Nachdem Call of Duty schon vor Jahren die Normandie und Stalingrad hinter sich gelassen hat, demonstrierte nun Wolfenstein, dass der Zweite Weltkrieg als Setting momentan nur noch für eine Introsequenz zu gebrauchen ist. Während futuristische Schlachten die Coverbilder der neuen Shooterspiele dominieren, macht sich Enemy Front zur provokativen Kehrtwende bereit und schickt den Spieler zurück auf die altbekannten Schlachtfelder des letzten Weltkrieges. Ob das eine gute Idee war?

Nach unserer Vorschau und einem kurzen Hands-On zeigten wir uns mehr oder weniger beeindruckt von dem Weltkriegsshooter. Eigentlich hatten wir ja gar keine Lust mehr, nach Stalingrad, die Normandie und all die anderen ausgelutschten Orte zurückzukehren – aber als das Testmuster schließlich dann auf unserem Schreibtisch landete, machte sich dann doch eine seltsame Euphorie auf den Gesichtern der Redakteure breit. Die Erinnerungen an die tollen, frühen Spiele der Call of Duty-Reihe waren uns noch bestens im Gedächtnis geblieben. Noch am selben Tag wanderte das Spiel in das Laufwerk meiner Xbox 360.

Das Tomb-Raider-Syndrom?

"Hier spricht Warschau. Warschau richtet das Wort an alle freien Nationen. Mein Name ist Robert Hawkins und ich bin ein amerikanischer Kriegskorrespondent, der aus dem Herzen des besetzten Warschaus berichtet. Dies ist eine Geschichte des Widerstands." Während unser Protagonist am Funkradio sitzend diese Worte spricht, werden uns Szenen gezeigt, in denen Soldaten - offensichtlich - mitten im Gefecht inne halten, um dem Radiogerät zu lauschen und dabei teilweise in pathetischer Zeitlupe kämpfende Kameraden oder verängstigte Familienmitglieder heranwinken.

Enemy Front - Anstrengender Wandertag durch Warschau

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Das Levelareal - Spielplatz unzähliger Möglichkeiten...dachten wir zumindest anfangs.
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Dieser Einstieg mit einer ordentlichen Portion Stirnrunzeln wechselt schnell in ein hektisches Feuergefecht über. Plötzlich befinden wir uns in der Haut des kurz vorgestellten Robert Hawkins, der von Berufswegen eigentlich herzlich wenig mit Kämpfen, Schießen und Töten anfangen kann.

Trotzdem stürmen wir in der ersten Sequenz an eine anonyme Barrikade irgendwo in Warschau und verteidigen die Stellung gegen hunderte deutsche Soldaten. Nach minutenlangem Kampf heißt es plötzlich "Nein, das macht keinen Sinn!" und wir befinden uns kopfüber auf der Flucht vor der herannahenden feindlichen Truppen.

Packshot zu Enemy FrontEnemy FrontErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Das Grundkonzept von Enemy Front klingt eigentlich interessant: Erlebe an der Seite des zunächst kriegsunerfahrenen Protagonisten die Kämpfe des Widerstandes gegen die Nazis und entscheide selbst, ob du je nach Situation schleichend oder mit dem Dampfhammer voraus gegen die Gegner agieren möchtest.

Enemy Front - Anstrengender Wandertag durch Warschau

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Die Nahkämpfe bestechen durch viel zu simples Quicktime-Gedrücke.
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In der Realität scheitert dieses Konzept allerdings bereits an der Hauptfigur. Während die Cutscenes bemüht darum sind, die anfängliche Verwirrung und Überforderung des Kriegsberichtserstatters abzubilden und ihn erst allmählich zu einem effektiven Rädchen des Krieges werden lassen möchten, scheitert im Gegensatz dazu die spielerische Realität.

Die Entwicklung eines pazifistischen Protagonisten zur kampfgebeutelten Kriegsmaschine funktionierte bereits im letzten Tomb Raider-Reboot nur mäßig, aber während dort anfangs noch Tränen wegen eines erlegten Rehs vergossen wurden, stapeln sich bei Enemy Front bereits in der ersten Mission die Leichen der Feine bis unters Dach des Kremels.

Stealth ohne Schleichsystem?

Doch immerhin werden wir nicht gezwungen, uns der Hölle des Weltkrieges und der Charakterentwicklung zu stellen. Ganz im Gegenteil: Von der ersten Präsentation des Spieles an wurden die Stealth-Passagen und Schleichmomente in den Vordergrund gestellt, die als willkommene Abwechslung zu den stupiden Feuergefechten den Spielspaß wieder in die Höhe treiben sollen.

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So spektakulär sieht Enemy Front - leider - nicht aus.
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Leider hat der Spieler es bei Enemy Front mit einem Schleichsystem ohne "Schleichen" zu tun. Wenn wir einmal heimlich vorgehen wollen, erlaubt uns der Weltkriegsshooter die langsame, knieende Fortbewegung als einzigen Tribut an die Heimlichkeit: Ein gut funktionierendes Deckungssystem fehlt ebenso wie eine gewisse Nachvollziehbarkeit der feindlichen Reaktion.

Ein vielversprechendes Konzept, aber wenig dahinter.Fazit lesen

Werden wir von Soldaten entdeckt, starren diese uns noch etwa vier Sekunden an, bis die rote "Entdeckt!"-Anzeige über dem HUD gefüllt und wir nun ganz, ganz sicher als echtes Ziel erkannt wurden. Kommt es dann zur Eskalation, brauchen manche der Deutschen zuweilen erschreckend lang, den Weg zum Trigger zu finden und lassen sich fast bereitwillig von uns in nahkampfbasierten Quicktime-Events (mit nur einem Knopf) erledigen.

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Ballern, ballern, ballern: Manchmal dazu gezwungen, oft aber die einzige Wahl mit begrenztem Frustfaktor.
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Schafft man es allerdings doch, sich an einen Feind heranzuschleichen, wird man zumindest mit einer recht realistischen und sich dreckig anfühlenden Kill-Sequenz "belohnt". Wer sich all dieser Problemchen entziehen möchte und stattdessen mit einem Scharfschützengewehr in den Händen auf einen Turm klettert, sieht sich mit einer ganz anderen Hürde konfrontiert: Geben wir einen lauten Schuss ab, werden geschätzt alle Gegner im Levelareal alarmiert - und wissen plötzlich ganz genau, wo wir sind. Schade!

Eine Cry-Engine zum Schreien!

Optisch präsentiert sich Enemy Front in der Cry Engine, die allerdings weniger gut als bei Far Cry aussieht. Auf dem PC werden solide Grafikprachten auf den Monitor gezaubert, während die Versionen der Xbox 360 und PS 3 mit unsagbarem Lag und Ruckelblitzkrieg auskommen müssen. Das rüttelt mächtig am immer wieder kurz aufblitzenden Spielspaß und bringt euch im schlimmsten Fahl dazu, auf der Konsole keine Granaten einzusetzen, nur um die Bildrate zu schonen.