Wenn mir jemals der Schlawiner unter die Nase kommt, der das Tutorial zu Endless Legend gestaltet hat, bekommt er eine gesalzene Standpauke zu hören. Umständlicher ging es wohl nicht! Anschließend lad' ich ihn aber auf ein Bier ein, denn dank ihm und seiner Kollegen von den Amplitude Studios hab ich nach langer Durststrecke erstmals wieder richtig Spaß bei einem Rundenstrategie-Epos.

Endless Legend - Launch Trailer

Als jemand, der weder Endless Space noch ein anderes Werk von Amplitude gespielt hat, kam ich mir beim Einstieg in Endless Legend ziemlich verloren vor. Nicht, dass ich dem Genre abgeneigt wäre, stehen ja einige Titel bei mir im Regal, sowohl aus der Echtzeit-Ecke wie auch bei den rundenweise voranschreitenden. Aber ich bin ein wenig eingerostet, habe womöglich einige Entwicklungen verpasst und sah mich im Tutorial plötzlich mit Begrifflichkeiten konfrontiert, mit denen ich wenig anzufangen wusste.

Vor mir lag eine Landkarte aus hexagonalen Einzelteilen, die wirtschaftliche Eigenschaften anhand von Symbolen auf den Kacheln indizierten, ähnlich wie in der „Siedler von Catan“-Reihe. Und es dauerte nicht lange, bis ich mir halbwegs einen Reim auf den Spielablauf machen konnte, der mich am ehesten an das klassische Civilization erinnerte. Auf der zufällig generierten Fantasy-Landschaft eine Stadt als Zentrale aufbauen, Ressourcen von den Hexfeldern kassieren, mehr Einheiten ausbilden, wissenschaftliche Entwicklungen fördern, die Gegend erforschen, gegnerische Parteien bekämpfen..... klingt doch alles sehr vertraut.

Endless Legend - Wie Game of Thrones ohne Sex

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Im Winter werden Ressourcen knapp und Truppenbewegungen dauern erheblich länger.
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Dummerweise blieb mir nicht viel Zeit zum Einarbeiten, denn Namen und Funktionen von Landschaftsmerkmalen, Soldaten und wirtschaftlichen Verknüpfungen prasselten anschließend in einem zwanzigminütigen Dauerregen auf mich ein, aufgeteilt in winzige Schnipsel aus Bild und Schrift.

Kurz darauf folgte dann eine „Probe-Runde“, in der ich all mein neues Wissen einsetzen sollte, was legendär daneben ging. Liebe Leute von Amplitude, so geht das nicht. Wenn jemand wie ich von null auf hundert einsteigen soll, dann braucht es mehr praktischen Bezug, quasi spielbare Tutorial-Häppchen mit kleinen, schnell erreichbaren Zielen, auch wenn der Einstieg dann noch etwas länger dauert. Erst recht, wenn sich die spielbaren Parteien so sehr unterscheiden wie hier. Das ist doch kein Super Mario, dessen Spielmechanik man einem in einem Atemzug herunterbeten kann. Sei es drum, ich kam auf dem umständlichen „Trial and Error“-Weg zwar wesentlich frustrierter, aber erheblich versierter zum Ziel dieses Tests. Ein Hoch auf die ausgedruckte Spielanleitung, die der Packung beiliegt.

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Die Schlachten kann man leider nicht direkt steuern. Man bestimmt nur die Positionen der Truppen.
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Zentrum des Geschehens ist eine Fantasy-Welt, deren harte Winter immer länger und heftiger ausfallen – Game of Thrones lässt grüßen. Angesichts drohender Ressourcenknappheit rücken die acht vorherrschenden Parteien von Auriga immer näher zusammen und streiten sich um den ständig knapper werdenden Lebensraum. Darunter die sogenannten Wildläufer, die eine Verwandtschaft mit Elfen pflegen und durch die Lande ziehen, die ritterlichen und städtisch organisierten Zerbrochenen Lords oder die wissenschaftlich interessierten Brennenden Magier.

Endless Legend wirkt schwerfällig im Einstieg, wird dafür aber umso mitreißender, wenn man kapiert, worum es geht.Fazit lesen

Expertise und Lebensphilosophie driften bei den acht Fraktionen und ihren Splitterparteien spürbar auseinander, aber nicht alle sind deswegen kriegerisch orientiert, wenn es um den Erhalt der eigenen Kultur geht. So sehen sich die Drakken-Ritter am ehesten als Diplomaten. Nur gibt es genauso unangenehm düstere Bewohner der Marke Nekrophgen. Das sind geisterhafte Aasfresser, die alles und jeden verspeisen oder durch eine Krankheit assimilieren. Widerstand ist zwecklos.

Wappnet euch, der Winter naht!

Völlig gleich, welche der acht Parteien man wählt, das Spielgeschehen läuft zu Anfang immer auf dasselbe hinaus. Obwohl sich die Struktur der Länder mit jedem neuen Anlauf komplett ändert, verbringt man die ersten Minuten immer wieder damit, eine Stadt aufzuziehen und den mächtigen Helden seiner Garnison aufzupäppeln. Durch das Erforschen des Landstrichs und das Finden verborgener Schätze reift der Vorzeige-Soldat stetig heran und entwickelt seine Talente im Fertigkeitenbaum.

So lange er innerhalb der Landesgrenzen bleibt und Kontakt mit patrouillierenden Einheiten anderer Völker meidet, geht es recht friedlich zu, sodass man in Ruhe Ressourcen anhäufen, der Wissenschaft einen Schubs geben und die eigene Stadt gemächlich ausbauen kann. Minen und kleine Siedlungen, die innerhalb des eigenen Reiches liegen, gehören jedoch nicht zur eigenen Partei, da sie unter Umständen Splittergruppen angehören. Mit denen kann man Frieden schließen, oder man rennt sie schlicht mit Gewalt über den Haufen, was jedoch den Nachteil mitbringt, dass sämtliche zugehörigen Ressourcen im Kampf verloren gehen, bis man die Siedlung wieder aufgebaut hat.

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Zack, da sind die Ressourcen weg. Wer sich zu viel Zeit lässt oder falsch haushaltet, sitzt irgendwann auf dem Trockenen.
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Der friedliche Weg verlangt hingegen ein wenig schmeichelnde Taten. Um die Gunst Dritter zu erlangen, soll meist eine Nebenaufgabe gelöst werden, die Sympathie einbringt. Etwa das vernichten eines Erzfeindes, der womöglich am anderen Ende der Welt liegt und abseits einer persönlichen Fede keinerlei Einfluss auf die Entwicklung des eigenen Landes nimmt. Aber was muss, das muss und so bleibt selbst bei passiver Haltung irgendwann keine andere Wahl, als die Landesgrenzen zu überschreiten, sei es mit dem gefeierten und möglichst gestählten Helden, mit Siedlern oder mit einer weiteren Kampfeinheit, die der Stadt entspringt, sofern genügend Ressourcen bereitstehen. Insbesondere die Hauptressource, genannt Dust, stellt sich des Öfteren als Motivation zum Ausbau der eigenen Kapazitäten heraus, daher gehen Nebenaufgaben und Eroberungsfeldzüge Hand in Hand, sofern das Spielziel der Partei es denn verlangt.

Das ist keineswegs immer der Fall. So sind die Echsen der Drakken-Ritter zwar verdammt stark und könnten theoretisch alles niedermähen, doch fällt das Erstellen ihrer Einheiten so teuer aus, dass der Aufbau einer Armee unwirtschaftlich wäre. Sie nutzen ihre theoretische Stärke lieber als Druckmittel für Friedensverhandlungen. Und so besteht das oberste Ziel beim Nutzen dieser Partei im Erreichen friedlicher Pakte.

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Die Forschungsoptionen der Fraktionen bieten allerhand Möglichkeiten zur Entfaltung.
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Wie nicht anders zu erwarten, stößt man bei jeglichen erdenklichen Manövern auf Gegenwehr. Wäre ja sonst langweilig. Manchmal genügt es bereits, die eigenen Grenzen zu überschreiten oder eine Mine an der Landesgrenze zu errichten, schon flattert die Nachricht eines benachbarten Herrschers ins Haus. Von wegen „Hey, machen deine Soldaten bei mir Urlaub, oder hast du hier Größeres vor?“ Was nicht gleich in einem Krieg enden muss. Ein wenig Schmeichelei dient der Besänftigung, kann aber auch als Schwäche gewertet werden. Zumal die Armeen der anderen Fraktionen ebenfalls ganz gerne in Ecken herumschnüffeln die sie nichts angehen.

Selbst bei abgesperrten Grenzen und hohem diplomatischen Einsatz sind Kämpfe mit Truppen anderer Fraktionen nicht zu vermeiden. Treffen sich zwei Armeen, so wird in eine Kampfansicht auf begrenztem Areal umgeblendet. Hier dirigiert man die Kämpfer mit wenigen unkomplizierten Mauskommandos dem Feind entgegen, hat allerdings wenig Einfluss auf deren Angriffsverhalten. Die Schlachten gleichen am ehesten einem Wertevergleich im Quartett-Stil. Faule Strategen überlassen das der CPU oder schauen lediglich bei der Schlacht zu. Ein Unterschied im Verlauf ist nicht auszumachen. Schade, denn gerade im Mehrspieler-Modus gegen menschliche Kontrahenten könnten direkt ausführbare Kampfhandlungen den Ausgang einer Schlacht nachvollziehbarer und spannender gestalten.

Endlose Optionen

Was in diesen Zeilen übersichtlich klingt, wird erst richtig kompliziert, wenn Ressourcen fehlen, denn nach einer Anzahl an Runden sind selbst ergiebigste Bodenschätze aufgebraucht. In dem Fall kommt man um Expansion nicht mehr herum, sei es durch Ausbau der Stadtgebiete oder durch Umsiedlung.

Was aber, wenn eine Versorgungsquelle gar nicht erst bereitsteht? Kann beim zufälligen Generieren der Landschaft durchaus passieren. Ohne Nahrung kein Bevölkerungszuwachs und ohne Bevölkerung kein beschleunigter Abbau. Fehlen der Industrie Rücklagen, dauert das Nachzüchten von Einheiten und Stadterweiterungen erheblich länger. Da sind Synergien am Werk, die vor große Herausforderungen stellen, ja gar Diplomatie unabdingbar machen, sonst wartet das Spielende bereits nach wenigen Zügen. Spätestens bei Wintereinbruch, wenn selbst die Wanderung von einer Kachel zur anderen Ewigkeiten in Anspruch nimmt, zeigt sich, wer haushalten kann und wer nicht.

Haushalten ist ein gutes Stichwort, weil ungemein von der Wahl der Fraktion abhängig. Während gewisse Parteien von sich aus so kriegerisch eingestellt sind, dass Kampfeinheiten zum Grundrepertoire gehören, müssen friedlichere Völker Soldaten einkaufen. Das setzt einen Markt voraus, der erst durch wissenschaftliche Fortschritte erschlossen werden muss. In der Theorie erlangt man alle nötigen Fähigkeiten nach einer gewissen Zeit automatisch – spätestens wenn man den Wissenschaftsbaum einer Stufe abgegrast hat. In der Praxis kann das viel zu spät sein, weil fremde Truppen das Land unsicher machen.

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Das bedeutet Krieg! Nicht jede Fraktion ist verhandlungsbereit.
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Einzige Abhilfe besteht im Beschleunigen der wirtschaftlichen Vorgänge, genau genommen in der Umverteilung der imperialen Prioritäten und der vorausplanenden Zuteilung der Arbeiterschaft. Da in jedem Land nur eine Stadt errichtet werden darf, gilt es obendrein abzuwägen, ob man die bisherige Position strategisch ausbaut oder schnellstmöglich in ein anderes Land umsiedelt, bevor einem die Ressourcen ausgehen.

Obwohl solche Einstellungen nur wenige Mausklicks benötigen, gehen sie manchmal im Chaos aus Optionen und Spielzugnachrichten unter. Ungeduldigen Spielern, denen die Bereitschaft fehlt, jede Systemnachricht einzeln zu inspizieren und entsprechend zu reagieren, entgeht einiges, und es ist verführerisch, permanent auf den Knopf zum Beenden einer Runde zu hämmern, wenn eine Stadterweiterung noch 20 Runden bis zur Fertigstellung benötigt. Was je nach Spielweise übrigens doppelte Auswirkung haben kann, denn die Fertigstellung von Erweiterungen und Einheiten lässt sich im Austausch gegen Dust beschleunigen. Geduld ist eine Tugend in Endless Legend, die sich mehrfach bezahlt macht.

Angesichts der mannigfaltigen Spieloptionen, der auswuchernden Fertigkeitenbäume und den diversen Zielen einzelner Parteien birgt Amplitudes Strategie-Schinken einen ungemein hohen Wiederspielwert, aber auch eine verdammt frustreiche Einarbeitungszeit, in der ein paar der Spielelemente den Spaß dämpfen können. Zum Beispiel zufällig erteilte Nebenaufgaben, die zum aktuellen Zeitpunkt wenig Sinn machen. Als Anfänger versucht man ihnen schnellstmöglich nachzukommen und endet zwangsläufig in einer spielerischen Sackgasse. Wer mit Endless Legend liebäugelt, sollte also Lehrgeld in Form von mehreren erfolglosen Stunden des Herumprobierens mit einrechnen.

Einmal das Konzept verinnerlicht, kann man sich jedoch der entspannt säuselnden Musik und der stimmungsvollen Präsentation hingeben, die vor netten Designs aus allen nähten platzt. Lediglich die Menüstruktur könnte ich mir übersichtlicher vorstellen.