viel Getöse der legendäre Stuart Black als Verantwortlicher vorgestellt worden. Wem der Name nichts sagt: das war derjenige, der einst den gelobten Hochglanz-Shooter Black für PlayStation 2 und Xbox verantwortete. Ein Spiel, das zu Recht gern als Referenz des Genres auf Konsole hochgehalten wird. Es ist schnell, hat Stil und eine Soundkulisse, von der sich auch so manch modernes Spiel noch etwas ablauschen kann.

Bei Enemy Front hatte Black aber wohl eine Kreativitätsblockade – das hat er sich nämlich als düstere Dauerfeuer-Orgie ausgemalt. Heißt: braun getünchte Optik, eine Irgendwas-mit-Nazi-Superwaffen-Story, meterhohe Blutspritzer und überzeichnete Wehrmachtssoldaten mit Stiernacken. Das alles kam sowohl bei ersten Presseevents als auch internen Tests nicht sonderlich gut an. Ob sich daher CI Games Ende 2012 von Black trennte oder umgekehrt, ist nicht klar. Doch anschließend schusterte das Studio Enemy Front vollkommen um. Gute Wahl, wie sich zeigt.

Enemy Front - Nicht noch ein Weltkriegs-Shooter... Oder vielleicht doch?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 20/241/24
Wirkten die Wehrmachtssoldaten und anderen Nazi-Schergen auf ersten Screenshots wie Bodybuilder aus der Klonfabrik, sind sie nun mit realistischen Proportionen gestaltet.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Statt wie in nahezu jedem WW2-Shooter von vor einigen Jahren geradlinig durch Kulissen von brennenden Panzern, zerbombten Ruinen oder verrammelten Stränden gescheucht zu werden, wirft euch Enemy Front einfach mit einer Mission in üppige Sandkasten-Level. Ganz ähnlich wie's Hitman: Absolution, Dishonored, Crysis 2 oder Bad Company so tun. Wie ihr dort zurecht kommt, ist euch gänzlich selbst überlassen.

Einen losen Rahmen um das Ganze wirft eine bisher leider etwas lau anmutende Geschichte ums Alter-Ego Robert Hawkins, der nicht als kampferprobter Soldat, sondern als amerikanischer Kriegsberichterstatter durchs gebeutelte Europa tourt und, wie das eben so passiert, in die Reihen des Europäischen Widerstands rutscht. So kommt's, dass er vom unbeteiligten Beobachter zum tatkräftigen Nazikiller und Saboteur aufsteigt und durch von Videospielen bisher eher vernachlässigte Kriegsgebiete in Norwegen, Deutschland, Frankreich und Polen purzelt.

Enemy Front - Nicht noch ein Weltkriegs-Shooter... Oder vielleicht doch?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 20/241/24
Alle Missionen sollen in großen und freien Umgebungen spielen, in denen der offensichtliche Weg nicht immer der einfachste ist.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Hübsch dank Cry Engine

In einer anspielbaren Vorführfassung steht man etwa mit einem Colt-1911-Pistole auf einem kleinen Berg und blickt auf ein französisches Dörfchen hinab. Fiese Nazi-Schergen haben's besetzt. Dennoch: keine Spur von Düsterstimmung. Stattdessen erstrahlt die verträumte Siedlung mit Dorfschenke, Wassermühle und weiß gestrichenen Lattenzäunen in satter Pastellfarbenoptik, wo es bei Stuart Black wohl Dauerregen und Braunstich gegeben hätte. Sonnenstrahlen zwingen sich an dicken Wolken vorbei, etwas Staub weht umher und sanftes Windrauschen schmiegt sich in die Ohren. Echt hübsch und herrlich atmosphärisch.

Mit Enemy Front könnte es gelingen, mal wieder etwas Schwung, Farbe und vor allem spielerische Freiheit in den Zweiten Weltkrieg zu bringen! Hat das Zeug zum echten Geheimtipp!Ausblick lesen

Wer die Konfrontation liebt, dem steht es hier frei, der Stille ein Ende zu bereiten. Also direkt ins Dorf gedonnert und den erstbesten Wehrmachtsschergen mit 9mm-Kugeln vollpumpen. Dann seine MP40 geschnappt, Zunder gegeben und richtig Terror gemacht! Ein Vorgehen dieser Art ist möglich, fordert allerdings die stetige Suche nach Deckungen und eine hohe Aufmerksamkeit.

Feuergefechte sind hier deutlich gefährlicher als in Call of Duty: Sind die Deutschen erst alarmiert, agieren sie verdammt aggressiv. Schnell wird man in den großen Umgebungen von zwei Handvoll MP-Trägern in die Ecke getrieben. Brisant, denn nur wenige Treffer führen zum Heldentod. Dabei sind die Gefechte auch optisch heftig inszeniert. Nazisoldaten lassen sich durch splitternde Türen und Bretterwände ballern und bei Granatexplosionen spreiseln Funken, Dreck und Geröll umher. Schaut dank der Cry Engine 4 super aus!

Wem der Auge-in-Auge-Feindkontakt nicht behagt, kann all das raffinierter angehen. Statt Kommando-Vorwärts wird dann der Umweg gesucht. So lässt sich in westliche Richtung etwa an einer Mauer entlangschleichen, die zu einem kleinen Bach führt. Wer stets im Schatten verharrt, bleibt unentdeckt: ähnlich Thief warnt eine Art Sichtbarkeits-Meter links unten im HUD, ob man Aufmerksamkeit erregt. Das Rinnsal entlang geht’s unter einer Brücke hindurch und hinein in eine Scheune, wo eine Wache patrouilliert. Bedächtig wird von hinten herangeschlichen und ihr ein Messer ins Genick gerammt. Ein zweiter Hitler-Freund hingegen wird mit einem Kolbenschrag ausgeknockt.

Erinnert an Dishonored, doch locken noch deutlich nettere Möglichkeiten, Feindgesocks aus dem Hinterhalt auszuschalten. Überall in den offenen Arealen winken sogenannte Sabotage-Möglichkeiten – Agent Nummer 47 lässt grüßen. Schimmern etwa die Bremsklötze eines auf einer Anhöhe geparkten Munitionstransporter, können diese zerschossen werden. Ungebremst rauscht der dann mitten in einen Klinkerbau und geht mit einem lauten Rumms samt feuriger Wolke in die Luft.

Enemy Front - CryEngine-Screenshots zum 'Zweiten Weltkrieg'-Shooter

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (4 Bilder)

Enemy Front - CryEngine-Screenshots zum 'Zweiten Weltkrieg'-Shooter

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 20/241/24
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Sniper-Zweitverwertung?

In einer Mission in Finnland hingegen lässt sich mit einer Schalldämpfer-Pistole ohne Probleme gleich ein Fünferpack Nazis ausschalten. Nur indem auf eine TNT-Ladung geschossen wird, die an einer Felswand klebt. Krachend lösen sich Fels mitsamt wuchtigem Schneebrett und sacken auf die Wehrmachtskrieger hinab. Noch cleverer: mit Steinwürfen können Feine gezielt gelockt und bugsiert werden. Beispielsweise unter einen hängenden Frachtcontainer, dessen Halteseil mit einem sicheren Schuss zerlegt wird. Das Strahlgeflecht fetzt, es matscht und die Wache ist platt. Solche Aktionen bereiten eine geradezu diebische Freunde.

Enemy Front - Nicht noch ein Weltkriegs-Shooter... Oder vielleicht doch?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 20/241/24
Hallo, liebes Sniper-Déjà-vu.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Diese Möglichkeiten sind zwar nicht am laufenden Band vorhanden, sollen aber durchaus mehrmals in jedem Level vorkommen. Dabei wird ihr Nutzen nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sein, sondern soll gerne auch mal Nachdenken erfordern. Eine brüchige Häuserwand alleine macht etwa wenig Sinn – und nur einen Schergen darunter zu locken wäre echte Verschwendung, oder? Das fixt zum Tüfteln und Experimentieren an. Die Sandbox-Areale sind also durchaus echte Sandkästen.

Wer mag, wird in Enemy Front jedoch auch gut und gerne als Scharfschütze bestehen können. Dafür haben die Macher im eigenen Revier geplündert und das Heckenschützen-Gamplay aus dem firmeneigenen Sniper: Ghost Warrior geklaut. Und, tja, funktioniert.

In Büschen, auf einigen Dächern oder einer verlassenen Ruine kann man sich's gemütlich machen und aus hunderten Metern nach und nach die feindlichen Truppen dezimieren. Funktioniert eben genau wie in Ghost Warrior: Anlegen, Zielen, mit dem Luftanhalten auf Zeitlupe gehen … genau anvisieren … den Wind mit einberechnen … Feuer. Und auch hier folgt die Kamera bei coolen Treffern der Kugel aus dem Lauf bis in den Kopf des toten Tropf. Dennoch, ein neues Sniper ist Enemy Front bei weitem nicht. Denn trotz allem: etwas Rein-ins-Schlachtfeld ist durchaus unabdingbar.

Enemy Front - Nicht noch ein Weltkriegs-Shooter... Oder vielleicht doch?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 20/241/24
In Sachen Waffen bietet sich ein weitestgehend bekanntes Sortiment: MP40, Mauser-Scharfschützengewehr und STEN-MP nebst einigen Exoten wie etwa der Welrod-Schalldämpferpistole.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Zumal Enemy Front auch Missionen bietet, die deutlich aufwühlender daherkommen. Etwa die Schlachten um Warschau. In einer davon herrscht tieffinstere Nacht: Regen strömt vom Himmel, Suchscheinwerfer schneiden in die Wolken und die halbe deutsche Armee stürmt auf ein Versteck des Widerstands zu. Eine bedrückende Atmosphäre und großartig in Szene gesetzt. Hier ist es zudem deutlich schwerer, hitzige Feuergefechten zu umgehen. Doch werden immerhin etliche Alternativwege geboten. Also etwa durchs ausgebrannte Innere eines Häuserblocks statt über die breite Straße mit Panzerwagen und SS-Truppen. So kann man die Kerls von hinten ausmerzen, den Angriff planen statt dem Feind direkt in die Schussbahn zu rennen.

Mit alldem hat der erste Blick auf Enemy Front seit fast eineinhalb Jahren echt überrascht. Es mag kein gigantisches Kriegsspektakel wie ein Call of Duty sein und ob die schemenhafte Geschichte um Robert wirklich taugt, ist noch fraglich. Aber die spielerisch freie und unkanalisierte Herangehensweise hat durchaus etwas für sich. Gerne hätte ich noch mehr gesehen, probiert und gespielt. Tatsächlich: Enemy Front könnte das erste interessante Zweiter-Weltkrieg-Game seit Jahren werden.